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mit ihm darüber sprechen."
„Ach, Frank, du mühtest es tun" fugte Oscar.
„Run, nimm einmal an, er würde mir dagegen Vorhallen, daß du ihn verführt hast. Was könnte ich darauf erwidern?"
„Ich ihn verführt!" rief Oskar auffahrend, „das glaubst du doch selbst nicht. Das kannst du dir doch nicht einreden lassen. Es ist nicht wahr. Gr hat mich immer geleitet und beherrscht, denn es ist so selbstherrlich wie Cäsar. Gr hat unsere vertrau- llchrn Beziehungen angeknüpft, er ist in London zu mir gekommen, als ich ihn gar nicht sehen wollte, — oder besser gejagt —, ich wollte schon, aber ich hatte Angst, Frank. Bon Anfang an habe ich Angst gehabt, wohin das alles führen würde und bin ihm aus dem Wege gegangen. Sein rücksichtsloser Adelsstolz, sein furchtbar dreistes, herrschsüchtiges Wesen hat mich abgeschvrckt. Aber er kam nach London und lleh mich rufen oder sagte, daß er mich in meinem Hause aufsuchen würde, wenn ich nicht zu ihm kommen wollte. Ibtb so bin ich hingegangen, well
ich glaubte, daß ich ihn zur Vernunft bringen könnte, aber es war unmöglich Als ich ihm sagte, daß wir sehr vorsichtig fein mühten, weil ich Angst vor den Folgen hatte, machte er sich über meine Befürchtungen lustig und stärlle meine Zuversicht. Denn etr wußte, daß niemand es wagen durfte, ihn zu bestrafen; — er ist ja mit dem halben Hochadel verschwägert, und was aus mir wurde, war ihm gleichgülttg...
Gr hat mich zuerst auf die Gasse geführt und mich, mit den Londoner prostituierten Männern bekanntgemacht. Von Anfang bis Ende hat er mich wie die Stechfliege gehetzt, — wie der oistrvs von dem die Griechen erzählen, daß er die Anglücklichen ins Verderben trieb. ,
And jetzt behauptet er, daß er mir nichts schuldig ist, ich soll keinen „Anspruch" haben, — ich der ich ihm immer gegeben habe, ohne zu zählen, wieviel es gewesen ist; er behauptet, daß er sein ganzes Geld für sich gebraucht. Er möchte Wettrennen! gewinnen und Dichtungen schreiben, Frank, — seine niedlichen Verse, die er für Dichtungen hält!
Mit Leib und Seele hat er mich zugrunde gerichtet, und jetzt will er mich überttumpfen und sagt, daß sich die Wagschale zu seinen Gunsten neigt. 3a, Frank, das tut er; er hat mir neulich erklärt, dah ich kein Dichter, kein wahrer Dichter brn, und daß er, Alfred Douglas, größer ist als Oscar Wilde.
Ich habe auf dieser Welt nicht viel geleistet," fuhr ec leidenschaftlich fort, „das weiß ich am besten von allen, nicht den vierten Teil von dem, was ich zu leisten verpflichtet war, aber manchs ist doch darunter, was die Welt nicht vergessen wird — und schwerlich vergessen kann. Wenn die ganze Douglas-Sippe von Anfang cm mit all ihren Taten zusammengetan und auf dre Wagschale gelegt wird, so wiegt sie im Vergleich damit noch weniger als Staub. And doch, Frank, hat er mich geschmäht, gegeißelt und geschändet... Er hat mich vernichtet, er hat mich vernichtet, er, der Mann, den ich geliebt habe, — selbst mein Herz ist in mir zur toten Masse erstarrt..." und er stand auf und wandte sich ab, während ihm Tränen über die Wangen strömten.
„Mmm's dir nicht so sehr zu Herzen," sagte ich nach ein bis zwei Minuten und ging ihm nach — „die verlorene Liebe kann ich dir nicht ersetzen, aber so etwa hundert Pfund im Jahre, das ist nicht viel, — und ich will dafür sorgen, 'daß du sie redes Jahr regelmäßig bekommst."
„Ach, Frank, das Geld macht es nicht; seine Ablehnung, seine" Beleidigungen, seine Feindseligkeit — die bringen mich um; die Tatsache, dah ich mich für jemand zugrunde gerichtet habe, dem es ganz gleichgülttg ist, der mir ein bißchen Geld hinschiebt; — mir ist zu Mute, als wenn ich im Kot ersticke...
