Ausgabe 
15.8.1925
 
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eiskalt im Saale war.

Berlin, 8. Dez. 1875.

ten und ihn nicht kannten. Einer derselben sagte: Wir haben einen Landrat! Der hatte längst Minister werden können, aber er hat nicht gewollt. Darum haben wir jetzt 1300 Taler zusammen» geschossen, um sein Fest zu verherrlichen. Die Landräte sind eins der ältesten Ehrenämter der preußischen Monarchie. Bei Süd­deutschen Liberalen sind sie meist verschrien wie französische Präfekten. In Preußen sind sie mit wenig Ausnahmen un­gemein populär. Natürlich übergeht die Nationalliberale Korrespondenz meine größere Rede vollständig, denn ich gehöre

Den Konflikt mit Bismarck haben meine Meunde schließlich j doch viel leichter genommen. Heute spricht schon kein Mensch | mehr davon und auf der letzten Soiree ist ganz unbefangen davon | die Rede gewesen. Mir war es ganz unmöglich, hinzugehen. | Bon den übrigen scheint keiner gefehlt zu haben, und es ist auch | wahrscheinlich, daß Bismarck es sich zchnmal überlegt ehe et I seiner Drohung Folge gibt. Denn er ist eben nichts ohne uns. i

Berlin, 11. Dez. 1875.

Endlich habe i<h meinen Tag gehabt, ich habe heute dreimal gesprochen, zweimal mit lautem Bravo, wie die Stenogramme bezeugen. Gleich zu Anfang der Sitzung fiel der ultramontane Westinaher wegen meiner neulichen Nede über Straßburg über j mich her. Ich antwortete aus dem Handgelenk mit ein paar schlagenden Sätzen, die Du lesen wirst, als ich schloß, hatte ich lebhaftes Bravo. Dann vergriff sich Windthorst an mir, auch diesen schickte ich heim. Schließlich kam ich über das Volks schul- wesen im Elsaß mit einer Rede zu Wort, die recht eigentlich den Nagel auf den Kopf traf. Ich konnte ohne Unterbrechung unter lautloser Stille des Hauses zu Ende reden und hatte schließlich Bravo und Glückwünsche, wie sichs gebührt. Ich gmg den Elsässern sehr empfindlich zu Leibe, spracht mit Feuer und Nachdruck, und die Elsässer antworteten nichts. Zwei Stunden habe ich jetzt mit Manuskripten für die Zeitungen hingebracht.

Berlin, 14. Dez. 1875.

Gestern abend war große Gesellschaft bei Minister Frieden­thal, der Empfang stand in den prachtvollen Sälen des zweiten, die Bewirtung in den Räumen des untersten Stockes statt. Ich hatte die Ehre, von Treitschke, den ich selbst nie zuerst anrede, gleich beim Eintritt desselben mit Händedruck begrüßt und in längerem wissenschaftlichen Gespräch festgehalten zu werden. Bei Tisch saß ich neben einem der amüsantesten Gesellschafter des ganzen Reichstags, Abg. Landrat v. Ülnruh-Domst, demselben, der am 5. Dezember 1874 auf Bismarcks Zimmer den Revolver blindlings aus Unvorsichtigkeit abgeschlossen hatte, der erzählte unwiderstehlich komische in Gegenwart von Dölk, wie er im Jahr 1868 auf der fidelen Fahrt des Zollparlaments nach Bremerhaven diesen Süddeutschen bis zum Enthusiasmus freu­dig gestimmt und dann gesagt habe: Wissen Sie nun aber auch bah Sie in mir einen von der vielgeschmähten Sorte der Land­räte vor sich haben? Da habe Völk weinfelig gerufen:O Jegerl, i hab en lebendigen Landrat gesehen." Unruh hat neu­lich fein 25jähriges Jubiläum als Landrat gefeiert. Da der Mann unendlich populär ist, so war das ein Fest, an dem die ganze Provinz teilnahm. Auch der Minister Friedenthal, der das an unserem Tische selbst erzählte, war Hingereist und unter­wegs mit Bürgermeistern zusammengetroffen, die ebendahin woll-

Berlin, 16. Dez. 1875.

