Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger
Jahrgang (925
Dienstag, den (5. September
Nummer 7<
Herbftsreude.
Don Arthur Rehbein.
Herbstmond. — Mutter Gottes spinnt Weiße Setdenfäben.
Rächtens übt sich schon der Wind an den Fensterläden.
Lachend bunter Blütenmai, Goldnen Sommers Prangen — schon vorbei, schon vorbei, wie ein Traum vergangen.
Doch für Wehmut ist kein Platz: jede schöne Stunde ruht wie ein gesparter Schatz tief im Herzensgründe.
Freundliche Erinnerung
— mag der Mund auch schweigen — ewig jung, ewig jung bleibt sie unser Eigen.
Andress.
Don Alfred Brust.
Es kann als ziemlich ausgeschlossen gelten, daß er noch seinen eigenen Damen gewußt hat. So lange man ihn kannte, war er stets betrunken gewesen, nicht bösartig, wie es oft die Menschen rn den Ländern am Baltischen Meer, sondern mehr melancholisch und memals besinnungslos. Es bedurfte nur eines geringen Anstoßes, und er weinte, weinte nach der Art kleiner Kinder, denen zunächst ein paar Tränen über die Backen rollen und die hernach trockenen Auges tüchtig weiterfchluchzen.
Sich irgendeine auskömmliche Stellung zu beschaffen, dazu war Andreas zu faul, trotzdem er im besten Wannesalter zu sein schien. Ich jedenfalls weiß es ganz bestimmt, daß ihm fein Alter unbekannt war. Im Laufe der Zeit hatte sich fein Begriff für die <>ahresfolgen und die einzelnen Wenden vollständig verwirrt. Gr selbst schätzte sich zwischen vierzig und fünfzig. Bekleidet war er stets mit einem abgescheuerten Matrosenanzug Die weiten Hofen schlugen lustig Rad um seine Fußknöchel. Ein Anker zierte die freie Männerbrust, das Zeichen feiner Schifferwürde. Denn er war zur See gefahren und hatte ferne Meere und Küsten gesehen. So sah er aus: Das Gesicht reichlich gedunsen und krebsrot. Auf feiner Oberlidpe wuchs ein wenig Bart. Seine Augen waren klein, doch konnte man sie auch nicht Aeuglein nennen.
Wenn er zu Herrn Amtsrat Loehl ging, diesem sein Leid zu klagen, trank er am Morgen dieses Tages bedeutend weniger Der Amtsrat setzte sich dann hinter seinem Schreibtisch im bequemen Sessel zurecht und war auf einen langen Redefluß gefaßt.
„Herr Amtsrat," so begann Andreas in seinem breiten ostdeutschen Dialekt, „Herr Amtsrat, sehen Sie mich an! 3d> bin «n versoffener Mensch! Schön! Sie werden sagen, warum trinken Sie? Schön! Aber ich sage Ihnen, das Leben ist so schlecht, daß man trinken muh! Ich habe sechzehn Menschen das Leben gerettet, und kein Mensch noch hat daran gedacht, mir die Rettungsmedaille zu geben. Der Kaiser weiß wahrscheinlich gar nichts von Andreas. So was bekommt er vielleicht nicht zu Horen. Irgend jemand hat mir manchmal Geld gegeben für seine Rettung. Ra ja — das wird auch wieder alle. Aber sehen Sie,
®ie sind der Mann, der mir helfen kann. Ich will kein Geld von Ihnen haben. Da sei der Himmel vor. Sie haben auch nichts übrig von wegen der großen Verpflichtungen und so. Mer Sie sind einflußreich. O ja! Lächeln Sie nicht, werß: tote sehr einflußreich Sie sind. Dem Windmoser haben Sie burH ein Wort geholfen. Sv was vergißt man nie im Leben. Deshalb frnd Sre der üebste Mensch im ganzen Ort. Sch hab noch me gefchmetchelt. Mso sehen Sie, Herr Amtsrat, es kann Ihnen ja gar nicht schwer fallen, einmal den Herren da oben zu sagen: Dem Andreas muß geholfen werden! Da ist jetzt z B die Freibadeanstalt im Strom. Wie di« Menschen so sind, di« ertrinken leicht, können Sie mir glauben. Sagen Sie einfach, Herr Amtsrat, sagen Sie einfach: Da mutz der Andreas als Bademeister hin! Der hat sechzehn Menschen das Leben gerettet 'tot* .tv.ird auch zwanzig Menschen noch das Leben retten, wenn es notig ist — und wenn es nicht nötig ist. Denn manche sollte man lieber absacken lassen, was ich aber nie tun werde. Schön!
Änd dann bekommt der Bademeister Andreas ein Gehalt und kamt em anständiger Kerl werden und braucht nicht lumpe» zu gehen!
