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Der Name des Königs Gundahari erinnert nun sofort an den König Gunther des Nibelungenliedes: sprachlich ist er auch derselbe. Aber auch die Namen der uns aus der Sage be- kannten Burgunderkönige Gibich und Giselher finden wir in den geschichtlichen Namen Gibicho und Gislahari, wieder: alle drei finden wir in dem von König Gundobad kodifizierten Dolksrechi der Burgunder, der „lex Burgundionum". Der König Gunther des Nibelungenliedes hat also wirklich gelebt, sein Reich umfaßte das Land links und rechts des Rheins, den südlichen Odenwald zwischen Neckar und Main. Noch im Lahre 795 ist die Erinnerung an die Burgunöenherrschaft im Odenwald lebendig in der Grenzbeschreibung der Heppenheimer Mark, in der ein zu Hiltersklingen im Marbachtal gehöriger Distrikt „Burgundhart" aufgeführt wird und ebenso der bei Hiltersklingen und Hüttental befindliche „Lindbrunnen" oder „Lindelbrunnen" genannt wird, an den die Äeberlieferung den Tod Siegfrieds verlegt.
Mer noch mehr: Der geschichtliche König Gundahari wurde wie der König Gunther der Nibelungensage von den Hunnen mit seinem ganzen Hause und Volk erschlagen. Der Kern des Nibelungenliedes ist also historisch. Der Untergang der Dur- gundionen durch die Hunnen fällt nun nicht in das Lahr des großen Hunnensturmes 461, der auf den Katalaunischen Feldern in Gallien am Widerstand der Römer und Westgoten unter dem' römischen Feldherrn Astius sich brach, sondern schon in das Lahr 436. Zuvor hatte König Gundahari den Versuch gemacht, seine Herrschaft in Gallien zu erweitern, aber er unterlag dem römischen Patricius Astius, der in Gallien regierte, die Riquarier niedergeworfen hatte und auch später über die Hunnen Attilas Herr wurde. Diesem begabten, kraftvollen Römer, der in der Zeit der Auflösung des Reiches noch einmal an einen Feldherrn der alten republikanischen Tugenden erinnert, war der Burgunderkönig nicht gewachsen. Er verlor 20 000 feiner Krieger, muhte um Frieden bitten, und von diesem Schlag entscheidend geschwächt, erlag er dann den Hunnen. Dunkel ist aber, wo und wie dies geschah. Jedenfalls war es nicht die Macht Attilas, des Königs Etzel des Nibelungenliedes, die den Durgunder- könig vernichtete: vielleicht aber waren es im Solde des Astius stehende humanische Hilfsvölker, vielleicht von Astius selbst gegen die Durgundionen aufgehetzt. Es liegt deshalb nahe, in König Etzel nicht den historischen König Attila, sondern den Astius zu suchen. Ob die Burgundionen, wie ja die Sage erzählt, bei einem freundschaftlichen Besuche von den Hunnen erschlagen wurden, das ist ebenso wenig festzustellen wie der Ort, wo dies geschah. Wohl haben wir im Odenwald noch Erinnerungen an die Hunnen — Heunesäulen bei Miltenberg, Hennen- schüssel unweit des Engelsbergs —, aber daraus darf nicht der Schluß gezogen werden, daß am Main das Ereignis stattfand. So viel steht aber fest, daß die feige Ermordung Änes deutschen Heldengeschlechts in der deutschen Sage die einzige Tat ist, die von Etzel und seinen Hunnen berichtet wird.
