Ausgabe 
15.8.1925
 
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Der Schuh von der Kanzel.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

(Schluß,)

.SchweigtI fuhr ihn der General zornig an; denn der alte Schimpf jener aufgehobenen Velagerung brannte jetzt noch auf seiner Seele, ja schärfer als früher, als Ware er mit jener Tinte verzeichnet, die erst nach Jahren schwarz und unveriilg- lich hervortritt.

Doch er beherrschte sich und wechselte den Don.Etwas Konfusion gehört zu jeder Komödie," sagte er,aber wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, muß ihr eine rasche Wendung zu gutem Schluffe Helsen, sonst wird sogar die Verrücktheit langweilig. m ,, ,

Herr Pfarrer und liebe Nachbarn!

Gestern bis tief in die Nacht habe ich an meinem Testamente geschrieben und es Schlag zwölf Uhr unterzeichnet. Ich kenne Euer warmes Interesse an allem, was ich tue, lasse unb, Nach­lasse; erlaubt denn, daß ich Euch einiges daraus vorlefe.

Er zog eine Handschrift aus der Tasche und entfaltete sie. Den Eingang, wo ich ein bißchen über den Wert der Dinge philosophiere, übergeh' ich... Wenn ich, Rudolf Wertmuller, jemals sterbe..., doch das gehört auch nicht hierher, ... er blätterte weiter.Hierl Schloß und Herrschaft Elgg, die ich aus den redlichen Ersparnissen meines letzten Feldzuges er­worben, bleibt als Fideikommih in meiner Familie, usw. Item _ Sintemal diese Herrschaft eine treffliche aber vernachlässigte Jaad besitzt und eine mit den Veutestücken eben lener Kam­pagne versehene, aber noch unvollständige Waffenkammer, so verfüge' ich, daß nach meinem Ableben mein Vetter, der Herr Pfarrer Wildert Wertmüller, benanntes Schloß und Hwrschaft bewohne und bewerbe, die Jagd herstelle, die Waffenkammer vervollkommne und überhaupt und in jeder Weise bis an fern Ende frei darüber schalte und walte, wenn anders dieser geist­liche Herr sich wird entschließen können, sein in Mhthikoir habendes Amt niederzulegen und antistite probante an den Kan­didaten Pfannenstiel zu transferieren, welchem Kandidaten ich mein Patenkind, die Nahe! Wertmüllerin, zur Frau gebe, nicht ohne die väterliche Einwilligung jedoch, und mit Hinzufügung von dreitausend Zürchergulden, die ich denr Fräulein, in meinen Segen eingewickelt, hinterlasse."

Uff", schöpfte der General Atem,diese Satze! Erne ver­teufelte Sprache das Deutsche!"

Der Pfarrer kam sich vor wie ern Schiffbrüchiger, den die­selbe Welle begräbt und ans Land trägt. Seine verhängnisvoll« Leidenschaft abgerechnet, ein verständiger Mann, erkannte er schort, daß ihm der General den einzigen und dazu einen höchst angenehmen Weg öffne, der ihn aus Schimpf und Schande führen konnte. . ,

Er drückte seinem Liebel- und Wohltäter nut einer Art von Rührung die Hand, und dieser schüttelte sie ihm mit den Worten: Komme ich durch, so soll es dein Schade nicht sein, Detter! Ich tue dann, als wär' ich tot, und installiere dich als mein eigener Testamentsvollstrecker in Elgg!" ,

Die Mythikoner aber lauschten gleichsam mit allen Glied­maßen, denn es schwante ihnen, daß jetzt sie an die Reihe kämen, beschenkt zu werden.

Ich vermache den Mhthikern," fuhr der General fort und sein Bleistift flog über das Papier in seiner Linken, denn er skizzierte den durch die Eingebung des Augenblickes entstan­denen Paragraphen,denen Mhthikern vermache ich jene in ihre Gemeindewaldung am Wolfgang eingekeilte, zu zwei "Dritteln mit Nadelholz, zu einem Drittel mit Buchen bestandene Spitze meines Desitztumes, in der Weise, daß die beiden Marksteine des Gemeindegutes zu meinen Ungunsten durch eine gerade Linie verbunden werden."

Heute noch auf Ehrenwort und vor Zeugen erhält dieser Zusatz mit meiner Unterschrift seine Endgültigkeit," er­klärte der General,in der Meinung jedoch und unter der Be­dingung, daß der heute, wie eine unverbürgte Sage geht, in der Kirche von Mhthikon abgefeuerte Schuß zu den unge­schehenen Dingen verstoßen und, soweit er Realität hätte, mit einem ewigen Schweigen bedeckt werde, welches sich die Mhthiker eidlich verpflichten, weder in diesem Leben zu brechen, noch jenseits des Grabes am jüngsten Tage und letzten Gerichte."

Der Krachhalder war während dieser Mitteilung äußerlich ruhig geblieben, nur die Nasenflügel in dem übrigens gelassenen Gesicht zitterten ein wenig und seine Fingerspitzen hatten sich um ein Kleines einwärts gebogen, als wolle er das Geschenk festhalten.Herr General, so wahr mir Gott helfe!" rief er jetzt und hob die Hand zum Schwure; Wertmüller aber schloß:

Widrigenfalls und bei gebrochenem Schweigen ich dies Vermächtnis bei meiner Rückkehr aus dem bevorstehenden Feld­zuge umstohen und vertilgen werde. Wäre mir dies nicht mög­lich wegen eingetretenen Sterbefalles, so schwöre ich, mich den Mhthikern als Geist zu zeigen und zur Strafe ihres Gidbruches zwischen Zwölf und Eins ihre Dorfgasse abzupatrouillieren. Werbet Ihr die Bedingung erfüllen können, Krachhalder?"

