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WiesenhauS, 10. Februar 1830.
Unter Primadonna versteht man eine Sängerin, die jährlich hunderttausend Gulden Gehalt und dreizehn Monat Llriaub hat, die übrige Zeit heiser ist.
Das nenne ich eine Definition! Wemr Sie mir aber sagen: »Genie Eommt von Gott", so weiß ich darum noch nicht, was Genie ist. Außerdem kommt alles von Gott, auch eine Laus. Daher laus Dei. Cicero nimmt die großen Männer aus: nemo vir magnus sine aliquo afflatu divino unquam fuit. Je nachdem einer angeblasen wurde, heißt er dann Julius Cäsar oder Deethoven: aber Sie werden mir zugeben, daß zwischen dem Rubikon und der Neunten Sinfonie ein Unterschied besteht, den es der Mühe wert wäre zu kennen. Wenn wir nicht mehr wissen wohin, ist uns Gott gut genug wie eine Rumpelkammer. So geht das nicht, haben wir ein Wort und brauchen es, so müssen wir es auch verantworten. Ich habe Ihnen schon gestanden, daß ich nicht weiß, was ich Genie nennen soll, und bin sehr geneigt, vieles für Genie zu halten, was gewöhnlich nicht dafür gilt. Ich möchte mich nicht davon "entfernen, daß wir es nicht bei seinen Teilen fassen dürfen, aber immer als ein Ganzes. Wie es eben vieles in sich begreift, mag auch das unbewußte Schaffen mit dazu gehören, insofern es ein solches gibt, das das Gegenteil einer berechnenden Absicht ist, die sich Fähigkeiten dienstbar machen will, über die sie nicht gebietet. Wollte jemand aus Eitelkeit oder Gewinnsucht ein Kunstwerk Herstellen, und verfügte er dabei über wirkliches Vermögen, wie wir das heute häufig nicht nur sehen, sondern auch gelingen sehen, dem würde ich Genie bestreiten. Das ist Mache. Deshalb aber glaube ich doch nicht, daß wirkliche Kunstwerke so ohne weiteres unbewußt entstehen. Bei Goethe schon gar nicht, der kurios-baute und zimmerte. In seinen gesammelten Schriften findet sich dafür Zeugnis genug, wie methodisch er zu Werke ging. Aber er war geschult wie keiner, und daß, er das vertragen hat und in all dem Erlernten und Anerzogenen so frei blieb, ist vielleicht, was wir an ihm am meisten zu bewundern haben. Auch Deethoven hat in feiner Jugend durch Schulübungen der Zeit seines Schaffens stark vorgearbeitet. Damals übte er sich und brachte es sehr weit im Variieren, und es gibt keine ledernere Schulfuchserei als diese, seinerzeit sehr verbreitete Passion der Variationen. Auch Degeisterurrg allein reicht nicht aus und beweist das Genie nicht. Der dümmste Kerl kann sich für etwas begeistern, und für welchen Unsinn hat die Welt nicht schon Begeisterung erlebt. Wie der Rausch ist Begeisterung eine Potenzierung des Wesens; es mußte aber etwas vorhanden sein, das zur Potenz erhoben wurde, sonst ist sie wertlos. Zuletzt fällt Genie vielleicht mit Persönlichkeit zusammen. Aber damit sind wir so weit wie vorher.
So geht es uns mit den meisten Dingen. Die Worte sind einmal da und im Verkehr, ein paar Begriffe laufen auch mit ihnen nebenher. Wir nehmen alles, ohne viel zu fragen und im guten Glauben auf, und wie's getrieben wurde, treiben wirs weiter, bis wir uns eines Tages hinter den Ohren kratzen. Wir kommen aber alle, tote wir da sind, jung und dumm als Kinder in eine alte, viel zu gescheite Welt hinein, der wir nicht gewachsen sind und aus der wir wieder hinausgeworfen toetben. eh wir noch etwas von ihr begriffen. Mir wenigstens geht es so, und ich kann mir recht gut denken, daß mich — wenn ich werde gestorben sein — jemand fragen würde: „Wo kommst du denn her?" Und wenn ich dem dann antwortete: „Aus der Welt", jener verwundert ausriese: »Du? aus der Welt? Ja was hast denn du um Gottes willen dort gemacht?" Gerade wie man einen Pinkeljuden behandeln würde, der sagte, er käme vom Hofball.
