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„Marheineke, Berliner Konsistorialrak Und Professor," flüsterte Dora ihrem Begleiter zu. Gr hatte den linken Arm nachlässig über eine Stuhllehne geworfen und das bepuderte Haupt zurückgelehnt, bah auch sein ausdrucksvolles Gesicht neben dem Organ zur Geltung kam. »Er liest aus dem Titan," ergänzte Rita beklommen, aber mit funkelndem Blick. Eben hatte der Berliner den roten Korduanband zugeschlagen und bchielt ihn spielend in der Hand: »Run?" Er blinzelte seinem langen, hageren Gegenüber zu, dessen gekrümmte Rase fast in einer mächtigen Halskrawatte verschwand- Sh! machte dieser und unterdrückte ein leichtes Gähnen.
„Präsident Feuerbach aus Anspach, auch Professor," stellte Dora weiter vor.
„Hin es jeanpaulsch zu sagen," klang die groteske Stimme des allbekannten Krimiimlisten, „oft endet im Titan der Jubel einer Lerche auf der schmutzigen Erdscholle, worauf sie sich nieder- läht."
„Aber, Herr Präsident, ich bitte Sie... "riefen die Damen unisono.
„Feuerbach, Sie sind mein Echo," entschied Marheineke mit pathetischer Handbewegung, Lind erst das Grammatikalische! Hören Sie selbst, meine Damen, dies älebermatz von Metaphern und Anomalien. Wir törichte Menschen wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stellt. Wir hacken wie die Steindohle nüch jedem Glanz und tragen di« Glutkohle als Goldstück beiseit und zünden damit Häuser an."
„Hier brennt es schon lustig!" unterbrach ihn eine angenehme Stimme, und wie ein Wunder angestarrt, lehnte an einen leeren Stuhl der Mann aus dem Walde. „In Berlin: Herr Pfarrer, sagt man wohl: »Wir törichten Menschen", nicht »törichte"? Oder kennt man in Anspach das Wort gar nicht, Herr Präsident?" Mit leisem Schrei griffen die Damen nach Fächer und Flakon. Rur die Professoren blieben sitzen und steiften den Hals, daß ihre Stühle knackten. Drohend tauchte Feuerbachs Rase aus dem Jabot: »Ist der Herr geladen?" näselte er vornehm. „Kaum," meinte Marheineke spitz. „Man sollte zum mindesten Toilette machen, ehe man feine Meinung unter Menschen trägt. Mit wem haben wir... die Ehre zu sprechen?" beschloß Feuerbach in unnachahmlicher Positur.
„Mit einem Manne, hochwürdige Herren, der für die beste Gesellschaftstoilette bescheidene Selbsterkenntnis hält. Wir erscheinen schöner, wenn wir weniger scheinen wollen und nicht wie die Steindohle nach jedem Glanz hacken. Welches Extrem ist besser, meine Damen, freundliche Stills oder exzentrisches Veden?"
„Herr---!" Mit einem Ruck fuhren beide Gelehrte auf,
was allerdings nur bewies, daß Feuerbach um zwei Kopflängen größer war. — „Inkommodieren sich die Herren nicht. Bitte tausendmal um Entschuldigung — meines voigtländischen Dialekts wegen. Ihren Arm. Prinzeß."
Freundlich grüßend Keg er die Schloßtreppe hinan. Dora wurde unsicher, vergebens sah sie sich nach Rita um. An den Klavierstimmer glaubte sie nicht mehr. Auf dem breiten Geländer saß an Stelle einer Statue ein ungewöhnlich langer, hoffnungslos blonder Jüngling, im Arm eine Gitarre an Hauern Bande. Mit aufgesperrtem Munde sah er ihnen nach und griff an seinen Hals, ob fein Halskragen noch da wäre.
„Er," lispelte Dora bedeutungsvoll.
„2lh," sagte der Fremde mehr enttäuscht als überrascht. — „Aber wo ist sie? — Wahrscheinlich wieder in der Bibliothek bei ihrem Jean Paul."
„Ämn^lich, liebste Prinzeß, der ist bet Ihnen."
