Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang(925
Dienstag, -en (6. Juni
Nummer ^8
Er klagt/dass der Frühling so kortz blüht.
Ode Trochaiea.
(Aus: Arno Holz, Dafnis, Lyrisches Porträt aus dem 17. Iah» hundert.)
Kleine Bluhmen wie aus Glass seh ich gar zu gerne/ durch das tunckel grüne Grass luKen sie wie Sterne.
Gelb und rosa / roht und blau / schön sind auch die Weißen;
Trittmadam und Himmelstau/ wie sie alle heißen.
Kom und gib mir mitten-drrn Küssgens ohnbemessen.
Margen sind sie lengst dahin und wir salbst — vergessen!
Das Geheimnis des Enthusiasmus.
Von Fritz Diettrich.
Der Enthusiasmus schmiegt sich um die Hüften des Lebens wie ein prächtiger Mantel. Voll Geheimnis in den Akkorden seiner Farben. Voll Fähigkeit, mit dem sich wandelnden Tempo des Lebens anders zu scheinen und anders zu sein. Voll Fähigkeit, dem Antlitz eines Landes oder Volkes ganz verschieden zu entspringen. Enthusiasmus ist im Auftakt kindlichen Lebens, durchblutet Geschehnisse, zeugt, zerschlägt, fesselt und geht schließlich mit lautem oder leisem Schritt den höchsten Formen menschlichen Seins zu. Enthusiasmus ist eine Hilfsgröße, die wir in unser Leben einsetzen, ist in seinen Formen profan und sakral und war dem inwendigen wie dem äußeren Menschen stets gute Erde.
Es gibt zwei Pole des Enthusiasmus, die sich unserer Wahrnehmung deutlich zeigen. Der eine hält alle Herzen wach, die tief in sich eingebettet ein Ziel tragen. Der andere bewegt die Trommel des Augenblicks und zieht rauschhast die Seelen zu sich hin. Der eine Pol ist der kosmische Pol des Enthusiasmus, und was um ihn sich sammelt, ist Träger einer klar artikuliertem! Jnnenschau. Der andere ist der chaotische Pol des Enthusiasmus, und was der zu sich hinzieht, steht im Banne des Rauschhaften, gibt sich grundlos und eindeutig einer suggestiven Kraft hin, die von einer Persönlichkeit oder einem Zeitgeschehen ausgehen kann.
In Deutschland ist die Gotik der Gipfel altes Enthusiasmus geworden, eines gigantischen Enthusiasmus, der ein Ziel in sich trug, das so unsagbar unwirklich war, daß die Wirklichkeit mit blanker Waffe dem schöpferischen Willen nur allzuoft entgegen« trat. Aus der Aatur riß der inbrünstige Schöpfergeist die Urform zu seinem Kolossalwerk. Die Fichte mit ihrer rhythmischen Gliederung ist's, die in den Konstruktionen gotischer Türme hundertfach variiert wiederkehrt. Die Herbheit des Äimas. Die ewigen Laugen von Sturm, Regen und Frost überging man, mußte man übergehen. Denn, wo der Deutsche sich mit den 11» fragen der Praxis herumschlägt, geht ihm die Stoßkraft der Idee entzwei. Hier steht er in entschiedenem Gegensatz zur Antike, die aus den klaren, praktischen Forderungen heraus die Idee zu formen begann. Daß die Verwirklichung der gotischen Bauwerke dennoch gelang, verdanken wir nicht zuletzt dem Enthusiasmus, jenem Sturm von Gläubigkeit, den die Kreuz» Mgsbewegung loswirbelte. Mag die politische Klugheit der Romanen der eigentliche Grundstein dieser Unternehmungen gewesen sein, die deutsche Seele rätselte nicht danach und zweifelte nicht an ihrer Gottgewolltheit.
Üeberhaupt find die meisten Symptome des zielvollen Enthusiasmus religiöser Art: Der schweigende Enthusiasmus im Totenkult der Aeghpter, der opfernde Enthusiasmus der Griechen, der grausame Enthusiasmus der Kelten. Dem Aeghpter z. D. gibt der Enthusiasmus vorm Antlitz des Todes erst seine ganz charakteristische Prägung. Der kahle Deamtenschädel, dem das ganze Dasein eine einzige Mathematik bedeutet, wird unter diesem Blickwinkel erst sympathisch und kulturmöglich. Wenn auch das Leben des Aeghpters für uns wenig Gefühlsbetonungen und -krönungen besitzt, sein Totenkult, dem alle Adern der Kunst ihr Blut spenden, ist ungeheuer bezwingend.
