Gietzener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Dienstag, den (7. März Kummer 22
Kampf.
Don Sakvb Voßhardt.
O. die Armen, o, die Schlaffen, Die den Erdensohn beKagen, Daß er sich zusammenraffen, Stündlich muß, sich täglich Magen. Menschheit, geht dir je verloren Hoher Mut zu Kampf und Wund«, Schleich dich aus den LebenStoren And im Dunkel geh zugrunde.
Stein und Bismarck.
Aus einem neuen Werke Ricarda Huchs.
Ricarda Huch, die große Gestalterin geschichtlicher Geschehnisse und Persönlichkeiten, die in ihren Romanen tote in ihren wissenschaftlichen Arbeiten so geniale Visionen der Vergangenheit heraufbeschworen hat, läßt in einer neuen, von Max Kemmerich herausgegebenen Reihe kulturgeschichtlicher Einzeldarstellungenl . .Menschen, Völker. Zetten" im Verlag Karl König zu Wien (172) ein Charakterbild des Freiherrn vom Stein erscheinen. Es ist ein ebeyso kühn wie lebendig geschautes Porträt deö großen Mannes, in dem Ricarda Huch eine der deutschen Jdealgestalten erblickt. Ratürlich drängt sich der Vergleich mit Bismarck und in gewissem Sinne eine Gegenüberstellung auf, die mit der Kraft einer an Plutarch gemahnenden Charakteristik durchgeführt wird. „Cs liegt nahe, die beiden größten deutschen Staatsmänner des IS. Jahrhunderts zu vergleichen," schreibt sie. „Den «inen, Bismarck, krönte der Erfolg, den anderen, Stein, das heroische Wollen unt>_ der tragische Ausgang. Bismarcks Rame ist in Europa und darüber hinaus bekannt, wie etwa der Rapoleons oder Friedrichs d. Gr., obgleich er keine Schlacht geschlagen hat; Stein ist kaum in Deutschland recht bekannt, geschweige denn jenseits der deutschen Grenzen. Dies ist oft das fjeröe Geschick der Vorläufer, von den Zeitgenossen nicht verstanden und von den Rachkommen übersehen zu werden, weil der Glückliche, dem ihre Saat zu- toächst, sie beschattet." Aber die Verfasserin will überhaupt Stein nur in sehr bedingtem Maße einen Vorläufer Bismarcks nennen. Bismarck war der Vertreter des Machtgedankens: „Glänzend versinnbildlicht ihn seine äußere Erscheinung: Die Hof« und breite, hünenhafte Gestalt, die herrische Haltung, das leidenschaftliche, elementarisch durchwühlte Gesicht. Stein war untersetzt, kaum mittelgroß: auch er wirkte beherrschend, aber nicht durch die Maße. Sein Kopf hatte noch den Charakter der großen Männer des 18. Jahrhunderts: Etwas olympisch Heiteres und Hoheitsvolles strahlte von der lichten Stirn aus. Damit verglichen ist Bismarcks Gesicht durch das eherne Band irdischer Leidenschaft verdüstert."
In Stein waren die drei miteinander ringenden Gedanken: Macht, Recht und Freiheit gleich lebendig, tote sie in seiner Persönlichkeit unzertrennlich zusammengeschmolzen waren. In Bismarck herrschte der Machtgedanke vor. „Das letzte, was die im öffentlichen Leben Handelnden unterscheidet," schreibt Ricarda Huch über Steins Glauben, „scheint mir das zu sein, ob sie an ein Göttliches glauben, das im Volke wohne, oder nicht. Stein Hatte diesen Glauben, obwohl er zugleich fest an die Erbsünde glaubte, die dem Menschen innewohnende Selbstsucht, die die Welt, das Reich der Menschen, dein Teufel eignet. Er war überzeugt, daß daneben ein Keim des Göttlichen im Menschen verborgen fei, der gepflegt und zur Blüte getrieben werden müsse. Seine Erfahrungen bestärkten ihn in der Aeberzeugung; daß die unteren Volksklassen die Kraft des Guten in sich bewahrt hätten, während er die besitzenden und herrschenden als verderbt, träge und feige erprobte. Die Selbstsucht der oberen Klassen fand er immer noch größer, als er vvraussetzte, die Opferwilligkeit der unteren übertraf seine Erwartungen. Daraus folgerte er nicht, daß sie zur Herrschaft berufen wären, sondern daß sie ihre Angelegenheiten selbst besorgen und in allen Fragen, die sie angingen, selbst mitwirken sollten. Gegen den Sozialismus hätte er sich sicher ablehnend verhalten, aber ebenso gegen die wirtschaftliche Entwickelung, die dieser vorausfetzt. Die Erzeugung von Reichtum war ihm nicht gleichgültig, aber gleichgültig im Vergleich zur Erzeugung guter, tüchtiger und freier Menschen. Er sah in jedem einzelnen den Träger des ganzen und wünschte chn. gebildet durch veranttowMche Tätigkeit, in einem fieinen *
