Ausgabe 
18.4.1925
 
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Gietzener zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, -en 18. April Nummer

Violette Anemonen.

Sie kleinen Anemonen werden sterben

-Und niemand anher mir wird um sie trauern.

Roch atmen sie verschämt. In Todesschauern Beginnt ihr edel Weiß sich violett zu färben.

Und morgen wird Gevatter Tod sie erben Und übermorgen früh fühl ich mit Schauern Das leere Glas auf mein Erwachen lauern, Denn violette Anemonen sterben.

Warum sie wohl so schnell von dannen gehen. Sie konnten doch noch lange bei mir wohnen. Ich wollte sie so gerne um mich sehen.

Doch ift8 wohl besser, wenn wir sie verschonen .Uni) lassen sie am stillen Abhang stehen. Sie sind zu zart, die kleinen Anemonen. H. O. R.

Wohnung oder Heim.

Eine Buchbesprechung.

Die Gegenstellung von Wohnung und Heim ist ost genug ge­macht worden. Der Mensch braucht einen Ort, an dem er schläft, an dem er seine Mahlzeiten einnimmt "und an dem sie bereitet werden, eine Stätte, die dem geselligen Zusammensein der Fa­milie und deren Gästen dient. Das ist die Wohnung. Sie mög­lichst zweckdienlich und bequem einzurichten, ist Aufgabe desseit, Der sie erbaut und ausstattet. Man kann in Grohstadtkasernen und Reihenhäusern mit in Fabriken gefertigtem und von Händlern zusammengestelltem Hausrat wohnen, gut wohnen, vorausgesetzt, dah der Architekt etwas konnte und seine Aufgabe ernst nahm, daß die Fabrik gutes Material verwandte und gediegene Arbeit lieferte, daß der Verkäufer Geschmack besah und nicht zuletzt, Dah der Geldbeutel groh genug war. Der künftige Bewohner! kommt bei der Gestaltung der Wohnung nur bedingt in Frage. Wohl baut man natürlich eine Ärbeiterwohnung anders als die Villa eines Großindustriellen, Wohl ist bei der Wahl und Ausführung der Geräte ihr künftiger Gebrauch von bestimmendem Einfluß, aber im letzten geht es doch allein darum, eine in sich geschlossene und abgestimmte Leistung zu vollbringen, einerlei, ob das nun Wohnküche oder Empfangssaal, Reihenhaus oder Palast heiht. Das Schwergewicht liegt bei dem Bauenden, nicht bei dem Bewohner. Dieserbezieht." eine Wohnung,richtet sich ein", D. h. er rückt im Rahmen des Gegebenen noch seine Sonder­bedürfnisse an ihre Stelle und hat so schließlich einehübsche und praktische Wohnung" bekommen.

Aber kein Heim. Dieses kann man nichtbeziehen", sondern nur gestalten. Es hängt lediglich vom Bewohner ab, sich die ihm zugehörige Umgebung zu schaffen. Heim ist etwas Persön­liches, gibt Kunde von dem in ihm waltenden Menschen. Es bedarf den Geschmack des Käufers, nicht des Verkäufers. Der Architekt ist lediglich der Beratende und Ausführende, nicht der Gestalter. Das Heim ist einmalig, kann nie nachgeahmt werden, isteigen. Und gerade weil es aus dem Leben des Menschen hervorwächst, ist es oft zweckwidrig und unbequem. Denn es ist traditions- und erinnerungsbehaftet. Die Gegenstände der Pietät häufen sich zu wahren Museen: das Bedürfnis, mit Kleinigkeiten die persönliche Rote des Ganzen zu unterstreichen, verdeckt dessen große Linien. Und in dem Wort anheimelnd steckt die Gefühls­betonung, die zum Gefühlsüberschwang, zur Sentimentalität sich verdichten kann.

Doch es scheint, diese Gegenüberstellung von Wohnung und Heim besteht nicht mehr ganz zu Recht. Eine Umschichtung will sich anbahnen, und zur Erkenntnis dessen sind drei Bücher, die fetzt in kurzen Abständen hintereinander erschienen, bzw. neu aufgelegt worden sind, von Bedeutung. Alle drei befassen sich mit der menschlichen Behausung und sind als Ratgeber für den Laien gedacht, der sich als Bauherr oder in der Einrichtung feiner Wohnräume betätigt.

Zuvörderst: Paul Schulze-Raumburg,Der Bau des Wohnhauses"^. Der jetzt erschienene Band II vollendet das Werk, das den ganzen Bau wie die Inneneinrichtung des Hauses

*) Paus Schulze-Raumburg, Der Bau des Wohnhauses, Dd.I 3. Ausl. 223 ©., Bd.II 216 S. München Callwah. 1924. Mit vielen Abbildungen.

umfaßt. Der erste Teil gibt die Materialien und Methoden des Aufbaues, die technische Installation, den Organismus des Hauses, d. h. die Gestaltung der einzelnen Räume und ihre Ord­nung aufeinander, schließlich Grundrißlösungen und was damit zusammenhängt. Der zweite Teil die Formengebung im Einzelnen, die Inneneinrichtung, Garten, und ein letztes sehr dankenswertes KapitelVom Architekten und Geschäftliches". Eine Unmasse von wertvollen Einzelbemerkungen sind zusammengetragen, wie es nur der schaffende Architekt vermag, der zugleich den Willen zur Aufklärungsarbeit hat.

