Ausgabe 
17.11.1925
 
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Gießener Haimlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1925 __________ Dienstag, den ft» November________________________Nummer 92

Stilles Glück.

Von Hugo SaluS.

sitzen am Lisch beim Lampenschein und sehn in dasselbe Vuch hinein: und Wange an Wange, und Hand in Han" eine stille Zärtlichkeit uns umspannt. Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen: Eine Stunde schon hat keines gesprochen, und keins dem andern ins Auge geblickt. Wir haben di« Wünsche schlafen geschickt.

Bücher, die uns nicht erreichten . . .

Von Sr. Fritz Adolf Hünich

Eine Elegie, eine Klage ist es, was ich hier schreibe, zu» gleich aber auch eine Anklage gegen die zerstörerischen Gewalten und Zufälle des Lebens, di« von jeher aus der urtriebhaftsn Feindschaft der Elemente gegen das Gebild der Menschenhand deren Werke, ohne sich durch G-estalt und -Stof? beirren zu lassen, im Bunde mit Flammen und Fluten und den apokalyp­tisch«! Mächten der Erde zu vernichten suchen. Kaum vermag die Phantasie die Verluste zu begreifen und zu bemessen, die dainit der Menschheit seit Jahrtausenden im unaufhaltsamen Wechsel der Ereignisse zugefügt worden sind. Ilm die Trümmer vergangener Kulturen kreisen trauernd unsere Einbildungen und suchen darin das Leben, das den Ruinen und Reliquien zu entsprechen scheint, Unzweifelhaft ist es durch die Oekonomi« der Weltordnung bedingt, daß von den Leistungen der Men­schen der größte Teil zugrunde gehen inuß, damit an seiner Statt das der jeweiligen Gegenwart Gemäße erstehen kann: trotzdem aber ist der Mensch in seinem oft so aussichtslosen Kampf um seinen und seiner Hände Arbeit Bestand eine Figur von höchster Tragik. Aicht nur, daß alles Aatur geschehen: Feuer, Wasser, Erdbeben, sich gegen ihn verschworen hat, « selbst mit seinen niederen Leidenschaften: Haß, Meid, älnduld» sainkeit, unb den durch sie erregten Zuständen ist immer sein eigener ärgster Feind. Die Aufgabe, den Ursachen des Unter« gangs von Werken des Schrifttums nachzuprüfen, ist für die frühen Zeiträume der Weltliteratur nur summarisch zu lösen. Unübersehbar ist die Meng« und der Umfang des Verschollenen. Jede Aufzählung der verlorenen Schätze würde unvollständig bleiben müssen, well wir von vielen Werken nicht einmal die Titel kennen, obgleich ihr Vorhandensein durch ander« Tat­sachen beglaubigt ist. Von des Aischylos etwa 70, nach anderen 90 Dramen sind uns vollständig nur sieben erhalten: dir Zahl der von Sophokles verfaßten Dramen wird aus rund 120 be­ziffert, von beiten über 100 durch Titel und Bruchstücke, aber ebenfalls irur sieben ganz überliefert sind: dem Euripides wer­den 92 Dramen zugeschrieben, aber außer Fragmenten haben sich nur 17 Tragödien und ein Satyrspiel auf die Aachwelt gerettet. Auch die griechische Lyrik ist auf große Strecken nur aus Andeutungen zu erschließen: sowohl Alkalos wie die Sappho, um nur zwei der bedeutendsten Beispiel« anzuführen, müssen wir cvls Trümmern wiederherzustellen suchen. Fragen wir uns, welchen älmständen wir den Verlust des weitaus größten Teils dieser unersetzlichen Reichtümer zuzuschreiben haben, so leuchten die großen Brände, von denen Alexandria, der Mittelpunkt der heidnischen Gelehrsamkeit bis ins 4. Jahrhundert n. Ehr., mehrmals vom Krieg überzogen, heimgesucht war, die tragische Antwort. Vergegenwärtigen wir uns, daß di« beiden Biblio­theken des alexcmdrinischsn Museums zusammen 700 000 Rollen stark waren, als im Jahre 47 v. Ehr. Julsiis Cäsar di« Stadt belagerte, bei denen Eroberung die im Stadtteil Brucheivn gelegene größere DiblioiHek mit 400 000 Rollen in Flammen aufging: im Jahre 390 n. Ehr. läßt unter Theodosius d. Gr. der unduldsame Patriarch Theophilos die Bibliothek im Sera» belagerte, bei deren Eroberung die im Stadttoll Brucheion vereinigt Ivar, verbrennen, und im Jahre 642 wird von des Kalifen Omar Feldherrn Amru ben AüäS mit der Stadt Msxan- dria überhaupt als einen Sitz des Christentums auch die Biblio­thek bis auf den Grund zerstört. Richt emmal die Kataloge dieser beispiellosen Aufspeicherungen sind uns verblieben. Im Gegensatz dazu besitzen wir für di« arabische Literatur in dem Mrist, d. h. Index des Muharmnod ibn Ishaq aus dem 10. Jahrhundert ein Verzeichnis ihres gesamten Bestandes biS auf die Zeit des Verfassers,ein Inventar von zum großen Teil verlorenen oder verborgenen Schätzen" (Dyroffs. Wohin sich diese Betrachtung wenden mag: in allen allen Kulturen haben

