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trat in bet dunklen Stube, doch sah sich bet Händler vorsichtig «ach allen Seiten um und sagte halbleise;
„Habt Ohr etwaS für mich?"
„Einen Rehbock, zwei Hasen und fünf Rebhttckek. Heint Aacht kannst bu sie holen."
„Gut, mein Fahrwerk steht in Oberhausen, um elf Llhr fahre ich bott ab und lade dann hier auf. Wollt ihr heint Rächt nicht wieder etwas schieben? Der Günther und der Stoppelbein sind wieder nach der Stadt gefahren. Wie ich höre, will der Günther dort auf der Pfingstwiese einen Gaul kaufen und der Stoppelbetn will eine Fahrkuh einhandeln."
„Diese Rächt wollen wir einmal schlafen, die beiden letzten Rächte haben wir kaum ein Auge zugemacht."
Pünktlich um elf Uhr, als alle im Dorfe schliefen, kam der Einspänner auf der Straße herangerasselt und hielt am Fährmannshause. Sachs ruderte nach der Insel und war nach kurzer Zeit wieder da. Vorn auf dem Wagen befand sich für den Fuhrmann eine Sitzbank mit Lehnen, an die unten ein verschließbarer Kasten eingefügt war. In diesem Kasten wurde das Wildbret gezwängt, dann wurde der Kasten wieder verschlossen. Der Händler zog Geld aus seinem Beutel und händigte es dem Fährmann ein. Hinter der Sitzbank stand die Kiepe mit den nun schlafenden Hinkeln. Rasch stieg der Mann auf, und der Wagen rollte in der Richtung nach Kreuznach ab.
3m Rahetal war es still, nur das Wasser im Flusse, der beständig der Landstraße folgt, rauschte. Langsam bewegte sich der Wagen des Anton Kropp dahin; denn es war ein altes Pferd, das er vorgespannt hatte. In Rorheim waren alle Lichter verlöscht, niemand war auf der Straße, dann aber begegnete daS Fuhrwerk allerhand Leuten, die laut sangen, mitunter auch mit unsicheren Schritten gingen. Einige grüßten freundlich, andere schimpften und riefen dem Geflügelhändler ungezogene Worte zu. Das waren Leute, die vom Jahrmarkt heimgingen. Münster am Stein war bald durchfahren. Anton Kropp war müde und wollte rasch Heimkommen, darum knallte er mit der Peitsche, um den alten Gaul zur Eile anzutreiben. Das Rahetol ist dort ein Felsental. einige Minuten hinter Münster am Stein senkt sich wieder eine Felswand hernieder, und die Straße führt im Bogen um die Felswand herum. Gerade wollte Kropp sein Fuhrwerk um diese Ecke lenken, da kam von der entgegengesetzten Seite in scharfen! Trab ein anderes Fuhrwerk entgegen. Gin Ausweichen auf der schmalen Straße war nicht mehr möglich, obwohl der Händler am Leitseil riß, um das Fuhrwerk nach der rechten Seite zu lenken, da stieß er mit dem Wagen, der ihm entgegen kam, zusammen. Dieser Wagen war ein Zweispänner. Die Pferde konnten nicht mehr zurückgerissen werden, mit wuchtigem Stotze traf die Deichsel den Kasten unter dem Sitzbrette, und Kropp flog von seinem Sitze herunter. Beide Fuhrwerke waren ineinandergefahren und standen still. Von dem Zweispänner — es war ein Bordwagen, sprangen zwei Männer ab, und sahen nach dem am Boden Liegenden. Es waren der Gutsbesitzer Günther und der Förster Stoppelbein, die sich auf der Heimfahrt von dem Markte befanden. Der Geflügelhändler wetterte und schimpfte, aber er stand rasch wieder auf. Gin eigentlicher Unfall war ihm nicht zugestoßen, nur hatte er eine Beule am Kopfe und hinkte mit dem rechten Beine.
