Ausgabe 
16.5.1925
 
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seines Vermögens, Da bemerkte er auf einmal, Bah jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe da es war das Glas­männlein. Da geriet er in Zorn und Eifer, vermaß sich hoch und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Anglück schuld. Was tu ich nun mit Pferd und Wägelchen?" rief er.Was nutzt mich die Hütte und all mein Glas? Selbst als ich noch ein elender Köhlersbursch war, lebte ich froher und hatte feine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der Amtmann kommt und meine Habe schätzt und mir vergantet der Schulden wegen!

So?" entgegnete das Glasmännlein.So? Ich also soll schuld daran sein, wenn du unglücklich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltaten? Wer hieß dich so töricht wünschen? Em Glasmann wolltest du sein und wußtest nicht, wohin dem Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du solltest behutsam wünschen? Verstand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt."

Was Verstand und Klugheit! rief jener.Ich bin ein so kluger Bursche als irgendeiner und will es dir zeigen, Glas- männlein," und bei diesen Worten faßte er das Männlein un­sanft am Kragen und schrie:Hab ich dich jetzt, Schatzhauser im grünen Tannenwald? And den dritten Wunsch will ich letzt tun, den sollst du mir gewähren. And so will ich hier auf der Stelle zweimalhunderttausenb harte Taler und ein Haus und o Weh!" schrie er und schüttelte die Hand; denn das Wald­männlein hatte sich in glühendes Glas verwandelt und brannte in seiner Hand wie sprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen.

Mehrere Tage lang erinnerte ihn seine geschwollene Hand an seine Andankbarkeit und Torheit. Dann aber übertäubte er sein Gewissen und sprach:And wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so bleibt mir doch immer der dicke Ezechiel. Solange der Geld hat am Sonntag, kann es mir nicht fehlen.

Ja, Peter! Aber wenn er keines hat? And so gesah es eines Tages und war ein wunderliches Rechenexempel. Denn eines Sonntags kam er angefahren ans Wirtshaus, und die Leute streckten die Köpfe durch die Fenster, und der eine sagte: Da kommt der Spielpeter," und der andere:Ja, der Tanz- kaiser, der reiche Glasmann," und ein dritter schüttelte den Kopf und sprach:Mit dem Reichtum kann man es machen, man sagt allerlei von seinen Schulden, und in der Stadt hat einer gesagt: der Amtmann werde nicht mehr lange säumen zum Auspfänden." Indessen grüßte der reiche Peter die Gäste am Fenster vornehm mid gravitätisch, stieg vom Wagen und schrie: Sonnenwirt, guten Abend, ist der dicke Ezechiel schon da? And eine tiefe Stimme rief:Rur herein, Peter! Dein Platz ist dir aufbehalten, wir sind schon da und bei den Karten." So trat Peter Munk in die Wirtsstube, fuhr gleich in die Tasche und merkte, daß Ezechiel gut versehen sein müsse; denn seine Tasche war bis oben angefüllt.

Er setzte sich hinter den Tisch zu den andern und gewann und verlor hin und her, und so spielten sie, bis andere ehrliche Leute, als es Abend wurde, nach Hause gingen, und spielten bei Licht, bis zwei andere Spieler sagten:Jetzt ist's genug, und wir müssen heim zu Frau und Kind." Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf, zu bleiben. Dieser wollte lange nicht, endlich aber rief er:Gut, jetzt will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöcheln, den Satz um fünf Gulden, denn niederer ist es doch nur Kinderspiel." Er zog den Beutel und zählte und fand hundert Gulden bar, und Spielpeter wußte nun, wieviel er selbst habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber hatte Ezechiel vorher gewonnen, so verlor er jetzt Satz für Satz und fluchte greulich dabei. Warf er einen Pasch, gleich warf Spielpeter auch einen, und immer zwei Augen höher. Da fetzte er endlich die letzten fünf Gulden auf den Tisch und rief: Roch einmal, und wenn ich auch den noch verliere, so höre ich doch nicht auf; dann leihst du mir von deinem Gewinn, Peter! Ein ehrlicher Kerl hilft dem andern."

Soviel du willst, und wenn es hundert Gulden sein sollten," sprach der Tanzkaiser, fröhlich über seinen Gewinn, und der ®(fe Ezechiel schüttelte die Würfel und warf fünfzehn.Pasch!" rief er,jetzt wollen wir sehen!" Peter aber warf achtzehn, und eine heisere, bekannte Stimme hinter ihm sprach:So, das war der l e tz t c. Er sah sich um, und riesengroß stand der Holländer- Michel hinter ihm. Erschrocken ließ er das Geld fallen, das er schon eingezogen hatte. Aber der dicke Ezechiel sah den Waldmann nicht, sondern verlangte, der Spielpeter solle ihm zehn Gulden vorstrecken zum Spiel. Halb im Traum fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld; er suchte in der andern Tasche, aber auch da fand sich nichts; er kehrte den Rock um, aber es fiel kein roter Heller heraus, und jetzt erst gedachte er feines eigenen ersten Wunsches, immer so viel Geld zu haben als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden.