die Dämonen der Vernichtung das Schrifttum, der Art des Materials und der Ueberlieferung entsprechend, am wenigsten verschont. Erst die Verallgemeinerung der Leidenschaft für Bücher durch dorr Geist der Renaissance und. entscheidend, die Kunst des Buchdrucks haben dem Verschwinden von Werken der Litera- tur durch die Einwirkung feindlich gesinnter Mächte Einhalt ge­boten. Aber noch immer ist die dichterische oder gelehrte Schöp­fung, solange sie Handschrift bleibt, Möglichkeiten ausgesetzt, die ihre Ueberllejerung auf die Aachwelt verhindern. Ein Dichter kann in einer reiferen Epoche Jugendarbeiten in die Flammen werken, wie ss Goethe im August 1767 mit einer Anzahl von Dramen und dem EposJoseph" tat; oder ein Dichter ver­nichtet ein satirisches Werk, wie Goethe seine FarceDas Un­glück der Jacobis", weil er sah, daß sie als das Böseste, was er in dieser Art gemacht habe, die Anmüglichkeit ihres Bestehens in sich trug. Die Erklärung, warum er seinen älrfaust" ver­brannt«, der gleichwohl durch einen Zufall erhalten blieb, liegt viel­leicht in diesen seinen, die gleiche Handlungsweise and) für andere Dichter rechtfertigeirden Versen:

Laß doch, was du halb vollbracht, mich und andere kennen!

Weil «s uns nur irre macht, wollen wirs verbrennen."

Da wir beim Faust find, so müssen wir Lessings gedenken, defsen denselben Stoff behandelnde Dichtung nicht auf uns gekommen ist, well das Manuskript der aus gearbeiteten Seite im Jahre 1776 mit einer Kiste, in der sich gelehrte Ausarbeitungen bs- fanbeit, in Verlust geriet. Der Änstsrn, unter dem Heinrich v. Kleists Leben verlief und dem gewaltsamem Ende zutrlsb, hat auch das Schicksal seines zweibändigen Romans bestimmt, dessen Handschrift auf unerklärte Weise nun wohl für immer verloren» gegangen ist. Einem Brande im Haufe seiner Mutter siel der größte Teil der Aiederschrift von HeinesRabbi von Dacharach" zum Opfer, jenes Werkes, das der Dichter selbst als sein un­eigennützigstes, aber auch gediegenstes bezeichnet, hatte. Hm Georg BüchnersPietro Aretino", der schon vollendet vorgelegen haben muß, und über den er sich noch in den Delirien seiner zum Tode führenden Krankheit Mitteilungen zu machen vergeblich bemühte, werden alle trauern, die das Feuer und die Kühnheit des ©elftes in dem Verfasser vonDawons Tod" bewundert haben. So könnten wir de» Katalog der Bücher, von denen wir meist wenig mehr als nur die Titel kennen, bis zur Gegenwart fortsetzen, etwa bis zu Peter Hill«, dessen Handschriftlicher Aachlatz bereits von der Legende umsponnen ist. Richt minder mamnafaltig als das Schicksal der literarischen Werke, denen es nicht beschieden sein sollte, als Bücher auf uns zu gelangen, ist das der Briefe von geistesgeschichtlich hervorragenden Män­nern und Frauen, jener Dokumente, in denen das Leben von einst am unmittelbarsten uns berührt. Auch sie sind häufig unter den seltsamsten Vorwänden und Beweggründen, aus Gleichgültigkeit oder Fcchrlässigkeit, der Kenntnis der Rachwelt entzogen wor­den. so daß über vielen Beziehungen und eickscheidMden Wen­dungen ein undurchdringliches Dunkel liegt

Eine Welt aus Granit.

Bon ®. v. Angern--Sternberg.

Gigantisch, öde, mit zackigen Felfenfingern krallen sich die Gipfel des Guadarrama in den blauen, wollenlosen Herbsthimmel. Inmitten einer steinigen Hochebene, auf der verdorrt« Bäume zu sterben scheinen, trägt nackter Frls eine Stadt aus Granit Avila. Die grauen Mauern lassen weder Freude noch Heiterkeit zu, auf dem Boden auS Stein wachsen kerne Blume«, auch selbst der Somumschein scheint grau getönt zu fein. Avila ist die Stadt der heiligen Therese von Jesus. Seit jenen Tagen des 16 Jahrhunderts, als dl« große Heilige, abgelöst vom Glayz der Erde, hier lebte und in das Meer ohne Ufer der göttlichen Liebe zu versinken trachtet«, hat sich nichts in Avila geäat&ert. Voch sichen dieselben Kirchen und Mauern, dm ihre Ekstasen sahen. Die Zeit ist hier stchengeblisben, nur die Menschen haben sich geändert und sind in ihrem Glauben zu Schwächlingen ge-

'granitene Stadt schlottert gleichsam innerhalb deSMauer­gürtels, der mit seinen sechsundachtzig Türmen und Toren tnel zu weit geworden ist. Er schließt Wüsteneien und Platze ein, deren Verlassenheit wie eine böse Wunde um sich frißt Durch die leeren Fenster mancher verlassener Paläste schaut der Himmel, und dort, wo einst ein stolzer Adel Kastiliens herrschte, 6trat