Ausgabe 
14.11.1925
 
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«tneS Bezugs zu unseren anderen Künsten, vornehmlich zur tönenden."

Was hier nur ein ästhetisches Problem war, ist jetzt zur wache des Volkes, zur Frage der Erlösung geworden. Von der Not dieser Zeit umgeben, suchen wir, die deutsche Form aus ihren tieferen Offenbarungen zu gewinnen, und wir wissen wieder, dah nationales wie persönliches Leben nur aus der Ver­wurzelung im Metaphysischen seine Legitimation erhält. Damit sind wir dem Wesen des Dichters vielleicht näher gerückt als je. Noch ist er uns freilich mehr Sehnsucht als Erfüllung. Aber wenn das Gesetz der Geschichte nicht Untergang, sondern ewige Wieder­geburt der Völker heißt, dann muß Jean Paul mit uns einst wieder auferstehen vom Tode, der nur ein Schlummer war.

Ein Besuch bei Jean Paul.

Von Ludwig Nellstab.

In denBüchern der Rose" des Berlages Wilhelm Langewiesche-Dranbt in Ebenhausen erschien zum Jean Paul-Gedenktag eine von Ernst Hartung mit viel Geschick und Liebe zusammengestellte Drtefsammlung, ein wahrerLebensroman in Briefen", dem wir nach­stehendes aus den Erinnerungen Ludwig Rell - stabs an einen Besuch bei Jean Paul in Bayreuth im Jahre 1821 entnehmen.

2ch kleidete mich rasch an, um ins Freie zu gehen. Da er­klangen fröhliche kriegerische Töne in der Straße; es war die Schutzengilde von Daireuth, welche heranzog. Ich lehnte mich ins Fenster und sah der marschierenden stattlichen Kompagnie ent­gegen, der, wie dies in kleinen Städten zu sein pflegt, aus beiden Seiten der Straße eine muntere Schar von Knaben und Mädchen voranzcg, immer halb mit den Köpfen rückwärts nach dein fest- "chen Schauspiel gewandt. Plötzlich rief aus der bewegten Menge eine Stimme zu mir heraus.Guten Morgen!" Es war Jean Paul, der mitten unter der fröhlichen Jugend vorüberzog. Er hatte einen gelbbraunen Lleberrock an, einen schwarzen Stroh- hiit auf und trug eine Art von Reisetasche über den Schultern, m cer er seine Manuskripte bewahrte. Sein treuer gelehriger Pudel, Pmrto, von dem ich später noch zu erzählen habe, sprang neben ihm her. DiesesGuten Morgen" tönte mir freudiger be­wegend ins Ohr als der frische Kriegsmarsch der Schützen; ich er- d^fdkrw es heiter grüßend zwei-, dreimal. Halb umgewandt rief

3 ean Paul noch zu:Nun, heute nachmittag sehen wir uns!1 und zog dann mit 6er Menge weiter, bald durch diese und den militärischen Zug meinem Nachschauen entrückt.

... Mit dem Schlag i/24 Uhr stand ich in der Tür des Gast- pruschens der Frau Nollwenzel. Diese selbst fragte ich nach dem Legationsrat Richter. .Sind Sie der Herr, den der Herr Le- gationsrat erwartet?" erwiderte die Frau.Sie kommen schon zu spat , setzte sie mit der Stimme und dem Ton hinzu, wodurch man lemandem ausdrückt, daß er sehr gefehlt habe;der Herr Legationsrat hat schon zweimal nach Ihnen gefragt... Es tour&e mir darauf das Zimmer geöffnet, in dem Jean Paul geschrieben, aber feine Arbeiten schon zusammengepackt hatte, und er trat mir mit dem Manuskript einer von mir gedichteten OperDido" in der Hand entgegen. Nach freundlichem Gruß begann er:Ich habe dies Werk bisher nur flüchtig angesehen, aber Mt im Hinausgehen es aufmerksam ganz durchgelesen und

5*9® Mtes ist."... Jean Paul ging hierauf vas Gedicht bis m die kleinen Einzelheiten des Versbaues mit Mir durch...

