Jahrgang (925
Somstag, den (4. Marz
Nummer 2(
Gießener Mmenblatter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Manche Nacht.
Von Richard Dehmel, Wenn die Felder sich verdunkeln. Fühl' ich, wird mein Auge Heller: Schon versucht ein Stern zu funkeln. And die Grillen wispern schneller. Jeder Laut wird bilderreicher, DaS Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher. Jeder Wipfel hebt sich klarer.
And du merkst es nicht im Schreiteil, Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.
Erinnerung an Paul Heyse.
Don Hilde Stieler.
Wenn ich am HeysehauS in der Louisenstrahe in München vvrübergehe, tauchen Erinnerungsbilder in Fülle vor mir auf. Hier habe ich vor Jahren als kleine Musikschülerin von Heyfe und seiner liebenswürdigen Gattin als „unsere lie&e Haustochter" bezeichnet, die freundlichste Aufnahme gefunden. Dicht nur zu dem berühmten Mittwoch, dem offiziellen Gmpfangstag des gastlichen Hauses, sondern auch an jedem anderen Nachmittag war ich zur Teestunde willlommen. Din ich trotz aller Güte und aufrichtigen Herzlichkeit der Gastgeber eine gewisse Deklommen- heit in dem schönen Hause nie ganz los geworden, so lag das zunächst Wohl an meiner sechzehnjährigen Schüchternheit, zugleich aber auch an der etwas feierlich-klassizistischen Atmosphäre, die die Person des Dichters, gewiß ohne Absicht, um sich verbreitete. Nie erwartete ich ihn ohne Herzklopfen in den intimen, von angehäuften Kunstschätzen fast erdrückten Näumen, wo ich voller Respekt die von Lenbach gemalten Porträte Hetzses und seiner berühmt schönen Gattin (seiner zweiten, um vieles jüngeren Frau) betrachtete, bis er selbst, der Olympier, erschien. Ich habe ihn dann sehr oft und sehr intensiv zu sehen bekommen, da er bald nach meinem ersten Besuch den Wunsch aussprach, mein Porträt zu zeichnen. Natürlich erfüllte ich seine Bitte, ihm eine zeitlang Modell zu sein, doch ich kann sagen, daß ich vor Verlegenheit Blut geschwitzt habe bei diesen Sitzungen. Och war direkt von der Schulbank nach München gekommen, um Musik zu studieren, wohnte allein auf einer „Bude" bei braven, jedoch künstlerisch nicht orientierten Leuten — wer hätte mich also beraten sollen, wie man als Modell eines „klassisch" eingestellten Dichters sich zurechtmachen muh?! Ich zog eine grüne Bluse an, die mir, als Geburtstagsgeschenk meiner Mutter, bis dahin wundervoll erschienen war. Aber was hatte ich. eben dieser Bluse wegen, mit dem Dichter auszustehen! Vor allen Dingen nörgelte er, sei sie zu hoch geschlossen; er brauche, als Künstler, zumindest den Ansatz das Halses — und wo bleibe gefälliger Faltenwurf?! »Ein wenig mehr Griechentum, liebes Kind." sagte er wiederholt und zerrte und steckte an mir heruni, daß wir unglücklichen Griechin der Angstschweiß ausbrach. Nach der ersten Sitzung wieder zu Hause angelangt, schnitt ich unter vielen Seufzern! einfach mit der Schere oben am Hals ein Dreieck in die Bluse hinein, aber, „das Grüne, was so au-sgeschnttten", wurde nicht schöner, der Dichter nicht zufriedener dadurch. Wenn ich jetzt zuwerlen die alte Zeichnung betrachte, sehe ich immer mit besonderer Rührung die völlig zerschnittene Bluse an.
. , sst die Zeichnung, soweit ich es beurteilen kann,
technisch mcht ohne Köimen. Heyfe, darin Goethe ähnelnd, war auf fern Zeuchentalent stolz. Er ließ das Bildchen wundervoll rahmen und machte es meinen Eltern zum Weihnachtsgeschenk.
Schade, daß ich zu jung war. um einen wirklichen Eindruck von der Personllchkett des Dichters zu bekommen. Den erhielt ich eigentlich spater als Heyfe schon tot war, in weit höherem Maße dadurch, daß em paar Briefe, die er dem ihm befreundeten Chemiker Viktor Meyer geschrieben, in meinen Besitz übergingen.
