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Die .Villa am Meer" mit dem grauen Sciroccvhimmel und den feite sich beugenden hohen Zypressen ist als stark sprechende «timmungslandschast ungeheuer populär gevwrden. Sie hat als Staffage eine schwarzumhüllte Frauensigur, die unteni am ätfn steht und über die langsam anrollenden Wogen b^nbsickü DoÄrn sprach gelegentlich von dem Bild als dem JpNgenbDild. Dte Frau sollte den letzten Sproß eines edlen GesHlechi es bedeuten. Was gäbe es für eine bessere Begleitung fur dre Schwermut dieser edlen Szenerie? Llnd doch ist das Dildschlechtkonstruie^ „t™, x;» Staffage aus dem Ganzen herausfallt. -Ittcht IN oer
Wfie geistig ttne viel größere Bedeutung
Qr-nfbrud) nimmt als ihr ihrer Erscheinung nach zukommt. Lassen t^r die "Frage beiseite/ob die Frau als Sphigenien- charakter erkennbar sei, so viel ist sicher, persönlichen Schicksal die Empfindung des Deschauersheraus fm-xert ■ einmal entdeckt, fesselt sie dauernd die Teilnahme des Publikums, das die Gehsimnisse^er^stauch^Mmochd «ni-in liegt ein Widerspruch, denn weder als Formwert nocy als Farbwert bedeutet die Gestalt irgendwie etwas Beträch- liches im Bild. Man könnte sie nicht ganz streichen, aber so tote 'C Döckl daselbst ^s^chei^ das empfunden zu haben: in ben späteren Redaktionen der Villa am Meer wird die Figur starker betont durch die unmittelbare Umgebung gestützt, ku^mii als Formwert gehoben. Das klassische Gegenbeispiel., abm: tE^etwa in jener sinnenden Frau der .Herbstgedanken zu fucyen, vre im blauen Mantel unter den gelb gewordrnen Biumen a ronA„ xgbinschreitet, und wo nun nicht nur die Größe oer Figur Älb W ÄJ anders bestimmt worden ist sondern wo auch ihre Farbe, das Blau, zum integrierenden Faktor iN der Gesamtfarbrechiiung geworden ist. Die Figur istnun em Pfeiler, den man nicht wegnehmen konnte, ohne das ganze mIi>^te"ab®Äa ist dte"?T°teninsel», die auch dem klassischen Stil Böcklin? angehört, und hier, istStasiage doch lmed« mir p;n fre;n€r weißer Fleck, die stehende Gestalt im Rayn, der der Insel zustrebt. Wiederholt sich hier nicht der.frühere e-no v.ff iiegt anders; jetzt handelt es sich Nicht mehr £?ei«® dem wir. Anteil nehmen mitifc>n frynbern um eine ganz allgemeine Situation, l)ie ^ich ÄÄZ deuten läßt. Was^früHer wwÄg war, der Widerspruch zwischen seelischer Bedeutsamteit und formaler Richtigkeit, bleibt hier ausgeschaltet. Manfvagt acht wehrwi^ bei der dunklen Frau der Villa am Meer: Wer bist du?, sondern nimmt das Geschehende als eine feierliche Zeremonie ohne individuellen Charakter. Wenn aber iE sogenannte Sphc- gmie an ihrer Stelle überhaupt noch etwas Zufälliges hatte, fo wirkt der starke Akzent dieser weis^iBegrabnisfigur vollkommen notwendig als Ausdruck beS Dewegungszuges, der in dem beschlossenen Raum der Toteninsel zur. Ruhe kommt.
Ganz analog ist das Verhälmis von Figur und Landschaft in dem „Heiligen Hain» mit dem Zug der Feueranbeter, der die Hauptrichtungen betont und darum unentbehrlich,ist, wo a^r die Staffage gleichfalls nur als dumpfes, unpersönliches Motiv im Ganzen mitMngt. , „„„
Gelegentlich des ersten Piratenbildes hat Bocklin einmal ausdrücklich zu Schick geäußert (Tagebuchaufzeichnungen, S. .88), er habe Mühe gehabt, die Figuren in das richtige Verhältnis zu bringen, daß das Interesse an ihnen nichts das Interesse an der Landschaft überwog, sondern sich nur als dusteres Mitklingen durch die Stimmung der Landschaft zog. Es sei ihm schwer ge°
Das ist genau das, wovon wir sprechen. Sn der Reihe der worden, dafür das rechte Maß zu finden.
