Ausgabe 
15.8.1925
 
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Gietzener Zamlienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1925_________________ Samstag, den 15. August Nummer 65

Heimliches Glück.

Don Alfred Huggenbergor.

Die kleine Welt, die mich umgitxt, ist wohl nicht wert, daß man sie liebt. Ein armes Heim im Wies en grün, davor zwei Avsenbäumchen blühn.

Die Grille zirpt in träger Ruh, ein Kornfeld träumt der Ernte zu. Kaum, daß vom Dörfchen, waldgekrönt, der Glocken Gruß herübertönt. Wißt, daß ich doch ein Herz gewann, das meine Heimat lieben kann!

Wißt, daß doch eine zu mir hält, ob auch mein Acker karg bestellt!

Run schreit' ich singend hinterm Pfluge das Leben macht mich reich genug.

Die Rosen plaudern Tag und Nacht vom Glück, das in zwei Herzen wacht.,

Aus dem alten Kopenhagen.

Don Olt. Stokkebhe.

Kopenhagen ist schön! ... Es kann einen berauschen und hinreißen wie ein strahlender Sommertag. Hub es kann uns weich und sehnsüchtig stimmen, wenn es sich in seine grauen Schleier hüllt. Sn seiner Gesamtheit ist es schön, wer dürfte es wagen, Langelinie, dieser herrlichen Perle, den Dorrang zu geben? Oder dem lebensübersprudelnden Zentrum der Stadt mit seinem jagenden, eleganten Leben, oder dem stillen, vornehmen Frederiksberg, oder den traumverlorenen, ver­zauberten Slotsholm? ... Das ganze Kunstwerk Kopen­hagen ist schön, und dennoch müssen wir es, um es lieben und kennenzulernen, einzeln, Glied für Glied betrachten und in seinen verschiedenen Kapiteln zu lesen versuchen!

Der Teil Kopenhagens, den wir Slvtsholm nennen, ist bekannt als das älteste, vornehmste, ja, schönste Kopenhagen. Kopenhagen ist Hafenstadt und Reichsstadt, aber Slotsholm, welches ringsumschlossen vom Wasser daliegt, mit der Königsburg, dem Reichstag und den Ministerien, dieses Slotsholm ist dem Meere am nächsten, ist des Reiches Mittelpunkt. Hier spüren wir die Nähe Dischof A b s a l o n s, hier wandeln unsichtbare Schatten der Könige und Krieger, und im Meereswinde flüstern die Stimmen der Jahrhunderte . . . Ja, Slvtsholm ist eine stolze Sage von Menschen und Zeiten, von Macht und Hnglüd, ein großer Sang der Dänen und dänischen Lande. Hier waren einst die Laubgänge, in denen Königstöchter schritten. Und dort der blaue Turm, in dem Leonora Christine schmachtete. Absalon und Leonora Mann und Weib! Die großen Menschen, die zwei Ideale: der Kultus einer Ration kann keine stolzeren Gestalten mit seiner Verehrung umweben als sie und ihn!

Slotsholm, wie es heule aussieht, wie stark es auf uns wirkt durch seinen Stil und die Stimmung, die über ihm liegt, wenn wir es besuchen! Ähbrvgade ist eine der schönsten Straßen der Welt! Die Kanäle mit den Obstalleen, das Rathaus aus den Zeiten des Absolutismus, das leichtäghptische Museum, an» gefüllt mit Thorwaldsens Mavknor, die ruhige, strenge Schloß­kirche und endlich die Sonne, die immer über der Rhbrogade strahlt!

Wie glitzert die Sonne dort unten auf Gamel Strand, auf den regennassen Marmorsteinen! Dort unten lärmen und handeln sie, während ich hier oben traumverloren in die golde­nen Spiegel der Antiquitätenhändler starre . . . Hier verliere ich den Faden der Zeit und bin erfüllt von der ewigen Jugend.

Gamel Strand . . . Ja, halte dir die Rase zu vor diesem entsetzlichen Fischgeruch! So hat es hier gerochen, jahrhunderte- lang. Dieser ist das älteste, das allerälteste Kopenhagen. Gin Doot neben dem anderen, Seite an Seite Hunderte von diesen schwarzen, schwimmenden Kisten! Hier sind wir in Kopenhagen.

Der Fischmarkt . . . die Drücke . . . Kristiansborg . . .

Fest der Könige, der Träume Schloß Heber den alten Kanälen . . ."

Kanäle, wie ist er feurig und verborgen, dieser Meeresarm, der die Stadt umklammert. Möwen fliegen hoch oben gleich großen Schmetterlingen. Zittert nicht die Glut der Elemente in ihren Lauten? Man geht langsam an der Brüstung entlang,

bleibt, stehen, starrt ... Sieh, des Reithauses grünes Dach! Man geht vorbei an dem alten feinenPrinzenpalais". Bei der Marmvrbrücke, wo die Königsreliefs über dem Spiegel der Ka­näle zerfallen, zerbröckeln, gerät man wieder ins Träumen. Da liegen die zwei Pavillons herrlich in ihrem Verfall: da ist die Reitbahn, die große, öde, mit den Springwassern, die -nur selten springen, mit den Rittern, die nur selten dort reiten, mit ocn Bogengängen, der Liebespaare einsamen Kolonnaden . . .

