— 366 —
sich scheu äußerste Armut. Das wenige moderne Leben Avilas hat sich vor die Lore der Stadt gefluchtet und dort angesiedelt, den Weg zum Bahnhof reihen freundlichere Häuser, unter denen man einige altertümliche Kirchen bemerkt. Man freut sich, loenn endlich der Eisenbahnzug aus dem Norden in die Station ein» fährt und den Besucher weiter in die Granitwelt des Guadarrama entführt.
Es ist Herbst! Aber über die graugelben Flächen und kahlen Felsen schaut immer noch das strahlende Gesicht der warmen Sonne. Der Herbst ist die schönste Jahreszeit in Kastilien, er ist warm und freundlich und selten nur beschattet ein Regenschauer die heitere Erde. Ab und zu taucht am Fahrdamm ein grau und weist getünchtes Gehöft auf, von einer Mauer umgeben und ohne jeden beschirmenden Schatten, den die Bewohner zu meiden sch.inen, weil sie nichts vom blauen Auge des Himmels trennen soll, in den, die Heiligen wohnen. Immer tiefer bohrt sich der Zug in den Guadarrama hinein. Gewaltige Bergspitzen und Kuppeln behindern den Blick, und dann liegt plötzlich links am Abhänge das Schloß des Escorial vor uns.
Dort hat sich Philipp II. ein Monument gesetzt, das eine ganze Episode repräsentiert. Ein vornehmes Zurüctziehen in sich selbst. Abwehr jeden hohlen und eitlen Prunkes. Ein Leben ganz in der Herrschaft der katholischen Kirche begründet. Dis zu der Laterne der hohen Kuppel hinaus gewahrt man nichts anderes als Quadersteine, die für die Ewigkeit gebaut sein sollen. Hier gibt es kein überflüssiges Gesims, kein zierliches Schnitz» werk. Heiter Willkür und phantastische Laune haben im EScorial nicht wie in anderen Königsschlössern eine Stätte gefunden. Es herrschen überall großartige, königliche Verhältnisse, in einem überwältigenden Rhythmus, der aber ohne Freude ist und wie ein Wintertag der Kunst anmutet. Zu diesem unvergleichlichen Denkmal der spanischen und der Weltgeschichte führen von der Station ganz moderne Automobile, gelbe Riesenkasten mit Oberdeck die staubige Straße zur Höhe hinauf. 3m Hotel Reina Victoria stehen unter den schattigen Bäumen des Gartens Mah- Vong-Tische aufgestellt, an denen aufgeputzte Herren lind Damen Platz genommen haben. 3m Speisesaal werden hohe Touristenpreise gefordert, moderner Komfort wird angepriesen, und Führer mit goldenen Lettern an der Mütze schnurren in unverständlichem Französich oder Englisch eine auswendig gelernte Lektion ab und bieten ihre Dienste an. Sie finden ihr Publikum, aber man sollte eigentlich beim Betreten des Escorial den Bädeker zu Hause lassen. Man soll die granitene Wunderwelt ohne Führer betreten und vom Staunen zur Bewunderung und dann zur Andacht gelangen 3n der Einsamkeit des eigenen Selbst werden dann die Eindrücke des Escorial zu einem unvergeßlichen Erlebnis.
Philipps II. Geist spukt in allen Räumen. Wenn man durch die labyrinthischen Gänge des klösterlichen Schlosses, die aneinander gereiht 132 Kilometer lang sein würdet!, schreitet, so tatet man glauben, überall seinem Gespenst zu begegnen, aber die Kirche von ungeheueren Dimensionen, die den Mittelpunkt des Palastes bildet, ruft ganz besonders die Erinnerung an den König wach. Die Aufmerksamkeit wird durch den Hochaaltar gefesselt. Dort sehen wir Karl V. und Philipp II. in überlebensgroßer Figuren mit ihren Familien das Sakrament verehren. Dort gibt es keine leeren Allegorien, durch die die Herrscher der Erde sonst so gern den Schatten ihrer Größe über das Grab hinaus zu verlängern suchen. Hier ist alles sichere Erkenntnis der Vergänglichkeit alles Irdischen. Vor dem Altar liegen kniend der Kaiser und König zu Füßen des höheren Herrn, und geben so über den Tod hinaus das Dckeimtnis ab, das stets die Richtschnur ihres Lebens war. Das katholische Weltreich war das 3deal Philipps, es sollte ein grandioses Bollwerk sein, an dem die Reformation zu Schanden gehen sollte. Philipp II. glaubte mit eiserner Faust die Zeit aufhalten zu können. Gr stellte sich mit ausgebreiteten Armen, wie ein lebendiges Kreitz, dem Erporstürmen einer anderen Gedankenwelt entgegen, die Wer ihn hinwegging. Der König wollte denmtig nur Gott dienen, aber um seine Demut schlug er den Kaisermantel der Macht und als Wahrzeichen schuf er den Escorial.