Sprachlos zog sie ihren Arm aus dem seinen. Sie standen auf dein nun menschenleeren Balkon, aus dem hell erleuchteten Saale rief muntere Tanzmusik. Jetzt jubelte sie kindlich auf und griff nach seinen roten Händen: „Sie — Jean Paul! Der große Lean Paul, auf den alle Damen schwören! Ja. können Sie denn auch lustig fern? Li nd ich habe Die gefunden! Run gibt's keine Schelte mehr. Hören Sie? Lalala..." Stürmisch zog sie ihn durchs Vorgemach zur Saalschwelle hin. Von Wachskerzen geblendet, sah er die schweren gelben Damastvorhänge darin, die dunkelroto Tapete, die lange Reihe aufgestellter Paare, denen Prinzeß Wilhelmine munter ausspielte. Denn die schöne Frau am Flügel, das konnte nur sie fein. Unwillkürlich war Dora in den DanzpaS übergegangen, er schien sie zu verstehen.
„Dreivierteltakt?" scherzte er leise. Sie lächelt« glücklich.
„Wollen Sie?"
„Polonäse?"
„Gkossaise; aber wir finden uns schon. Rur immer die Hand reichen, wenn ich meine ausstrecke."
„And drücken darf ich sie auch?"
„Rur nicht zu lang, sonst kommen Sie aus dem Satt"
Er wiegte bedenklich den breiten Kopf: „Rein, es geht doch nicht. Die Herzogin..."
„Wir tanzen eben zu ihr hin. Sehen Sie dort die mit der Feder, auf der Estrade. Das ist die Mama. Jedes Paar endet die Tour mit einer Huldigung vor ihrem Fauteuil. Geschwind, ehe ein neues Paar antritt, jetzt!" And trällernd flog sie mft ihrem Tänzer voraus. Lalala, scholl ihr Stimmchen hell wie im Walde, lala summte sein gedämpfter Baß dazu.
Verwundert hielten die Tänzer inne. Gewiß war mancher darunter, der noch nie ungepudertes Haar, noch nie einen ent
blößten Männcrhals im Saal gesehen hatte. Dazu der etwas zerknitterte Jabot, die bestaubten Schuhe. War's ein Maskenscherz, eine Scharade? Auch di« Herzogin wurde aufmerksam und berührte mit dem Fächer den Arm ihrer Rachbarin.
Jetzt überfliegt ein herzgewinnendes Lächeln ihre vornehmen Züge, sie erhebt sich hastig.
„Jean Paul!"
Das Zauberwort von ihren Lippen läßt die Herzen schneller schlagen. Die Musik bricht ab, alles macht eine Bewegung nach vorn, die Entferntesten hüpfen auf die Stühle, Damen fassen nach ihren Lorgnetten.
„Arc triomphale!" kommandiert Dora stolz. Geschwind ist der Bogen von jungen Händen, Schals und Schärpen gebildet, unter ihm hin Hassiert Dora mit dem Vergötterten auf die Mutter zu. Ein Summen und Surren durchläuft die Reihen. Etwas linkisch, mit dem Tuch sich die Stirne trocknend, steht der große Mann inmitten der Huldigung vor seiner schönen Wirtin. Wahrhaftig, noch immer schön, imposant, trotz gefärbter Haare und geschminkter Wangen, wie es damals eben die Mode forderte, di« natürliches graues Haar für eine Anhöflichkeit gegen die Gesellschaft erklärte.
Strahlend neigte sie sich ihm zu: „Sind Sie's denn wirllich? And fürchten die übermächtige Weiblichkeit nicht mehr, wie Sie mir damals in Bayreuth gestanden? O, Sie Böser, Böser, daß Sie uns um die Ehre des Empfangs gebracht! Zur Strafe dafür müssen Sie nun mit meiner Äeltesten vorlieb nehmen. Meine Schwester Recke trinkt Molken in der Schweiz, meine zwei jüngeren Töchter sind auf und davon."
„And ich, Mama?" fragt Dora mutwillig. „Was bekomme ich dafür, daß ich Ihren Dichter im Walde fand?"
„Natürlich, den Springinsfeld nur nicht vergessen. Run, du sollst morgen deine Feri«: beginnen und heute in Löbichau schlafen dürfen."
