Ausgabe 
14.4.1925
 
Einzelbild herunterladen

- «8 -

Wenn aller Raketenspuk verweht. Der Hoch ergötzt die lieben Kleinen, Sann werden in stiller' Majestät Die alten ewigen Sterne scheinen.

Die Freude am Wandern, an der Romantik der sahren- den Gesellen, ifti auch auf unsere Jungen und Jüngsten über- gegangen. Auch unsere deutsche Jugend von Heute hat, Gott sei Lank, den Flügelschlag dieses verjüngenden und jung er­haltenden Sports verspürt, hat seinen kräftigen Odem, em- gesogen, sich dem Wandern mit Leib und Seele verschrieben. Wie wir einst selbst mit dem Ranzel auf dem Rücken, das kleine Kommersbuch in der Brusttasche des Loriristcnanzugs, im Geld­beutel nur wenige Groschen, unsauf die Walze" begaben und seben wollten, wie weit und wie lang wir mit Vaters Zehr- pfennig reichten, so zieht auch jetzt wieder deutsche äugend allerortenHinaus in die Ferne" und jubelt im Marenda bleibe, wer Lust Hat, mit Sorgen zu Haus", And die Alten jauchzen und frohlocken mit wanöersroher Jugend. Denn im deutschen Wald, auf lustiger Bergeshohe, im Meere wogender Kornähren wisseir wir unsre Jugend Wohl geborgen, und wir lassen sie froh gewähren, wenn sie auszieht, Weg und Pfad allein zu finden und sich Reiseziel und Marschroute selbst zu wählen.

Ohne Lied und Gesang aber ist deutsches Wandern undenk­bar. Ohne ein Wanderlied auf den Lippen schleicht man müde und teilnahmslos seine Straße entlang; ohne Gesang kein Froh­sinn, kein Jubel, keine wahre und echte Wanderfreude. Das wußten und fühlten unsere Dichter am besten; das wissen, sre mich heute so gut wie zu Feiten Mchendorsss und viele unsrer wvderner Dichter unter ihnen Cäsar Flaischlen, Wilhelm Scholz, Hugo von Hosmannsthal haben ihre überschäumende Wanderlust in wunderbar, tief und echt empfundenen Wander­liedern ausströnren rmd ausklingen lassen. Aber, man nehme es mir nicht übel, Nachahmer und Epigonen sind sie eben doch im Vergleich zu den Rachtigallen, die im Zeitalter der Romantik und spätrvmantischen Dichtung gesungen haben und deren Lieder im Volke nach- und weiterklingen. Die Jahrzehnte der Bnrscheir- schaftler, der fahrenden Gesellen, der reisenden Handwerksbur- schen; die Welt des Posthorns, der wandernden Maler, der Brüder Straubinger, der Müllersburschen waren auch die Zeiten Der kostbarsten Wanderlieder gewesen. Aus ihnen leuchtet die deutsche Volksseele wie lauterer Kristall; Künder und Sprecher dieser Seele war der Dichter gewesen. Rhythmus und Bild­haftigkeit, Echtheit und Zartheit, Einfachheit im Ausdruck und Aufbau waren die Vorzüge der Lieder gewesen, die ihren Weg ins Volk fanden. Wie weitet sich die Brust, wie frei wird es 1-ns um Stirne und Herz, wenn wir durch sonnbestrahlte Korn­felder wandern'. Wie von selbst losen sich die Lippen und

Zum heiligen Veit von Stafselstein Komm ich emporgestiegen

And seh die Lande um den Main Zu meinen Füßen liegen",

Mngt es hinaus in das gesegnete Frankenland, den uralten Grab- seldgau, die hohe Rhön miT ihren Kuppen und Bergriesen. And wenn wir vom Königstuhl auf das liebliche Reckartal hinab- schauen, so müssen wir, ob wir wollen oder nicht, in Scheffels Lied einstimmen:

And kommt aus lindem Süden

Der Frühling übers Land, So webt er dir aus Blüten Sin schimmernd Brautgewand."

And hätte Scheffel nur das eine LiedAlt-Heidelberg" ge­sungen, er hätte Ansterblichkeit verdient. Volkstümliche Laute f inden, sollte man eigentlich meinen, könne jeder. Sie entströmen aber nur dem Munde des wahren Dichters und auch ihm nur in geweihter Stunde. Auch, anderen unserer Dichter sind solche Wei'hestunden von der Muse beschieben gewesen: Franz Kugler fang sein rhythmisch, bewegtesAn der «aale Hellem Strande", Lüdwig Ahland sein gemütvollesBei einem Wirte wundermild", Dutzinus Kerner seinenWanderer in der Sägemühle", Wilhelm Muller seinAm Brunnen vor dem Dore".

Ihr Meister und Lehrherr aber war Eichendorff gewesen!, ht dessen Schule sie alle haben gehen müssen. Frühling und Wan­dern, deutscher Waldzauber und märchenurnsponnene Mühlen- rtnsamkeit sind eng verbunden mit Cichcndvrssscher Wanderpoesie:

Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshang, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang."

Diese schlichten Worte, das einfache Versmaß, das allein! schon wie Musik klingt, reden die Sprache des Volkes, geben dis Stimmung von Menschen wieder. Wundert man sich, daß gerade DieÄ Lied mit seinem quellklaren Anfang:

, Ts schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand , Änd hörte aus weiter Ferns Mn Posthorn im stillen Land..."