Ich habe jetzt, mit wenig äluterbvechungen, vierzehn Tage Ruhe gehabt. Hoyos war bei mir und redete mir sehr freundlich zu, nach Wien, zu ihm zu kommen. Gehe eigentlich sehr zaghaft an den Gedanken, weil man mit solchen Gebrechen behaftet nichts unternehmen kann und anderen lästig fällt. Werde aber doch gegen Mitte Mai für einige Wochen fjingefjen, um welche Seit Sie ja auch da sein werden.---
Romarres.
Etwas über die Zigeunersprache.
Bon Engelbert Wittich
^Nachdruck verboten.)
Don allen Eigentümlichkeiten des Zigeunertums ist die Sprache die hervortretendste und daher auch die am meisten erforschte. Lange Zeit hielt man das Zigeunerische nur für eine Art Gaunersprache. Gegen die landläufige Auffassung haben sich die mehr oder weniger gelehrten Fachbücher von Pott (1844). Liebich (1863), v. Sowa (1887), Pischel (1894), Fink 1903, Dur- gois (1911) u. _o. gewandt.
Die aufblühende Sprachwissenschaft, der Eifer der Gelehrten hat nicht Ruhe gegeben, bis das Rätsel, eine ganz ftembe Sprache mitten in der europäischen Kulturwelt, gelöst wurde. Die Zigeunersprache ist eine richtige, grammatisch aufgebaute, uralte indische Sprache, noch verwandt mit dem stolzen Sanskrit, wovon ja auch die altindogermanischen Sprachen Europas: Lateinisch, Griechisch, Germanisch usto. abstammen. Das Romanes hat seine indische Eigenart durch die ungünstigsten Derhällnisja
hindurch bis auf unsere Zeit und bis in die fernsten Gegende-m wo Zigeuner Hausen, auffallend rein bewahrt. Es scheint aber daß die Zigeunersprache mehr und mehr an Boden verliert Unö da, wo sie noch blüht, leidet sie wieder unter ausfallender dialektischer Zersplitterung, teils durch Aufnahme sremdsprach- licher Bestandteile, tells durch selbständige Weiterentwicklung! und Vernachlässigung in der Wortbildung verursacht. Jedoch haben die Sinke (Zigeuner) im Weiterziehen manche dieser fremden Sprachwörter fallen lassen, vieles aber zähe feftge- halten. Aber auch alle die Zigeunerdialekte zeigen wieder beut- llch ihre enge Verwandtschaft, so daß (nach Dr, H Bourgeois) eine für alle mitteleuropäischen Zigeuner fast in gleichem Grad« verständliche Sprachweise herauskommt. Beispielsweise wird die vom Schreiber dieses in Gemeinschaft mit seiner Frau verfertigte älebersetzung des Markus-Evangeliums in die deutsche Zigeunersprache (Britische und ausländische Bibelgesellschaft, Berlin 1912) sowohl über ganz Deutschland hinaus, tote auch in Nordungarn unter der Tatra sowie im Zigeunervierte! von Eperjes gut verstanden. Es ist auffallend, wie wenig sich der echte Kern der Zigeunersprache, trotz der langen Zeit, verändert hat. Ohne andere Sprachlehrer als die älteren Zigeuner, ohne den Halt einer Schriftsprache, ohne jede Schulpflege hat sie sich, trotz der Gefahren der Verwilderung, immer wieder schön entwickelt und erhalten. Merkwürdig ist es auch daß in manchen Gegenden, wo der Rom (Rom — Mann — aber unter seinesgleichen bezeichnet der einzelne Zigeuner sich auch so) weniger zahlreich ist, wie z. D. in Süddeutschland, die Sprache sich anscheinend reiner erhalten hat als da, wo die Zigeuner in großer Zahl beisammen sind, wie in Ungarn, wo sie viele ungarisch« usw. Worte ausgenommen hat.
