Ausgabe 
14.11.1925
 
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Gießener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Samstag, den November Nummer 91

Jean Paul.

Don Friedrich Theodor Bischer.

O du, dem unter Narrheit, unter Witzen der Sehnsucht Zähren an der Wimper blitzen, in Scherz und Schmerzen schwärmender Bacchant! Der Kunstform unbarmherziger Vernichter, du Feuerwerker, der romanische Lichter, Raketen aufwirft, Wasser, Kot und Sand!

O du, dem hart am überschwellten Busen ein Spötter wohnt, ein Plagegeist der Musen, der Todfeind des Erhabenen, der Verstand! Grabdichter, Senseitsmensch, Schwindsuchtbesieger! Herz voll von Liebe, sel'ger Freudebringer in armen Hüttchen an des Lebens Strand!

Du Kind, du GreiS, du Kauz, Hanswurst und EnMl, durchsichtiger Seraph, breiter Erdenbengel, im Himmel Bürger und im Baherland!

Komm, laß an deine reiche Brust mich flirten, komm, laß uns weinen, lab uns lachen, trinken, in Bier und Tränen mächtiger Kneipant!

Goethe" war. Anders als dieser hat er auch nach der Riederlags von 1806 mit Wort und Schrift der Wiederaufrichtung seines Volkes zu dienen gesucht. Sn ihm war der ursprüngliche, chao­tische Reichtum des Llniversums, er war unmittelbar der bunten Vielfalt des Lebens verbunden und fühlte keinen Schwindel in dieser schwebenden, nirgendwo abgegrenzten Lage, weil er die Gottheit als tragenden Faktor der Welt empfand, eine Gottyeit, deren Wesen eben das Richtabgegrenzte, Unendliche. Tausend­fältige war, und von der auch Goethe in der tieferen Region seiner Seele wußte. Deswegen war das Endliche, Begrenzte, Gestalthafte des antiken Formprinzips für Sean Paul nicht maßgebend. Er wollte nicht zur klaren älmrissenheit fester Formen gelangen, sondern sich die lyrisch-musikalische Empfänglichkeit gegenüber den Schwingungen deS Kosmos und der See« er­halten. Nordisches und südliches Wesen treten hier deutlich ein­ander gegenüber.

Daher kann man ihn einen Realisten nennen, well er dts Wirklichkeit wiedergäb, freilich durchleuchtet, so wie fein feeten- hastes Auge sie aufsing, aber unbekümmert um Dogma und Regel. Deswegen ist er der Meister der Farben und Klänge, der Stim­mungen und älebergänge, der Träume und Visionen, neben dessen Bildern die Goethes nüchtern und erdacht anmuten. D^wegen thront nach den schönen Worten Gottfried Kellers bei ihm »inmitten der Abendröten und Rogenbogen, der Lilienwalder und Sternensaaten, der rauschenden und blitzenden Gewitter, inmitten all des Feuerwerks der Höhe und Tiefe, in diesm faumlosen, schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche, groß, aber voll Liebe, HMg, aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes, furchtbar von Gewalt, doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust, hervorguckend aus einem Kindesauge, tote das Osterhäschen aus Blumen".

Don diesem zentralen Punkte aus ist Sean Paul zu er­fassen. Er ist in Vollhafter Religiosität so tief verwurzelt, wie sonst nur Dostojewsky. Die Folgezeit hat sich auf verlchiedenen Wegen um die Enträtselung dieses ihr immer unerklärlicher vor- kommenden Phänomens bemüht. Zu seinen Lebzeiten und nachher war et der Liebling der Ration. Gneisenau und die Freiheits- kämpfer von 1813 nahmen seine Bücher mit ins Feld. Fürsten Adel, Frauen huldigten dem Genie des armen PfarrerssohirÄ aus dem Fichtelgebirge. Die junge Generation, deren Wort- führet Ludwig Börne, ihm jenen berühmten Rachruf widmete, erkor den Dichter der Armen und Gedrückten im Lande zu ihrem Heros. Robert Schumann lebte und webte in der Musi­kalität seines Werkes. _ ,r r .

Aber danach war man nur mehr fähig, Teilzuge und AuAn- seiten von ihm zu erfassen, der in seiner Art, den deutschen Geist aus der deutschen Derwinkeltheit und EingesponuenhMt herzuleiten, noch einmal mächtig in Wilhelm Raabe auflebte, doch da schon, ohne die Ewigkeit zum Hintergründe zu haben. So wurde er, der neben die niederländische Kleinmalerei deS Wuz" die südländische Szenerie, den romantischen Hellenis­mus desTitan" zu stellen vermocht hatte, in den Augen der Nachwelt zum Poeten der Sdylle oder der romantischen Eigen- brödelei; und der neue Rationalismus des anbrechenden Ma­schinenzeitalters fühlte sich noch am ehesten in den satirisch- humoristischen Partien derFlegeliahre und desKatzenbeiger' heimisch, die aus einem ihm verwandten Geiste erzeugt waren.

