Ausgabe 
17.2.1925
 
Einzelbild herunterladen

56 -

suchte nach Äöeitern, die vom Dreschen ,zurückgebliel>en »der vom Müllerwagen abgefallen warm. Es warwr zumeist weihe und braune Hühner mit rotem Kamme, die von dem kollern­den Hahne geführt wurden. Der Röhrenbrunnen. der fein Wasser ans zwei Röhren in den danehenstehMden Trog ergießt, rauschte, Schulkinder gingen mit Schiefertafel, Rechenbuch und Katechismus zur Schule, während das Schulglöcklein sein Ge­bimmel hören ließ.

Am Wirtshaus zurBurg Montfort" trafen die Jäger zu­sammen. Von den benachbarten Dörfern Obermoschel, Obern- heim, Oberhausen, Riederhausen. Norheim, Waldböckelheim waren sie gekommen, auch einige Kreuzrmcher waren darunter. Alle trugen Pelzkappen, Gamaschen und den Jägermuff rmd hatten das Gewehr über die Schulter hängen. Es gab viel Hände­schütteln und Willkommenheitzen. kräftige Männerworte wurden am Wintermorgen geredet.

Weniger stattlich sahen die Treiber aus. Das waren arme. Taglöhner, die im Winter kerne Beschäftigung hatten, und halb­wüchsige Burschen. Die älteren Männer unter ihnen hatten die Schirmkappen tief in das Gesicht gezogen und den Hals mit dicken Tüchern umwunden. Vielen unter den Jungen waren die Aermel der Jacke zu kurz, sie hatten Stauchen über das Handgelenk ge­streift. Einige der Treiber trugen dicke Fausthandschuhe, viele aber hielten den Stock in rotgefrorenen Händen. Als der Wirt mir der 'Branntweinflasche erschien, drängten sich alle herzu. Jeder bekam seinGenanntes", mit einem kurzen Ruck wurde das Gläschen umgekippt, wobei es die Jungen den Alten nicht nachtaten. Mancher zog ein Stück Brot aus der Rocktasche und kaute daran, während einer der Jäger den Treibern Anweisun­gen gab.

Es wurden zwei Treiben veranstaltet, das erste ging aus südlicher Richtung durch die Ackerfelder nach dem Dorfe hin, Richt weit von diesem waren die Schützen in einem großen Halb­kreise ausgestellt, sie hatten sich zum Teil etwas eingegraben, um von den Hasen nicht sofort gesehen zu werden. In die Kette der Treiber waren einige Jäger eingetreten, um die nach hinten ausreißenden Hasen zu erlegen. Als die Aufstellung der Treiber vollendet war, ging ein wildes Geschrei los. Hopp-hvpp schrien die Leute aus Leibeskräften, sie schlugen mit dem Stock auf die Erde, schlugen gegen jeden Baum und Busch. Alsbald zeigten sich die Folgen ihres Gebrülls. Die armen Hasl-ein, die in den Gräben und Ackerfurchen gesessen hatten, liefen ängstlich auf den Aeckern hin und her, hier einzeln, dort zu zweien, wieder an einem andern Orte in ganzen Rudeln, und als die Treiber weiterrückten, sausten sie in der Richtung nach dem Dorfe.

Richt weit vom Ortsausgang, hinter einem Baume, stand Peter Wenzel, hinter ihm sein Knecht, Ms dieser die jungen1 Treiber mit ihren roten Händen und blau gefrorenen Gesichtern gesehen hatte, dachte er daran, wie er selbst tm Atter von 16 und 17 Jahren sich als Treiber einige Kreuzer- verdient hatte. Ms das Treiben begann, richtete sich seine ganze Aufmerksaiw- keit auf die Jagd. Gerade hinein in die Schützenlinie liefen die gehetzten Tiere, und nun knallten die ersten Schüsse. Die meisten Hasen schlugen Purzelbäume und blieben auf dem Acker liegen, andere humpelten auf drei Beinen toeiter und sielen dann unter dem Schrotfeuer, das auf sie nieder ging, Wenzel hatte einen günstigen Standort, mehrere Hasen halte er nieder- geknallt, da wollte er feine Pfeife ausklopfen und frisch stopfen, darum reichte er Michel das Gewehr und sagte:Run zeig du einmal, was du kannst." Michel, der immer einer Jagd gern zugesehen hatte und im Krieg hin und wieder ein Stück Wild erlegt hatte, zitterte fast vor Freude. Er legte, als wieder ein Hase herankam, an, und das Tier purzelte über die hart­gefrorenen Schollen.

