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»Lieber Freund! sage dein Fräulein, daß ich gleich komme» werde... Warte... ich habe kein Kleingeld, aber da sind drei Rubel (die letzten!), wechsle sie, behalte einen Rubel und bring« mir den Rest."
Aebenbei gesagt, hat sich der -Unmensch, nachdem er die drei Rubel eingesteckt hatte, nicht wieder gezeigt. Das Ungeheuer wußte gairz gut, das; ich im Suslotoskischen Hause keinen Skandal machen würde, und nützte die Situation aufs Unverschämteste aus. Doch im Augenblick achtete ich kaum darauf.
„Run, was sagst du dazu?" frage ich Swiatecki.
„Richts! Jedes Rindvieh findet einen Schlächter."
Die Eile, in der ich mich ankleidete, ließ mich kein angemessenes und gehöriges Schimpfwort für Swiatecki finden.
2.
Eine Viertelstunde später klingle ich bei Suslowskis.
Es öffnet mir Kazia selbst. Sie ist entzückend... sie hat noch in sich die Wärme des Schlafes und die Frische des Morgens, die sie in den Falten ihres hellblauen Kattunkleides aus dem Garten mitgebracht hat. Der Hut, den sie abgelegt, hat ihr Haar ein wenig zerzaust. Das Gesicht lacht, die Augen lachen, die feuchten Lippen lachen... der reine Frühlingsmorgen! Ich ergreife ihre Hand und beginne sie bis zum Ellbogen mit Küssen zu bedecken. Sie aber neigt sich an mein Ohr und fragt:
„Nun, wer versteht's besser zu lieben?"
Dann führt sie mich an der Hand zu den Eltern. Der alte Suslowski hat das Aussehen eines Röiners, welcher sein einziges Kind pro patria dem Tode opfert; die Mutter läßt ihre Tränen in den Kaffee fallen, denn beide sitzen beim Frühstück. Aber sie erheben sich bei unserem Eintreten und Papa Suslowski spricht:
„Vernunft und Pflicht gebieten mir eigentlich „irein!" zu sagen, aber das elterliche Herz hat seine Rechte — ist das eine Schwäche, so möge mich Gott dafür richten!"
Dabei erhebt er feine Augen zum Zeichen, daß er bereit sei, Rede und Antwort zu stehen, falls das himmlische Gericht auf der Stelle ihn zu Protokoll vernehmen wollte. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts gesehen, was rnehr römisch gewesen wäre, mit Ausnahme etwa der Salami und Makkaroni, welche am Korso feil geboten werden. Der Augenblick ist so feierlich, daß ein Nilpferd vor Rührung zerfließen würde. Die feierliche Stimmung wird noch, durch Frau Suslowska gehoben, welche die Hände ausbreitet und mit tränenreicher Stimme sagt:
„Meine Kinder! Wenn es euch je im Leben schlecht ergehen sollte, dann flüchtet her — hierher!" — Und bei diesen Worten zeigt sie auf ihren Dusen."
Das paßte mir auch! Müßte schon dumm sein, um eine Zuflucht dort zu suchen!... Ja, wenn's bei Kazia wäre, das wäre was anderes! 'Vei alledem bin ich von der Treuherzigkeit der Alten überrascht und mein Herz ist voller Dankbarkeit.
Dor lauter Rührung trinke ich eine Tasse Kaffee nach der anderen, so daß Suslowski anfängt, unruhige Blicke auf die Kasieemaschine und den Sahnentopf zu werfen. Kazia schenkt mir fleißig ein, währenddessen ich mich bemühe, unter dem Tische ihr Füßchen zu berühren: Sie zieht jedoch dasselbe zurück und dabei schüttelt sie unmerklich ihr Köpfchen und lächelt so schelmisch, daß es kaum begreiflich ist, wie ich es über mich vermochte, nicht aus der Haut zu fahren.