Sm Laufe des neunzehnten Sährhunderts hatte sich eine Wandlung des deutschen Menschen vollzogen, er war ins ent­gegengesetzte Extrem umgeschlagen und hatte sich.dem Dienst E irischen, vom Ewigen losgelösten Mächte verschrieben. Damit ist das säst völlige Verschwinden Sean Pauls aus dem allgemeinen Bewußtsein zu erklären. Nur abseitige Naturen, tote Paul de Lagarde, hielten ihm die Treue. Erst die Lockerung des deutschen Wesens, die gegen Ausgang dieses Zeitraumes der Herrschaft eines erstarrten Klassizismus ein Ende machte, die Volkstum, Lyrismus und Romantik wieder emporhob und damit nuw langvergessene oder verkannte Dichter, tote Mörike, Keller und Hölderlin, zu Ehren brachte, lieh uns von Neuem empfänglich für die einzigartige Bedeutung Sean Pauls werden. ©tcfait George hat in einer Periode eigenen lyrisch-musitalischen Schaffens denMeister der fränkischen Hügellande für uns entdeckt, um ihm den Platz anzuweisen,den die falsch, ,ubA- blickenden Geschichtsschreiber nie für ihn finden konnten . Er hat ihn schon als den Antipoden der Klassik erkmmt^ ,. Entgegen den Formend-Antiken und Begrifflichen der Goetheschen Er­füllung bietet er unserem Schrifttum das Farbige und Klang­liche, das wir ohne ihn in der Dollendung entbehren mutzten, und aus seinen Schöpfungen allein ergibt sich die Möglichkeit

Jean Paul und wir.

Zum 100. Todestag des Dichters. 14. November 1825. Don Mario Krammer.

Smmer wieder macht sich int Ablauf der deutschen Geschichte das polare Gesetz unserer mitteleuropäischen Lage geltend, wo­nach wir auf der einen Seite über einem Saht tausend Angespannt in den antik-romanischen Kulturkreis des Abendlandes, dessen Hervorbringungen vom Hexameter bis zur Staatsidee, lassen nommen und eingedeutscht haben, und auf der anderen Seito doch ein Doll ganz für uns sind von einer seltsam elgenbrod- lerischen, romantischen Sonderart, die dem Westeuropäer intmei ein unheimliches Rätsel bleiben wird. Ein international-r Maß­stab zur Abschätzung unserer geistigen Erzeugnisse wird sich hier- nach kaum finden lassen, da unser eigentümlichstes Gut unmetzbar, unvergleichbar, in der Regel nur uns selbst zugänglich ist.

Me engere Fühlung mit der europäischen Gesittung war begreiflicherweise immer bei den herrschenden Schichten der Ge­sellschaft, bei den benediktinischen und franziskanischen Gliedern der allgemeinen Kirche, bei den Rittern und Fürsten und beim humanistisch gebildeten Bürgertum. Shi^Kultur hat lewLilS unter dem Einfluß der lateinischen und hellenischen Antike, der romanischen Epik und Lyrik, der Philosophie NordfrankreiM und des römischen Rechts gestanden. Goethe und George, noch ausschließlicher und doktrinärer Schiller und Humboldt sind die letzten machtvollen Verfechter dieser Kulturidee gewesen, die im Anschluß an fremde Norm das Heil sah. Aber immer wieder haben sich daneben und dagegen aus der Tiefe Kräfte und Gebalte des Volkstums geltend gemacht, das vom Wandel der Oberen mehr oder weniger abgetrennt sein eigenes Leben da­hinführte. Sn diesem Sinne hat es von jeher zwei Literaturen bei uns gegeben. Dabei wurden Stoffe des Volkstums, wie die Heldensage, auch mit in den Kreis der höheren Bildung gezogen. Stets war dem niederen Volke bei uns tote in Rußland ein unmittelbares Verhältnis zum Ewigen eigen; immer wieder hat es. in der Mystik wie bei Luther und im Pietismus, er­lebnismäßig den echten Gehalt der Religion zu erfassen und aus feinen gesellschaftlichen, dogmatischen, rationalen Banden zu losen

ein Kind dieses abseitigen, noch gefühlsselige!! und wundergläubigen niederen Volles ist Sean Paul Friedrich Dichter (geb. 1763) aufgewachsen und stellt so, tote man mit Recht gesagt hat, den grohen Gegenspieler Weimars dar. Er hat auch int Leben wohl ein herzliches Verhältnis zu den ihm wesensverwandten Herder, kaum zu Goethe, nie aber zu Schiller und Kant finden können. Das begrifflich-rhetorische, rildungsmähige Wesen desfelsigen", männlichen Schwaben war feiner lyrischen Art entgegengesetzt, wie wiederum Schiller nichts so fern lag, als die idyllische, mystische Kleinwelt des Franken, jene dumpfe deussche Atmosphäre, aus der er gerade das Volk in die hellere und leichtere Luft der Griechen hinaufteihen wollte.

Durch diese Verankerung fti der Wirklichkeit volkstümlichen Lebens stand Sean Paul der Romantik nahe, die ihn gegen Wei­mar auf den Schild hob. Schon damals hat man erkannt, daß er etwas ganz Neues, ganz anderes bot, etwas, das nochüber