Das war ein Kernschutz," sagte Wenzel, der dicke Tabaks­wolken aus der inzwischen angezündeten Pfeife ausstieß,schieß' nur weiter, Michel, ich seh' der Jagd ein bißchen zu."

Rasch lud Michel wieder das Gewehr, er schüttete Pulver aus dem Pulverhorn seines Herrn ein, füllte Schrotkörner nach und setzte einen Papier-Pfropfen auf, den er mit dem Ladestocke fest stieß. Schnell wurde das Zündhütchen aufgesetzt, schon wieder kam ein Schuh aus dem Laufe, und abermals überschlug sich ein Hase.

itm elf llivr war das erste Treibeir beendet. Die Jäger sam­melten sich unter einem großen Ruhbaume. Bon allen Seiten kamen die Treiber- und schleppten die erlegten Hasen herbei, um sie am Stvatzenrande wohlgeordnet niederzulegen. Man­chem lief dabei das Blut über die Kleidung. Zwei alte Treiber standen seitwärts, der eine stieß den anderen mit dem Ellen­bogen an und flüsterte ihm zu:Da hinten liegen zwei Mords­kerle, morgen gehen wir hin und holen sie," Das nennt man dortHasen stoppeln". Ein Leiterwagen brachte die Deute nach dem Dorfe.

Im Wirtshause hielten die Jäger kurze Mittagsrast. Um zwölf Uhr, als die Glocke läutete, begann die Aufstellung zum zweiten Treiben. Das war beschwerlicher als das erste, es nahm seinen Ausgang vom Montforter Hofe und bewegte sich durch Waldparzellen hindurch, Peter Wenzel hatte sich diesmal den

Treibern zugesellt, diese hatten einen weiten Umweg zu machen, um an ihren Ausgangsort zu gelangen. Sie begaben sich nach Oberhausen, um von da aus das Tal hinaufzusteigen. Sie kamen an der Muhle vorbei, in der das Mahlwerk schütterte. Mehlstaub lag vor der Gingangstür, ein Spitzhund kläffte di« V o rübergehen den an. Am Fuße des Lembergs, der hoch und steil zur Linken auf ragt, führt die Straße aufwärts. Rechts erscheinen Weinberge, die mit Stützmauern versehen sind, links liegen Aecker und stehen Obstbäume, in der Tiefe fließt ein Bach. An die Aecker schließt sich ei« Wiesengrund an, rmd die Weinberge werden durch Wald abgelöst. In vielen Schlei­fen führt die Straße aufwärts zunächst und direkt nach dem Dorfe Hallgarten, im VolksmundeHelgert" genannt. Auch jetzt mitten im Winter offenbarte dieses Stück westpfälzischen Gebirgslandes seine Schönheit. Weiter hinauf wird allerdings die Gegend reizloser und kahler. Sonst waltet dort eine wun­derbare Stille, an diesem- Tage machten die Treiber, die durch den vor dem Abmarschs gespendeten Wein lustig geworden waren. Lärm.