O, diese Marmorbrücke im Schummerlicht oder in finsterer, lautloser Rächt! Da schmeckt man das Meer: Aegenflut und Meereswind sind verschmolzen zu einer berauschenden At- mvsphäre. Und erinnerst du dich noch der Zeughausbrücke? Wie ist die Luft da blau an einem Tage zwischen Winter und Früh- tlng, wenn es zu dämmern beginnt. Hier liegen die Schiffe Der» suaken in Winterschlaf. Sie träumen so süß und so still . . . Doch rm März wenn das Treibeis zieht, kommt neues Leben über sie, Matrosen hängen in den Masten, Segel werden gerefft, und im April sind sie fort,Konstance" . . .Annemarie" . . .

Hnd erst die Gebäude, die stolzen alten, die diesen Kanal zieren: Dort siehst du die Artilleriekaferne, Christians IV. Brau» öaue mit dem gewaltigen, weitausladenden Dach, und hier winkt ~retroner, die alte Festung. Hnd drüben ruhen auch des Zeuq- haufes Kanonen, Seite an Seite, ein schwarzes Heer. Ja. hier grüßt uns das Vergangene und Ferne, hier ahnen wir des Alters unvergängliche Jugend.

(Erinnerungen an Wilhelm Oncken.

Zur 20. Wiederkehr seines Todestages am 11. August.

Von Helene Oncken.

(Schluß.,

Berlin, 23. Rov. 18?5.

Ich bin heute glücklich zu Wort gekommen, ohne durch den Präsidenten unterbrochen zu werden und mit dem Erfolg, daß sich eine ganz lange Debatte anschloß, in welcher den Schwarzen grimmig zu Leibe gegangen wurde. Ich habe meine Rache ge­nommen und bin seitdem ein anderer Mensch.

Berlist, 24. Rov. 18t5.

Während meiner Rede und der Debatte, die sie veranlaßte, war Fürst Bismarck anwesend, der ganze Bundesrat und die Tribünen voll. Wenn Du sie zu kurz findest, so überlege, daß ich sozusagen denStrick um den Hals" hatte: in meinem Rücken stand der Präsident, wie mir andere erzählten, die Hand an der Glocke, das Zentrum tobte wie gewöhnlich, ich hörte schon einen leisen Glockenklang, der den lauten vorherzugehen pflegt, so eilte ich denn Über Stock und Stein und brachte denn auch alle Pointen richtig heraus, ehe ich schloß. Bravo hatte ich nicht, wohl aber den glänzenden Erfokg, daß, sowie Reichensperger geantwortet hatte, die ersten Redner des Hauses: Bamberger, Deseler, Löwe und Geh. Rat Herzog über ihn herfielen, um ihn ganz in meinem Sinne vollends kleinzumachen, während ihm kein einziger von feiner Fraktion zu Hilfe kam. Es war ein kleiner Kulturkampf, den ich hervorgerufen hatte, wahrscheinlich der einzige, der in dieser Session Vorkommen wird. Hehl und Heck sagten mir, sie hätten im Anfchauen der erhobenen Glocke des Präsidenten schreckliche Angst um mich ausgesianden und der ganzen Partei sei eS so gegangen. Gott sei Dank, daß es gut abgelaufen ist, ich habe meinen Mut wieder und das ist die Hauptsache. In dieser Sitzung sind übrigens nicht weniger als drei Abgeordnete hinter­einander durch den Präsidenten gezwungen worden, mitten in der Rede aufzuhören. Wie hätten die Schwarzen sich gefreut, wenn es mir auch so gegangen wäre.

Berlin, 3. Dez. 1875.

Ich wollt', es wäre Abend, sagte Wellington zu Waterloo. Ich wollt', ich wäre zu Hause, sage ich heute, tief bekümmert durch die heutige Sitzung des Hohen Hauses. Erschrick nicht, deinem Mann ist nichts geschehen und doch ist er tief verwundet. Heute hat Fürst Bismarck aus Anlaß der unseligen Strafgesetz­novelle eine Rede gehalten, die ungefähr besagte: Wenn ich könnte, so würde ich die Rativnalliberalen lieber heute als mor­gen in die Lust sprengen. Da ich es nicht kann, so verschiebe ich den Kamps bis zu den Neuwahlen im nächsten Jahr, und als der Abgeordnete Hänel in einer meisterhaften Rede sagte: Der Herr Reichskanzler hat ausgesprochen, daß er in der bisherigen liberalen Mehrheit feine Stütze nicht mehr suchen will, da hat