»Im Walde allein?" fragt eine etwas scharfe Stimme neben der Herzogin, und aus den Polstern des Fauteuils, aus einem Wulst von Seidenfaften und Spitzen entwickelt sich ein zierliches Figürchen mft schwarzen beobachtenden Augen und kecker Stumpfnase, halb Hoszeremoniekl, halb bewußte Raidität, in jenem unbestimmbaren Alter, das die entflatternde Jugend noch gern am Flügel zupft.
„Ah, liebste Gräfin, Sie verzeihen. — Die Gräfin Ehassepot, meine Freundin, der Legationsrat Richter." — »Von Dichter?^
„Für Löbichau einfach Jean Paul, teure Freundin."
»Sehr angenehm. — Auf ein Wort, Herr Präsident." Mft einem vernichtenden Blick auf des Dichters bloßen Hals rauscht sie auf und hängt sich an Feuerbachs Arm, der Marheineke ahnungsvoll in den Saal gefolgt ist. Dieser hat es geahnt, jener sogar gewußt, daß Jean Paul und kein anderer ihnen den Affront geboten. Schöne Seelen finden sich. Diemstbeflissen sind beide um di« Gräfin herum, beide noch in den Jahren, wo man, wenn auch nicht mehr an Veilchen, so doch noch an Astern zu riechen liebt die bekanntlich nicht duften. In einer Fensternische verschwinden die Mißvergnügten.
Die Herzogin läßt sich dadurch nicht stören, sondern weist auf den leeren Sitz: „So, der Platz ist frei. Sie werden müde sein." And Jean Paul, der es bisher nur zu freundlichem Ricken rechts und Reigen links gebracht hat kommt endlich auch zu Wort. Entzückt sieht er vor sich die hellen Kleider schimmern, hört Dorothea sich nach den Seinen erkundigen und läßt seine Fußtour bei der Hitze bewundern. »O, Durchlaucht," protestiert er bescheiden, »diese wie Bilder der Hoffnung vor uns aufgeschlagenen Landschaften, dieses ganze uns überströmende Kon«
6ec Erde, macht es nicht eine Safte unseres Herzens vor de zittern, wenn der Ewige sie mit seiner großen Welt
berührt? And dann hatte mich das Schicksal so lieb, daß es lauter hübsche Gesichter statt der Meilenzeiger an meinen Weg gestellt. Sie führten mich zur gütigsten, glücklichsten Fürstin dieser Erde."
„Sie übertreiben, mein lieber Poet. Eine entthronte Fürstin und glücklich^'
„Glücklich vielleicht eben darum, ohne eine schwere Krone. Sie kann ihr Haupt bequemer niederbücken zu einer Wiesenblume, leichter erheben zu einem hohen Stern."
„Wenn Sie unS Blume und Stern deuten, herzlich gern. Aber ich entzieh« Die den Gästen und meine Wilhelmine will auch einige Artigkeiten hören. Die gestatten." An feinem Arm trat sie die zwei Stufen herab von der Estrade, wie ein echtes Herrscherpaar schritten sie die Reihe ab. Hier wollte jemand dorgestellt werden, dort mochte man nur ein Wort, nur einen Blick des Allgefeierten erhaschen.
Die Heine Gruppe am Flügel trat auseinander, Jean Paul stand zum erstenmal Prinzeß Wilhelmine, der Herzogin von Dogan, gegenüber. Sie war noch immer die bestrickende junonische Erscheinung, die vor vier Jahren den ganzen Wiener Kongreß zu ihren Füßen gesehen. In der hellgelben Atlasrobe, eine Agraffe mft weißer Reiherfeder im hochfrisierten, blondlockigen Haar, den goldschillernden Stuartkragen um den üppigen Hals, erschien sie wie eine Hofdame des ancien regime. Mit einem koketten Triller brach sie das improvisierte Präludium ab, als Jean Paul aus tiefer Verbeugung sich anfrichtete. Liebkosend tätschelte ihre Linke einen echten King Charles auf ihrem Schoß, während sie nachlässig die Rechte zum Kuh bot