Run galt es, zuerst die Fuhrwerke auseinanderzubringen. Günther trat zu seinen Pferden und drängte sie rückwärts, aber die Sache wollte nicht so rasch vor sich gehen; denn die Deichsel hatte sich in den Kasten, dessen Vorderwand vollständig zertrümmert war,, festgerammt. Stoppelbein hob den Kasten in Die Höhe, um die Deichsel loszubekommen. da sprang der Jagdhund CÄnihers, der seither schnuppernd den Wagen des Geflügel- Händlers umkreist hatte, mit wütendem Bellen herbei und zerrte den Dehbock, der dort versteckt war, heraus. Laut kreischten bei dem Gebell des Hundes die Hinkel in der Kiepe auf. Kropp geriet auf das neue in das Fluchen und rief laut: „Das gibt eine Entschädigungsklage, morgen früh gehe ich zum Friedensrichter. Ich verlange Schmerzensgeld, mein Bein ist kaput, ich kann meinen Handel nicht betreiben. Und meinen Wagen habt ihr mir eingestotzen, ich verlange einen ganz neuen Wagen, beim Johann Konrad in der Kreuzstraße lasse ich ihn bauen, und Ihr müßt ihn bezahlen."
Unterdessen waren die beiden Fuhrwerke auseinanderge» kommen. Günther ergriff seinen Hund am Halsband und rief ihm einige scharfe, befehlende Worte zu, worauf daS Ti«, das immer noch vor Aufregung zitterte, sich am Straßenrand triebet* setzte. Anton Kropp schimpfte wett« und sprach noch immer von der Entschädigungs klage und von dem Friedens richt«.
„Alt« Freund, "sagte d« Förster, „ich glaube, es ist bess« für dich du gehst nicht zum Friedensricht«, denn du Knntest dort gefragt werden, woher du den Dock hast."
„Den habe ich ehrlich gekauft und mit meinem guten Gelbe bezahlt," beteuerte der Händler, „der Hannes Wild von Obermoschel hat ihn mir verkauft."
„Wenn du 8um Friedensricht« gehst, um den Herrn Günther zu betragen, so wird sich ja Herausstellen, woh« du den Dock hast," antwortet« Stoppelbein. „Jetzt mach daß du Wied« auf
Beinen Wagen kommst. Ich sehe, tW kannst noch gehen, und gebrochen ist dein Dein nicht."
„Was den Schadenersatz betrifft, Kropp." meinte d« Guis- besitz«, „so lasse ich mit mir reden. Kommt die nächsten Tage nur einmal zu mir. Jetzt ab« gute Rächt, es ist schon ein Uhr."
Die zw« Wagen roßten in verschieden« Richtung davon.
6.
Ohne datz sein eigen« Wille dabei bestimmend gewesen wäre, war Michel Klee nach dem Rlontsort« Hof gekommen. Was « in Riei^rhausen «lebt hatte, hatte feine Seele in solchen Aufruhr gebracht, daß « sich von dem Fährmann vollständig hatte lenken lassen. Die Jagdleidenschaft hatte das übrige getan. Allmählich ab« fing « an nachzudenken, und da kam ihm zum Dewutztsein, daß « auf dem Hofe nicht bleiben konnte. Dort war « fast von jeder menschlichen Gesellschaft geschieden. Das Tun und Treiben d«S Fährmanns und fein« beiden Genossen sagte ihm nicht zu, wiewohl « in dem Fährmann seinen Freuich sah. Auch die beiden Dewohn« des Hofes trugen nicht dazu bei, seine nachdenkliche Stimmung zu verscheuchen. Christoph trieb seine Arbeit sehr nachlässig. Oft ging « in seine Scheu« und war dann stundenlang verschwunden. Rätselhaft war es Michsl, war « dort wohl trieb. Das Hauswesen war sehr unordentlich RiernalS wurde in ber Wohnstube ein Fenster geöffnet, auch im Sommer kochte die Alte die für das Vieh bestimmten Rüben in dem großen Ofen in ber Stube. Der Staub lag auf den Fensterbänken unb dem Tisch es kamen Gerichte auf den Tisch, die dem durch seinen Kriegsdienst doch an manch«lei gewöhnten jungen Manne zuwid« waren. Sodann hatte Michel an b« Alten etwas Eigentümliches beobachtet. Am «ften Morgen, da er auf dem Hose weilte, hatte sie den Eindruck erweckt, als ob sie taub sei, im Umgang mit ihrem Sohne dagegen schien sie ganz gut zu hören. Stets war das Hoftor verschlossen. In der Regel saß di« Alte am Fenster, hatte die Drille auf der Rase sitzen und spähte hinunt« in das Tal.
