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echriftleitung: Dr. Zriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Giehen.
„Nun. noch ein Aber?"
„Ich weiß Ächt, Duvchlauchl... Er ist ja auch von Adel, von norüdeiltschem, wenn er sich auch schlechtweg Doktor Binzer nennt Aber er trägt den Heindkragen altdeutsch und — einen Dollbart bagti“
„Horreur!" Gräfin Chassepot sand für ihren Abscheu teilt deutsches Wort. 2lber herangetreten war sie doch wieder mit ihren zwei Trabanten, die natürlich ihren hörrcur teilten.
„Einfach unmöglich," entschied Feuerbach, als handelte es sich um einen Prozeß, den er nicht übernehmen konnte. Selbst Dorothea sah bedenklich auf ihre Aelteste, diese aber rief lebhaft: „Der Daß aber ist gut? Dun, wenn's weiter nichts ist. Was meinen Sie, Marheineke, s seiender darbend ist doch ein Bart noch nicht?" — „Nein, aber unschicklich" betonte der gekränkte Dat scharf. „Seit Satrhe und Faune ins Fabelreich gebannt si>td, kennt die Zivilisation keine Waldmenschen mehr. älebrigens gewöhnt man uns an Lieber raschungen, wobei mein bescheidenes Urteil wohl unmaßgeblich ist. Ich wette, wir hören von diesem — diesem Doktor — wie hieß er doch? — noch mehr."
„Allerdings, "stimmte Jean Paul liebenswürdig bei, „nur fürchte ich jetzt für meinen Kandidaten. Er war in Jena Burschenschafter, er ist Dichter des Liedes: Wir hatten gebauet ein stattliches Haus." Das kam überraschend. Also ein Demokrat! Darunter verstand man damals ein Wesen, das den Dolch nur beiseite legt, wenn es nach Gift greifen will. Schaurig interessant, aber nur in gewisser Entfernung! Selbst Wilhelmine schlug die Augen nieder und fragte unsicher: „Ist das Lied hübsch?"
„Und der Dichter schön?" platzte Dora heraus, die sich neben die Herzogin auf ein Fußpolster gesetzt hatte. Erschreckt schloß ihr die Mutter den Mund, denn die Chassepot räusperte sich zum zweitenmal, aber unbeirrt antwortete Jean Paul: „Dichter und Lied, beide unvergleichlich. Eine Professorin hat seinetwegen den Verstand verloren."
Das schien den Ausschlag zu geben, denn Wilhelmine klatschte in die Hände und bestimmte: „So mag er auch den unfern auf die Probe stellen. Herr Richter, schaffen Sie ihn her. Wir wollen ihn neugieriger erwarten als der Hof Ludwigs XV. den Republikaner Franklin. Wenn Sie dafür stehen, daß er im Salon den Hui abnimmt und nicht gleich jeden duzt, so mag er kommen."
„Turner, Burschenschafter, wohl gar Führer beim Wartburg- sest," wagte Feuerbach noch einzuwenden. Aber Wilhelmine klapperte ungeduldig mit den Fußspitzen aufs Parkett: „Meinetwegen Hexentanzmeister auf den Brocken. Wenn er sonst wohlerzogen ist, was geht's uns an. Nicht wahr, Durchlaucht-Mama, Sie sagen ja?"
„Binzer, Binzer," wiederholte die Herzogin nachdenklich. „Sag doch. Helmv, hieß Ritas Kavalier nicht so auf dem letzten Ratsball in Altenburg?"
trefflich unterhalten trotz gewöhnen kann."
„ O Kinderweisheit!“ Riechfläschchen auf.
„Abgemacht!" beschloß
„Binzer, natürlich," bestätigte Dora. „Und sie hat sich vor- ' " " seines Bartes, an den man sich ja
stöhnte die Gräfin und klappte ihr
Wilhelmine und erhob sich energisch. „Sie" sind ein Sauberer, Richter, Sie jagen unsere Gäste aus einer Aufregung in die andere. Hören Sie, wie das summt und surrt, alles in Erwartung des bildschönen Demokraten. And jetzt eine Polonäse zur Abkühlung, oder sind Sie müde?"