Das ist genau das, wovon wir sprechen. Sn der Reihe der Piratenbilder ist aber das Snteresse weniger die zunehmende Dämpsung des Figurenmosivs (Frauenraub) als die Steigerung des Landwirtschaftlichen in dem Sinne, daß die Formen mehr und mehr leidenschaftlich,. ja gewalttätig werden und schließlich in der letzten Redaktton mit der von oben hereinstoßenden riesigen Bogenbrücke eine Hefttgkeit bekommen, daß die (mehr geahnte als gesehene) Brutalität der Mordbrenner nur als das Tüpfelchen auf dem i erscheint. - Daß die Graphik nicht ganz denselben Gesetzen unterliegt wie das große Bild, wird jedermann zugeben. Klinger hat daraus eine Art von Theorie gemacht, deren Gültigkeit aber doch im einzelnen Fall wieder ftaglich wird. Nehmen wir seine Radierung, die er „An die Schönheit" betitelt: Bäume am Rande, dazwischeii der Blick aufs offene Meer und davor die kleine Flgur eines Mannes, der die Kleider abgeworfen hat und wie anbetend in die Knie gesunken ist. Man versteht den Gedanken: ein armer Sterblicher, von der Schönheit der Welt überwältigt, hat sich auf keine andere Weise zu helfen gewußt als nackt hinzuknien. Auch entbehrt dieser Gedanke nicht des poetischen Gehaltes. Aber was wir zu sehen bekommen, geht kaum über eine bildliche Andeutung hinaus. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich die Schönheit des Meeres auszumalen, und der Mann in der Wiese, als bildbauendes Motiv sowieso nicht ernsthaft zu nehmen, bleibt eine formale Nichtigkeit, trotzdem ein so starker Bedeutungsakzent auf ihm liegt. Als Gemälde wäre die Kompositton unleidlich aber Klinger würde sich mit Recht darauf berufen können, daß das eben nicht große Malerei, sondern eine Zeichnung auf einem Stück Papier sei, „Griffelkunst", wie er sich ausdrückt. Trotzdem wird dieser
Begriff nicht alte Krittk zum Schweigen bringen können, und es bleibt eine grundsätzliche Frage, ob die „Griffelkunst" bei so großem Format und bei so weitgehender Durchführung sich wirklich der höheren Dildforderungen enttchlagen darf, ob solche Arbeiten nicht doch des eigentlichen bildlichen Nährgehaltes entbehren, so daß man das Gefühl behält, man sei nicht recht satt geworden.
Oscar Wilde in Paris.
Von Frank Harris.
Mit dem Frühling kehrte ich nach Paris zurück und fuhr über die Seine in Oscars Hotel, wo er zwei Zimmer, — ein kleines Wohnzimmer und ein angrenzendes, noch kleineres Schlafzimmer bewohnte.
Als ich eintrat, lag er halb angekleidet auf dem Bett. Die Räume machten einen unangenehmen Eindruck auf mich Es waren gewöhnliche, schäbige, enge, ftanzösische Zimmer mit einer geschmacklosen Einrichtung: die Üblichen Mahagoni-Stühle, die vergoldete Ähr auf dem Kamin und eine unnatürlich quittengelbe Tapete cm der Wand. Aber die überall herrschende Anordnung wirkte befremdend. Auf dem runden Tisch aus den Stühlen und auf dem Fußboden lagen Bücher verstteut, und in buntem Durcheinander hier ein Paar Strümpfe, — dort Hut und Stock, während der Lleberzieher sich auf der Erde befand. Hier ließ er den Ordnungssinn und das Stilgefühl, die in seinen Räumen in der Lite Street walteten, ganz vermissen. Hiev lebte er nicht mit dem festen Willen, feine Lage nach Möglich-, feit zu bessern, hier vegetierte er ziel- und planlos.
