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Mach Ostern kam Rosalira in das Vaterhaus zurück. Don SnocencioS Herz schlug stärker, als er sein reizendes Kind in die Arme schloß. Es schien, als ob sich die Anzeichen afri- kanischer Abstammung auf Jnoclencio konzentriert hatten. Aosa- lita blühte neben ihm tote die toetße, duftige Jasniinblute, die sie in ihrem schwarzen, lockigen Haar trug. Mitnarver gnügtheit genoß die Kleine das großstädtische Leben. Statt des groben, grauen Klostergetoandes trug sie jetzt nut sichtbarem -Behagen Pariser Toiletten und kostbare Spitzen. Hm und Mieder gab es Diners bei Donna Vicenta und Spazierfahrten mit der Gesellschafterin, oft auch lernte man junge Caballeros kennen, die gar artige Schmeicheleien sagen tonnten.
3u Hause aber dachte Rosalita oft an den Bräutigam,, den ihr der liebe Gott doch wahrscheinlich sehr bald bescheren wurde. So verging das erste Jahr, aber der Liebhaber blieb aus. Zwar machten ihr die Caballeros immer noch galante Komplimente, warfen ihr nach wie vor betoundernde Blicke zu; aber keiner von ihnen wollte sich so recht an sie heranwagen. Don Jnocencio bemerkte dies zu feinem größten Kummer sehr wohl.
Endlich aber faßte er einen Entschluß. „Eines ZÄges, Chi- auita". sagte er, seiner Tochter dunkeles Haar streichelnd, »eines Tages, wenn das Vaterland mich entbehren kamt, werden totr eine Reise machen, du und ich." m .,
Rosalita klatschte vergnügt tn die Hande. „Rach Parts, „J Xi »TVrtVvi*
7 Olein nicht nach Paris", erwiderte Don Jnocencio, sondern nach" der großen Republik im Morden. Wein ganM Leben ltmg hab' ich mich ergötzt an den Berichten über das Gerschttgkeiis- gefühl, den Idealismus, die dort Irschen. Dort gibt es keine Klassenunterschiede, keine gesellschaftlichen Vorurteile. Völlige Gleichheit ist das Losungswort in jener großen, einzig wichren Republik. Dorthin, mein Kind, möchte ich dich bringen. Dott werdeit wir vielleicht das eine finden, was du hier vergeblich zu suchen scheinst. Quien sabe?“
Dies alles ereignete sich unter der glorreichen Regierung des Guzman Dlanco, dessen siebeltundzwanztBahrlges despotisches Regime des Lande so heilsam war. Guzman erkannte sehr bald die großen Fähigkeiten Don Jnvcencios und beckef ihn als Marineminister in sein Kabinett. Als solcher hatte Jnocencio bet der .Unterdrückung einer in zwei Küstenstaaten auSgebrochenen Devoluttvn so große Erfolge, daß der Diktator ihn zu sich rief und .fragte. Eamt für eie tun> Caballero? Verlangeit Sie.
was Sie wollen!" , , ,
Ohne Zögern antwortete Don Jnocencio: ^Jch habe nur einen Wunsch, nämlich zwei Monate Urlaub und Ihre Erlaubnis, das Land zu verlassen, um mit meiner Tochter eine Reife zu mati©usman war nicht wenig erstaunt über die B^cheidenheit seines Ministers und gewährte dessen Bitte augenblicklich
Vierzchn Tage lang verbrachte Rosalita bei den Vorbe- reitungen zur Reise in angenehmster Aufregung, wahrend Jno- cencio selbst der Erfüllung seines Ideals mit Freuden entgegen* sah Erneuerte Zweifel blichen aus den Augen der auten alten Donna Vicenta, als ihr Vater und Tochter zum Abschied die Hände schüttelte.
