Ausgabe 
17.10.1925
 
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Gießener Kmilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang <925 Samstag, den \i. Oktober Nummer 85

Der Schild.

Von Fritz Asinger.

Aus allen früher» Fährden, allen Quaien, Die mir ein dunkeles Geschick beschieden. Will ich mir einen Schild zusammenschmieden. Daraus der Sonne Blitze wiederstraylen.

And ringsum in des runde» Erzes Rand Grabe mein Meißel unter Lammerhiebe», Davon die heißen Eisenspäne stieben. Ein breites, untilgbares Bilderband: Rühmlose Tage schwer erkaufter Siege. Wenn Kämpfe rings das heitre Land verheere», will ich, daß durch die Reih'» ihr Bildnis fliege And sie mich schirmen vor der Feinde Speeren.

And über mein gewappnet Leben richtet

Rur, der mit mächt'gem Streich den Schild vernichtet.

Die Richterin.

Von Conrad Ferdinand Metzer.

(Fortsetzung.)

Wörtlich und zum Beschwören so," bestätigte Graciosus. Don hundert Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am Leben sind. And solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer Mittagszeit. Der Comes dein Baier war rasend geritten, hatte im Bügel manchen Trunk getan"

And mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte Wulfrin.

,Er triefte und keuchte"

Er lechzte wie eine Bracke!" überbot ihn Wulfrin.

Er sehnte sich nach seinem Weibe", dämpfte Graciosus.

Trunken und brünstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Bst das zu>n Abmalen und an die Wand heften? Was will die Budicatrix? Mich schwören lassen, daß wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was freilich auf die Wahrheit hermisliefe."

Es ist ihr Wille so und man gehorcht ihr in Rätien."

Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin.Wein Wille ist es nicht und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlägt. Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwöhneri Sie rühre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe! Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte mit der Hand, als stünde die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er:Hat das Weib den Rarren gefressen an Spruch und Arteil? Hat es eine kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersätttgen an Recht und Gericht?"

Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lächelnd. Frau Stemma liebt das Richtschwert und befaßt sich gerne mit seltenen und verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Amriß einer Tat und ihre feinen Finger enthüllen das Ver­borgene. Richt daß auf ihrem Gebiete kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines, denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern und das Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben, daß fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird."

Das Weib gefällt mir immer weniger", grollte Wulfrin. Der Richter walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde und schnüffle nicht nach verrauchtem Blute."

Graciosus begüttgte.Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl sie noch in Blüte und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn lie nicht mehr da wäre, könntest du deine Schwester in Anglück stürzen"

In Anglück?"

Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande etiter unaufgeklärten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen."

Wulfrin lachte.Wirklich?" sagte er.Sie hat einen schönen Begriff von mir. Meine Schwester plündern? Das arme Ding! Im Grunde kann es nicht dafür, daß es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will ich nichts wissen." Während er redete, Sie sein Blick die Jahresringe der jungen Palme.Fünfzehn

ze?" sagte er, > v ..

Fünfzehn Bahre", berichtigte Graciosus.

And wie schaut sie?"

Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unter­drückten Seufzer.Sie ist gut, aber wild."

So ist es recht. And dennoch will ich nichts von ihr wissen."

Sie aber weiß von nichts anderm als von den: fremden, reisigen fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den Sarazenen rauft.Wann der Bruder kommt" .Da» gehört dem Bruder"Das muh man den Bruder fragen" davon werden ihr die Lippen nicht trocken. Bedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem Becher und damit an den Brun­nen. Sie wäscht ihn, sie reibt ihn, sie spült ihn."

Warum, Narr?"

Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod getrunken hat."

Dummes Ding! Du also wirbst um sie?"

Der ertappte Graciosus errötete wie ein Mädchen.

Die Mutter begünstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er.Kämest du heim, ich bäte dich, ein Wort mtt ihr zu reden."

Wieder musterte Wulfrin den netten Büngling und wieder klopfte er ihm auf die Schulter.Sie hält dich zum besten?" sagte er.

Sie redet Rätsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte" Schlug sie die Augen nieder?"

Rein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt am Himmel. Bch blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davon­trug. Anverständlich"

Klar wie der Morgen.Raube mich" Das Mädchen ge­fällt mir."

Du willst sie sehen?"

Riemals."

Jetzt trat ein Palastschüler mit suchenden Blicken in den Hof­raum und dann rasch auf Wulfrin zu.Du," sagte er,die Messe ist aus, der König verläßt die Kirche." DerKaiser" wollte ihm noch nicht über die Zunge.

Wulfrin sprang auf.Nimm mich mit!" bat Graciosus, damit ich dem Herrn der Erde nahe trete und ihn reden höre."

Komm", willfahrte Wulfrin gutmütig und bald standen sie neben dem Kaiser, vor welchem ein ehrwürdiger, aber etwas verwilderter Graubart das Knie bog. Gnadenreich erkannt« Audio, den Kastellan auf Malmort, und wunderte sich welche Botschaft der Räter bringe, denn Karl hielt ein Schreiben in der Hand. Er reichte eS dem Abte und Alcuin las vor:

Erhabener, da ich höre. Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen, flehe ich Dich an, daß Du Deinen Weg durch Aätia nehmest. Seit Jahre» haben sich in unfern verwickelten Tälern versprengte Lombarden eingenistet unter einem WittgiS, der sich Herzog nennt. Wir, die Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Gin unerträglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn Du kommst und Ordnung schaffst, so tust Du, waS Deines Amtes ist. Stemma, Judicatrtx.

Keine Schwätzerin", sagte der Kaiser.Meine Sendboten haben mir von der Frau erzählt." Alcuin betrachtete die Hand­schrift.Feste Züge", lobte er.

Alcuin, du Abgrund des Wissens", lächelte Karl,was ist Rätten? Welche Pässe führen dahin?"

Der kleine Abt fühlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Höf» sing und der Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser »«sammelt stand.

Jünglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Höhe, wer feinen Weg durch das rätische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten aber in Stücke zerrissenen Damm einer Aömerstraße zu zählen, die Wahl zwischen mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine zusaimnenfinden. Diese Wege und Stapfen führen im Geisterlicht der Firne durch ein beirrendes Retz verstrickter Täler, das die Fabel mit ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevölkert. Hier ringelt sich die Schlangenkönigin, wie verlockt von einer Schale Milch einem blanken Wasser zu, gegenüber, aus einem finstern Borne, taucht die Fei und wehklagt."

Lehrer, was hat sie für Gründe dazu? fragt« der Rotbart wißbegierig. e ., _ .

Sie ahnt das ewige Gut und kam, nutzt selig werde,». Dahinter, zwischen Schnee und EiS, in einem grünen Winkel,