Gießener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang (925
Dienstag. Sen 15. Dezember
Nummer (00
an. -
Schwarz au, Sonntag, 3. Dezbr. 1871.
den zum Menuett längst nicht mehr
antreten und fi<
beim N
wann ich mit t_.
Schnaken. Mich___
Töne, so fein und Äteifen. Zum Schlaf ist Zeit genug.
Draußen die Leere.
Von Gustav W. Gberleim").
Es ist so viel Leere braust«^
Kälte und Traurigkeit.
als wären die Menschen der Srmnc im Wege mit ihrem Leid.
Da flüchten wir unsere HerzM an unseren stillen Herd. Es ist eine Well doll Liebe daS Glück im Winkel uns wert.
Frühling aufgetan.
und gläubig zünden wir wieder
Garten und fingen bei Tag und Nacht, daß ichs hören kann, dnem Netze Musicks fange. Zu Hause heißt manch lmwchalt die 3ag£> im Bett. Denn ich fange schwellend kommen sie gezogen in weiten
Früh und abends eines solchen Ganges sicher zu sein, hat großen Wert; die andere Zeit sitz ich am Fenster, schreib oder lese und habe auch da noch die Wohltat des Anblicks, selbst ,, zumal beim Nebel, der den Raum räumlicher macht, indem er ihn begrenzen Hilst; dann stimmen die Erden so gut Zu der grauen körperlichen Lust und ziehen die anmutige Linie hinein, zu der der Laus des Baches sie biegt, und Phantasie, die sich nicht gern ins Helle wagt, tritt leise aus uns heraus und mischt sich in so verwandten Traum der Natur. Ich halt es mit jedem Wetter, auch mit dem Sauwetter, und laß mchts darauf kommen.----
----Ihr Sauwetter finde ich prachtvoll. Der Schnee ist der wunderbarste Künstler, und daß sie ihn schmilzt, ist Neid der Sonne. Sie wäre außerstande, den dichtesten Busch im Walde so innerlich zu beleuchten, wie dieser Staub des Himmels es mit feiner weichen Ruhe vermag. Die Schwarzamsel erschrickt und weiß sich verraten, sie war darauf nicht gefaßt, daß daS Dunkel leuchten könnte, und der kleine Zaunkönig zeigt, wie leicht er ist, denn die Flocken rühren sich nicht, wenn er durch die Zweige schlüpft. Das soll ihm einmal Ihr Corps de ballet nachmachen. Kleine Bäume, die man im Sommer nicht anschaut, stehen da in den Lichtungen wie gepuderte Marquisen bei einer Cour; jeden Otw—— 1 ° —
Doll redet, ist die Sprache der Trouba- «urS. Mein alter Fischer rst ein Troubadour, der Hirt der Siegen weidet, ein Troubadour. »Pschah diu" '(Mit tch ihn heut morgen, nicht rufen, nein, leise vor sich hu» te* S* erhob sich und folgte ihm. Das ge-
f® knttlos zwischen Olivenbäumen, blühenden ZistuS- sträuchen tmb alten grauen Steinen. Aachtioallen t».
Bei Nordwind ist das Meer blau, vom Ostwind wird es bleich Der Wind ein Färber, das ist neu. Der Nordwind heißt hier Mistral, und nach Antibes kommt er als Westwind, denn er wuß um die Ecke. Aber was das für eine Ecke ist! Das Kap Esterelle; so schön der Name, so schön das Gebirge. So sintt em Berg ins Meer, wenn er seiner würdig endet. Mit Grazie stechen, müssen wir doch mit Grazie leben und von solchem Ende unfern Anfang lernen. Auf meine alten Tage werd ich ^See ist warm genug, und ich könnte täglich Darm baden Aber lch habe Furcht vor dem Pulh — die pieu- Haifischen und vor der großen Menge Wassers. In Den Klippen kriech ich viel herum und suche nach Muscheln und Seeigeln. Der Seeigel ist zweckmäßiger erschaffen als der Mensch denn er geht auf seinem Schnurrbart. Hier haben die ^"MckE-^°uch schE Namen. Bestelle heißt ein reizen- des Geschöpf von blauem Venezlanerglas, das in Flotten auf schwinimt und ein blaues glänzendes Segel aus- Sckmee zerschmilzt es wie ein Flocken
mochte man fo gerne anderen zeigen, und doch kann man davon nur erzählen.
in »Brandung", Lieder und Gedichte, Bergstadtverlag
»genblick erwartet man, sie werden ich so zierlich verneigen, was läng.
zu sehen ist. Was Tannen fein können, lernt man erst, wenn Schnee ihre Zweige niederbeugt, und daß Last anmutig machen kann. Könnte man sehen, wie Denken aussehen mag, so müßt« es fein, und so fallen Philosophie und Poesie in eins zusammen, aus dem sie hervorgingen. Dazu die schönste Wärmeempfiü- dung, die von innen heraus, noch besser empfunden durch das Einattnen so kräftiger frischer Lust. Das alles mit einem dicken Rocke und groben Stiefeln zu erkaufen. Nein, nein, ich lobe mir diese deutsche Art der Natur und möchte ste nicht anders. Da ist nichts, das sie nicht in sich trüge.