Einst habe ich geglaubt, daß ich mein Leben meistern, über mein Schicksal gebieten könnte, dah ich tun dürfte, was nur beliebt und alles erreichen würde. Ich glich einem gekrönten König, bis ich ihn kennen lernte, — und nun bin ich verbannt, verfemt und verachtet. ..
Ich bin auf den Irrweg des Lebens geraten; alle, die an Mir vorübergehen, höhnen mich und der Mann, den ich geliebt habe, geihett mich mit gemeinen Beleidigungen und straft mich mtt Verachtung. Solch ein Verrat steht beispiellos und ohnegleichen in der Geschichte da. — Ich bin erledigt. Aun ist alles Jur mich aus — alles! Hoffentlich wird das Ende bald kommen, — und I er trat ans Fenster und weinte bitterlich
Aich er fühlte, so wie der Blinde niemand anderen auf der ganzen weiten Welt hatte als ihn, so hatte auch er niemand Ären auf der Welt hatte als ihm so hatte auch er w«nand anderen als diesen Bruder. Er verstand, dah die Liebe zu diesem Bruder der ganze Inhalt fernes Lebens war und wuhte zum ersten Male mit völliger Deutlichkeit, nur der Glaube, dah der Blinde diese Liebe erwiderte und ihm verziehen, hatte ihn alles Elend so geduldig tragen lassen. Er konnte auf diese Hoffnung nicht mit einem Male verzichten. Er fühtte, dah er den Bruder gerade so notwendig brauchte als der Bruder «ha Er konnte nicht, er wollte ihn nicht verlassen. Er muhte entoe&er das Mißtrauen erdulden oder ein Mittel finden, um den Blinden von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu überzeugen. ..Da, toSm er sich irgendwie das Goldstück verschaffen könnte! Wenn ^m Dlinden morgen früh sagen könnte. 3$ habe ^ nur aufbewahrt, damit du's nicht mit den Arbeitern vertrinkst, tamiteS Mr die Leute nicht stehlen", oder sonst irgend, ctwas^
Schritte näherten sich auf der Holztreppe;
gingen zur Ruhe. Plötzlich durchzuckte seinen Kopf der Einfall, E anzuklopfen den Fremden wahrheitsgetteu dm heutigen Vorfall zu erzählen und sie um die Swai^ig Franken 8? bittM. Aber er wußte auch gleich: das war vollkommen ausswhtslos! Sie würden ihm die ganze Geschichte nicht einmal glauben. And er erinnerte sich jetzt, wie erschrocken der euw blasse zusammen- MZrE^ar, als«, Carlo, Plötzlich tm Dunkel vor dem Wagen ^S^Kectt^sich auf den Strohsack HÄr Es war ga^ Wer im Simmet Jetzt hörte er, wie die Arbeiter laut redend mit schweren Schritten über die Holzstufen Mnabgingen. Bald darauf wurden beide Tore geschlossen. Der Knecht grng noch einmal
„Ach, Frank," unterbracht er mich in ernstem Tone, „ich habe es ihm, so gut ich konnte, ganz ruhig und freundlich vorgestellt. Ich habe von unserer ZunÄgung, von den guten und schlechten Tagen gesprochen, die wir zusammen verbracht haben: du weiht, ich konnte nie und nimmer hart gegen ihn sein." '
And mit einer gewissen leidenschaftlichen Erregung brach er in die Worte aus: „Roch nie, noch me hat es auf Erden einen solchen Verrat gegeben. Weiht du noch, du hast mir einmal gesagt, daß die einzige Anvollkommenheit, die du in der vollendeten Symbolik der Evangelien finden konntest, die Tatsache sei, dah Jesus von Judas, dein Fremdling aus Kerioth, verraten wird, nicht aber von seinem geliebten Jünger Johannes, — denn nur die Menschen, die uns lieben, können an uns zu Verrätern werden. Welch eine Wahrheit, welch eine tragische Wahrheit ist das, Frank. Die Menschen, die uns lieben, verraten uns durch einen Kutz."
