Ausgabe 
14.7.1925
 
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die Treppe auf und ab, dann war es ganz still. Earlo hörte nur mehr das Schnarchen Geronimos. Bald verwirrten sich seine Gedanken in beginnenden Träumen. Als er erwachte, war noch tiefe Dunkelheit um ihn. Er sah nach der Stelle, wo das Fenster war! wenn er die Augen anstrengte, gewahrte er dort mitten in dem undurchdringlichen Schwarz ein tiefgraues Viereck. Gero­nimo schlief noch immer den schweren Schlaf des Betrunkenen. Und Carlo dachte an den Tag, der morgen war; und rhn schau­derte. Er dachte an die Macht nach diesem Tage, an den Lag nach dieser Macht, an die Zukunft, die vor ihm lag, und Grauen erfüllte ihn vor der Einsamkeit, die ihm bevorstand. Warum war er abends nicht mutiger gewesen? Warum war er mcht zu den Fremden gegangen und hatte sie um die zwanzig Franken gebeten? Vielleicht hätten sie doch Erbarmen mit chm gehabt. Und doch vielleicht war es gut, daß er sie nicht gebeten hatte. Sa, warum war es gut?... Er setzte sich jäh auf und fühlte sein Herz klopfen. Er wußte, warum es gut war: Wenn sie rhn abgewiesen hätten, so wäre er ihnen jedenfalls verdächtig ge­blieben so aber... Er starrte auf den grauen Fleck, der matt zu leuchten begann... Das, was ihm gegen seinen eigenen Willen durch Len Kopf gefahren, war ja unmöglich, vollkommen unmög­lich! ... Die Tür drüben war versperrt und überdies: sie konnten aufwachen... Sa, dort der graue leuchtende Fleck mitten im Dunkel war der neue Tag---

Carlo stand auf, als zöge es ihn dorthin, und berührte mit der Stirn die kalte Scheibe. Warum war er denn aufgestanden? Um zu überlegen?... Um es zu versuchen?... Was denn?... Es war ja unmöglich und überdies war es ein Verbrechen. Ein Verbrechen? Was bedeuten zwanzig Franken für solche Leute, die zum Vergnügen tausend Meilen weit reisen? Sie würden ja gar nicht merken, daß sie ihnen fehlten... Er ging zur Türe und öffnete sie leise. Gegenüber war die andere, mit zwei Schritten zu erreichen, geschlossen. An einem Aagel im Pfosten hingen Kleidungsstücke. Carlo fuhr mit der Hand, über sie... Sa, wenn die Leute ihre Börsen in der Tasche liehen, dann wäre das Leben sehr einfach, dann brauchte bald niemand mehr betteln zu gehen... Aber die Taschen waren leer. Nun, was blieb übrig? Wieder zurück ins Zimmer, auf den Strohsack. Es gab vielleicht noch eine bessere Art, sich zwanzig Franken zu verschaffen eine weniger gefährliche und rechtlichere. Wenn er wirklich jedesmal einige Centefimi von den Almosen zurück­behielte, bis er zwanzig Franken zusammengespart, und dann das Goldstück kaufte... Aber wie lang konnte das dauern Monate, vielleicht ein Sahr. Ah, wenn er nur Mut hätte! Noch immer stand er auf dem Gang. Gr blickte zur Tür hinüber... Was war das für ein Streif, der senkrecht von oben auf den Fuß­boden fiel? War es möglich? Die Tür war nur angelehnt, nicht versperrt?... Warum staunte er denn darüber? Seit Monaten schon schloß die Tür nicht. Wozu auch? Er erinnerte sich: nur dreimal hatten hier in diesem Sommer Leute geschlafen, zwei­mal Handwerksburschen und einmal ein Tourist, der sich! den Fuß verletzt hatte. Die Tür schließt nicht er braucht jetzt nur Mut ja, und Glück! Mut? Das schlimmste, was ihm ge­schehen kann, ist, daß die beiden aufwachen, und da kann er noch immer eine Ausrede finden. Er lugt durch den Spalt ins Zimmer. Es ist noch so dunkel, daß er eben nur die Umriss« von zwei auf den Betten lagernden Gestalten gewahren kann. Er horcht auf: sie atmen ruhig und gleichmäßig. Carlo öffnet die Tür leicht und tritt mit seinen nackten Füßen völlig geräuschlos ins Zimmer. Die beiden Betten stehen der Länge nach an der gleichen Wand dem Fenster gegenüber. Sn der Mitte des Zimmers ist ein Tisch. Carlo schleicht bis hin. Er fährt mit der Hand über die Fläche und fühlt einen Schlüsselbund, ein Feder­messer, ein kleines Buch weiter nichts... Nun natürlich!... Daß er nur daran denken konnte, sie würden ihr Geld auf den Tisch legen! Ah, nun kann er gleich wieder fort!... Und doch, vielleicht braucht er nur einen Griff und es ist geglückt... Und e r nähert sich dem Bett neben der Tür; hier auf dem Sessel liegt etwas er fühlt danach es ist ein Revolver... Carlo zuckt zusammen... Ob er ihn nicht lieber gleich behalten sollte? Denn warum hat dieser Mensch den Revolver bereitliegen? Wenn er erwacht und ihn bemerkt... Doch nein, er würde ja sagen: Es ist drei Uhr, gnädiger Herr, auf stehn!... Aitd er läßt den Revolver liegen. !