Briefe eines Unbekannten.
Alexander von Villers wurde 1812 geboren; er entstammte einer lothringischen Emigrantenfamilie. Nach einem abenteuerlichen Leben, das ihn zuletzt in das Amt eines sächsischen Gesandten in Wien führte, zog er sich auf das nahe dem Wiener Wald gelegene , Wiesenhaus" zurück. Hier führte er das Leben eines Bauern und Grandseigumrs, eines Aestheten und Philosophen, eines Einsiedlers und Freundes vieler Freunde, und schrieb in der behaglichen Muße seines Alters jene Briese, die, später zu „Briefen eines Un- tscannten1 (in neuer, schöner Ausstattung heraus- gegeben vom Snselverlag in Leipzig) bereinigt, ihn für Emer bekannt und berühmt machen sollten und die an Glanz und Geist ihresgleichen in der deutschen Briefliteratur suchen.
Ferleiten, 29. 3uli 1871.
^Schopenhauer stoß ich auf den Ausdruck: „Der Stil ist di« Physiognomie des Geistes", der mit dem Buffon zugeschrie- Benen: „Le style, c’est l’homme“, was letzterer aber nidtffo gefagt und nicht so gemeint hat, übereinz«stimmen scheint Da, wo drefeS Wort bei Buffon vorkommt, lautet es: „Le style
Endern er nämlich vorausschickte, was der Mensch wisse, habe er von irgendwo außer ihm genommen nur wie er «S ausspreche, gehöre ihm selbst. Auch Schopenhauer ist jener Ausspruch nicht ohne weiteres nachzureden und mutz aus dem Zusammenhang erläutert werden. Er greift näm»
Kant in feiner Kategorielehre an. die er dessen persönlicher Vorliebe für eine symmetrische Architektur im Denken zu- schreibt, der zuliebe, und um das einmal lehrhaft Ausgestellte zu behaupten, er in die Schwäche verfallen sei, die Wahrheit zu opfern und die Dinge zur Anpassung in seine Tabellen zu zwingen. Em Merkmal der Grundlosigkeit der Kategorielehrs sei schon deren Vortrag, und in dieser Hinsicht weist er auf den Abstand zwischen der transzendentalen Aeflhetik und der transzendentalen Analytik; dort wisse er, was er will, und wisse daß . recht hat, deshalb sei alles klar. Hier hingegen alles bi’mfel
An Rudolf Graf Hoyos. Antibes, Ende April 1868. S verworren, schwankend, der Vortrag ängstlich. Dort sei alles
Sch habe Gedanken für manche Menschen an allen Enden I hier hingegen fÄrden sich bloße Behauptungen, daß
meines Weges verstreut; sie hängen an Sträuchern, sitzen auf I 0«’z C™ muffe. Dies führt nun Schopenhauer zu dem Felsentrümmern, wandeln auf dem scharfen Grat hoher Derae I ^^1«'Satz, den er so einleitet: „Also hier, wie überall, trägt weben von Ufern zu Ufern,, glitten in vergoldete Rahmen und des Denkens, aus dem er hervorge-
flogen mit manch einem unbekannten Vogel davon. Etwas wird | denn der Styl ist die Physiognomie de»
aus allem und jedem; was? das kümmert mich nicht. Auch in I ®et,te8- ÜÄw I?ÄHÄÄÄ fte schützend decken, wissen von ihnen und wachsen auf zu ~ - - -
hohen Kronen, die über alles Land ihre Blüten schütteln. Und dem, der an bemoosten Steinen fitzt und stiert hinaus, blöde und gedankenlos, dem trägts der Wind zu. So fliegen Gedanken hinüber und herüber um die ganze Erde und fetzen sich auf Summe Menschen, die im Grafe liegen; indische Gedanken verwirren schwarz burg-rudolstädtische Begriffe, und babylonische Meen königlich preußische Untertanen — das ist der große Turm von Babel, und es ist nicht wahr, daß er unausgebaut geblieben, wie die Votivkirche, er ist nur so hoch hinausgewach- sen über die Wollen, daß ihm selber der Ottern ausgeht, wenn er sich ansieht.


