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nur Int rötlichen gelockten Haar, das bei 2hm allerdings spärlich genug unter der grauen Reisekappe hervorlugte. 2m übrigen schien Ponto am Wandern mehr ßuft als sein Herr zu verspüren, der ihm natürlich nicht in alle Gräben folgte, sondern schnaufend im Staube der Landstraße einhertrottets, bald den kahlen Schädel und das blaurote Gesicht trocknend, bald an der Drille rückend, die eigensinnig der Aasenspitze zustrebte.
„Was heulst du, Resi?" hatte eben eine behäbige Bäuerrn hinter ihm hergerufen, „heiß ists, na ja. Aber sieh' mal wie Er schwitzt." Dabei hatte sie ihrer Kleinen den breiten Rucken des dicken Mannes gewieselt, auf dessen Linnenrock sich allerdings schon einige dunkle Inseln zu zeigen begannen.
Run muß ein Menschs der um fünf Ahr nachmittags bet vierundzwanzig Grad auf der Chaussee ein Lerchenkonzert anhort, ein ganz aparter Mensch sein, was übrigens dem, der «s noch nicht wußte, der zurückgeschlagene Kragen und der absolute Mangel eines Hemdknopfes verriet. Rebenbei erzählten seine schalkhaften Augen, mit all deut Zauber einer reichen inneren Welt, noch k«es und das.
Endlich war die Waldkante erreicht. Der Pfad senkte stch der Talmulde von Löbichau zu. Da schimmerte schon durch di« Dachen etwas Grün-Dlau-Weißes; das mußte die Schloßfahne fein. Jetzt noch die kleine Grabenböschung hinan, und da lag der große Mann auf weichem Moose, im Schatten eütec schmucken Edeltanne. Wie närrisch umkreiste ihn sein Pudel.
„Artig, Ponto, jetzt kommen wir aufs Parkett. Also den Damen nicht in die Schleppen, den Cdelherren nicht an die Waden gefahren! Sollst zeigen, was einen Hofhund vom Hofhund unterscheidet. Allez coucher! So, Französisch verstehst du. Du avancierst bestimmt." Behaglich lachend warf Er sich auf die Seite und zcg aus dem Reisefack auf seinem Rücken zwei Driefe.
Den kleineren hatte Ihm ein Doktor der Rechte in Altenburg gegeben, liebenswürdig und verliebt, wie jedes junge Dlut am Anfang unseres Jahrhunderts und darüber hinaus. In einer Hopferckaube hatten sie ihre erste Dekanntschaft mit Rheinwein befeuchtet und waren bis Schmölen zusammen gewandert. Hier hatte der Dcktor, der übrigens Dinzer hieß, Ihm beim Abschied das Geschreibsel mit beredtem Dlick in die Hand gedrückt. Denn sagen ließ sich damals so etwas nicht so leicht.
So las Er denn schmunzelnd im Tannenschatten die angenehme Kunde: „Liebster, Bester, mein Lebensglück hängt an einem Faden und dieser an Ihnen. Sie sind der Abendstern, der meiner Sonne in Löbichau nahe kommen soll. Verschaffen Sie mir einen Posten als Morgenstern. Schmuggeln Sie mich ein, sei's als Sänger, Musiker, Jurist oder auch Stiefelputzer — wenn nur in Löbichau. Ewig der Ihre, d. h. in Löbichau. — Nachschrift. Kennzeichen: rote Locken, sinnende Anmut, verhalteire Leidenschaft." Er lächelte, Er mochte wohl an die Geschichte Seines ersten Kusses denken, wozu Er jetzt dem anderen verhelfen sollte. Nun aber fl:g ein Schatten um Seine heiteren Züge, als Er den zweiten Drief entfaltete. Der kam aus Löbichau unter Seiner Adresse und lautete: „Ist es nicht zu kühn — darf ich einmal an den teuersten Menschenfreund schreiben und ihn Vater nennen? Ach, dem ich so viel zu danken habe, die erhabensten Wahrheiten, all das Gute, das mich begeistert, und die Ewigkeit, die er mir aufgetan. O daß Du bist und lebst! Dieser feste Glaube an Dich ist ein Himmel, den mir niemand rauben kann. Allmächtig wirkest Du auf die Menschen. Ich bin nur ein kleines Mädchen, zu wenig, als baß ich meinen Namen nennen sollte. Aber sehen, sehen werde ich Dich bald. Ich will Ihnen nur sagen, daß Ihre Werke mein bestes Gut sind. Don Natur einsiedlerisch, bin ich durch Gewohnheit der Welt fremd geworden. Ach, daß ich nicht Dein Kind sein, nicht zu Deinem himmlischen Herzen kommen kann! Wie froh wäre ich als Magd in Ihrem Hause, wie wollte ich für Sie arbeiten! Aber dies sind wohl nur Träume..."
