Ausgabe 
14.11.1925
 
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fliegenden Ernten der Länder: aber «s legt ste ims hin, wenn «S gespielt hat. O Geliebter, wenn alles Liebe ist, alleS Harmonie, alles liebend unfr geliebt, alle Fluren ein berauschen­der Blütenkelch, dann streckt wohl auch im Menschen der hohe Seist die Arme aus und will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die Arme nur an Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor unausspechlicher Sehnsucht nach Liebe."

Emanuel, ich bin auch traurig", sagte mein Julius.Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hüllt sich zu lab mich alles «och sehen und es dir sagen . . . Jetzo flieht eine Weibe Taub« wie eine grobe Schneeflocke blendend über daS tiefe Blau. . . Jetzo zieht sie um den Golds unken des Gewitter-Ableiters her« ton, gleichsam um einen im Lageshimmel aufgehangenen glim­mernden Stern o sie woget und woget und finkt und ver­schwindet in den hohen Blumen des Gottesackers.... Julius, fühlst du nichts, da ich sprach? Ach, die weihe Taube war viel­leicht dein Engel und darum zerfloh heute vor seiner Bähe dein Herz die Taube fliegt nicht auf, abirr Tauwolken wie ab­gerissene Stücke aus Sommernächten, mit einem Silberrand, ziehen über den Gottesacker und überfärben die blühenden Gräber mit Schatten. Jetzo schwimmt ein solcher vom Himmel fallender Schatten auf uns her und überspült unseren Berg. Rinne, rinne flüchtige Rächt, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonn« nicht lange 1 . . . Unser Wölkchen steht in Son>° nenflammen ... O du holde, so sanft hinter dem Grdenufer zurückblickende Sonn«, du Mütterauge der Welt, dein Abendlicht dergieht du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir Und erblassest sinkend; aber di« Erde in Fruchtschnüren und Dlumenbändern ausgehangen und an dich gelegt, rötet sich neu­geschaffen und vor schwellender Kraft. . . Höre, Julius, jetzo tönen die Gärten die Luft summt, die Vögel durchkreuzen sich rufend der Sturmwind hebt den groben Flügel auf und schlägt an die Wälder; höre, sie geben das Zeichen, dab unser« gute Sonne geschieden ist" . . .

O, Julius, Julius," sagte ich und umfaßte seine Brust:Die Erde ist grob aber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch größer als die Erde und größer als die Sonn« . . . Denn «8 aHeini denkt den größten Gedanken."

Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kühl wie aus einem Grabe daher. Das hohe Luftmeer wankte und ein breiter! Strom, in dessen Bette Walder niedergebogen lagen, braust« durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zurück. Die Altäre der Äatur, die Berge, waren wie bei einer großen Trauer schwarz überhüllt. Der Mensch war vom Rebelgewölke auf die Erde eingefperrt und geschieden vom Himmel. Am Fuße des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze und der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewölbe. Aber der Sturm richtete sich auf und rib es auseinander; et trieb die fliegenden Trümmer des zerbrochenem Gefängnisses durch das Blau und warf die zerstückten Dampf­massen unter den Himmel hinab, ülnd noch lange braust' er allein über die offene Erde fort, durch die lichte gereinigte Ebene . . . Aber über ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang, glänzte daS Allerheiligste, die Sternennacht.

Wie eine Sonne ging der größte Gedanke des Menschen am Himmel auf meine Seele wurde eingedrückt, wenn ich gcpr Himmel sah sie wurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah.

Denn der Unendliche hat in den Himmel feinen Ramen in glühenden Sternen gesät; aber auf die Erde hat er seinen Ramen in sanften Blumen gesät.O, Julius," sagte ich,bist du Heute gut gewesen?" Er antwortete:Ich habe nichts getan als geweint."

Julius, knie nieder, und entferne jeden bösen Gedanken höre meine Stimme beben, fühle meine Hand zittern ich knie neben dir . . .

Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der plnendlich- feit, vor der unermeßlichen über uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Ämkreis des Raums. Erhebe deinen Geist und denke wgs ich sehe. Du hörst den Sturmwind, der die Wolken Itm die Erde treibt, aber du hörst den Sturmwind nicht, der die Erde um die Sonne treibt, und den größten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um ein verhülltes All führt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erde in den leeren Äether; hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Ge­birge einfchwinden und mit sechs anderen Sonnenstäubchen um die Sonne spielen; ziehende Berge, freuen Hügel nachflattern, stürzen vorüber dir und steigen hinauf und hinab vor dem Son­nenschein dann schau umher im runden, blitzenden, hohen, aus kristallisierten Sonnen erbauten Gewölbe, durch dessen Ritzen die unermeßliche Rächt schaut, in der das funkelnde Gewölbe hängt. Du fliegst Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die große Nacht hinaus. Du schließest das Auge zu und wirft dich mit deinem Gedanken über den Abgrund über die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder öffneft, so umkreisen dich, wie Seelen, Gedanken, neu hinauf- und hinab- stürmende Ströme aus lichten Wellen und Sonnen, aus dunklem Tropfen von Erden und neue Sonnenreihen stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen und das Feuerrad einer neuen Milchstraße wälzt sich um im Strom der Zeit. Ja, dich rücke eine unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zurück und heftest dein Auge auf das erblassende eintrocknende eonnenmeer, endlich schwebt die entfernte Schöpfung nur noch als ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht, du dunkst dich

allein und schauest dich um und eben soviel Sonnen unfl> Milchstraßen flammen herunter und herauf und das bleiche Wölk­chen hängt noch zwischen ihnen, bleicher, und außen um freit ganzen blendenden Abgrund ziehen sich lauter bleiche, stille Wölkchen.--

O, Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von einem Abgrund in freit anderen geschleuderten Milchstraßen, da flattert ein Blütenstäubchen, aus sechs Jahr­tausenden und dem Menschengeschlecht gemacht. Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Stäubchen, das aus allen unseren Herzen besteht?