Und er schleicht tiefer ins Zimmer. Hier auf dem anderen Sessel unter den Wäschestücken... Himmel! das ist sie... das ist eine Börse er hält sie in der Hand!... Sn diesem Mo­ment hört er ein leises Krachen. Mit einer raschen Bewegung streckt er sich der Länge nach zu Füßen des Bettes hin... Noch einmal dieses Krachen ein schweres Auf atmen ein Räuspern dann wieder Stille, tiefe Stille. Carlo bleibt auf dem Boden liegen, die Börse in der Hand, und wartet. Es rührt sich nichts mehr. Schon fällt der Dämmer blaß ins Zimmer herein. Carlo wagt nicht aufzustehen, sondern kriecht auf dem Boden vorwärts bis zur Tür, die weit genug offen steht, um ihn durchzulassen, kriecht weiter bis auf den Gang hinaus, und hier erst erhebt er sich langsam, mit einem tiefen Atemzug. Er öffnet die Börse; He ist dreifach geteilt: links und rechts nur kleine Silberstücke. Nun öffnet Carlo den mittleren Teil, der durch einen Schieber nochmals verschlossen ist, und fühlt drei Zwanzigfrankenstücke.

Einen Augenblick denkt er daran, zwei davon zu nehmen, aber rasch weist er diese Versuchung von sich, nimmt nur ein Gold­stück heraus und schließt die Börse zu. Dann kniet er nieder, blickt durch die Spalte in die Kammer, in der es wieder völlig still ist, und dann gibt er der Börse einen Stoß, so daß sie bis unter das zweite Bett gleitet. Wenn der Fremde aufwacht, wird er glauben müssen, daß sie vom Sessel heruntergefallen ist. Carlo erhebt sich langsam. Da knarrt der Boden leise, und im gleichen Augenblick hört er eine Stimme von drinnen:Was ist's? Was gibt's denn?" Carlo macht rasch zwei Schritte rück­wärts, mit verhaltenem Atem, und gleitet in feine eigene Kammer. Er ist in Sicherheit und lauscht... Noch einmal kracht drüben das Bett, und dann ist alles still. Zwischen feinere Fingern hält er das Goldstück. Es ist gelungen gelungen! Er hat die zwanzig Franken, und er kann feinem Bruder jagen: Siehst du nun, daß ich kein Dieb bin!" Und sie werden sich noch heute auf die Wanderschaft machen gegen den Süden zu, nach Dormio, dann weiter durchs Veltlin... dann nach Tirana... nach Edole... nach Breno... an den See von Sfeo wie voriges Sahr... Das wird durchaus nicht verdächtig fein, denn schon vorgestern hat er selbst zum Wirt gesagt:Sn ein paar Tagen gehen wir hinunter". >

Smmer lichter wird es, das ganze Zimmer liegt in grauem Dämmer da. Ah, wenn Geronimo nur bald auf wachte! Es wandert sich so gut in der Frühe! Noch vor Sonnenaufgang werden sie fortgehen. Einen guten Morgen dem Wirt, dem Knecht und Maria auch, und dann fort, fort... Und erst wenn sie zwei Stunden weit sind, schon nahe dem Dale, wird er es Geronimo sagen.