Er las nicht weiter, sondern fuhr mit der flachen Hand über Doppelkinn, Stirne und Kopf hinweg, was entschieden ein Zeichen von Mißbehagen war. Dann legte Er beide Briefe aufeinander und schlug Seinem Pudel auf den Rücken: „Ponto. das nennt man verhaltne Leidenschaft. Der Himmel bewahre uns davor, uns und alle Christenmemschen. Hoppla, Toilette machen, Ponto!" Er warf den Kittel ab, zog Kniehosen und Weste straff und langte aus Seinem bescheidenen Felleisen den blauen Staatsfrack hervor. Ponto, der sich auf die Hinterfüße gesetzt, bekam einen Spiegel ins Maul, und Er bürstete und glättete vor diesem seltenen Trumeau an Sich herum nach allen Regeln höfischer Kunst.
Plötzlich ließ das Tier ein leises Knurren hören. Gleichgültig wandte er sich um: wahrhaftig, es rauscht« im Dusch Wenn das nicht ein Fuchs und ein Dachs waren, so war «s ein roter und ein schwarzer Mädchenkopf, die neugierig hervorlugten. Er hatte eben nur noch Zeit, in den letzten Rockärmel zu fahren. Ein silberhelles Lachen flog aus dem dichten Grün. Ein Griff — und Er hatte, wie die Jäger sagen, eine Doubleite gemacht. In jeder Hand hielt Er ein weißgekleidetes, sich sträubendes Mägdlein, von Ponto mißtrauisch umschnuppert. — „Halt, halt, nicht so wild, junges Dlut! Struppiges Haar, schlechtes Gewissen. Kenne das. bin lang genug Lehrer gewesen. Aus der Schule gelaufen, nicht?"
Betreffen sahen sich di« beiden an.
„Sind Sie nicht der Klavierstimmer?" fragte die Jünger« und schaute mit den dunklem, intensiv blauen Augen zutraulich zu ihm auf, „heute wird getanzt. Mama erwartet Sie."
Dewtmdernd ruhte Sein Blick auf dem Mädchen und Er murmelte „Mignon". In der Tat, sie hatte etwas von diesem H3uni>er£htbe, denn Stirne, Nase und Oberlippe waren von klassischer Vollendung, das Weiche schwarze Haar, einfach gescheitelt, in einen Knoten verschlungen.
„Klavierstimmer, ja freilich," wiederholte Er vergnügt. „Aber ich kann auch Menschen stimmen. Also nur gebeichtet, vorwärts!" „Hören Sie, aber geplaudert wird nicht. Bei dem Wetter englische Lektion — einfach Barbarei. Da bin ich ausgekratzt, wie Vetter Peter sagt. And Rita — Rita lief mit, weil — weil man sie verheiraten will." — „Aber, Dora..." — „Verheiraten, so sage ich," eiferte Dora entrüstet. „In Löbichau nmß nämlich alles heiraten, das ist wie mit den Windpocken. Meine Tante Recke allein hat sechzehn Töchter ins Nest gebracht."
„Sechzehn —, bitte, wie?"
„Pflegetöchter," verbesserte errötend die Aeltere.
„Natürlich Pflegetöchter, "sprudelte es über Doras schwerlende Lippen. „And was in Löbichau nicht heiratet, ist wenigstens verliebt. Wilhelmine — meine Schwester nämlich — ist sogar zweimal verheiratet getreten.“ — „Dora. Dora..."