„Nein, aber hungrig," gestand er ehrlich
Hungrig? Gin Dichter, und gar Jean Paul! Das war keinem in den Sinn gekommen. Die jüngeren Damen huschten fort, wie Bienen, die Honig zum Korbe tragen sollten. Die Herzogin entschuldigte ihren säumigen Koch Jean Paul habe ihnen allen de» Hunger benommen und käme nun selbst zu kurz. Die Flügeltüren zum Speisesaale taten sich auf ihren Wink weit auf.
Nur die beiden Gelehrten blieben verstimmt mit ihrer duftlosen Aster zurück, die sich geknickt in den nächsten Lehnstuhl hatte sinken lassen.
„Begreifen Sie das?" fragte Feuerbach zwei rote Flecken
auf den Wangen. ~
Manheineke meinte achselzuckend, daß morgen zum Frühstück die Herren wohl mit bestaubten Schuhen und mittags ohne Kragen erscheinen müßten.
„WaS meinen Sie, Komtesse?"
Diese ging aus eigener Starrheit in lebhafte Bewegung über. Gs war unglaublich waS diese kleine sensible Dame an Augenauffchlagen und Häüdefaltsn leisten konnte.
„Ich meine Herren, ich finde das Leben hier sehr idyllisch. Jean Paul wird vorlesen, Marheineke vergessen werden. Jean Paul wird Bonmots in Stammbücher schreibe^ Feuerbach nicht mehr. Nicht böse werden, Herr Präsident. Sie brauchen nur das Gegengewicht zu finden und Jean Paul flattert auf, trotz seiner Schwere. Aufs Gegengewicht kommt's an. Ich, ich bin zu solchen Scherzen zu alt. — Bitte, keine Fadaisen! Wer wie ich am Hofe der Bourbonen aufgewachfen ist und trotz ihrer Reha- bititatton noch bei der Herzogin von Kurland aushält, um doch noch etwas ben alten Hof zu repräsentieren, der sehnt sich am Ende nach dem Duft bourbonischer Lilien. Sobald der Bart hier Mode wird, reife ich ab.“
(Fortsetzung folgt.)
„Endlich!" rief sie in müdem Ton, der komisch mit ihren mutwilligen Augen kontrastierte. „Wissen Sie, Herr Richter, daß ich eben eine Paraphrase begann über das Thema: Iterbenbe Freude, von Sehnsucht darniedergestreckt. Ja, Durchlaucht-Mama, das Amt einer Tapeufe ist ein undankbares Amt. Zum -t-airz aufspielen konnte ich den Poeten, aber mich beachten konnte er nicht." ,
O Prinzessin, wie ungerecht! Einem gewöhnlichen Sterblichen sollte doch gestattet sein, sich an den Abglanz der Sonne zu gewöhnen. Denn alle 'Frauen kommen aus der Sonne. Daher brennen ihre Augen, ihre Nähe erwärmt das Herz, ihre Zunge sticht wie sie." Als empfinde er diese Sonnennähe, fächelte et mit feinem Tuch die Wangen und trat mit einer Verbeugung zurück. Ein leuchtender Blitz aus ihren dunklen Augen traf ihn sekundenlang. Mit graziöser Wendung hatte sie ihr Flakon ergriffen und sprühte ihm den Parfüm neckend aufs Taschentuch Achselzuckend, das majestätische Haupt zurückneigend, tief sie laut: „Abgeblitzt! Vor Ihnen muß man sich in acht nehmen. Läßt man sich mit dem Sicher der unsichtbaren Loge ein, so bekommt man leicht einen grönländischen Prozeß an den Hals. Sind Sie so kriegslustig. Herr Poet?"
„Madonna sind im Nachteil," scherzte er und sog den fußen Duft aus seinem Tuch „Sie stärken den Feind, statt ihn zu entkräften. Ein artiger Krieg, wobei der Besiegte noch lächeln kann.