Pansch.

Eine Geschichte aus der Biedermeierzeit.

Von Earl Worms.

k.

Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin mit lichtbraunen Augen und weißer Haut, ein wahres Gottesgeschenk für das Gottesländchen, das ihr Lilienzepter beherrschte. Wo sie hin­trat, da sprießten Veilchen, wo sie lächelte, gab eS eitel Himmels­glück. Itnfr daneben in einem großen Paläste, wo nur Eisblumen blühten, wohnte eine mächtige Fee, ffe sprach zur Prinzessin: Gib mir dein Land, ich bin mächtiger als du. Mr dich sind Blumenkronen, deine goldene will ich mit meinen anderen tragen." Weinend klagte es die Prinzessin dem Prinzen, ihrem Gemahl.

Dem aber hatte die Fee das Herz mit ihrem Zauberstade berührt, daß es finfter und verstockt geworden war. Er lächelte bitter und tröstete:Weine nicht. Ich will dir einen Garten geben, wohinein ich das Gottesgeschenk aus dem Gottesiändcheir setzen will. Das eine ist des andern nicht wert."

Unfr so gingen sie und waren wenig Augen da, ihnen nach­zuweinen. Aber Schönheit und Anmut nahm die Holde mit sich und verpflanzte sie in den versprochenen Garten. Als diese Kunde durch deutsche Gaue flog, fra regten sich die Minnesänger wieder, rüsteten ihre Golfrharfen und fangen zu der Prinzessin Füßen von Liebesleid unfr -lust. ilnfr da lächelte sie wieder.

Wie ein Märchen klingt es und hat doch seine Richtigkeit. Denn das Gottesgeschenk, die Prinzessin, war Dorothea, die letzte Herzogin von Kurland, unfr die Fee war die Zarin Katha­rina, die gerade noch eine Krone für sich brauchte.

Der Garten aber heißt Löbichau unfr liegt inmitten von Wald, Feld unfr Wiese im Altenburgischen, recht im Herzen Deutschlands, wo die Sonne nicht recht weiß, ob sie Menschen oder Pflanzen sonniger macht, wo Regentage nur dazu dienen, Menschen und Pflanzen am nächsten Morgen fröhlicher erscheinen zu lassen.

Als nun im Jahre 1800 Dorothea Fürstenkrone unfr Fürsten­sorgen in den Metallsarg ihres Herzogs versenkt unfr Kurlands Wappen darüber gehängt hatte, stieg sie aus der Gruft wieder heraus zum Sonnenschein und Begann in Löbichau ein neues Leben. Das bescheidene Herrenhaus wurde zu einem Schloß oder einer italienischen Villa mit hübschem Säulenbalkon, der Eichen­hain zu einem Park, recht wie ein grünumlaubtes Vogelheim zwischen sanft ansteigenden Hügeln.

Es war kein steifer Hof, den Dorothea hielt, höchstens ein Artushof, an dem sie als neue Ginevra waltete. Die Ritter, die hier Abenteuer suchten, kamen in Kniehosen oder im Werther­srack und fochten ihre artigen Turniere mit der Feder und geist­vollen Worten aus. Mr Minnespiele sorgten der Schloßherrin vier entzückende Töchter, für die man sich je nach ülmftänfren er­tränken, vergiften, erdolchen wollte. Wurde aber der Witz zu herb, die Liebe zu ungebärdig, Ginevra-Dorothea fand immer das Rechte, den Sturm im Wasserglase zu beschwören. Schön­heit, Anmut waren eben ihre Gottesgeschenke.

In dieser empsindsamen Wertherperiode, wo deutsche Männer mit deutschen Frauen in Tränen wetteiferten, wurde in Löbichau zum mindesten ebensoviel gelacht als geweint. In einer Zeit, wo man den Hut mehr in der Hand als auf dem Kopfe trug, wo man lieber zwei Worte verschluckte, als nur eins offen auszu­sprechen wagte, durfte man in Löbichau alles sagen, was man eben vor edlen Frauen sagt. In einer Zeit, wo frass Dichter­ministerium in Weimar vieler Souveräne Entsetzen wachrief, wo Tallehrand das Wort Legitimität zu einem Fels von Erz ge­macht, woran gewöhnliche Sterbliche sich die Knie wund schseuerten, und Metternichs Spürnase schon nach Demokraten schnupperte da wagte es Dorothea, einen Theodor Körner aus 6er Taufe zu heben, Jfsland, einen simplen Schauspieler, an ihre Tafel zu ziehen. Ihr Löbichau stand jedem offen, dem Bildung und Geist den Freipah ausgestellt.

Mochten in Berlin und Wien die Legitimen darob die Weste auch dreiunddreißigmal hinunter unfr die Achsel ebensovielmal hinausziehn, sie focht es nicht an. Sie fühlte sich in ihrem kleinen Reiche wohl, sie fühlte wieder beglückenden Sonnenschein. Unfr wie die Prinzessin in Märchen lächelte sie wieder.

Zu diesem Altenburger Musensitz war auch Er unterwegs an einem heißen Julitage des Jahres 1819. Da Bonaparte auf St. Helena saß unfr es in Deutschland wieder mehr nach Feld und Wald als nach Pulver roch es also auf der Chaussee zwischen Altenburg und Löbichau ganz sicher war, so hatte Er Seinen! Lohnkutscher in Schmölen gelassen unfr für alle Fälle nur Ponto, Seinen Pudel, bei sich. Die Aehnlichkeit zwischen beiden bestand