gemütlicher zu sprechen, lud er mich ein, mich zu ihm zu setzen, und einen Krug des ihm so wohltuenden Daireather BierL. mit ihm zu leeren. .Er hatte es kein Hehl, daß er dieses Getränks wegen in Beireuth wohne, da er es nirgends anders seinenl Körper und Geist sozusagen finde.Es nährt, stärkt mir un& Glicht mich heiter," sagte et;jedes andere macht mich stumpfsinnig, trag, schwer, benommen. Nur dies ist meiner Gesundheit zuträglich, und da diese mir zu meiner Arbeit un- entbehrrich ist, bleibe ich in Baireuth, das ich sonst wohl ver- lassen würde." Als wir uns gesetzt hatten und die Gläser mngescyenkt waren, stieß er deutsch und herzlich mit mir an. -och erinnerte ihn daran, daß heute ein merkwürdiger Tag für Deutschland sei, Goethes Geburtstag; dies erfreute ihn lebhaft, und wir tranken auf das Wohl des Dichters, den Jean Paul aufs höchste verehrte...

Die Politik war ein Lieblingsthema des Gespräches für Jean Paul, das er auch gleich in unserer Unterredung mit Wärme aufnahm... Damals war es Griechenlands Schicksal, welches seit die vaterländischen Angelegenheiten nach außen geschlichtet mta Inneren Gärungen (das Wartburgfest der deutschen BuUchenschafter, die Ermordung Kotzebues durch den Durschen- schafter Sand usw.) einigermaßen beschwichtigt oder vielmehr zuruckgedrängt waren, die wärmste Teilnahme aller, die im Ganzen nicht auf dem Jsolierstuhl des Jchs lebten, in Anspruch nahm. Für das Schicksal Griechenlands schlug Jean Pauls Herz ebenso groß wie für das seines Vaterlandes. Wahrhaft begeistert sprach er seine Hoffnungen für die Wendung des Kampfes aus...

Außer meinen Studien", fuhr Jean Paul fort,habe ich noch allerlei Nebenliebhabereien und Eigenheiten (er bezeichnete sie, über sich selbst scherzend, als Torheiten und Lieblings toll­

heuten), z. B. Me Wetterprophezeiungen und das Halten von Vögeln und Hunden. In meinem Zimmer, wohin ich Sie doch auch noch führen muß, sollen Sie meine Wettergläser, Wetter- spinnen, Laubfrösche, Kanarienvögel, die frei umherfliegeit und mit doch nichts beschmutzen, und ähnliche Steckenpferde .mehr sehen. Meine liebsten Momente habe ich im Winter, in der Dämmerstunde, wo ich die Sonne aus meinen Fenstern über dem Schnee untergehen scheu kann. Alsdann liege ich aus dem Sofa, spre.e mit den Vögeln, dem Hunde Ponto (diesem, einem ge­lehrigen Pudel, werde ich noch ein besonderes AnhangskapiteL wrdmen) und (eigene Worte) Hecke dabei allerlei wunderliche Gedanken aus, worüber die Welt nachher lacht ober, wie es fallt, sich daran begeistert."

_ diesen Gesprächen waren wir, da wir sie anfangs im Gaststubchen, dann im Gärtchen vor dem Hause, endlich auf dem Heimwege geführt hatten, bis nahe an Daireuth gekommen, wo

.belEvtere Heerstraße, später die vom abendsommerlichen Verkehr im Freien laufen Gassen der Stadt selbst eine zusammen­hängendere Unterredung nicht mehr zuließea...

Noch von ihm unh seiner Familie Abschsch zu nehmen, hatte m*r erlaubt Ich ging daher am andern Nachmittage hin, rhm, fast so pochenden Herzens wie den ersten Gruß, das Lebe­wohl zu sagen. Ex war überaus heiter und freundlich...

