Gießener Milienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 1925 Samstag, ^rn 16. Mai, Nummer 39
Mond.
Don Georg Hehm.
Den blutrot dort der Horizont gebiert, Der aus der Holle großen Schlünden steigt, Sein Purpurhaupt mit Wolken schwarz verziert, Wie um der Götter Stirn Akanthus schweigt.
Er setzt den großen goldnen Fuß voran ülnd spannt die breite Brust wie ein Athlet, Ülnd wie ein Partherfürst zieht er bergan, Der Schläfe goldenes Gelock umweht.
Hoch über Sardes und der schwarzen Macht, Auf Silbertürmen und der Zinnen Meer, Wo mit Posaunen schon der Wächter wacht, Der ruft vom Pontos bald den Morgen her.
Zu seinem Fuße schlummert Asia weit Im blauen Schatten, unterm Ararat, Das Schneehaupt schimmert durch die Einsamkeit, Bis wo Arabia in das weiche Bad
Der Meere mit den weihen Füßen steigt Ülnd fern im Süden, wie ein großer Schwan, Sein Haupt der Sirius auf die Wasser neigt, jlnb singend schwimmt hinab den Ozean.
Mit großen Drücken, blau wie blanker Stahl. Mit Mauern, weih wie Marmor, ruhet aus Die große Ninive im schwarzen Tal, ■ilnö wenig Fackeln werfen noch hinaus
Ihr Licht, wie Speere weit, wo dunkel braust Der Euphrat, der sein Haupt in Wüsten taucht. Die Susa ruht, um ihre Stirne saust Ein Schwarm von Träumen, die vom Wein noch raucht, Hoch auf der Kuppel, auf dem dunklen Strom Belauscht allein der bösen Sterne Dahn Sn weißem Faltenkleid ein Astronom, Der neigt sein Szepter dem Aldebaran,
Der mit dem Monde kämpft um weißen Glanz, Wo ewig strahlt die Dacht und ferne stehn Am Wüstenvand im blauen Lichte ganz Einsame Brunnen und die Winde Wehn, Oelwälder fern um leere Tempel lind, Sin See von Silber, und in schmaler Schlucht Uralter Berge tief im Grunde rinnt Ein Wasser sanft um dunkler üllmen Bucht.
Die Bürger von Dirano.
Don Kl ab und.
Dirano wollen wir einen kleinen, in einem Seitental des Kantons Tessin gelegenen Ort nennen, der dadurch bekannt oder vielmehr berüchtigt ist, daß er seine ärmlichen Finanzen durch allzu freigebige Ausstellung von Schweizerbürgerbriefen auf-- zupulvern pflegt. Denn das Schweizerbürgerrecht ist sehr begehrt, mit einem Schweizer Pah kommt ein Halunke leicht in der Welt herum und auf seine Kosten, und darum scheut er nicht einige blaue oder Braune Lappen, um in die Gemeinschaft der Eidgenossen, der Dachfahren Winkelrieds und Teils aufgenvmmen zu werden.
Sn Dirano also gab es eines Tages eine große Aufregung. Zigeuner waren in dem gottverlassenen Nest eingetroffen und hatten auf dem Dorfplatz, gerade vor dem Standbild einer buntangestrichenen, gipsernen Madonna ihre Wagenburg errichtet. Es waren Zigeuner nicht gerade von der allerfeinsten Sorte: Derwegene Burschen und Männer, die schon allerlei auf dem Kerbholz hatten. Sie führten ein zwar sehr schmutziges, aber ungewöhnlich hübsches Mädchen bei sich, dem die jungen Burschen Von Dirano alsbald nachstellten. Eines Abends kam es infolgedessen zu einer Prügelei und Messerstecherei zwischen Zigeunern Und Diranesern, und um ein Haar wäre der Sohn des Sindaeo erstochen worden. Am nächsten Morgen hatte der Amtsdiener e Zigeunern höflich, aber bestimmt zu erklären, daß ihres bens in einem friedlichen Ort wie Dirano nicht länger sei. e ihrer heftigen und kriegerischen Gemütsart mögen sich, tnit Berlaub zu sagen, dorthin scheren, wo der Pfeffer wächst, and sie mögen nicht verabsäumen, vor allen Dingen Dirano von
dem kleinen schwarzen, weiblichen Teufel zu befreien, der in der kurzen Zeit seines Hierseins schon so viel Unheil in der Herrenwelt Diranos angerichtet habe. — Wie erstaunte der wackere Hüter der Belange Mranos, als der Zigeuner Oberster und des Mädchens Baier sich in die behaarte Brust warf und in einem schlecht stilisierten und falsch ausgesprochenen Italienisch sich pathetisch als Bürger von Dirano bekannte! ülnd in der Tat: Er war es. Er hatte das Gemeindebürgerrecht schon vor einigen Jahren gegen Nachnahme von der Gemeinde Dirano rechtens erworben.