Gestern abend sah ich in der Parlaments-Vereinigung dem Abgeordneten Kapp gegenüber, der von seiner Fluchtlrngszeu: in der Schweiz und in Neuhork ganz unendlich komlsche Ge­schichten erzählte. Kapp war in Genf 1849, als Gustav Struve und seine Amalie, die immer Ach! Mali! genannt wurde, von der Polizei ausgewiesen wurden. Er besuchte das Ehepaar um bei der ülebersiedelung ihrer fahrenden Habe behilflich zu lein. Solche Hilfe war nicht nötig Das Mobiliar der Frau bestand in einer Schildkröte, die sie liebkosend auf dem Arme trug, und das des Mannes in einem großen Koffer, der einem Sarge ähnlich war und unter dem Sofa stand. Was war dann? 1200 Druckexemplare eines von Struve »erfaßten Kalenders für das Jahr I der deutschen Republik, das schätzbare Werk hatte nicht zur Ausgabe gelangen können, weil dieses Jahr l der deutschen Republik nicht hatte anbrechen wollen. Struve sagte zu ,Kapp: Der Verleger des Werkes tut mir leid, überbringen Sie, ihm fein Eigentum und sagen ihm, der nächste Jahrgang fei im Manuskript'auch bereits vollendet! DaS Ehepaar schrieb damals an einer zweischläfrigen Weltgeschichte. Er behandelte die männ­lichen, sie die weiblichen Charaktere. Als feine Katastrophe eintrat, schrieb er gerade an Perikles, an Rspasia!

war in Neuhork Vorstand eines Bureaus für ülnterstutzung flüchtiger Republikaner. Die Leute, die der Schiffbruch von 1849/50 über das Weltmeer getrieben, kamen so massenhaft, daß die Fonds gerade reichten, um jedem Ankömmling 50 Gents oder i/2 Dollar, d. h. das Geld für ein Abendessen und Nacht­lager zu gewähren. Eines Tages erschien ein wild aEehenoer Kerl mit unheimlichem Calabreser, lebensgefährlichem Bart- und Haupthaar, das fehlende Hemd durch einen italienischen Raubet- Hauptmannsmantel zugedeckt: Hier also ist der Ort, wo Patrioten Unterstützung finden? Ja, aber nur 50 Cents, meyr haben wir nicht. So, Bürger, dann bist du auch einer von den Bourgeois, für den das nächstemal eine Kugel mehr geschossen wird, koprachs, I nahm das Geld und ging stolz wie ein Kato

Jahr 1850 kamen hintereinander die Burger Gottfried Knilet, Arnold Rüge nach Neuhork, um dort ein Anlehen von zehn Millionen Dollars für Abschaffung der Monarchie und Ein­führung der Republik in Deutschland aufzunchmen. Die Schoch- anweisungen waren schon fertig, sie lauteten: Ruckzahwar sechs Monate nach Gründung der Republik Kaum ^tendieOeut- schen angefangen zu sammeln, so kam der Franzose Ledru Roiliw der Ungar L. Kossuth, um auch zu sammeln, damit nicht die Deutschen die goldenen Aepfel der Hesperchen allein pflücken I sollten. Man vereinigte sich schließlich, oie Ginzelinteresseu dem | allgemeinen der europäischen Republik unterzuordnen und stiftete ein Trünnvirat Ledru Rollin, Kossuth, Rüge, das sich in die | Deute der Anleihe teilte.

Berlin, 2. Nov. 1876.