„And zweimal geschieden," setzte der kleine Wildfang mit einigem Stolz hinzu. „Rita, jetzt spreche ich Ich bin nämlich die Tante, und diese da ist Rita Baronesse von Brink, Pflegetochter meiner Schwester Wilhelmine. Bin ich also nicht die Tante? Rita, sieh' doch das närrische Tier. Ihr Pudel beißt doch nicht?" Er schüttelte den Kopf. Es war Ihm seltsam beklommen zumute gegenüber all dieser vertrauensvollen Offenheit. Dora neckte, ins Moos gekauert, den Hund mit ihrem abgenommenen Federhut. Aber Sein Blick schweifte immer wieder zu der anderen ab. Die roten Locken fielen Ihm auf. Sie schien es zu merken, denn nun trat sie dicht an Ihn heran und bat mit etwas herberem Klang, als gerade zu einer Ditte nötig war: „Sie haben nichts gehört, nicht wahr? Es war unschicklich, Sie zu belauschen. Verzeihen! Sie und leben Sie wohl." Dunkle Röte überfloß ihr schmales Gesichtchen, sie wollte gehen. Aber mit zwei Schritten hatte Er sie eingeholt und legte die Rechte mitleidig auf ihren Scheitel: „Verheiraten will man Sie?" fragte Er mild. „Das ist, als wollte man eine Blume auf die Felskante werfen und sprechen: dort sollst du weiter blühen. Das mag sehr traurig fein. Aber — keine Aebereilung, Kind. Nehmen Sie wenigstens den Wunsch des Klavierstimmers mit sich, daß Sie nie zur Sonne aufsehen mögen, ohne das Auge so rein emporzurichten, als der Strahl ist, der von ihr in dieses fliegt." Wieder tauschten die beiden erstaunte Blicke, und Dora flüsterte: „Rita, ein Klavierstimmer scheint er nicht zu sein." Schalkhaft blickte sie ihm unter die hohe Stirne: „Ach, bitte, lieber Mann, auch mir etwas Hübsches, Artiges sagen." __
„Ihnen, kleiner Ausreißer, wünsche ich daß Sie mit Ihren Schmekterlingsflügeln um jede giftlose Blume schweben möge« und kein boshafter Knabenhut auf den losen Sommervogel falle. — And nun kommen Sie, ich vertrete Sie beide. Mein Ponto schnuppert nach einem Knochen und mich verlangt nach fröhlichen Menschen, nach mehr von dieser Sorte." Dabei faßte Er zierlich Doras Arm und zog die Mädchen einige Schritte weiter.
„Aber, aber...“ Dora blieb zweifelnd stehen, „das geht doch nicht. Sie wollen wirklich nach Löbichau? Ja, waS wollen Sie dort?" — „Alles, mon bijou, was die andern wollen. In drei Minuten bekannt, in fünf lustig, in der achten verliebt fein. Vierzig Gulden habe ich aufgewandt, meinen alten Adam zu kuvertieren und zu verzinnen mit Bänderschuhen und dreieckigem Hut. Wir arrangieren Pfänderspiele, tanzen, phantasieren auf dem Flügel..."
„Rita, ich meine, er phantasiert schon letzt. Tanzen Sie denn?" ,
„Rein, aber Sie werden es mich lehren.
Die Kleine klatschte in die Hände und nahm Ihn beim Wort gleich auf der Stelle. Das Plätzchen dort unter den Birken fei ein vorzüglicher Tanczplatz, die Bäume aufgestellte Paare, Rita ihr vis-ä-vis. Aber welchen Tanz? Ekossaise? Nein, Er sehe mehr nach Andante aus, also Polonäse. Jetzt die Tour, Dreivierteltakt, la-lala-la. And schon schwebte sie an Seiner Hand hin, während Rita noch sprachlos auf den Fremden schaute. Ihm war es tote ein Traum seiner kargen, freudelosen Jugend. Bald wanden sie sich einzeln oder vereint durch Mückensch.värme und Dirkenlaub, bald bildeten die hübschen Mädchenarme Siegbogen. die er passieren mußte, bald sah er sich von beiden ergriffen, in anmutiger Verkettung der Hände. Lalala scholl «S glockenhell durch die Waldruhe und das Echo brachte es von den Hügeln: zuÄck. Von der Tanne rief der Fink und die Bäume rauschten leise. Jetzt rief der Kuckuck, sie hielten an und zählten. „Zweimal, zwÄmal," jauchzte Dora, „Rita, nach zwei Monaten bist du Braut. Das hab: ich gefragt And Sie, mein schöner Kavalier?" Galant küßte Er die kleine braune Hand oder vielmehr den zierlichen Halbhandschuh daraus: „Mir sagte er, daß wir zwei Monate zusammenbleiben, allerschönste Mamsell."
(Fortsetzung folgt.)
Hchriftieitun«: Dr. Frisör. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühlfchen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Viehes.