Unwitzig müßten wir fein,* beteuerte dieser,wenn wir nicht das Maul hielten!"

Lind Eure Weiber?"

Dafür uns Mythikoner sorgen," sagte der alte Bauer ruhig und machte eine bedeutungsvolle Handbewegung.

Aber, Krachhalder, stellt Euch vor, ich sei aus dem Reiche Mrück," sagte der General freundlichwir fttzen unter meine» Veranda, ich lege Euch fo wie jetzt die Hand auf die Schulter, stoße mit Euch an und wir plaudern allerlei. Dann sag' ich so im Vorbeigehen: Jener Schuh hat gut gekracht!"...

Welcher Schuß? Das lügt Ihr, Herr General!" rief der Kirchenälteste mit einer sittlichen Entrüstung, die komischer­weise durchaus nicht gespielt war, sondern das Gepräge voll­kommener Aufrichtigkeit trug.

Wertmüller lächelte zufrieden.

Jetzt heim, Ihr Männer!" mahnte der Alte.Damit kein Unglück geschehe, muß in einer Viertelstunde das ganze Dorf wissen, daß ber Schutz... will sagen, daß wir heute eine gute Predigt gehabt haben."

Er drückte dem Pfarrer die HandUnd Euch, Herr General," sagte er,reiche ich sie als Eidgenosse."

Verzieht einen Augenblick," befahl Wertmüller,und selb Zeugen, wie ein glücklicher Vater zwei Hände zusammenlegt. Der Vikar kann nicht ferne fein. Trogen mich nicht die Augen, so sah ich ihn von weitem über eine Hecke voltigieren mit einem Salto, den ich ihm nie zugetraut hätte."

Rahel, mein Kind, schnell!" rief der Pfarrer durch die geöffnete Tür ins Haus hinein.

Gleich, Vater!" scholl es zurück; aber nicht aus dem Inner« der Wohnung, sondern von außen durch das Weinlaab deS Bogenganges herauf.

Rasch blickte der General aus dem Fenster und gewahrte durch das Blattgitter seine Schützlinge in einer Gruppe, die er sich durchaus nicht erklären konnte. <

Hervor, Hirt und Hirtin, aus Arkadiens Lauben!" rief der alte Soldat.

Da schritt Rahel unmutig errötend unter dem schützenden Dlätterdache hervor und betrat mit Pfaimenstiel, den sie mitzog, ein kleines von Edelobstbäumen umzogenes Rondell, das hart vor den Fenstern der Studierstube lag, aus denen der General mit den neugierigen Kirchenvorstehern herunterschaute.

Das Fräulein hielt eine Nadel in der geteilten Hand und befestigte vor aller Augen einen herabhängenden Knopf am Rocke des Kandidaten. Sie ließ sich in der Arbeit nicht stören. Erst nachdem sie den Faden gekappt hatte, heftete sie die braunen Augen, in denen Ernst und Uebermut kämpften, fest auf ihren wunderlichen Schutzgeist und rief ihm zu:

Pate, Ihr habt mir in kurzer Zeit den Herrn Vikar fast zerstört und zugrunde gerichtet. Wohl muht' ich ihn wieder in Ordnung bringen, damit er vor Gott und Menschen erscheinen könne! Was aber habt Ihr mit dem obersten Knopfe angefangen, der hier mangelte und den ich durch einen des Vaters ersetzen mußte? Schafft ihn zur Stelle, oder. . ." Sie erhob die Nadel mit einer so trotzigen und blutdürstigen Gebärde gegen den General, daß die Männer alle in schallendes Gelächter ansbrachen.

Nach wenigen Augenblicken traten Pfannenstiel und Rahel vor den Pfarrer, der sie verlobte und segnete.

Als aber die vergnügten Kirchenältesten sich entfernt hatten, gab der würdige Herr seinem künftigen Schwiegersöhne noch eine kurze Ermahnung:

Was war das, Herr Vikar? An der Kirche vorüber­schlüpfen, abgerissene Knöpfe! . . . Wo bleibt da die Würde, das Amt?"

Dann wandte et sich gegen den General:Ein Pärchen!" sagte er,nun das andere! Gebt her, Detter!"

Und er langte ihm ohne Umstände in die Rocktasche, hob daraus das hartspielende Pistol, zog dann das in der Kirche entladene leichtspielende aus der feinigen und hielt sie ver­gleichend zusammen.

So begab es sich, daß der Schutz von Mhthikon totgeschwiegen und, im Widerspiel mit dem Dellenschusse, aus einer Realität zu einer blassen wesenlosen Sage verflüchtigt wurde, die noch heute als ein heimatloses Gespenst an den schönen Ufern unseres Sees herumschwebt.

Aber auch wenn die Mythikoner geplaudert hätten, der General konnte sein Testament nicht mehr entkräften, denn er hatte die Eichen der Au zum letzten Male gesehen.

Sein Ende wat rasch, dunkel, unheimlich Eines Abends beim Lichteranzünden ritt er mit feinem Gefolge in ein deutsches Städtchen ein, stieg im einzigen schlechten Gasthofe ab, berief den Schöffen zu sich und ordnete Requisitionen an. Ein paar Stunden später wurde er plötzlich von einem Krankheitsanfalle niedergeworfen und Schlag Mitternacht hauchte er seine seltsame Seele aus.

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.