Die Zigeunersprache ist nicht reich an Worten. Sie spiegelt gewissermaßen die Armut und überhaupt die Eigenart des Domcmotschel (Zigeuitervolk) wider. An indische Verhältnisse erinnert ist, wenn die Sinte in ihrer Sprache nur zwei Jahreszeiten, Sommer (Riel) und Winter (Wend) kennen. Die Monatsnamen entlehnen sie aus anderen Sprachen. Mr Dach, Fluß, Meer, Teich find ebenfalls keine eigentlichen Wörter voihandeir, immer muß Dani (Wasser) ober bare Dam (großes Wasser -- Bezeichnung für Meer) aushelfen. Mit Seneli (Grün) wird alles mögliche Gewächs bezeichnet. Besonders merkwürdig ist eS, daß die Manische (so nennen sich die Zigeuner untereinander, von Manusch = Mensch) so arm sind an Ausdrücken für die Natur, in der sie doch täglich leben. Die Worts säen, wachsen, Saat und Halm sind im Romanes (Zigeunerischen) nicht vertreten. Berg wird mit dem Lehn.»ort Brego.'das Wetter mit Ziro (Zeit) ausgedrückt, der Himmel mit Bo laben, was aber auch „Taufe" bedeutet. Wenig Bezeichnungen hgt der Zigeuner Für die verschiedenen Singvögel und für fast alle Bäume, mit Ausnahme von der Bachstelze, die sie Romano Tschirilo (Zigeunervogel). und der Buche, welche sie Romano Ruck (Zigeunerbaum) nennen, usw. Besser ist es mit den größeren Tieren;, obwohl auch hier das eigentliche Wort für „Tier" fehlt. Ganz unbekannt sind Ausdrücke für „Wohnung" und „wohnen", was bei dem heimatlosen Wandervolke eigentlich weiter nicht wundernehmen darf. Auch für manche Krankheiten haben sie kein« besondere Bezeichnung. Die Zigeuner sind eben verhältnismäßig gesund. Bleibende Fremdwörter sind unter anderem: Doter (Stück), Grai (Pferd), Morti (Haut), Drom (Weg). Someni (Suppe), Stabt (Hut), Sabont (Seife), Forv (Stabt), die Zahlen efta, ochta, euja — sieben, acht, neun, Murgi (Katze), Mchka (Fuchs), sinelo (grün). Mehr ober weniger häufig sind je nach dem Geschmack der Zigeuner die dem Deutschen entlehnten Wörter. Interessant ist es, daß das Romanes Wörter aufweist, die auf den ersten Blick als deutsche erscheinen, bei näherem Betrachten aber sich als echte, altzigeunerifche Herausstellen — eine Erinnerung, daß eben die deutsche und die Zigeunersprache beide eine gleiche Quelle haben. Deutsch Singen z. D. auch und sind doch reinei Zigeunerwörter: Wend (Winter), trujum (um, herum, umher) Ziro (Seit), du! (zwei), drin (drei) usw.
Fehlende Ausdrücke ersetzt der Zigeuner auch durch Um« schreibung, und da müssen Gowa (Sache) und Beda (Ding) in Verbindung mit einem Eigenschaftswort meistens aushelfen.
Da es für manchen Leser einmal ganz interessant sein dürste, etwas in Original-Zigeunersprach« mit der deutschen Uebersetzung zu lesen, so möge zum Schluß noch dieses Seine Gedicht hi« Platz finden:
O tschorelo Sentinger Tschawo.
»Me hom i dikno, tschorelo Sintenger Tschawo, Mer Dai muies da mer Dat hi stildo.
Gamlo, baro Dewi! me hont giage tschorelo. Da mer Dades ano Slilaben, les hi bokelo. Man hi tschi har mer Baschamaskeri. Me lau la da dschau ani Gertschemi, Dschin da has i bresla Lowe man.
Naschatia bascha mer Dad ano Stiiaben, Djomles gaua Lowe, job has froh: ,Oama hiio buter genk bokelo!'"
Das arme Zigeunerkind.
„Ich bin ein Seines, armes Zigeunerkind
Meine Mutier ist gestorben und mein Vater ist bet* Lieber, großer Gott! ich bin so arm. (haftet.