Natürlich ist der chaotische Pol des Enthusiasmus, der ziellose Enthusiasmus, die bei weitem häufigere und augenfälligere Form. Ein paar Tropfen Wein, die flüchtige Schönheit einer Blume, eines Augenblicks, ein rasch heranspielendeS
Glück, kurz, fast jedes Ding, das außerhalb unseres Jchs steht und entsteht, wirbelt in uns den Staub des ziellosen Enthusiasmus hoch Denn so herrlich dieser Enthusiasmus auch ist, er ist nicht mehr als Staub, der sich lindernd Wer manchen Schlamm legt
Dieser ziellose Enthusiasmus steht groß auf den Standarten der Masse. Ilnheilig und gefährlich! Ohne die Krafthand der Persönlichkeit reibt dieser Enthusiasmus die Masse auf und macht sie in ihrer Führerlosigkeit tragisch Die französische Aevo- lution spie nach Mirabeaus Tode mehr als eine Handvoll Führer aus. Aber ihre Führereigenschaften entkräfteten sich anernaicher, so daß die französische Masse bis zum Aufstieg Napoleons ein einziger Lavastrom von ziellosen Enthusiasmen war. Auch die römische Masse, die sich in den wesentlichsten Punkten nicht von der französischen unterscheidet, ist mit all ihrem chaotischen Enthusiasmus, kulturell gesehen, ein luftleerer Raum. Aber dennoch ein fruchtbarer Raum für aufdämmernde Köpfe! Denn ihre Knetbarfeit verführte nicht die schlechtesten von ihnen zur staatsmännischen Laufbichn. lind wie man Stütze und Peitsch« der Masse wird, haben uns die Äßmer in unverlöschbaren Buchstaben hinterlassen, die uns lehren, wie man ihren Enthusiasmus wachhält, um klug und stark klaren Wert aus ihnen herauszukristallisieren.
Dichterehrung.
Von Karl Röttger.
3n der Zeitschrift »Niedersachsen" hat Wilhelm Scharrelmann einen Aufsatz veröffentlicht, der sich mit dem Problem der Dichterehrung befaßt. Der Aussatz macht seinem mitfühlenden Herzen Ehre, aber er ist zu bescheiden. Der Staat soll neben der privaten Initiative der Presse, Kritik liier. Gesellschaft für den Dichter eintreten. Und da nun, wie Scharrelmann meint, wir ein »armes Volk" geworden find, solle der Staat erst einmal in der Weise einen Anfang machen, indem er namhafte Werke, die er als wichtig für das Geistesleben der Zeit und des Volkes ansehe, ehrend benenne!
Hier ist der Punkt, an dem ich anknüpfen muß, um weite« vorzustvßen. Es ist, im ganzen gesehen, ein eines „Kulturvolkes" unwürdiger Standpunkt, in seinen Reihen unter Umständen Dichter großen Formates (überhaupt Künstler von Wuchs und Rang) sitzen zu haben, und die, um des lieben alltäglichen Brotes willen, noch auf ihre alten Tage in einem „Amt", „Beruf" usw. verschleißen zu lassen. Es ist eines Kulturvolkes unwürdig, feinen Geistern, die ihm „Brot des Lebens" geben, nicht mindestens vom 45. Lebensjahre an ein, wenn auch bescheidenes Dasein zu garantieren... Nachdem wir nahezu zwei Jahre die Inflationszeit hinter uns haben, dürste allmählich auch dem Blindesten Wohl aufgehen, daß, soviel wir auch an internationalen und inneren Verpflichtungen zu leisten haben, wir doch keineswegs so „arm" sind, daß wir das nicht leisten könnten, einer Anzahl von Dichtern, Tonkünstlern, Malern, Bild» hauem, Philosophen ein solches Einkommen zu garantieren, daß sie vom 40. oder 45. Lebensjahr an in Ruhe ihrem eigentlichen Werk nachgehen können. Wenn ein Dichter, Tonkünstler, Maler, Bildhauer, Philosoph nicht gerade einen begüterten Vater hat, oder die Fähigkeit hat, sich ein paar Mäzenaten zu suchen, — dann muß er in einen Brotberuf gehen oder hungern. Was not tut und was von feiten der Künstler, der wertvolleni Dichter, Maler, Bildhauer, Tonkmrstler in Angriff genommen werden muß, das ist die Ausrottung der Unaufrichtigkeit, die da sagt, ein Brotberuf sei durchaus vereinbar und sogar sehr günstig für das Schaffen dieser Menschen. Das ist es auf die Dauer nicht. Es mag sein, daß es für anderthalb Jahrzehnt, oder schließlich zwei Jahrzehnte ertragbar sei. Dann aber befreie ihn fein Voll. Das kömrte es nicht leisten? Ich bitt« doch. Man rechne: kann das deutsche Reich jährlich drei Millionen Mark für einen solchen kulturellen Sonderzweck aufbringen? Die Summe umgelegt auf die preußischen Provinzen und die übrigen Staaten — was kommt da für die Provinz und die Staaten heraus? Gewiß eine kleine Dumme. Nun wohl, mit diesen drei Millionen kann man 500 Menschen solcher „frei schaffenden Berufe" ein Ehrengehalt von 6000 Mark auszahlen, wenn man die Verwaltungskosten solchen Fonds abzieht, dann etwas weniger. Wenn die Stadt Düsseldorf in einem Jahr ein Defizit von nicht ganz zwei Millionen für ihr Stadttheater deckt, dann sollte solches nicht möglich sein? Einöveiviertel Millionen für einen Kunsttempel, der nicht immer Kunst bot in einem Jahr von einer einzigen deutschen Stadt — und feine drei Millionen sind möglich vom ganzen deutschen Volle für die