übersehbaren Kreise, der, allmählich sich erweiternd, am Ganzen teilnehme. Insofern war er Republikaner und Demokrat. GS drängte ihn, die Organe wieder lebendig zu machen, auf die die Kaiser sich gestützt hatten, die Bauern, die Handwerker tu den Städten, die von den Fürsten zu stummen Untertanen erniedrigt waren. Empfindlich tote ein Löwe wachte er über Deutschlands Unabhängigkeit, und sein Herz schlug hoch, wenn die Trompete zum Kampf gegen Deutschlands Feinde blies; zugleich aber sympathisierte er mit den Polen und rang mit sich über dem Problem, wie ihre berechtigten Forderungen zu .erfüllen wären, ohne daß Deutschland allzu sehr geschädigt würde. Don seinem Herzen konnte man in Wahrheit sagen, e# sei der Brunnen, aus dem bas Recht fließt. Ricarda Huch findet bei Stein und den Männern um ihn eine AtkmsphävS höherer Kultur als den Feldherren und Staatsmännern der 70er Jahre oder unserer Tage. „Manche Züge hatte Bismarck mit Stein gemein." sagt sie abschließend. „Auch er hatte die schöne deutsche Eigenschaft der Geradheit, wodurch er in der Diplomatie Epoche machte, er hatte nicht das Biegsame, Schmeichlerische. Diensteifrige des im Schutze des Fürstentums großgewordenen Adels, sondern ein mannhaftes Selb stbewuhtsein auch den Höchstgestellten gegenüber. Vor allen Dingen glich er Stein In der Leidenschaftlichkeit des Liebens und Hassens; aber die Gegenstände des Liebens und Hassens waren nicht dieselben. Bismarck verhält sich zu Stein wie etwa ein modernes, für die ausgedehnten Plätze der Großstadt bestimmtes Monument zu denen, welche die Märkte mittelalterlicher Städte zieren"
geppeNnfahrten über Afrika.
Von Jng. I. Goebel.
Die Amerikafahrt des Z R III hat nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt das Interesse am Luftschiffwesen erneut geweckt und lebhafte Erörterungen hervorgerufen, ob Luftschiffe als interkontinentale Verkehrsmittel für Personen oder Frachten verwendet werden können. Wenn man auf die Erfahrungen deS Weltkrieges zurückgreift, so muß diese Frage entschieden bejaht werden. Wir in Deutschland haben oft in den Berichten der Heeres- und Marineleitung von den mit hervorragendem Schneid ausgeführten Zeppelinfahrten nach England gelesen, bei denen viele tausend Kilogramm Bomben mitgeführt wurden, daß aber auch im Orient drei deutsche Luftkreuzer mit großen Erfolgen gewirkt haben, ist von der Obersten Heeresleitung geheim gehalten worden. Im Jahre 1919 drang aber durch ein Zeitungsinserat der Mahbach-Motoren-Gesellschaft die Kunde von einer 1917 unternommenen Afrikafahrt eines deutschen Marineluftschiffes an die Oeffentlichkeit.
„L 59“ legte, um der hartbedrängten Heldenschar Lettvw- Vordeck Waffen, Munition und Heilmittel zu Werbringen, bei einer Belastung von über 50000 Kilogramm, nicht vom Wetterdienst der ganzen Welt unterstützt wie Z R III, nicht von hilfsbereiten Kriegsschiffen betreut, sondern von feindlichen Fliegern bedroht, drei Erdteile streifend, drei Klimazonen mit ihren unbekannten Luftströmungen durchquerend, eine Strecke zurück, die von Berlin bis Chicago gleichkommt.
MU welch ungeheuren Schwierigkeiten und Gefahren die kühnen Luftschiffer unter der Führung des später mit dem Luftschiff untergegangenen Kapitänleutnants Bockholt zu kämpfen hatten, ist aus folgendem, dem bei K. F. Koehler in Leipzig erschienenen Buche „Lettow-Vorbeck entgegen“ entnommenen Abschnitt zu ersehen, in dem der erste mißglückte Versuch der Afrikafahrt geschildert wird.
Arn 16. Rovember morgens 8 Ahr 10 Minuten wurde der Aufstieg gewagt, denn jeder verlorene Tag konnte ja für die Truppe Lettow-Dorbecks von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein.
Wegen zu großer Fliegergefahr im nördlichen Teil de» Aegäischen Meeres war geplant, über Burgas und dem Westufer des Schwarzen Meeres Panderma am Marmarameer an* zusteuern und weiterhin der von dieser Stadt nach Smyrna führenden Bahn zu folgen. Je nach den Witterungsverhältnissen wollte Dockholt von Smyrna oder von dem weiter südlich gelegenen See Dafi Denis aus mit eintvetender Dunkelheit in westlicher Richtung, dann unmittelbar nach Süden. äSer di« Str ätze von Karpathos hinweg, ins offene Mttelmver vor-