Möge Gott dich behüten, mein süßes Kind, sagte sie. Hier" fügte sie hinzu, Don Jnocencio eine Karte einhändigend, "ist die Adresse unserer gemeinsamen Freundin, Mrs. Dolores Garcia die in Meuyork für unsere Landsleute ein Familienhotel betreibt. Es ist in der Vierzehnten Straße. Ich möchte Ihnen raten, zu ihr zu gehen." ' .
Don Jnocencio verbeugte sich höflich „v5ch cher^ nicht verfehlen, der Dame meine Aufwartung zu machen, beabsichtige jedoch in einem der vornehmsten Hotels abzusteigen. Dori dürste Rosalita mehr sehen und zur Geltung kommen."
Die Reise war stürmisch, wie immer im Dezember. So fasit es denn, daß Rosalita bleich und schwach war und auch Jnocencio die Folgen der Ueberfahrt nicht gerade angenehm fühlte, als Vater und Tochter eines Machmittags auf der Weist der „Red-D"--Linie zu Meuhork in eine Droschke stiegen.
„ Fahren Sie uns, bitte, nach dem ersten Hotel der Stadt. befahl Don Jnocencio.
Der Kutscher zögerte einen Augenblick, schlug dann die Wagentür zu und stteg auf seinen Bock. Die Fahrt durch die Stadt war lang, die steine Rosalita litt unter der ungewohnten Winterkälte. Don Jnocencio war froh, als der Wagen endlich still stand und der Kutscher den Schlag öffnete.
„Soll ich warten, Mister", fragte der Rosselenker, nachdem et feinen Lohn empfangen hatte.
„Warten? Warum denn?"
„O, vielleicht sind hier keine Zimmer frei; dann werden Sie toeiterfahren müssen", erwiderte der Kutscher.
„Daran habe ich nicht gedacht. In Caracas sind zu jeder Zeit Hotelzimnier frei; hier natürlich gibt es mehr Menschen. Also, warten Sie lieber."
Don Jnocencio betrat die pompöse Rotunde deS Hotels. Die funkelnden Lichter, die in Mummtöpfen umherstehmden tropischen Pflanzen, die auf dem teppichbelegten Bodm einhev-
schwebendm schönen Frauengestalten muhten dem alten Mann* förmlich dm Atem. Welch' ein brillanter Aufenthaltsort für seine Rosalita! Hoffentlich würdm hier Zimmer zu haben fein.
Mber der Clerk hinter dem langm Tisch schüttelte mit dem Kopf, nachdem er Don Jnocencio scharf gemustert hatte.
„Mein", sagte er, „totr sind bis unter das Dach besetzt. ®uten Abmd."
Don Jnocencio setzte sich wieder in die Droschke und ließ dm Kutscher toeiterfahren. Mach wenigm Minuten hörte Jnocencio in einem gleich großartigen Hotel, daß daselbst ebenfatt» sämtliche Zimmer vergeben waren.
Ebensowenig Gastfrmnfchaft fand der Marineminister tu dem dritten Hotel. Es war inzwischen dunkel geworden, ei« .eisiger Wind fegte durch die Straßen, eine Schneewolke schlug dem altm Manne ins Gesicht, als er wieder auf die Straße trat und den Wagenschlag öffnete.
.„Ich friere so sehr", klagte Rosalita.
Der Kutscher verstand ihr spanisch nicht, aber der klagende , Don der Stimme appellierte an sein gutes irisches Herz.
.Annes Mädchen! Es ist eine Schande!" murmelte er und nahm seinen Hut achtungsvoll vor Don Jnocmcio ab.
„Ich denke, Sir, Sie erlauben mir, in das Cafe zu gehe« und der jungen Dame etwas Warmes herauszuholm. Dam» werden wir es mit einem besseren Hotel zweiter Klasse ver- suchm, das nicht weil von hier gelegen ist."
