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weidet «ine gltxfentok Herde und ein kolossaler Hirt«, halb Firn halb Wolke, neigt sich über sie. Liefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert die harmlose Fahrt ihre Kraft und menschliche Schuld findet ihre Höhlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene ‘Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mörder in den zerschmetternden Abgrund."
Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spöttisch.
„Ehen!" jammerte der Abt, „bist du es, Liebling meuter Seele, Peregrin, mein bester Schüler, dessen Knochen in der rätischen Schlucht bleichen?" Er trocknete sich eine Tratte. Dann schloß er: „Gegen beides, Fabel uttb Sünde, halt Bischof Kltx in Eur beschwörend seinen Krummstab empor." *
„In schwachen Händen", scherzte der Kaiser.
Er ist sehr schön gearbeitet", rief Graciosus nut der schallenden Stimme eines Chorknaben, „und in feiner Krümmung neigt sich der Verkündungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen."
Karl gönnte dem Dischofsnefsen einen heueren Blick und wendete sich gegen die Schule: „Stammt eurer von euch aus
Wulfrin trat vor. „3d), Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne ich Sprache und üteige.“
„So reite und berichte." ., „ .
Dir zu Dienste. Herr", verabschiedete sich Wulirin, wurde aber" von bem hartnäckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemächtigte und ihn vor den Kaiser Huruckbrach^. „DMchlauch- tigster", verklagte er ihn, „er soll auf Malmort bet der Bichfteri^ seiner ©tiefmutter, erscheinen, keiner andern alv dte vir dMi Vries geschrieben hat, und er will nicht. Sie besteht darauf sich vor chnt zu rechtfertigen über das jähe Sterben ihres Gemahles, des Lomes Wulf." _ , , . s u
„Jener?" besann sich der Kaiser. „Er hat mir tnw choii meinem Vater gedieiit unb verunglückte im rätischen Gebirge.
„Vor dem Kastell und zu den Füssen seines Weibes Stemm«, die ihm den Willkomni kredenzt hatte" erinnerte Gnadenreich.
Karl verfiel in ein Nachdenken. „(Sbeii babe id} fut. bte Seele meines Vaters gebetet", sagte er. .Kindliche Bande wichen in das Grab. Mich dünkt, Wulfrin, du darfst bet der Richterin nicht ausbleiben. Drt bist es deinem Vater schuldig.
' Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem Hifthorn, um die ganze Schule zusammeiizurufen und ihr leine Befehle zu geben. Er hatte es tm Palaste vergessen oder absichtlich zurückgelassen, um der Messe als ein ^riebfeitiger bettuwohnen. „Deines Trotzkopf!" geoot er und Wulfrui hob sich sein Hifthorn über das Haupt. Karl betrachtete «S et te Weile Es ist von einem Elk", sagte er, hob, es an den Mund und stieß darein. Da gab das Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, daß nicht nur die Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten, sondern auch, wav sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte.erstauntuiider- schreckt die Köpfe reckte, als nape ein plötzliches Gericht. ,,arl aber stand wie ein Cherub. , «u«
3m Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneff^. noch einmal an den Höfling: „Auf Wiedersehen in Malmvrt. du gehorchst?"
„Olein", antwortete Wulfrut.
Zweites Kapitel.
Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Fellen gewachsenen rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klöstetttcher Still».' Durch die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den Hof weg unb schon rückte das Spatrot hinau? an dem klotzigen Gemäuer. Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwärztem Silber er schäumend empor unb ihr über die bloßen Arme spritzte.
Berg und Wetter find gut", murmelte sie. „Mir brannten die Sohlen von früh an, ihm entgegenzurennen. Kommt er heute nßch? oder erst morgen? oder übermorgen zum allerfpatesten! Graciosus verschwor sich, der Bruder ziehe mit dem Kaiser — nein, er reite ihm weit voraus! -Unb der Kaiser ist nahe, was flüchteten sonst die Lombarden Hals über Kopf? Dum! machte sie und ahmte den duntpfen Schlag einer Laue nach, dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das in Gestalt eines breiten blanken Firns über die Firste blickte, hakte es heute in einem fort gerieselt unb geschmolzen.