Ich bleibe noch eine gute Stunde da, schließlich muß ich aufbrechen. idenn im Atelier erwartet mich Bobus, der bei mir Zeichenstunden nimmt und mir jedesmal seine Visitenkarte mit seinem Wappen darauf als Marke zurückläßt, welche ich aber sehr oft verliere. Kazia und die Mutter begleiten mich bis ins Vorzimmer, was mich ärgert, da ich wünschte, daß mich Kazia allein begleiten mochte. Was das Mädchen für Lippen hat!...
Mein Weg führt mich durch den Garten. Eine Airzahl von Leuten kehrt von der Trinkhalle zurück... Ich nrerke, daß bei meinem Anblick die Leute stehen bleiben. Ich ho resie ringsherum flüstern: „Magörski! Magörski! das ist er"... Mädchen, deren wrmdervolle Formen unter Sommerkleidern von allen möglichen Farben sich abzeichnen, werfen mir Blicke zu, die zu sagen scheinen: „komme nur, wir sind bereit!" Teufel auch! bin ich denn so berühmt, oder was! Ich begreife das alles nicht!
Ich gehe weiter — immer dieselbe Geschichte!.,. Im Flur an der Treppe stoße ich auf den Wirt, wie ein Doot auf den Felsen. O weh, die Miet«!
Indessen nähert sich der Wirt und sagt:
„Mein Herr, wiewohl ich manchmal auch Ihnen lästig wurde, so wollen Sie mir doch glauben, daß ich für Sie soviel... Ra, lieber gestatten Sie mir..."
Bei diesen Worten fällt er mir stürmisch um den Hals. Hak ich begreife: Swiatecki wird ihm wohl gesagt haben, daß ich mich verheirate, und der hofft nun, daß ich von jetzt ab die Miete regelmäßig bezahlen werde. Mag er es glauben...
Ich fliege hinauf. Unterwegs höre ich bei uns großen Lärm. Ich stürze hinein. Im Atelier ist es dunkel vor Rauch. Da ist Julek Rzhsinski, Wach Potersiewicz, Franek Cepkowssi, der alte Sludecki, Karniinski, Woitek Michalak — alle unterhalten sich damit, daß sie den eleganten Dobus im Zimmer herumschieben. Sobald sie mich erblicken, lassen sie ihn halb lebendig in der Mitte des Ateliers stehen und erheben sofort einen Heidenlärm:
”3®'/ gratulieren! wir gratulieren! wir gratulierens " 1 »Hebt ihn in die Hohe!" "
Im nächsten Augenblick heben sie inich auf die Hände und werfen nnch mehrere Male in die Hohe, wobei sie wie die Brüllaffen schreren.
Endlich steh« ich wieder auf der Erde, bedanke mich und Der« »ah ich sie alle zu meiner Hochzeit einladen werde, Haupt« sachluy aber Swratecki, den ich zum Brautführer ernenne
Doch Swiatecki erhebt die Hände und sagt:
„Dieser Gimpel glaubt, daß wir ihm zur Verlobung gratu- i toten.
„Wozu denn sonst?"
ü>eißt du denn nichts?" fragen verschiedene Stimmen, werß von nichts, was zum Kuckuck, wollt ihr denn haben?"
„Gebt ihmj den „Papierdrachen"! Die Morgennummer des „Paprerdrachen"!" schreit Wach Poterkiewics.
Sie geben mir also die Rümmer des „Papierdrachen" und rufen dabei durcheinander:
„Siehe unter den Depeschen!"
Ich sehe in die Depeschen und lese folgendes:
»Original-Telegramm des „Papierdrachen": Das Bild von 3. »Die Juden an den Flüssen Babylons" erhielt im drechahrrgen „Salon" die große goldene Medaille. Die Kritik sindet mcht Worte genug, das Genie des Meisters zu preisen. Albert Wolsi nennt das Bild eine Offenbarrmg. Baron Hirsch btetet fünfzehntausend Franks."
., „2ch werde ohnmächtig! rettet mich! Mein Verstand steht still, tch kann kein Wort hervorbringen. Ich wußte wohl, daß mir das Brld gelungen war, doch von einem solchen Erfolg habe ick nicht geträumt."