„Wahrlich," so sprach er, salbungsvoll wie ein anglikanischer Sonntagsprediger, „wollt ihr uns von der teuer erworbenen Heimaterde verstoßen, mich, euren Landsmann, und Nadja, eure Landsmännin? Das Gesetz gibt euch kein Recht zu solchem Tua." — Der Amisdiener war sprachlos, prüfte die Papiere — sie stimmten. Auch der Sindaeo wußte nichts Stichhaltiges zu erwidern. Es blieb den Leuten von Dirano nichts anderes übrig, als, um die Zigeuner loszuwerden, das Bürgerrecht von ihnen zurückzukaufen — zu einem erheblich höheren Preise, versteht sich, als den, den die Zigeuner dafür angelegt hatten.
Die Nibelungensage und unsere hessische Heimat.
Don Hans Otto Decker.
In der Sage werden Nibelungen und Durgunder identifiziert, wir finden dm eigentümliche Erscheinung, daß im zweiten Teil des Nibelungenliedes der Name Nibelungen auf die Burgunder übergeht. Nibelungen bedeutet die Bewohner Nlfelheims, des Nebellandes, bedeutet die Zwerge, deren Kunst den Nibelungenhort geschaffen hat, Siegfrieds Gewinn von dem erschlagenen Alberich feine Morgengabe an Kmemhilde. Als nach dem Tode Siegfrieds seine Witwe mit dem Golde des Hortes sich Freunde werben will, mit deren Hilfe sie den Mord rächen möchte, versenkt Hagen den Schatz zu „Loche" in den Rhein. Dieses Loche ist der Ort Lochheim am Rhein. Worms, der Sitz der Durgunder- könige, ist die alte Stadt am Rhein, die den kelttsch-rörnischen Namen Borbetomagus führte und wohl die Stadt der historischen Durgunderkönige war.
Die Burgunder, oder besser Burgundionen, find ein deutscher Stamm, der vor der Dölkerwanderung an der Oder und Weichsel sah, aber schon im 3. Jahrhundert nach Westen wanderte. Sie versuchten, über den Rhein nach Gallien einzudringen, wurden aber von den römischen Kaisern Probus und Maximianus zurückgeworfen. Sie mußten sich hinter den Sitzen der Alemannen, die damals schon im Besitz des römischen Dein» matenlandes auf der rechten Seite des Rheines bis zum Neckar waren, ansiedeln, und so wohnten sie bis zum Ende des 4. Jahrhunderts im oberen Maingebiet, lebten in guten Beziehungen zu den Römern und halfen diesen, die Alemannen in Schach zu halten, ülm 370 brachen 80 000 Burgundionen an den Rhein und an die Mainmündung vor, wo ihnen die Alemannen weichen mußten. Im Jahre 406 kam von Osten her eine gewaltige Dölker- welle, aus Vandalen, Sueven und Alanen bestehend, aus ihrer Heimat von den Hunnen verdrängt, an den Rhein gebraust und riß die Burgundionen mit sich über den Strom nach Galüen hinüber. Diese römische Provinz verteidigte damals der älsurpator Constantin kraftvoll gegen die Eindringlinge, aber er selbst,wurde von dem rechtmäßigen Kaiser Honorius bekämpft; während diese beiden Römer miteinander stritten, suchte der Durgunder- könig sich und seinem Volke eine neue Heimat in der „Germania prima" zu schaffen. Dieser König hieß Gundahari, der griechische Schriftsteller Olhmpiodor nennt ihn Ghntiarius. In Mainz rief er gemeinsam mit dem Alanenhäuptling Goar 411 den Gallier Jovinus zum Kaiser ans, der aber 413 zu Dalnre gefangen und hingerichtet wurde. Der römische Feldherr Gon- stantius, der Gallien verwaltete, suchte nun die Burgundionen als Freunde und Verteidiger der Grenze zu gewinnen, rmd so wurde ein Teil des Volkes auf dem linken Rheinufer auf Grund der „hospitalitas" angesiedelt. Wie auch anderwärts in lener Zeit, wurde der Germane als hospes (euphemistisch Gast freund genannt) in die Häuser der Bewohner einquartiert und erhielt von ihnen einen bestimmten Teil des Felderttages. Em solches Verhältnis mußte natürlich, da der hospes sich als Herr, suhlte, zur Auflösung des StaatsverbandeS führen. Die linksrheinischen Burgundionen wurden Christen, während die rechtsrheinischen Heiden blieben.