Haben wir damit die geschichtlichen Beziehungen der Burgunder zu unserer hessischen Heimat behandelt, so soll noch die geographische Beziehung des Nibelungenliedes zum Odenwald berührt werden. Bekanntlich verlegt die Dichtung den Schauplatz von Siegfrieds Tod in den Odenwald, wohin die Burgunderrecken zur Jagd ausziehen. Die Volksüberlieferung kennt nun zwei Stätten int Odenwald, da Siegfried erschlagen wurde, den Lindelbrunnen oder Siegfriedsbrunnen bei Hüttental (ober Hiltersklingen) und den Siegfriedsbrunnen bei Gras-Ellenbach. Lieber die „Berechtigung" des einen ober des anderen Brunnens ist schon viel geredet worden. Vernünftigerweise kann man die Frage nur dahin stellen: Hat der Dichter des Nibelungenliedes die Odenwaldlandschaft gekannt und bte eine ober aber die andere Stätte in der 16. Aventirme »Wie Siegfried erschlagen ward" geschildert? Der Dichter des Liedes ist nach den scharfsinnigen Forschungen des hessischen Archtvdirektors Dieterich mit größter Wahrscheinlichkeit der Abt von Lorsch, Sigehart von Schauenburg, dem sehr wohl der Odenwald bekannt gewesen sein mag. Es ist aber auch möglich, daß die landschaftliche Schilderung nicht vom Dichter des Epos selbst stammt, sondern von einem Sänger, der das Lied vortrug und aus Eigenem etwas dazu dichtete. Die landschaftliche Schil- derung von Siegfrieds Todesstätte ist nun ziemlich allgemein gehalten und kann daher auf die verschiedensten Stellen der Natur passen: verwundern darf uns das nicht, da die Literatur lener Zeit eingehende Natur- und Landschaftsschikderungen, wie wir sie gewöhnt sind, noch gar nicht kennt, aus dem einfachen Grunde, weil bei dem Menschen des Mittelalters das Naturempfinden noch sehr wenig entwickelt ist. Wenn wir uns fragen, toeldjer der beiden Siegfriedsbrunnen den Vorzug verdient, und wese Frage nach der Lanöschaftsschilderung im 16. Gesang des Jtibelungenhebe« beantworten, so kann nur der Lindelbrunnen bet Huttental-Hiltersklingen in Betracht kommen: nur hier haben Kir ben „schönen Anger", den Wiesengrund des Marbachtals, durch dessen Gras die Helden den Wettlauf zur Quelle im Walde unternehmen. Der Anger fehlt bet dem Siegfrieds- orunnenvon Gras-Ellenbach vollständig, denn dieser liegt auf Bergeshohe am Nordabhang des Spessartkopfes, und es ist im JCtbelungenlteb feine Rede davon, daß der Wettlauf den Berg
? n% ^m Spessartkopf will man den „Spessart finden, in den Hagen, wie feine Entschuldigung lautet, den Wem sandte, und will gerade aus der großen Nähe des
SiegfriedsbrunnenS beim Spessartkopf schließen, daß der Brunnen von Gras-Ellenbach nicht der „richtige" sei, und aus der weiteren Entfernung des Lindelbrunnens bei Hüttental vom Spessartkopf schließen, daß der letztere allein in Betracht komme. M;t diesem Beweis ist aber kaum etwas anzufangen, denn wer verbürgt uns, daß der Spessartkopf im Mittelalter bereits diese Bezeichnung führte? Es liegt doch viel näher, an das Gebirge jenseits des Mains zu denken, das im Mittelalter als Spechts- hard wohl bekannt war. Weiter ist aber noch eine Frage, und zwar eine sehr schwerwiegende, nicht zu beantworten: Seit wann bezeichnet die Volksüberlieferung den einen oder den anderen Brunnen als Siegfriedsbrunnen? Ob die Aeberlieferung über das 19. Jahrhundert zurückgeht, wissen wir nicht!
Ganz im Stich läßt uns auch dabei die hessische Volkssage. I. C. Wolf, der die hessischen Sagen gesammelt hat, berichtet uns vom Siegfriedsbrunnen: „Derselbe liegt bei Hiltersklingen und (so!) Gras-Ellenbach im Odenwald, und an ihm sollen zwei Männer einander erschlagen haben. Die Hirtenknaben gingen nicht gern um die Mittagsstunde in der Nähe des Brunnens, denn sie sagten, alsdann erscheine dort der Siegfried, und der habe Hörner auf dem Kopfe wie der leibhaftige Teufel". Man sieht, daß hier ja noch eine Erinnerung an den „gehörnten" Siegfried besteht, aber aus der vom Blut des Drachen stammenden Hornhaut sind Teufelshömer geworden, und von dem Helden unseres Nationalepos, von dem altnordischen Frühlingsgott, ist nichts übrig geblieben: er ist in sein Gegenteil, die Teufelsfratze, verkehrt, ein Vorgang, den wir in unserer deutschen Mythologie unter christlich-mönchischer Beihilfe ja öfters finden.