»8ch beschäftige mich gern und viel mit Tieren und besonders

Hunden", sagte mir Jean Paul, indem er mir seinen Ponto gewissermaßen vorstellte;sie sind viel verständiger und feiner organisiert, als man glaubt. Geben Sie nur acht, wie fein z. B. das Ohr dieses Tieres unterscheidet." Gr bot ihm daraus einen Bissen dar, mit dem Lautva" (kurz gesprochen). Ponto rührte chn mcht an. Der Herr sagte ebenso kurzda", und der Pudel schnappte vergnügt zuEs liegt nicht im Ton," erklärte Jean Paul, ,, denn ich spreche eitiä so freundlich wie das ändere, ja ich will dasva" freundlich und dasda" zurückweisend sprechen, der Hund wird sich nicht irren." Wirklich zeigte Ponto, daß er Wer Sache gewiß sei, und verschnappte sich im buchstäblichen! Srnne des Wortes auch nicht ein einziges Mal, wie vielfältig fern Herr auch mit demda" undva" wechssette...

®ä mich das Spiel ergötzte," nahm der Herr plötzlich eine ernsthafte Miene an und sprach saust verweisend:Ponto! was hav du angestellt?" Sogleich zog der arme Ponto, ein Sünder toicer QSitlen, (wie viele Menschen auch), den Schweif ein und kroch scheu, mit bestürzter Physiognomie unter den Ofen.Dort blerbt er liegen, bis ich ihm Verzeihung angedeihen lasse", sagte Jepn Paul. Ich fragte, ob der Hund lange dabei ausharre; stundenlang, halbe Tage", war die Antwort. Wirklich blieb Ponto mit dem aufgenötigten bösen Gewissen unbeweglich und traurig hinter dem Ofen liegen, bis endlich der Herr die Worte der Amnestie sprach:Es ist schon gut, komm nur her." Da sprang der Begnadigte freudig bellend und knurrend hervor und wußte sich im Uebermaß seines Glückes kaum zu fassen.

Nach dem Häuschen der Frau Rollwenzel hatte Ponto seinen Herrn, als wir an jenein Nachmittage dort zusammenkamen, ebenfalls begleitet. Wenn das Gespräch auf uuserm Rückwege sich noch einer Richtung hin ausgelaufen hatte und eine augen­blickliche Stockung eintrat, füllte Poirto mit seinen Künsten die Zwischenakte aus. Manche habe ich vergessen, doch eines blieb mir im Gedächtnis. Auf ein ernstes Wort von seinem Herrn ging Ponto ehrsam zwei Schritte von seinem Stiefel neben ihm hin, ohne ihn auch nur durch den geringsten Seitenfbnnig zu verlassen. Er marschierte streng im Gliede wie ein Soldat. Sowie jedoch der Herr die WortePonto, Sassai" aussprach, schoß der Hund mit eiligen Sprüngen in weiten Dogen ins Feld und umschweifte feinen Herrn in entfernten Kreisen unter lautem, fröhlichem Gebell, die gestattete Freiheit mit Ue&ennut ge­nießend. Doch mitten in die fröhlichen burlesken Sprünge hinein erscholl seines Herrn Wort (es ist. mir hier gegangen tote dem Zauberlehrling, das Bannwort der Rückkehr zum Gehorsam habe ich vergessen), und aus der Stelle trabte der gehorsame Ponto wieher zwei Schritt seitwärts von dem linken Stiefel seines Gebisters ehrsam und ernsthaft dahin, und nichts, weder ein ihn anbellerider Detter, noch selbst ein vorbeischlüpfendeH Kätzchen unterbrach seine Subordination auch nur einen Augen­blick ...

AusHespsrus"

Bo« Jean Paul.

.----Geliebter, die Erde ist heute so schön, das macht

: a den Menschen weicher der Hinimel ruht küssend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen fallen in die Um­armung ein und schmiegen sich an die Mutter. Der Zweig hebt leise seinen Sänger auf und nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mücke und seinen Honigtropfen den offenem Blumenkelchen hängen die warmen Tränen, in die sich die Wolken verteilen gleichsam in den Augen und meine Blumenbeete tragen >en aufgebauten Regenbogen und sinken nicht die Wälder siegen saugend am Himmel und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest. Ein Zephir, nicht stärker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unseren Wangen vorbei unter die rauchenden Kornblüten und treibt Samenstaubwolken auf, und ein Lüftchen ums andere gaukelt und spielt mit den