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Haar war schneeweiß geworden. Christine hatte noch ihre frühere aufrechte Haltung, aber sie war ergraut und trug, toenn sie ausging, nach der Art der älteren Frauen, ein schmales, schwarzes Tuch um das Haupt. Das Ehepaar hatte eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter war mit einem Dauer in Dingert verheiratet und hatte selbst schon zwei Kinder, der Sohn stand als Soldat bei der Garde in Berlin, er war nach der Mutter geartet und ganz im Gegensätze zu seinem Vater, ein schlank und groß gewachsener Jüngling.
Hennerich-Jakobs Christoph hatte, nachdem seine OKuttet gestorben war, den Montforter Hof aufgegeben, und war nach Amerika ausgewandert, er hatte nichts mehr von stch Horen lassen.
Auch von Michel Klee war niemals wieder eine Kunde nach Niederhausen gedrungen. Er wäre völlig vergessen gewesen, wenn Christine Wild im Stillen Nicht manchmal an chn gedacht hätte. Das Bild des Jünglings, wie er in Schmerz und Zorn am Gewitterabend aus ihrem Elternhause geschieden war, swnd ihr noch vor der Seele, wenn sie auch zu keinem Menschen davon sprach.
Längst war auch der Fährmann Nikolaus Sachs gestorben. Als die deutschen Truppen im Jahre 1815 aus Frankreich zuruck- kamen. hatte er fast den ganzen Tag auf der Straße gestan^n- Er glaubte, sein junger Freund Michel Klee sei im deutschen Heere und müsse eines Tages wieder nach Niederhausen zurück- kvmmen. Als der letzte Truppenteil vorbeimarfchiert und bet letzte Pulverwagen Vvrübergepoltert war, ging er traurig nach seinem Hause. Er fühlte sich krank, magerte ab und wurde an einem Wintermorgen tot auf seinem Lager gefunden. Einsam, wie er gelebt hatte, ist er auch gestorben. Nach ihm war ein Schuhmacher aus Norheim Fährmann geworden. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte dieser mit der Stange auf das Nußbett gestoßen und die Leute übergesetzt, da wurde er alt und schwach und zog zu seiner Tochter, die in seinem Geburtsort verheiratet war. Lange Zeit wollte sich ein Fährmann nicht finden, halbwüchsige. junge Leute besorgten di« lieberfahrt, da meldete sich beim Ortsvorsteher ein Salinenarbeiter aus Münster am Stern, der dort die lieberfahrt nach dem Huttental bewerkstellig^ Der Mann war dort seit einigen Jahren ansässig, er war nrcht aus der Gegend gebürtig, sondern stammte aus Gießen tn Oberhessen. Er hieß Seipp und war von Profession ein Wagner. Familienangehörige hatte er nicht. Der Ortsvorsteher trug zuerst Bedenken, diesen Mann vorzuschlagen, denn er war schon bejahrt. Ein langer, grauer Bart hing ihm auf die Brust herab, der Schädel war ganz kahl, aber der Mann war ungemein rüstig und brachte von Münster am Stein gute Zeugnisse mit. So richtete sich Seipp denn im Fährmannshause ein. Er war nicht unbemittelt, denn er brachte Möbel und Einrichtungs- gegenstände mit, wie sie nie vor ihm ein Fährmann besessen hatte- Die Stube richtete er. sich möglichst wohnlich ein. Da hingen Bilder aus seiner Heimat, da standen ein sauberes Bett, eine Lehnenbank und ein fester Tisch, und immer war das Zimmer ordentlich aufgeräumt. Den Hausflur hatte der Mann zu seiner Werkstatt gemacht, da ferttgte der Mann in feinen Freistunden Hacken- und Schippenstiele