Aus einem Seitenfenster am Hochaltar Pflegte der todkranke König lange Stunden andächtig auf das Sakrament zu schauen, in seinem Leiden Trost zu suchen und zwischen den Gebeten die Welt zu regieren, die ihm untertan war. Herzöge und Granden, Kardinäle und Erzbischöfe harrten in den Dorräumen auf fein Debet. Sicher war unter ihnen kein Platz für einen Marquis von Posa. — Von Philipps II. Kunstsinn und Kunstliebe kündet die Bildergalerie des Escorial, in der sich einige der kostbarsten Gemälde der Welt befinden. Da ist der heilige Lorenzo von Greev, den der Mal« bereits in halbe Geistesumnachtung verfallen, malte, ein Gemälde, das in der seltsamen Darstellung der Figuren, im Kolorit und in der Gruppierung einzig dasteht. Lleberall trägt daS Genie über den Bizarrerien der Konzeption den Sieg davon. 3m Saal nebenan hängt ein großes Gemälde des Tintorctto, das durch eine wunderbare Perspektive tote ein übernatürlicher Zauber wirkt. Durch steinerne Gänge, in denen seltsame Echos flüstern, marmorne Treppen hinab, führt der Weg zur Gruft der Könige und Königinnen Spaniens. Me Könige, vor denen sich einst die Erde beugte, sind ganz unter sich, denn selbst die 3nfanten sind in einem Sondergewölbe beigesetzt. Sie alle wußten es nicht, daß auch für Königsgräber die Stunde kommen kann, wo sie entweiht werden. Möge es dem Escorial
vergönnt sein, die Gebeine feiner Könige besser als dies den Pyramiden Aegyptens gelungen, vor der Entweihung zu bewahren.
Auf dem Scheidewege zwischen den KönigsgrWern und denen der 3nfanien kann man durch ein kleines, vergittertes Fenster ruf einen schöngepflegten Hof mit kurzgekappten, grünen Hecken schauen, in dem paarweise Augustinermönche, die im inneren Kloster wohnen, spazieren gehen. Lieber ihnen leuchtet mit goldenen Strahlen die untergehende Sonne. Ringsherum ist tiefer Frieden und Stille. Von den Derghöhen senken sich die Schatten des Abends und eS dämmert schnell. 3n weiter Ferne kann man über Madrid Lichter aufblitzen sehen. Wieder rollen aus dem Norden die Züge an, und wieder warten die gelben Omnibusse auf die Reisenden. Nach dem goldenen Herbsttag leuchten noch die Bergspitzsn golden^ dann bleichen die Tönungen und die sternklare Nacht fällt über die Landschaft Kastiliens. 3n einer Stunde fährt der Zug in die Estacion del Norte von Madrid ein und den Reisenden empfangt das Tosen der Großstadt.
Pansch.
Eine Geschichte aus der Biedermeierzeit.
Von Carl Worms.
IFvrtleyung.,
„Fräulein, wenn ich Bitten darf! Prinzessin — wenn das besser klingt. A votre place, monsieur, der Tanz ist aus." Pikiert schob sie ihr Hutband auf den Arm und schritt stolz voraus mit possierlicher Grandezza, jetzt wieder ganz die vornehme Dame, die ihrer Erziehung etwas schuldig zu sein glaubt. Die Rotgelockte fing Seinen verblüfften Blick auf und flüsterte: „Dorothea, die jüngste Tochter der Herzogin. Aber Sie, mein Herr, haben Sie Erbarmen mit einem armen Mädchen. Wer sind Sie?"