Don Jnocmcio nahm beide Vorschläge mit Freuden an. Er selbst fror und war müde. Aachdem Rosalita eine warme Tasse Kaffee getrunkm hatte, setzte das Fuhrwerk sich wieder in Bewegung. Rach einer Viertelstunde hielt es vor einem stattlichen! Gebäude, dessen Inneres allerdings mehr gediegen als elegant war, aber dennoch dm Eindruck großer Behaglichkeit hervorrief. Sicherlich war dies etwas altfränkische Haus nicht überfüllt. „Ich wünsche einen Salon, zwei Schlafzimmer nebst einem Badezimmer für mich und meine Tochter."
Der grauhaarige Clerk blickte dem Sprecher einen Augmblick lang ins Gesicht; dann murmelte er eine Entschuldigung und näherte sich einem in der Mähe stehenden Mann von behäbigem Aeußerm, — dem Besitzer des Hotels. Mach kurzer Unteredung kehrte der Clerk zurück.
„Es tut mir leid", sagte er, „daß totr Sie nicht bedienen' können,,wie Siebes wünschen." v
„Vielleicht können Sie mir aber eine kleinere Wohnung zuweisen, zwei einzelne Zimmer, oder wenigstms ein Zimmer für meine Tochter, die nach der langen Reife müde und abgespannt ist. Ich werde schon anderswo ein Unterkommen finden."
Aber der grauhaarige Clerk wiederholte: „Ich bedaure, daß wir Sie nicht unterbringen können." Auf dem halben Wege nach der Tür bückte sich der Minister, um ein aufgegangenes Schuh- , band zuzubinden. In dem Augenblick betrat ein großgewachsener Mann das Hotel und begab sich an den Tisch des Clerks. Ein schwarzer Diener folgte ihm.
„Guten Abend, Andrew, guten Abend. Mn soeben von Richmond angekommen. Haben Sie ein Zimmer für mich?" f
„Natürlich, Herr Oberst, eine ganze Anzahl sind frei“, ertönte die Stimme des Clerks. „Suchen Sie sich das Beste im HauS aus."
Don Jnocencio richtete sich erstaunt auf. Also waren hier doch Zimmer frei. Wahrscheinlich war der Clerk erst soeben zur Einsicht gelangt, daß er sich vorhin im Irrtum befunden hatte. Der Minister eilte an den Tisch zurück und rief mit freudig erregter Stimme:
„Sie hatten sich also vorhin getäuscht, und es sind noch viele Zimmer frei, wie Sie soeben dem Herrn versicherten. Das freut mich sehr. Dann kann ich also die drei Zimmer nebst Bade- raum haben?"
Er ergriff eine Feder, um seinen Manien in das Buch einzutragen. Plötzlich fiel eine große Hand auf seine Rechte. Die Feder rollte auf die offene Seite des Buches und fiel von dort auf den Boden. Zugleich riß der große Herr dem Marineminister das Buch aus den Händen und rief:
„Nicht so geschwind, Herr, nicht so geschwind! Ich glaube, Mister Andrew hat sich Ihnen gegenüber nicht deutlich genug ausgesprochen. „Sagen Sie dem Menschen", wandte sich jetzt der Oberst an den Clerk, „sagen Sie ihm doch, daß sich in der Nähe ein Absteigequartier für Neger befindet, wo ich meinen Sambo immer unterbringe. Dorthin sollte er auch gehen."
Einen Augenblick herrschte gespanntes Schweigen. Der Clerk errötete sichtbar. Don Jnocencio starrte dem aggressiven Herren stumm ins Gesicht. Endlich aber schlich er mit wankenden Schritten und gesenkten Hauptes zur Tür hinaus, wie ein Mann, der plötzlich alt geworden war. In nichts zerronnen war das Ideal feines ganzen Lebens. DaS also war das Land der Freiheit und Gleichheit?!
Er übergab die Karte feinet alten Freundin Donna Vicenta dem Kutscher und ließ sich stillschweigend neben seiner Tochter
„Wohin fahren wir?" flüsterte Rosalita.
„Zu unserer Landsmännin Dolores Garcia. Ich habe Heimweh!" entgegnete der Marineminister.
vchriftleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
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