... filier dieser Briefe scheint mir als Dokument für die Art mnstlerrscher Diskussion jener Zett schon interessant genug, ihn hier zu veröffentlichen, Aber auch charakteristisch ist die vorsichtige
Art des alternden Heyfe, der ein fo grobes Talent wie Ricard« Huch (sie war damals Bibliothekarin in Zürich) nur zögernd erkannte und anerkannte, während der kunstbegeistert« Diktor Meyer instinktmäßig und unbedingt ihre Bedeutung fühlt», „Ich bin Ihnen Dank schuldig, wertester Herr Professor, daß Sie mich durch Ihr enthusiastisches Lob des Buches von Fräulein Ricarda Huch dazu gebracht haben, es zu lesen. Beim Hineinblicken und flüchtigen Naschen war mir die Lust dazu vergangen. da ich überall eine starke Nachahmung unseres Meisters Gottfried (gemeint ist Gottfried Keller, der Paul Heyfe und Viktor Meyer gemeinsame, von beiden gleich bewunderte ältere Freund), erkannte, daß ich abzuwarten beschloß, ob die talentvolle Dame, wenn sie nach ihrer Shakespea^schen Häutung mtn auch die Kellersche vollzogen hätte, wirklich in ihrer eigenen §aut bestehe und auch liebens- und lesenswürdig erscheinen würde, nachdem sie zu sich selbst gekommen.
Nun aber ließ ich mich doch auf Ihre Gefahr hin gründlicher mit dem Arsleuer ein (es handelt sich um Ricarda Huchs allerersten Roman „Erinnerungen von Rudolf Arsleu den Jüngeren) und habe es nicht zu bereuen gehabt. Denn je Wetter ich kam. desto merkwürdiger wurde mir die Beobachtung, daß hier wirklich eine seltsame Kongenialität zwischen der Jüngerin und dem Meister besteht, die sich durch das ganze umfangreiche Buch treu bleibt und nichts Gemachtes oder Gewolltes hat, wie bei...., sondern sich als Naturspiegel darstellt, wie die gliche Hautfarbe und die nämlichen Absonderlichkeiten im Sprechen und Gehen bei Vater und Tochter. Freilich bei der letzteren ein Wenig über« trieben (z. B. der ausschweifende Gebrauch von Bildern und Gleichnissen, so daß kaum drei Sätze einander folgen, ohne daß ein „wie" oder „vergleichbar" hervorbräche). Nicht nur in dem gelassen dahinwandelnden Vortrag mit den oft so kühnen unzugleich lieblichen Wendungen und barocken Verbindungen von Haupt- und Beiworten, am auffallendsten tritt die Verwandtschaft hervor in dem leisen Duft des (Märchenhaften, der über die realsten, nüchternsten, praktischsten Dinge und Verhältnisse gebreitet ist, so daß alle Amrisse durch einen Flor hindurch- schimmern, alle Gefühle, Gedanken, Leidenschaften durch Sordinen gestimmt erscheinen. Nun aber ist Keller der große, klare und der Natur treu ergebene Poet, während seine Jüngerin bei all ihrem feinen Verstände und verführerischer Phantastik ein träumerisch aufgelegtes Frauenzimmer bleibt, das mit seinen erdichteten Figuren ein zwar reizendes, aber launenhaftes Spiel treibt. Ist Ihnen nicht ausgefallen, daß alle ihre Charakter« aus Widersprüchen zusammengesetzt sind, und einen Tell ihres Reizes eben dadurch erhalten, daß sie uns Rätsel aufgeben? Galeide vor allem. Sie ist bald das kaltherzigste, bald daS liebevollste, das klügste und einfälttgste, das schönste und unansehnlichste Geschöpf unter der Sonne. In einem Atem haßt und liebt sie ihren Bruder; so auch ist Gzard der erhabenste und bezauberndste, zugleich sittlich gewalttgste Mann und doch wieder der verwerflichste. Äehnlich der Argroßvater, der Gr- zähler selbst; ja, es ließe sich dies Schillern der Eigenschaft«! überall nachweisen, und dieser wunderliche Kniff wirkt auf bi# Länge unerträglich, da er alle Ruhe des Eindrucks aufhebt und nie bei einem einmal gewonnenen Arteil über eine Person bv» harren läßt. Am unerttäglichsten wird die Manier bei Gaspard, der anfangs als ein halber Caliban geschildert wird, und uns zuletzt an den unwiderstehlichen Zauber seiner schwarzen Augen und seines goldenen Lächelns glauben machen soll. Ja, die Sucht sich spielend in Kontrasten zu ergehen, hat sogar bi# Katastrophe herbeigeführt, die so abenteuerlich ist, daß sie mich völlig kalt gelassen hat, wie sie denn auch im Buche selbst an Galeides wahnwitzig^ Ende keine sonderliche Erschütterung knüpft, und sogar die Nächsten ordentlich froh zu sein scheinen, ein fto unzuverlässiges Wesen los zu sein.
Ein Zug Brentanoscher Willkür geht durch den Roman, mtt allem Reiz und aller Gefahr romantischer Anverantwortlich- keit, jedenfalls aber weit erfreulicher unb zukunftsreicher ab der dramatische Erstling, der in Anempfindung und Artet lslosiG» reit das Aeußerste leistet, während uns aus diesen Blättern eüt sehr anziehendes, sinniges und tiefsinniges Aatuvell anblickt, mtt dem wir gern verkehren, wenn auch einstweilen der Poet selber uns noch lieber ist als seine Dichtung.
Mtt besten Grüßen
Ihr
Paul