„Klavierstimmer, Sie hörten es ja", scherzte Er leichthin und schnürte seinen Ranzen. Da war auch schon Dora wieder zurück. Ihr irrlichterierendes, zigeunerhaftes Temperament hielt es allein nicht länger als zwei Minuten aus. Die braune Wange schmiegte sie an Ritas Schulter und tuschelte: „Wollen sehen, wie wett er es treibt, wie unser Abenteuer endet. 3n den Saal Hinern kann er doch unmöglich."
Es war ein hübsches Bild, wie der breitschultrige Mann zwischen den zarten Gestalten hinsch-ritt den Weg abwärts, der sich nun zu einem Paß verengte, daß die Buchenzweige und Haselbüsche geheimnisvoll über ihnen zufammenschlugen.
Da erfuhr er beiläufig von der schnell versöhnten Prinzqß, daß jetzt ungefähr sechzig Gäste in Löbichau wären. Wie in der Komödie sei jedes Rollenfach vertreten: Durchlaucht-Mama die Anstandsdame, Schwester Wilhelmine die Heldin, zwei Professoren für Väterrollen, eine französische Gräfin, einst Hosdame ihrer Mama, die Intrigantin. Vetter Peter fei Naturbursche von Profession, Baronin Steinberg aus Dresden die komische Alte, und ihr Sohn Otto der Liebhaber mit wenig Talent. Er fei Öer Llnausstehlichste von allen. Dabei schielte sie zu Rita hinüber, diese krauste finster die Stirne und Er erriet das übrige. Sie feichst, nämlich Dora, wohne eine halbe Stunde weiter in der Villa Tannenfeld, damit sie nicht alles hören sollte, was Erwachsene sprächen Als ob sie nicht schon alles wüßte! Llebrigens werde es nächstens wohl in Löbichau recht langweilig sein. Der Dichter 3ean Paul werde erwartet, der 3ugen& sei eingeschärft, sich sehr fittig zu benehmen Ob Er wisse, wie dies« 3ean Paul aussehe. 3n der Bibliothek hatten sie bisher nur einen Kupferstich austreiben können, worauf er eine Nase wie eine Gurke in den Hundstagen hätte.
„Kennen Sie 3ean Paul?" fragte Rita hastig, ein wenig bleicher als zuvor. Sie standen am Parktor. Er hielt die Hand über die Stirn, um das Schloß in Augenschein zu nehmen.
„Den Legationsrat von Hildburghausen, meinen Sie den?" fragte et gleichgültig, „bisweilen beschäftige ich mich mit ihm."
II.
3n und um Löbichau ging's in den Abendstunden munter her. Wie ein Miniaturbild aus dem Cinquezento war es anzusehen, wie eine Sperre vom Hofe der Medici, nur daß deutsche Gemütlichkeit die Arabesken dazu malte. Aus plaudernden Gruppen flog Lachen, Lautengeklimper und Gläserklang in die weiche Luft hinaus. Lieber die Stufen der doppeltgeschwungenen Freitreppe rauschten seidene Schleppen, lichte Fähnchen wehten vom Säulenbalkon, manch schöner Arm bog sich über die Brüstung desselben, manch Neckwort verhallte hinter Fächern und vorgehaltenen Hüten. Dom Parkteiche aus Buntem Kahn scholl ein deutsches Lied, lustig flogen die Federbälle auf dem Rasenplatz, übermütig spritzten sich junge Mädchen an der Fontäne den Staubregen zu. Dazu die rosafarbenen Abendwolken als passende Folie — dem fremden Manne in der Kastanienallee wurde es ordentlich anheimelnd gumut.
Auch ältere Gäste fehlten nicht. Hier in einem lauschigen Basket war man am S pacht sch eben dicht vor dem Schachmatt, dort am Sockel einer efeuumrankten Diana etwas seitwärts saßen einige Herren und Damen um einen Rokokotisch stmd lauschten einem Vorleser, dessen volltönendes Organ sich selbst gern zu hören schien.