Nun hat vor wenigen Jahren der verstorbene hessische Geh. Staatsrat Dr. Wilbrand eine neue Theorie vom Siegfriedsbrunnen aufgestellt, der auch Archivdirektor Dieterich in feinem Buch „Der Dichter des Nibelungenliedes" sich anschließt. Der Schauplatz der Jagd und des Todes Siegfrieds soll im Ried, zwischen Rhein und Bergstraße, liegen. Dieterich nimmt etwas abweichend von Wilbrand an, daß die Jagd hier begonnen habe, um sich dann zur Bergstraße und zum Odenwald zu ziehen. Er findet den Spessart des Nibelungenliedes in einer Nurbezeichnung „Spessart" bei Seeheim an der Bergstraße und hat auch einen „Seiffertsgründ" (— Siegfriedsgrund) in der Auer- oacher Beforchung von 1567 ausfindig gemacht, aber er bedauert auch, nicht beweisen zu können, daß die beiden Bezeichnungen schon im 12. Jahrhundert gebräuchlich waren. Wenn nun Wilbrand und Dieterich den Siegfriedsbrunnen im Lorscher Wald Bgto. an der Bergstraße finden, so besteht das Bedenken, daß die Gegend nicht, am wenigsten das Ried, zum Odenwald gehört. Die Bergstraße und die angrenzenden Teile des Gebirges werden erst in jüngster Zeit zum Odenwald gerechnet. Noch im 16. Jahrhundert (im Bauernkrieg!) ist Odenwald das Gebiet zwischen Neckar, Main, Mümling, also der südliche und östliche Teil des Gebirges, und wir können gerade noch das Marbachtal hinzurechnen, das unmittelbar in das Mümlingtal mündet. Die Jagd der Burgunden wird doch ausdrücklich in den Odenwald verlegt. Eine andere Version der Sage nennt freilich den Wasgenwalö, worunter man die Vogesen versteht, allein Dieterich sieht diesen „Wasenwald" in dem Sumpfwald des Rieds.
In der zweitletzten Strophe des 16. Gesangs nennt der Dichter nochmals den Ort des Todes:
Vom Drunnguell, wo Herr Hagen Den edlen Siegfried schlug, Will ich die rechte Märe Euch künden auch mit Fug: Ein Dorf beim Odenwalde Das heißet Oden heim, Dort fließt noch heut der Brunnen, Es kann fein Zweifel sein.
Das mhst erlöse Doorf Odenheim hat auch viel Kopfzerbrechen verursacht: man sucht es in Edigheim in der Pfalz oder in Odenheim bei Bruchsal. Dieterich stellt die geistreiche Hypothese mnes „Aotenhain" (= Hain der Königin Ate) auf, das er im Steö zwischen Worms und Odenwald sucht. Stammt aber di« Strophe mit dem Dorf Odenheim, die nur in einer Handschrift des Nibelungenliedes vorkommt, vom Dichter des LiedeS oder von einem Schreiber? And macht sie nicht den Eindruck einer gewollten Mystifikation? Sollte nicht der Ortsname Odenheim nur eine Schöpfung der Phantasie fein? Diefe Fragen haben sich mir immer wieder ausgedrängt.
Ach bin am Schluß. Zweifellos wird jetzt durch den Nibe- llmgensilm in unserem Volke das Lntereffe an der deutschen Heldensage lebendig. Darum geht einmal hinaus in unseren Odenwald, in das Burgunderland, und lauscht am Lindelbrunnen dem Murmeln des Wassers, dem Gang der Waldvögel und dem Rauschen des Waldes und laßt dann die Gestalten unserer Heldmisage vor euerem geistigen Auge lebendig werden. Oder seht drüben am Siegfriedsbrunnen beim Spessartkopf das 1851 errichtete Kreuz mit der Strophe aus dem Nibelungenlied:
»Da der Herr« Siegfried aus dem Brunnen trank,
Er schoß ihn durch das Kreuze,
Daß vvn der Wunde sprang A
Das Mut ihm von dem Stetgen fast an Hagens Kleid. 1 So große Missetat ein Heide nimmermehr beging." ,..j\