Sch sagte ihm, daß ich ihn zum Essen mitnehmen wollte. Und während er sich fertig anzog, fiel mir an seiner Kleidung so ziemlich dieselbe Veränderung auf, wie in seiner Wohnung. Sn seinen goldenen Londoner Tagen hatte er recht viel vom Dandy an sich: da trug er am Abend gewöhnlich weiße Westen und war sehr wählerisch in bezug auf die Blumen in seinem Knopfloch, auf feine Handschuhe und seinen Spazierstock. Setzt war das alles nur gerade anständig und stand ebensoweit unter dem Durchschnitt, wie es früher darüber hinausging. Offenbar hatte er sich vernachlässigt und fand an diesen Eitelkeiten keine Freude mehr, was mir als schlechtes Zeichen erschien.
Sch hatte ihn stets für sehr gesund gehalten und geglaubt, daß er wohl sechzig bis siebzig Sahre alt werden könnte. Run hatte er sich aber selbst nicht mehr in der Gewalt, und das betrübte mich Eine Wurzel seiner Lebenskraft schien zermalmt zu sein. Der zweite Verrat, den Doste Douglas an ihm begangen hatte, war der „coup de gräce" gewesen.
Sm Wagen war er versonnen und mißgestimmt und fmg sofort an, sich zu entschuldigen. „ , _
„Seb werde ein unerfreulicher Gefährte sein, Frank, kündigte er mir mit zitternden Lippen an. ' .,
Die würzige Sommer lüft in den Shamps SlysKs schien chn ein wenig M beleben, aber er war augenscheinlich in bittere trachtungen versunken und bemerkte kaum, wohin der Weg ihn führte. Don Zeit zu Zeit seufzte er tief, als ob ein Druck auf ihm lastete. Sch plauderte, so gut ich konnte, von diesen und jenen Dingen und versuchte, ihn von der abscheulichen Angelegenheit abzulenken, die ihm, wie mir bekannt war, das Gemüt beschweren muhte; aber alles war vergebens. Als unser Mittagessen zur Neige ging, sagte er in ernstem Don: ' . .
„Sch möchte etwas von dir wissen, Frank, ich mochte, d<O du mir ehrlich sagst, ob du mich für den schuldigen Teil hältst Sch wünschte, es verhielte sich wirklich so... Du weißt doch, daß ich neulich mit dir Über Doste gesprochen habe; er ist jetzt reich geworden und gibt sein Geld mit vollen Händen beim Renn-, f frort Lus.
Ich habe ihn gebeten, mir 1500 oder 2000 Pfund auszusetzen, damit ich mir eine Annuität kaufen oder etwas unternehmen kann, das mir jährlich 150 Pfund einbringt Da du ihn nicht gern darum bitten wolltest, habe ich es getan und ihm gefügt, daß es wirklich feine Pflicht wäre, mir sofort eine Summe zu verschreiben. Da hat er sich umgedreht und mir in seiner WM Worte gesagt, die wie Peitschenhiebe waren. Er hat mich furchu bar beschimpft, — er hat mir furchtbare Dinge gesagt, Frank. Sch hätte es nicht für möglich gehalten, daß ich noch: mehr leiden würde als im Gefängnis, aber er hat mich verbluten lassen... Und die Tränen traten in feine schönen Augen. Als er aber bemerkte, daß ich schwieg, rief er laut: 1
„ Frank, um unserer Freundschaft willen, du mußt mir s sagen: Sst's meine Schuld? War eie im Unrecht oder ich?
Seine Schwäche war ergreifend — oder war feine Zuneigung noch fo groß, daß er lieber sich selbst als seinen Freund bezicy- tigen wolle? . . L
„Selbstverständlich bin ich der Meinung, daß er tm UnreaA ganz und gar im Unrecht ist", sagte ich Sch konnte.nicht anders, ich mußte es sagen und fuhr dann fort: 1 ,
„Aber du weißt doch daß er ganz tolle Wutausbrüche o^ kommt. Auch wenn er sich selbst lobt, — wie kürzlich im Gespraw mit mir, wird er dabei ganz wild — und vielleicht hast du iy unbewußt durch die Form deiner Bitte verdrossen. ^Wenn ou es seiner Großmut und Eitelkeit anheimstellen wolltest, wuraen du mehr erreichen, als wenn du auf sein Gefühl für Recht mm Dilligkett baust. Gr hat nicht viel sittliches Empfinden.