„Rehmen Sie sich in acht, ich führe auch andere Waffen. So zum Beispiel möchte ich meiner Schwester nicht nachstehem Sie hat Ihnen den Siegesbogen bereitet, gestatten Sie mit ein Willkommlied dazu. Wo ist unser Quartett? Marschner. meine kanten, ober nut ix»cnn id) bitten Mrf!** SHÄchtEim
drängten sich einige Sängerinnen heran, die ersten Akkorde erklangen, mit ihrer schönen Altstimme intonierte W lhelmin-e der Lady Rowena Gesang vom stolzen England und seinem rittet» licken Kämpen. Jubelnd wurde der Refrain von der Gesellschaft mitgefungen, als plötzlich bei der letzten Strophe wütendes Gekläff die Stimmung unterbrach. Wit gesträubtem Haar war der King Eharles vom Schoß seiner Herrin geglitten und stand einem roten Pudel gegenüber, der knurrend eine dunkle Masse mit den Zähnen heranschleifte. Wilhelmine war aufgesprungen: „Himmel, was ist das?" <
„Ein Scherzo als Impromptu," erklärte Jean Paul lachend, mein Kammerherr mit dem Gepäck. Ponto, stelle dich den Damen vor" Der ganze Saal hallte von Gelächter wider. Das gelehrige Tier hol, sich tanzend auf die Hinterbeine, wies aber Bern Lakaien die Zähne, als dieser die Aeiseeffetten entfernen wollte, die Ponto bisher so treu bewacht. .
./Der ist ja salonfähig," entschied die Herzogm, und auch Wilbemine meinte: „Wenn er meinem King nichts tut, mag er bleiben." Den über das «eine Volumen etwas ratlosen Diener tröstete Jean Paul: „Das übrige kommt nach."
„Wie Ihr Dank für die Serenade," stachelte Wilhelmine, um deren Tabouret sich die jungen Damen drängten, damit ihnen kein Wort entgehe. „Wie finden Sie unser Quartett, Herr LegationSrat?"
„Da Sie fragen, Prinzessin, natürlich meisterhaft.
„Wenn aber daheim Ihre Gattin fragen sollte >
Dann werde ich sagen: weißt du, Lining, etwas dünn war es doch. Es fehlte eine tüchtige Männerstimme."
Ein Bah, nicht wahr? Das ist ja mein Kummer. Durw- laucht-Mama, Löbichau ohne Bah ist ein Karpfenteich ohne den Hxchv Aber was tun? Detter Peter kann, aber will nicht: Baron Steinberg will, aber kann nicht; und Sie, mein Verehrteister, können nickt und wollen nicht." ,
„Sehr wahr, Prinzeß. Ponto und ich fingen nur im Walde, toeil die Bäume nicht fortlaufen können. Aber abzuhelfen wäre
□Sie das? — Einen Augenblick. Durchlaucht-Mama, ich vermisse die Kinder. Ah. Dora!" Sie winkte der Schwester, die eben unauffällig wieder in den Saal trat: „Dora, wo ist Rita?
„In ihrem Zimmer. Ihr böser Kopfschmerz../
;,2lber Baron Steinberg? Ich finbe ihn nicht," fragte fte weniger gleichgültig, mit leichtem Stirnrunzeln.
„Der steht Im Dpeisesaal am Fenster und scheint auf den Mond zu warten. Vor neun .Uhr kommt er gewiß nicht, das heißt, der Mond." .
„Dora!" Dieser verweisende Aus der Herzogin unterbrach das Kichern der jüngsten Damen. Wilhelmine zerrte nervös an ihrem Fächer: „Latz sie, Mama. Wenn das junge Volk nicht will, meinet toegen. Bitte, hierher, Herr Richter, zwischen meine Mutter und mich. Die kleine Wett geniert Sie doch nicht?"
„Aber ich bitte Sie, meine Damen. 3m kleinen Stübchen meiner armen Mutter flogen Tauben girrend um mich her. Ich schrieb dabei an meinem Hes Perus."
Entzückend!" zirpte ein seines Sümmchen hinter ihm und auch Wilhelmine bestätigte: „Ei, wie galant. Aber nun der Baß.
Ist gefunden, sobald Sie nur wollen. Sn Altenburg sitzt er und ist Mitarbeiter an einer Enzyklopädie. Das große F schmettert er heraus, vielleicht war's auch das D, ich weiß es nickt genau. Etwas Tiefes, sehr Tiefes war es. Beim letzten Thüringer Musikfest hat er zum erstenmal in Schneiders Weltgericht den Satan einfach himmlisch gefangen. Aber...