Die Rümmer des „Papierdrachen" entfällt meinen Händen.
Sie heben dieselbe auf und lesen mir aus den letzten Nach- richten folgende Kommentare zu den Depeschen:
1. Mitteilung. Wir erfahren aus dem Munde des Meisters, dah er die Absicht hat, sein Gemälde in unserer schönen Residenz auszustellen.
„ ,2. Mitteilung. Auf die an den Meister seitens des Vizepräsidenten des hiesigen Kunstvereins gerichtete Anfrage, ob er es beabsichtige, sein herrliches Werk in Warschau auszustellen, erwiderte derselbe: „Es wäre mir lieber, mein Werk wäre in Paris nicht verkauft, als in Warschau nicht ausgestellt!" Wir hegen die Hoffnung, daß diese Worte von unseren Nachkommen auf dem Grabe des Meisters (gebe Gott, möglichst spät) werden gelesen werden.
3. Mitteilung. Die Mutter unseres Meisters ist infolge der Aufregung über die Depesche aus Paris schwer erkrankt.
4. Mitteilung. ‘Beim Abschluß dieser Nummer erfahren wir, daß das Befinden der Mutter unseres Meisters sich gebessert hat.
5. Mitteilung. Unser Meister erhielt aus allen Großstädten Europas die Einladung zur Ausstellung feines Gemäldes.
■Unter dem Druck dieser ungeheuerlichen Lügen komnre ich allmählich zu mir. Ostrzhnski, Redakteur des „Papierdrachen" und Exbewerber um Kazia, scheint den Verstand verloren zu haben, denn die Sache übersteigt in der Tat jedes Maß. Selbstverständlich werde ich das Bild zu allererst in Warschau ausstellen, aber ad. 1. habe ich noch niemand darüber etwas geäußert, ad. 2 hat der Vizepräsident des Kunstvereins an mich keine Anfrage gerichtet und habe ich ihm nichts geantwortet, ad. 3 ist meine Mutier vor neun Jahren gestorben, und endlich habe ich von nirgends eine Einladung zur Ausstellung meines Gemäldes erhalten.
Aber im selben Augenblick durchzuckt mich auch der Gedanke: wie, wenn die Depesche ebenso wahrheitsgemäß ist, wie die fünf Mitteilungen! Ob nicht Ostrzinski, welcher vor einem halben Jahre von Kazia einen Korb erhalten hatte, obwohl die Eltern auf seiner Seite waren, mich gar zum Narren halten will? Dann wird er es mir „mit dem Kopfe bezahlen oder mit irgend etwas Aehnlichem", wie es im Libretto irgendeiner Oper heißt! Di« Kollegen beruhigeir mich mit der Versicherung, daß, wenn auch Ostrzhnski die Mitteilungen fabriziert hätte, die Depesche jedenfalls echt fein müsse.
Da kommt Stach Klofewicz mit der Morgennummer des „Aequator". Die Depesche steht auch im „Aequator". Ich atme auf.
Es beginnen nun neue Beglückwünschungen.
Der alte Sludecki, ein grundfalscher Kerl, dabei füh tote Honig, drückt mir die Hand und sagt:
„Bei Gott! Ich habe immer an Ihr Genie geglaubt und Sie verteidigt, tie&er Kollege — (ich weiß, daß er mich immer einen Esel genannt hat) — übrigens wünschen Sie es vielleicht gar nicht, bester Herr Kollege, daß ein solcher fa-presto wie ich, Sie Kollege nenne; wenn es der Fall ist, dann verzeihen Sie es, verehrtester Kollege, es geschieht, bei Gott, aus purer Ge- wohnhÄ!"
Ich wünsche ihn in meinem Innern zum Teufel, aber bevor ich antworten kann, zieht mich Kanninfki zur Seite und sagt mir leise, jedoch so, daß ihn alle hören können:
„Neber Kollege, toenm Sie Geld brauchen sollten, dann ägen Sie es mir und ich werde..."
(Fortsetzung folgt./
Schristleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«.