Die ihr auf weihen Stürzen in den Abgrund schlittet, seid ihm ’ hold, bärtige Zwerge! Berberget ihm nicht den Pfad verschüttet ihm nicht die Hufe des Rosses! Sprudle, Flut! Spul aus den Hauch des Todes! Lust und Leben trinke der Bruder! und sie streckte den schlanken Arm. Dann hob sie den gebodeten Äecher in di« Höhe der Augen unb buchstabierte den Glben- spruch, welchen sie sich deutlicher in bas Herz schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand. Der Spruch aber lautete folgendermaßen:
Gesegnet seiest du!
Leg' ab das Schwert unb ruh!
Genieße Heim und Rast
Als Herr und nicht als Gast!
Den Wulfenbecher hier Dreimal kredenz' ich dir! Erfreue dich am Wein! Willkomm......“
Hier schloß entweder der zaubertüchttge Spruch oder dann kam noch etwas gänzlich Unleserliches, wenn es nicht zufällige Male der Verwitterung waren.
Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn vorwärts, das ging, rückwärts, das ging auch Dann sah sie ihn darauf an — zum wievielten Malek — ob er ihr mundgerecht sei und von der Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten: sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich mit dem Becher nichts zu schaffen, sie ließ ihn, wo er langeher seinen Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Mädchen und es malte sich die Ankunft.
„Das Horn klingt! Oder wäre es möglich bah er mich still beschliche? mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir wissen — wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das Horn dröhnt! Ich ergreife den Decher, fliege der Mutter voran — oder noch lieber, sie ist verritten und ich bin Herrin im Hause — jetzt naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und zu zagen. „Er ist da! Er ist hinter mir!“ Sie wendete sich zögernd erst, bann plötzlich gegen das Burgtor. In bet niebern Wölbung desselben stand kein junger Held, aber lauernd drückte sich dort ein armseliger Pickelhering.
Das Mädchen brache in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den ziegelroten Aesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe. In die schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall zusammenwürfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen Spitzbart, der mit den gezackten Brauen unb dem verzerrten Gesichte eine possierliche Maske schuf.
„Wer bist du unb was willst du?" fragte das Mädchen.
„Rur nicht gerufen, kleine Herrin, oder vielmehr große Herrin, denn, bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit überwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich ängstlich um. Sein Blick fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter Mann neben einem Weibe lag, das die Hände über der Brust faltete. „Ei, da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht", spaßte der Lombarde, „und trübt kein Wässerchen, während sie zugleich in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt." Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen Aste eines Ahorns empor. „Hier würde ich ungerne prangen", sagte er. „In Kürze: ich bin Rachis der Goldschmied unb habe ein Geschäftchen mit dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?"
Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen, das sich heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben Gegenstände beschäftigt hatte. „Wie mein Leben", sagte sie.
„Das ist schön von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten. Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten."
„Er lebt?" schrie das Mädchen angstvoll.
„Zur Rot. Herzog Witigis zielt auf sein Herz — aber wird uns die Richterin nicht überraschen?"
„Rein, nein, sie ist nach Eur bet ritten. Rede! schnell!"
„Run, ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer, denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof. Also: dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie ein Rasender unb unsere Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet, die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den Abgrund und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz über den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um ihn über die Wege des Franken, unseres Verderbers, auszufragen. Der Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der Herzog den Pfeil auf den Bogen und —" Rachis tat einen grausamen Pfiff.
„Du lugst! er lebt!" rief das Mädchen mutig.
„Vorläufig. Der Herzog drückte nicht ab, denn — jetzt wird die Geschichte lustig das junge "Weib eines der Unfrigen, eine freigegebene Eigene der Richterin, wenig älter als du"
„Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens" —
„Gerade diese sprang dazwischen. „Bei der durchlöcherten Seite Gottes", heulte sie, „der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein anderer als der Sohn des Cvmes, der im Steinbild auf Malmvrt liegt. Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzählt, von klein an und in einem fort ohne Aufhören. Du darfst nicht sterben," wendete sie sich an bett Gebundenen, „das wäre ihr ein großes Leid und tötete ihr bas Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkäfer, wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin und sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es find köstliche Sachen. All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs hatte, gespendet und dahingegeben."
So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde Rosmunde, die er um fich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes. Sie umhalste den Herzog und erflehte sich Geschmeide von Malmort. Ihr Stirnband habeseine Perlet: und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte seiner Zähne verloren.