Am Abend in der Parlamentarischen Bereinigung hatte ich I die Ehre, neben Fürst Hohenlohe, unserem Botschaft^ m Paris ! AU sitzen. Derselbe versprach wegen meiner archivalischen -An- I liegen den Herzog Decazes direkt zu interpellieren und erzählte I vorn Menschen Mac Mahon interessante Details. Derselbe sei | mn geistig unbedeutender Mensch, aber nicht ohne politischeir | Instinkt und innerhalb seiner begrenzten S^are sogar sehi klug | und geschickt. Reden aber könne er schlechterdings gar nicht. | Wenn die Blätter berichten, daß er einer Deputation eine Rche j aebalten so sei der Text regelmäßig von seinem Sekretär, dem I Legattonsrat Dr. Harcourt erfunden, der Marschall murmel I aanz unverständliche abgerissene Sätze, der Sekretär macht Reden ! daraus. Einmal hat der Korrespondent der Times, ein Mr. de | Dlowitz, eine Rede aufgesetzt, die der Mm^chall der Handels I xammer in Lille gehalten Haben sollte, aber selbstverständlich I nicht gehalten hat. Der Verfasser suhr mit seiNM ersimdenen | Text bei dem Herrn d'Harcourt vor, traf ihn aber nicht und I telegraphierte dann ganz ruhig ^«angebliche Rede cm die I Times. Als der Marschall am nächsten Tage die Tun«I lach I sagte er: quelle belle meinoire e ce Dlowitz! Als echter Franz I I zitiert er überall und jeden Augenblick Mr. de Dismarck. ^rank- I lohe sagte: Gambetta sei in der Tat der größte Redner Frant | reichs, und was ihn von seinen Landsleutmr mmsten uiit I weifte, fei daß er rede ganz und gar mit dem Pathos und mir STU» Nin^e >rtsch^P-ofess°-s^AS^L Franzosen sonst im hohen Tenor odm gar im schrillen Dostam | ,u sprechen vileacn Der alte Thiers sei noch immer ww I Mfc WÄt Frankreichs. In seinen Salons ver-

Dismarck nicht ividersprochen, so daß also morgen in alten Zeitungen zu lesen sein wird: Zwischen dem Reichskanzler um» dem Reichstag ist der Krieg erklärt, wann er cuisbrechen totro, ist nur eine Frage der Zeit, lieber diese Wendung bin ich so unglücklich, daß ich, wenn es ohne Schaben für die Sache g^. schehen könnte, noch heute abend mein Mandat niederlegen würde. Das geht aber nicht, ich muh noch- aushalten, aber langer als diesen Reichstag, der mit nächstem Jahr zu Ende geht, bleibe bttiÄ innert Reichstag cingrtreten^alT ehrlicher Liberaler will I ju^benjüngeren^ und Siefen darf niemals ein Lob gespendch icb idn verlassen 3um Kampf gegen den größten Diplomaten ! werden. Wer nicht Lasker, Bamberger, Rickert usw. heißt, tut.

Berlin, 6. Dez. 1875. I unserer Partei aus.

Ülm 5 Ülhr war ich in einer Gesellschaft bei Hehls, hier I lernt man zweimal hintereinander zu Mittag essen. Bei Hehl habe ich mich zunächst dadurch revanchiert, daß ich 'hm em elegant gebundenes Exemplar meines Aristoteles habe zuschicken | lassen, worüber er ungemein erfreut war, da er gerade jetzt ; politische Studien treibt. Heute war ich zum, Diner bei Delbrück. ] Hie Räume im Reichskanzleramt sind herrlich, die ärau höchst liebenswürdig. Ich saß neben Exzellenz Darnbuler, der mir ungemein viel Interessantes über den König von Württemberg mitteilte. Auf meine Frage, warum er eigentlich im Jahre 1870 entlassen worden sei, erwiderte er: weil einer meiner Sekretäre, einer Diakonissin in anständiger Weise den Hof gemacht hat. Als der König das erfuhr, hat er in so gemeinen AusLruaen über mich geschimpft, daß ich meine Entlassung gab, um ihm zu zeigen, daß er einen Ehrenmann mißhandelt habe. Seitdem habe ich oft Einladungen zu Hofe erhalten, aber jede abgelehnt. Der ehe­mals so parttkularistische Minister sagte: Ich danke ®tnt, daß dem Unfug an den kleinen Höfen durch das Deutsche Reich ein Ziel gesetzt worden ist. In einem großen Staat findet die königliche Willkür ein Gegengewicht an einer mächtigen öffent­lichen Meinung. In einem kleinen hat man die Willkür ohne das Gegengewicht. Wie sehr hat der Mann recht. Bon Kaiser Wilhelm sprach er mit der höchsten Verehrung, er meinte gerade wie ich auch, daß er als Kopf und Charakter vielfach unterschätzt werde. Heute wie vorgestern hat der Reichstag eigentümliche-, Pech gehabt. Am Samstag muhte die Sitzung unterbrochen werden, weil es im Hause brannte, heute konnte gar keine Sitzung fein, weil es infolge einer neuen Benttlattvnseinrichtung