Er schwieg eine Weile und sprach dann in mattem Tone weiter: „Ich wünschte, Frank, du würdest mit ihm tebeit und ihm klar machen, wie ungerecht und lieblos er gegen mich ist."
„Das ist ganz unmöglich Oscar. Alle die Beziehungen, die zwischen euch bestehen und die zahllosen Bande, die euch ver- knüpfen, entziehen sich meiner Kenntnis, Ich würde nur Schaden anrichten und nichts nützen können."
„Doch, Frank," rief er, „du kennst sie, du muht wissen, dah er für alles, für meinen Sturz und mein Elend verantwortlich istt Gr hat mich in den Kampf gegen seinen Vater getrieben. Ich habe ihn gebeten, es nicht zu tun, aber er hat mich hinein gehetzt und mich gefragt, was sein Vater wohl dagegen machen sollte. ®r hat mir voller Geringschätzung vorgerechnet, daß er gar nichts beweisen könnte. Er hat behauptet, dah fein Vater der widerwärtigste, abscheulichste Mensch auf Erden und dah ich verpflichtet wäre, ihn zum Schweigen zu bringen. Wenn ich das nicht täte, so würden mich alle Leute auslachen, und mit einem Feigling könnte er überhaupt nicht befreundet sein. Auch seine ganze Familie, der Bruder und die Mutter baten mich gegen Queensberrh einzuschreiten, alle sagten mir ihren Beistand zu
Du weißt doch Frank, wie Bosie im Cafe Royal vor der Gerichtsverhandlung mit dir gesprochen hat, als du mich gewarnt und inständig gebeten hast, die verrückte Klage zuruck- »uziehen und ins Ausland zu gehen; du weißt doch daß er böse «worden ist und gesagt hat, du könntest nicht ment Freund sein. Gr hat mich ins Elend getrieben, um sich an seinem Vater zu rächen, und mich dann allein dafür büßen lassen.
And das ist noch nicht das Schlimmste, Frank; als ich aus dem Zuchthaus kam, war ich entschlossen, ihn nie wiede^usehmt, denn ich gab meiner armen Frau das Versprechen, ihn nicht mehr wiederzusehen. Ich hatte ihm verziehen, aber ich wollte ihn nicht sehen. Ich hatte zu viel, — viel zu viel durch ihn und um seinetwillen gelitten. And dann fing er an, nur zu schreiben und schrieb mir immer wieder von feiner Liebe, stündlich rief er sie mir voller Sehnsucht zu, bat mich zu kommen und versicherte wir, daß er nur mich mich allein unter allen Menschen zu feinem Glück brauchte. Wie sollte ich ihm da nicht glauben, wie konnte ich ihn da wohl meiden? Schließlich gab ich nach und ging zu tont Aber sobald sich die ersten Mißhelligkeiten einstellten, fiel 'er in Aeapel wie ein wildes Tier mit Vorwürfen und Be° __
^Jch^nnißte^nach^PaM flüchten, da ich durch ihn alles ver- I Der bltttbC ©CtOnlmO UNd feilt BkUdek koren hatte — meine Frau und mein Einkommen und meE I Don Arthur Schnitzler.
Selbstachtung -, alles. Aber ich habe immer geglaubt, dah er I - (Kortsevuna)
wenigstens großmütig wäre, wie es fich für einen Mann gebührt I (Fortsetzung.)
der den Ramen Douglas trägt. Ich hatte ja keine Ahnung, dah er knauserig und erbärmlich sein könnte. Jetzt aber ist er verhältnismäßig reich und da ist's ihm lieber, fern Geld für Jockeis, Trainer und Pferde zu vergeuden, von denen er nichts versteht, als mir aus der Rot zu helfen. Es ist doch wahrlich nicht zu viel verlangt, daß er mir ein Zehntel gibt, da ich ihm alles gegeben habe? Willst du ihn nicht darum Bitten?“
Ich finde, er hätte ungebeten das tun müssen, was du wünschst", gab ich zu, „aber ich bin überzeugt, daß mein Reden nichts nützen würde. Er wird schon immer feindselig, wenn ich anderer Meinung bin. And Feindseligkeit steht mit seinem Wesen stets besser im Einklang als Wohlwollen: er ist der Sohn seines Vaters, Oscar, und ich kami nichts machen. Ich kann nicht einmal