an, er machte Wäscheklammern und Bindknebel, besserte vor dem Hause auch Schäden an Erntewagen und Leitern aus. Immer war der Fährmann freundlich und hilfsbereit, gelegentlich ging er auch in das Dorf, sprach an den Hvftoren mit den Leuten. Mit den Leuten, die er übersetzte, sprach er höflich und bescheiden. Oft besuchten Hannes Wild und seine Frau die Tochter, die tn Hallgarten wohnte, dabei mußten sie über die Nahe fahren. Da gab ein Wort das andere. Der Fährmann fragte nach den Enkelkindern, und wenn das Ehepaar zurückfuhr, so hatten sie ihm allerhand zu erzählen, wie verständig der kleine Bub schon fei, daß er sofort die Rocktasche des Großvaters befühlt habe, um festzustellen, ob er auch etwas mitgebracht habe, und daß das kleine Mädchen mit dem Aermchen schon andeute, wie groß es fei. Bei diesen Reden zog ein vergnügtes Schmunzeln über das Gesicht des Grohvaters-
Am Fastnachtsdienstag des Jahres 1844 hatte es im Nahetal gefroren., In den Scheuern klapperten die Windmühlen, mit denen man das ausgedroschene Getreide von der Spreu sonderte. Man hörte, wie die Männer in den Höfen oder in den Schuppen Holz sägten. In den Küchen standen die Frauen, um Fastnachtskuchen zu backen. Durch das ganze Dorf zog der Duft dieses Gebäcks. Die Kinder sangen vor den Haustüren: „Heiwele, heiwele Hahne, • die Fastnacht geht jetzt ane. Der Fuchs kriecht ins Hinkelhaus, holt die Eier all heraus. Gebt mir ein bißchen Speck oder ein bißchen Mehl, so geh ich meinen Weg." Dann bekamen sie Fastnachtskuchen, die die Knaben an hölzerne Säbel steckten. Christine Wild war auch beim Backen, da trappten schwere Tritte die Haustreppe hinauf, und ein Taglöhner aus Hallgarten, der dicke Fausthandschuhe trug und seinen Knotenstock tn der Hand hatte, kam tn den Hausflur. Der Warm arbeitete beinaße das ganze Jahr hindurch bei dem Schwiegersohn in Bingert.
»Na, Philipp, waS bringst dir?" fragte die Frau.
»Gi. ich sollt Euch einen schönen Gruß von Euren» Tochter- mann sagen und gestern abend wäre ein junger Sohn crngekommen. Wenn Ihr könntet, so sollt Ihr heut noch kommen."
Das war eine Nachricht, bei der die Frau vergaß, die gerade tn der Pfanne zischenden Kuchen herauszunehmen oder aus die andere Seite zu legen. Sie lief nach dem Keller, wo ihr Mann seit Tagesanbruch hantierte und überbrachte ihm die Kunde. Dann nötigte sie den Boten tn das Wohnzimmer und setzte ihm einen Imbiß vor, der aus Brot und Käse bestand, und der Hannes brachte einen Schoppen Wein. Die Dienstmagd wurde aus dem Stalle gerufen und erhielt Verhaltungsmaßregeln für dte nächsten Tag«.
Sine Stunde später war Christine zu ihrem Gange gerüstet. Sie trug dicke Winterkleider und halle ein weißes Tuch über den Kopf gebunden. Der Taglöhner trug einen großen Korb, tn den allerhand gepackt war, waS die Frau für die nächsten Tage brauchte. Hannes bekam die Weisung, auf Ferrer und Licht zu achten und abends beizeiten das Hoftor zuzuschließen, dann gingen die beiden weg.
ES hatte angefangen zu schneien. Kaum konnte man bis Berge auf der rechten Naheseite sehen, so dicht war daS Gewimmel der niederfallenden dicken Flocken.
»Wir kriegen viel Schnee." sagte der Fährmann, als er die beiden übersetzte, „der ganze Himmel ist heute morgen grau gewesen."