Das zweite Buch von Alexander Koch,Das schöne Heim"* 2). 2. Ausl., die gegen die erste an manchen Stellen um­gearbeitet ist. Es beschränkt sich auf Inneneinrichtung, hat auch mehr grundsätzliche Auseinandersetzungen wieQuellen des Be­hagens und Lebensform", ganze Abschnitte, wieDie bildende Kunst im Heim",Der Schmuck des Heims",Geschmack, Qualität, Form". Es sind jeweils kleine Aussätze von verschiedenen Ver­fassern, die Koch nur zu einem Ganzen verbunden hat.

Schließlich: Bruno Saut, D ie neue Wohnung, die Frau als Schöpferin3). Inhalt: Schilderung der heutigen Woh­nung, Biedermeier, ein historischer Rückblick, der das Auge für Wesentliches schärfen soll. Die neue Bewegung, die auf schärfste Vereinfachung dringt. Praktische Ratschläge für den Uebergang (Entlastung der Frau, Beseitigung der Ätivismen, der Mensch die Hauptsache). Ratschläge über die Anordnung der Räume, dieJdealwohnung", (Utopie".Die neue Schönheit"), der neue Hausbau.

Ledes der drei Bücher ist in sich notwendig und man wünschte allen, die bauen und einrichten, die gediegenen Fachkenntnisse Schulze-Raumburgs, den feinen Geschmack Kochs und Tauts frischen Wagemut zu Reuem.

Worum es uns hier geht, ist die Haltung der drei Schriften. Keiner der drei Verfasser ist unbekannt. Schulze-Raumburg hat mit seinen Kulturarbeiten wie mit diesem Werk wesentlich refor­merische Arbeit geleistet, auf einer Linie, wie sie der alte Kunst- wart vertrat. Vielleicht zeigt der Titel des Buches, das er bei Eugen Dtederichs verlegte, am deutlichsten seine Absichten:Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenklei­dung. Er kämpft zum Teil gegen die Plattheit der Gründerzeit, die den jungen unserer Generation schon als Geschichte erscheint. Alexander Koch ist der Herausgeber der führenden kunstgewerb­lichen Zeitfchriften.Kunst und Dekoration" undLmrendeko- rativn", in der allzeit das gute Reue zu Wort kam, durch ver­feinerten Geschmack von allen Auswüchsen beschnitten. Bruno Taut schließlich ist Baumeister. Sein Buch ist allein Gelegenheits- Werk. Kampfschrift. Seine Bauten und Baupläne haben manchen Skandal hervorgerufen (Magdeburg!), sind manchmal auch in der Tat phantastisch (Alpine Architektur!). Aber er ist ein Reuerer von Können.

So stammt jede der drei Schriften aus einer eigenen Welt und in ihrem Inhalt zeigen sie und, wenn auch indirekt und erst aus der Gegenüberstellung erkennbar, das auf, was wir als Umschichtung bezeichneten.

Schon die Titel sind kennzeichnend:Der Bau des Wohn­hauses das schöne Heim die neue Wohnung, die Frau als Schöpferin". Schulze-Raumburg kommt ganz vom Standpunkt des Baumeisters her. Er muß deshalb, wenn er zum öaiert spricht, notwendig Kenntnisse vermitteln. Sätze wie der:Der Konstruktionsteil, der einen Baukörper nach obenhin abschließt, heiht Dach... Man unterscheidet..." kehren immer wieder. Diese Kenntnisse sollen dem Käufer und Bauherrn helfen, das Richtige zu wählen, sich eine gute Wohnung zu verschaffen. Koch geht dagegen ganz darauf aus, das Eigenschöpferische, Ge­staltende im Menschen zu wecken und ihm Handhaben zu Vdr- mitteln, es auszuwirken. Dabei kann er seinen ästethischen Stand­punkt oft nicht verleugnen, ja selbst Gefühlsmomente sprechet häufig ein gewichtiges Wort mit, wo dasSchöne Heim" ge­schaffen werden soll. Auch ist alles vom. Standpunkt eines ge­wissen materiellen Reichtums aus gesehen, der Luxus gestattet und so um sich Behaglichkeit breiten kann.

") Alexander Koch, Das schöne Heim, Ratgeber für die Aus­gestaltung und Einrichtung der Wohnung. 2. Aufl. Darmstadt 1921

3) Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin. Mit 65 Abbildungen. Leipzig, Klinkhardt u. Biermann. 1924.

2 Auflage.