Das Dreschen auf dem Hose wurde fortgesetzt. Früh« hatte Michel diese Arbeit gern getan. Da stand « bei Friedrich Schneid« und spät« bei Peter Wenzel um zwei oder drei in der Rächt auf und ging mit den Taglöhnern in die Scheu«. Oft waren es vier Wänn«, die miteinander beim Dreschen waren, und in regelrechtem Takte sausten die Flegel nieder. Jetzt zu zweien war es ein unlustiges Klopfen. In Ried«hausen waren die Dresch« allemal bei ihr« Arbeit vergnügt, es wurde Witziges aus alter und neu« Zeit «zählt, man lachte und war gut« Dinge. Auf dem Montfort« Hofe wurde diese Arbeit stumm getan. Christoph war mürrisch, er schien Schulden zu haben.
Einige Tage nach der Jagd im Trornbachtale saß die Alt« in d« Mittagszeit an ihrem gewohnten Platze am Fenster, während die beiden Mäpn« in d« Scheu« Stroh banden. Auf einmal stieß die Frau vom Küchenfenst« aus, an das sie getreten war. einen durchdringenden Schrei aus und rief taut: „Schnell, schnell, dort unten kommen die Gendarmen". Christoph ließ das Bund Stroh, das er gerade zusammengebunden hatte, aus den Händen gleiten.
„Gewitter noch einmal,“ sagte «, „bie haben von uns«« Jagd gehört. Jetzt schnell fort!“
Er zog Michel am Arme mit sich nach dem Seitenraum ber Schauer, ben sogenannten „Baaren", wo b« Eingang zu einem alten, längst nicht mehr gebrauchten Kell« war. Christoph fand sich in bem bunflen Keller sehr gut zurecht, aber Michel stolperte über allerhand Gegenstände, wie es schien, üb« Brett«, Balken unb Reisig, stieß auch öfters mit bem Kopfe gegen die niedrige Decke. Aach einer kleinen Weile stand Christoph still, schlug mit Stahl unb Stein Feuer unb entzündete einen Schwefelfaden. Er gab ben Schwefelfaden seinem Begleit« in die Hand, riß einige Bündel Rebenholz, die an d« Mau« aufgeschichtet waren, zur Seite, und nahm eine Keine Sandsteinplatte, die in die Maner eingefügt war, heraus. Ein schwach« Lichtschein drang von außen herein in den dunklen Kell«.
„Rasch hindurch!" sagte Christoph, und Michel zwängte sch durch die enge Oeffnung. Sein Kopf unb seine Hände stießen auf Stroh, das « zur Seite schob. Als « sich Wied« aufrichtete, stand « mitten in einer Dorn hecke. Christoph kroch nach, von außen setzte « die Sandsteinplatte Wied« ein unb häufte das Stroh vor ber Oeffnung so dicht zusammen, daß kein Licht in den Stell« bringen konnte.
Mitten durch die Dvrnhecke war ein schmaler Weg, der auswärts führte, gebahnt. Auf diesem Wege schritten die beiden dahin, manchmal mußten sie sich seitwärts durchzwängen, manchmal auch kriechen, wobei die Dornen sie am Gesicht und an den Händen ritzten und die Kleid« Risse bekamen.
„Das hat meinem Vater Arbeit gekostet, hi« einen Weg zu bahnen," meinte Christoph, ber feinem Gefährten voranging „Als der Schinb«hannes im Lande war und bie verfluchten Räuber bie einsamen Höfe brandschatzten, hat « jahrelang sein Geld und oft auch Lebensrnittel oben auf der Burg versteckt. Ich habe dafür gesorgt, daß man immer noch durch die Dornen hin- durchkvmmt."
(Fortsetzung folgt)
vchriftlettuna: Dr. Frirdr. Wilb, Sanne. — Druck und B«laa ber Brübl'tchen Aniv.-Bucb- nnh Steindruckerei. R. Sange, Gieße»