UndIn einem kühlen Grunde" GemeÄrguk des deutschen Volkes geworden find, «ine Art Rationalbesitz, um den uns andere- Völker beneiden? Mörikes:

Es graut vom Morgenreif

In Dämmerung das Feld, *

, Da schon ein blasser Streif Den fernen Ost erhellt"

GeibelsDer Mai ist gekommen", AhlandsWas klingt und singt die Straße herauf?", KernersWohlauf noch ge­trunken", EichendorfsWem Gott will rechte Gunst erweisen", sind mit so vielen, anderen Liedern Goethes, Rückerts, Müllers in das Singbuch der fahrenden Scholaren, der Wandervögel, der Touristenvereine übergegangen, teertet im Dorfe des Abends gesungen, wenn fleißige Schnitterhände die Sense für ter, Ernte­tag dengeln, begleiten die Buben und Mädels zum sonntäglichen Danze und zittern in den Herzen der Liebenden nach, die schöner Stunden gedenkend noch schönere ersehnen und erhoffen.

*

. Rur wenige Proben konnten herausgegriffen werden. Der Liederschatz unserer köstlichen Wanderlieder kann ja auf Wan­derungen wie im Rastquartier nie erschöpft werden. Immer wie­der summen dem Wanderer neue Melodien durch den Kops, immer wieder entdeckt man neue Schönheiten urdeutscher Wander- pvesie. Ansere Wanderlieder wollen all denen, denen die harte Zeit Wunden schlug, Linderung und Genesung bringen, rufen die leid- und sorgengequälten Geister hinaus in die erwachende Gottesnatur. Jetzt .müssen uns die beschwingten Worte eines Grafen von Strachwitz aus den dumpfen Stuben und der winter­lichen Eingeengtheit tote eine Siegesbotschaft im Ohre klingen:

And ob ich nun segle durchs Wellengebraus, Ob ich fliege, wandele, reite:

Rur laßt mich hinaus, nur laßt mich hinaus Aus dem Engen, hinaus in das Mette!

Buhmannsch.

Bon Charlotte Riese.

Als Buhmannsch wieder einmal aus dem Gefängnis kam, dachte der Vorsteher des Elbdvrses schwer darüber nach, wo er sie unterbringen sollte. Im Armenhaus war eigentlich kein; Platz, und der Hausvater hatte auch Hände und Füße zu­sammengelegt, um diesen Gast nicht aufnehmen zu müssen.

.Herr Vorsteher, was Buhmannsch is, die verrungeniert mich den guten Geist im Haus!" versicherte er mit zitternder Stimme, und es siel dem Dorfvberhaupt ein, daß Buhmannsch vor etlichen Jahren dem Hausvater die Terrine mit der Speck­suppe darin über den Kops gestülpt hatte, weil sie behauptete, es wäre Waschwasser, , , xi .

Damals hatte es beinahe eine kleine Revolution im Armen- Hause und viel Amstände für Die Obrigkeit gegeben, also war es richtiger, Buhmannsch nicht wieder dorthin zu geben, wo sie etwas verrungenieren konnte.

Sie kann ja nur in Wöhlers Kate wohnens meinte der Ortsvvrstand, und der Hausvater, dem einige Leute noch ter RamenBetvater" gaben, atmete auf.

O ja, o ja, das is was for ihr!" Er hielt sich die Breite Hand vor den Wund, um sein Lächeln zu verdecken, und auch der Vorstand schmunzelte. Obgleich er natürlich nicht daran glaubte, daß es in Wöhlers Kate spukte, ebenso, tote der Bet- vater ein verständiger Mann war, und seine Frau tüchtig durch- geprügelt hatte, als sie sich einmal weigerte, bei Mondschein an Wöhlers Kate vorüberzugehen, um nach der Kuh zu sehen, die sich verkaufen hatte.

Rein, Männer pflegen nicht an Spuk und ähnliche Dinge zu glauben, diese Zwei sagten auch nichts weiter über dis Woh­nung, aber als Buhmannsch bald nach dieser Unterredung im Dorf erschien, da brachte ihr der Polizeidiener den Schlüsse! zu Wöhlers Kate und bedeutete ihr, daß sie dort wohnen dürfte.

Oll reit!" sagte Buhmannsch, nahm ihr Bündel unter den Arm und marschierte dorthin, wo die Kate lag. Außerhalb de« Dorfes und hinter einem Dünenvorsprung.

Es war eine recht elende Baracke, aber mit einer Elbaussicht, für die mancher Reiche etwas gegeben hätte; doch Buhmannsch sah nicht auf den breiten Strom, nicht auf die stolzen Schisse, die auf seinem Rücken nach Hamburg suhren. Sie schloß die Dür auf und lachte in sich hinein.

Als ich jung war, da lief hier man bloß ein Gespenst rum; und nu sited es vier geworden. O, was die Menschens dösig sind!"

Hieraus sieht man, daß Buhmannsch nicht recht an die vier Gespenster glaubte, die bei Mondenschein auf dem Dach der Hütte sitzen und laut schreien sollten. Es sollten die Seelen von rto Seeleuten sein, die ihren Kapitän ermordet hatten und dann selbst im Sturm umgekommen waren. So berichteten die Dorf- betoohner, und alle Fremden glaubten die Geschichte mit Haar- strauben; nur Buhmannsch schien anderer Ansicht zu fein. Ob­gleich gerade sie wegen Kurpfuscherei und Zauberei immer wieder mit dem Gericht zu tun gehabt Hatte.

Schon mancher Richter Hatte sie eUnahut, doch von ihrem sonderbaren Gewerbe zu lassen, und sie hörte auch Immer auf seine Worte.