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer i suchte und sein Geld nicht finden konnte; sie wollten ihm nicht glauben, daß er keines mehr habe; aber als sie endlich selbst in seinen Taschen suchten, wurden sie zornig und schwuren, der Spiel­peter sei ein böser Zauberer und habe all das gewonnene Geld undsein eigenes nach Hause gewünscht. Peter verteidigte sich standhaft; aber der Schein war gegen ihn. Ezechiel sagte, er

tr6te schreckliche Geschichte allen Leuten im Schwarzwald erzählen und der Wirt versprach ihm, morgen mit dem frühesten 1

in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauberer anzu- klagen, und er wolle es erleben, setzte er hinzu, daß man ihn verbrenne. Dann fielen sie wütend über ihn her, rissen ihm das Wams vom Leib und warfen ihn zur Türe hinaus.

Kein Stern schien am Himmel, als Peter trübselig feiner Wohnung zuschlich; aber dennoch konnte er eine dunkle Gestalt erkennen, die neben ihm herschritt und endlich sprach:Mit dir ist's aus, Peter Munk, all deine Herrlichkeit ist zu Ende, und bas hätt' ich dir schon damals sagen können, als du nichts von mir hären wolltest und zu dem dummen Glaszwerg liefst. Da siehst du jetzt, was man davon hat, wenn man meinen Rat ver­achtet. Aber versuch es einmal mit mir, ich habe Mitleiden mit deinem Schicksal. Roch keinen hat es gereut, der sich an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, morgen den ganzen Tag bin ich am Tannenbühl zu sprechen, wenn du mich rufst." Peter merkte wohl, wer so zu ihm spreche; aber es kam ihm ein Grauen an. Er antwortete nichts, sondern lief seinem Hause zu.

Als Peter am Montagmorgen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur seine Arbeiter da, sondern auch andere Leute, die man nicht gerne sieht, nämlich der Amtmann und drei Ge­richtsdiener. Der Amtmann wünschte Petern einen guten Morgen, fragte, wie er geschlafen, und zog dann ein langes Register her­aus, und darauf waren Peters Gläubiger verzeichnet.Könnt Ihr zahlen oder nicht?" fragte der Amtmann mit strengem Blick. And macht es nur kurz; denn ich habe nicht viel Zeit zu ver­säumen, und in den Turm ist es drei gute Stunden." Da verzagte Peter, gestand, daß er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen; und als die Gerichtsdiener und der Amtmann urnher- gingen und prüften und schätzten, dachte er: Bis zum Tannenbühl ist's nicht weit; Hai mir der Kleine nicht geholfen, so will ich es einmal mit dem Großen versuchen. Er lief dem Tannenbühl zu, so schnell, als ob die Gerichtsdiener ihm auf den Fersen wären; es war ihm, als er an dem Platz vorbeirannte, wo er das Glasmännlein zuerst gesprochen, als halte ihn eine unsichtbare Hand auf; aber er ritz sich los und llef weiter bis an die Grenze, die er sich früher wohl gemerkt hatte, und kaum hatte er, beinahe atemlos,Holländer-Michel! Herr Holländer-Michel!" gerufen, als auch schon der riesengrohe Flößer mit seiner Stange vor ihm stand.

'Kommst du?" sprach dieser lachend.Haben sie dir die Haut abziehen und deinen Gläubigern verkaufen wollen? Ru, sei ruhig! Dein ganzer Jammer kommt, tote gesagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem Separatisten und Frömmler, her. Wenn man schenkt, mutz man gleich recht schenken und nicht wie dieser Knauser. Doch komm," fuhr er fort und wandte sich gegen den Wald,folge mir in mein Haus; dort wollen wir sehen, ob wir handelseinig werden."

Handelseinig?" dachte Peter.Was kann er denn von mir verlangen, was kann ich an ihn verhandeln? Soll ich ihm e'ttoa Bienen, oder was will er?" Sie gingen zuerst über einen steilen Waldsteig hinan und standen dann mit einem Male an einer dunkelen, tiefen, abschüssigen Schlucht; Holländer-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine sanfte Marmortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht gesunken, denn als jener unten angekommen war, machte er sich so groß wie ein Kirchturm und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weberbaum und eine Hand daran, so breit als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit einer Stimme, die heraufschallte tote eine tiefe Toten- glocke:Setz dich nur auf meine Hand und halte dich an den Fingern, so wirst du nicht fallen!" Peter tat zitternd, tote jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt sich am Daumen des Riesen.

Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters Dertounderung nicht dunkler; im Gegenteil, die Tageshelle schien sogar zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte sie lange in den Augen nicht ertragen. Der Holländer-Michel hatte sich, je weiter Peter herabkam, wieder kleiner gemacht und stand nun in seiner früheren Gestalt vor einem Haus, so gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unterschied sich durch nichts von den Stuben anderer Leute als dadurch, daß sie einsam schien.

®ie hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die Breiten 3x1016, die Gerätschaften auf den Gesimsen waren hier tote überall. Michel wies ihm einen Platz hinter dem großen Tisch an, ging Bann hinaus unB kam bald mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten sie, und Holländer-Michel zahlte von Ben Freuden der Welt, von fremden Ländern, schonen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große Sehn­sucht danach bekommend, dies auch offen dem Holländer sagte.

Wenn Bu im ganzen Körper Mut unB Kraft, etwas zu unternehmen, hattest, da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens dich zittern machen; und dann die Kränkungen der Ehre, das Anglück, wozu soll sich ein vernünftiger Kerl um dergleichen bekümmern? Hast du's im Kopfe empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger und schlechten Kerl nannte? Sjat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus Bem Hause zu werfen? Was, sag an, was hat dir wehe getan? (Fortsetzung folgt)

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen

Aniv.-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,