Geronimo reckt und dehnt sich. Carlo ruft ihn an:Gero­nimo!"

Nun, was gibt's?" Und er stützt sich mit beiden Händen und fetzt sich auf. *

Geronimo, wir wollen aufstehen."

Warum?" Und er richtet die toten Augen auf den Bruder. Carlo weiß, daß Geronimo sich jetzt des gestrigen Borfalles besinnt, aber es weih auch daß der keine «Albe darüber reden wird, ehe er wieder betrunken ist.

Es ist kalt, Geronimo ,wir wollen fort. Es wird heuer nicht mehr besser; ich denke, wir gehen. Zu Mittag können wir in Doladore fein." >

Geronimo erhob sich. Die Geräusche des erwachenden Hauses wurden vernehmbar. Unten im Hof sprach der Wirt mit dem Knecht. Carlo stand auf und begab sich hinunter. Er war immer früh wach und ging oft schon in der Dämmerung auf die Straffe hinaus. Er trat zum Wirt hin und sagte:Wir wollen'Abschied nehmen."

Ah, geht ihr schon heut?" fragte der Wirt.

Sa. Es friert schon zu arg, wenn man jetzt im Hof steht, und der Wind zieht durch"

Nun, grüß' mir den Baldetti, wenn du nach Dormio hin­unterkommst, und er soll nicht vergessen, mir das Oel zu schicken."

Sa, ich will ihn grüßen. Sm übrigen das Nachtlage« von heut." Er griff in den Sack.

Laß fein, Carlo," fagte der Wirt.Die zwanzig Centefimi fchenk' ich deinem Bruder; ich hab' ihm ja auch zugehört. Guten Morgen."

Dank," fagte Carlo.Sm übrigen, so eilig haben wir's nicht. Wir sehen dich noch, wenn du von den Hütten zurück« kommst; Dormio bleibt am selben Fleck stehen, nicht wahr?" Er lachte und ging die Holzstufen hinauf.

Geronimo stand mitten im Zimmer und fagte:Nun, ich bin bereit zu gehen."

Gleich," sagte Carlo.

Aus einer alten Kommode, die in einem Winkel des Raumes stand, nahm er ihre wenigen Habseligkeiten und packte sie in'ein Bündel. Dann sagte er:Ein schöner Tag, aber sehr falt.

Sch weih", sagte Geronimo. Beide verließen die Kammer.

Geh leise," sagte Carlo,hier schlafen die zwei, die gestern abend gekommen sind." Behutsam schritten sie hinunter.Der Wirt läßt dich grüßen," sagte Carlo;er hat uns die zwanzig Centefimi für heut nacht geschenkt. Nun ist er bei den Hütten! draußen und kommt erst in zwei Stunden wieder. Wir werden ihn ja im nächsten Sahre Wiedersehen."

Geronimo antwortete nicht. Sie traten auf die Landstraße, die im Dämmerschein vor ihnen lag. Carlo ergriff den linken Arm feines Bruders, und beide schritten schweigend talabwärts. Schon nach kurzer Wanderung waren sie an der Stelle, wo die Straße in langgezogenen Kehren weiterzulaufen beginnt. Nebel stiegen nach aufwärts, ihnen entgegen, und über ihnen die Höhen schienen von den Wollen wie eingeschlungen. Und Carlo dachte: Nun will ich's ihm sagen.

Carlo sprach aber kein Wort, sondern nahm das Goldstück aus der Tasche und reichte es dem Bruder; dieser nahm es zwischen die Finger der rechten Hand, dann führte er eS an die Wange und an die Stirn, endlich nickte er.Sch hab'S ja gewußt," sagte er. i

Nun ja," erwiderte Carlo und sah Geronimo befremdetem.

Auch weim der Fremde mir nichts gesagt hätte, ich hätte es doch gewußt." ISortierung folgt.)

Verantwortlich: I. V.: Ehrhard Evers. - Druck der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.