So ging das noch eine ganz« Weile fort, bis der Amtsrat etnsah, datz dieser Mann wirklich für den Bademeister geeignet war. Sm Winter versah er in der Regel einen Aufsichtsposten auf der Eisbahn, und im Frühjahr oder Herbst, wenn das Eis &u't" oder der Strom es schon ins nahe Meer trug, rettet« er Menschen vom sicheren Tode des Ertrinkens.
- Da setzte einmal eine seltene Begebenheit di« Ortschaft in Andreas hatte sich verliebt. Eine Fischerdirn robusten Schlages war ihm auf den Pfad getrappst.
Sieh mal an, Marie, ich hab dich wirklich lieb", sagte er lu,..„Wenn wir heiraten, können wir zusammen ein schönes rtr verdienen, lind warum sollen wir uns das entgehen lassend
„Hm!" machte Marie und ging.
.. , ist nicht mit guten Singen zugegangen, daß der Andreas dlefes „Hm als bedeutsame Zustimmung ausfaßte. Er sprach am ganzen Ufer von nichts anderem, als von seiner Heirat. Er mietete vor der Ortschaft im Fischerdorf eine Wohnung und ging auf Auktionen aller Art, um sich bequeme Möbel zu erstehen. . seiner ganzen Aebermütigkeit strengte er gegen di« Ortschaft einen Prozeß an, da sie ihm den Bademeisterposten für den ®vntmer entzogen hatte, mit der Begründung, daß er sich ander- orts seßhaft machen wolle. Aber Andreas suchte zu beweisen, daß er aus Billigkeitsgründen nebenan gezogen sei.
Der Prozeß schwebte.
_. J?1? Abend redete Andreas mit lauter Zunge gegen die Stadtvater und pries sich selbst als geeigneten Mann am Ruder.
Meine Freunde," eiferte er, „ihr wißt, ich heirate nächstens.
. hat man doch was, wofür man arbeitet. Richt wahr! Und meine Marie — — sage ich euch — —"
Hier unterbrach ihn ein Drückenwärter: „Haft du schon viele Liebesbriefe?
.»Ach, Liebesbriefe, hehe! Wir sind doch, keine grünen Sungen! Liebesbriefe! Was du auch sagst, Windmoser !Sn allen Liebesbriefen steht doch immer dasselbe drin."
„Ra — lieber Andreas," antwortete Windmoser, „du bist stets ein guter Kerl gewesen. Und ich sage dir, du bist zu schade für diese Marie. Hier — lies — die Marie hat sich aufbieten lassen mit dem Terner Weigelt." Und er schob ihm ein Zeitunqs- blatt vor's Gesicht.
Zunächst drang aus Andreas Kehle ein Laut, der an das Glucksen einer Quelle erinnerte. Dann erweiterten sich seine Augen zu Mondrädern, und die Spannkraft seiner Fäuste wuchs beängstigend. Ein dröhnendes Lachen erschallte in der Runde, welches Andreas unwillig abschüttelte. Er stand auf, ging zur Tür hinaus, ohne daß er seine Mütze mitnahm. Aber der Wind- moser ließ das Glas stehen und ging ihm schweigend nach.
Vor der Tür war der Hafen. Eine tiefe Dämmerung herrschte. Grau und unbestimmt ragten auf dem breiten Wege die gestapelten Warenballen mit Segeltuch überdeckt. Die weißen Gaslampen warfen lange Lichtkegel über das Wasser, und ein scharfer .nasser Wind trieb die Wellen heftig gegen das Bollwerk. Sn irgendeinem Hause schlug ein offenes Fenster immer auf und zu — auf und zu.
Andreas strich den Hafen entlang. Der Windmoser sah das aus kurzer Entfernung. Und er hörte das Kinöerweinen deS Lumpen, und er dachte an die gute Seele, di« von dieser brüchigen Schale umschlossen war. Der Windmoser ging jedoch nicht trösten. Mochte der sich nur ausweinen. Andreas schien aber anders zu denken, denn der Windmoser wurde plötzlich qufgeschreckt. Andreas war auf einmal verschwunden. Der Windmoser sah nach rechts, er sah auch nach links. Er rannte zwischen die Waren- tapel. Mer dann lief er vorwärts. Wahrhaftig: dort pludert« noch etwas im Wasser.
„Dummer Hund," schrie er zum Bollwerk hinunter. Er warf Mütze und Rock hin und stürzte kopfüber in den Hafen, daß das Wasser nur so rauschte. Die Angelegenheit war äußerst ernst. Es war recht dunkel über den Wellen, und rings am Äser stand kein Mensch Weitz Gott, wo der Hafenwächter sitzen mochte. 11 nb den ging das schließlich nichts an.
Andreas wußte sofort, ivas der Sturm pfiff, und daß der Drückenwärter ihm feine Absicht vereiteln wollte. Deshalb chwamm er schleunigst nach der Mitte des Hafens. Aber der Windmoser folgte in raschen Stößen, und es wurde eine richtige Sagd des einen Schwimmers auf den anderen. „Wenn ich jetzt tauche," dachte Andreas, „holt er mich raus. Ich muh weit