Sv kam eS auch Einen ganzen Tag und noch eine Nacht hindurch fiel der Schnee hernieder. Kein Windstoß war zu spüren, sacht fielen die Nocken und bedeckten Berg unb_ Tal. Am nächsten Morgen war alles weiß überdeckt. In den Dörfern mühten sich die Leute, mit der Schaufel auf den Gassen und in den Höfen Wege zu bahnen. Die Kinder freuten sich, als sie beim Aufstehen gewahrten, daß der Schnee kniehoch lag. Die Knaben machten auf dem Wege zur Schule Schneeballen und warfen die Mädchen. In der Schulpause wurde ein Schneemann aufgerichtet, vergnügt sprangen die Kinder, als di« Elfuhrglocke läutete, nach Hause. Im pfälzischen Berglande bet Lauterecken und Meisenheim waren viele Dörfer eingeschnett, und die Postwagen konnten erst fahren, nachdem die männlichen Einwohner dte Straßen fretgemacht hatten. Besonders stark war der Schneefall im Hunsrück, mehrere Tage lang gab es dort keine Verbindung mit dem Nahetal«. Kein Wagen, kein« Post konnte fahren, kein Bote konnte sich durch den Schnee durcharbeiten, erst allmählich wurde eine Dahn fretgemacht.
Hannes Wild erhielt von Hallgarten gar keine Nachricht: denn das Trombachtal war so verschneit, daß niemand dort gehen konnte. Aber Hannes machte sich keine Sorgen, er saß auf den» Lehnstuhl neben dem Ofen, rauchte die kurze Pfeife und dachte, es toirb schon alles gut gehen.
In der Woche nach Fastnacht schlug daS Wetter plötzlich um. Gin milder Wind wehte von Südwesten her, die Kält« hatte mit einem Male aufgehört, und es trat Tauwetter ein. ®8 tropfte von den Dächern, die Schneemassen stürzten herunter, überall floß das Wasser in den Rinnsalen durch das Dorf zur Nahe. Mächttg schwoll der Nuß an, immer breiter wurde er, aber das Wasser floß noch ruhig dahin.
In dieser Zeit war es, daß Hannes Wild eines Morgen- von seinem Sessel nicht mehr aufstehen konnte. Dte Dienstmaad wollte ihn rufen, daß er im Stalle nach einem kranken Pferds sehen solle, da stieß er unverständliche Laut« aus. Gr wollt« sprechen und konnte nicht, seine Defichtszüge waren verzerrt die Pfeife war ihm aus dem Mundwinkel geglitten und aus den Boden gefallen. Dte Dtenstmagd lief nach einem Nachbar, der kam, und als er den Mann in seinem Sessel sah, sagte er: „Der Wild hat einen Schlag gekriegt, schickt schnell nach Kreuznach zum Doktor, daß er ihn zur Ader läßt."
Der Kranke wurde in das Dett gebracht, man schickte nach dem Arzte. Der Knecht erhielt den Auftrag, sofort nach Dingert zu gehen und die Frau herbeizurufen. May wußte nicht, Waes mit dem Kranken geben werde.
Als der Knecht an die Nahe kam, standen da viele Leute, die das Anwachsen des Nusses beobachteten. Schon war bi« Stelle, wo der Fährmann sonst seine beiden Nachen liegen hatte, überflutet, und Seipp hatte die Nachen an höher gelegenen Weidenbäumen befestigt. Aber noch immer war das Wasf«r ruhig, und wenn der Fährmann feine Stange auch viel tiefer einstoßen mußte als sonst, so konnte er den Nachen doch noch mit leichter Mühe nach dem anderen Ufer und, nachdem er den Knecht abgesetzt hatte, wieder zurückbringen.
An diesem Tage beobachteten di« Menschen, die im Nahetale wohnten, das Hochwasser mit der größten Spannung. Wan wußte aus früheren Jahren, daß di« Nahe, wenn bei der Schneeschmelze oder bei einem starken Gewitterregen sich di« Nebenwasser von den Gebirgen her in den Nuß ergießen, eine gewaltige Ueberschwemmung anrichtet und die angrenzenden Städte und Dörfer tn nicht geringe Gefahr bringt.
(Schluß folgt.)
Schriftleituna: Dr. Friedr. Milb. Qanae. — Druck und Verlag der Brübllche« Univ^Vuch« «mb Steindr»ck«r«t. R Sange. Gieß««.