Auf ziemlicher Höhe fuhrt rechts ein Feldweg nach dem Montforter Hofe. Seinen Damen hat der Hof von einer Burg­ruine, die dort in der Einsamkeit, weit entfernt von den großen Verkehrsstrahen, liegt. Sie liegt, in alter Zeit schwer zugänglich, auf einem Bergkegel. Das Mauerwerk ist ganz vorn Walde überwuchert. Unrühmlich ist die Geschichte der Burg, Sie war einst von Raubrittern bewohnt, die von ihrem sicheren Waldversteck hinunter nach der Rahe stiegen, wohl auch nach dem Rheine zogen und die Reisenden beraubten. Jahrhundertelang trieben die Besitzer der Burg ihr unsauberes Handwerk, im Jahre 1456 schritten der Bischof von Mainz und der Kurfürst von der Pfalz gegen sie ein und zerstörten das Aäubernest. Beinahe ein halbes Jahrtausend ist die Burg somit eine Ruine. Der Hof besteht heute aus einigen Häusern, die von Bauern bewohnt werden, denen das anliegende Feld gehört. Damals, im Jahre 1813, standen dort zwei Häuser an einer geschützten Stelle, aber das eine Haus stand damals teer, der frühere Besitzer war ausgewändert und ein Käufer hatte sich nicht gefunden.

Am Montforter Hofe sammelten sich die Treiber und die Jäger, die sie begleiten sollterr, Auf dem Hofe wohnte des Christoph Raab, in der Umgebung nur genanntHennerich- Jakobs Christoph", weil sein Vater Heinrich Jakob Raab ge­heißen hatte. Er war ungefähr achtundzwanzig Jahre und hauste mit seiner alten Mutter. Als die Treiber und di« Jäger ankamen, trat er aus dem Hoftor heraus und sprach mit den Leuten, die ihn alle kannten.

Es gab nun einen sehr beschwerlichen Weg. Hinauf und hinunter ging es. über Höhen und Taleinschnitte, durch Wald und Wiesen und über Bäche, die man überspringen mußte, Die Treiber brüllten und schlugen gegen die Bäume, daß die Hasen, die in ihrem Waldverstecke gelegen hatten, angstvoll dahin rannten, um den Jägern, die vor dem Waldrands stan­den, geraden Weges in die Flinte zu laufen. ES gab Hafers genug, die die Treiberkette durchbrechen wollten. Michel Klee schoß auf sie und streckte mehrere nieder.

Rotglühend und zum Untergehen bereit lag die Winter­sonne auf den Höhen des Hunsrücks, als man wieder in Duch­roth am Gasthause zurBurg Montfort" angelangt war. Die bei dem zweiten Treiben erlegten Hasen wurden herbeige­schleppt: denn der Kreuznacher Händler war schon da, um di« ganze Jagdbeute mitzunehmen. Lebhaft ging unter den Jägern die Rede hin und her. Der eine verwünschte sein Mißge­schick, daß er gerade, als die schönsten Hasen auf ihn zuliefen, mit dem Laden beschäftigt war. Der andere rühmte sich, sieb­zehn Hafen zur Strecke gebracht zu haben, was einen dritten bestimmte, ihm zuzurufen:Lugner, Halts Maul!" Es fehlte auch nicht an Vorwürfen, die einer dem anderen machte. Da sollte der eine dem anderen im Wege gestanden oder ihm durch unbedachten Reden die schönsten Hasen verscheucht haben. Im Hofe des Wirtshauses drängten sich die Treiber zusam­men.. Einer der Jäger zahlte ihnen den Treiberlohn auS. Außerdem bekam jeder seinen Branntwein, dann sagte eradjes" und ging weg.

Peter Wenzel stand mit feinem Knechte mitten unter ande­ren Jägern auf der Straße, da trat ein junger, linkischer Wann, der auch Gewehr und Jagdtasche trug, auf ihn zu und sagte ganz langsam:Guten Tag, Vetter Peter, ich bin erst heute mittag gekommen und habe Euch noch nicht gesehen.", Ei, Hannes, seit wann bist du denn Jäger?" sagt«! der Angeredete.

Seit voriges Jahr, dem Michelstag, mein Vater hat mir ein Gewehr gekauft, und ich habe jetzt Teil an der Obev- rnoscheler Feldjagd."

Er schießt die Satzsteine und die Wegweiser: es ist gut. wenn man sich bei der Treibjagd nicht neben ihn stellt, sonst jagt er einem eine ganze Schrotladung in die Beine", sagte lachend einer der Jäger.

(Fortsetzung folgt,)

Schriftleitung: Dr. Frtedr. Wilh, Lange. Druck und Verlag der Brübllcken Univ.-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.