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kam der Winter, und die erschöpfte, schwer mitgenommene Menschheit kam etwas zur Ruhe.
II.
Seit bierjig Jahren war (Nikolaus Sachs der Fährmann von Niederhausen. Mit seinen beiden großen Nachen vermittelte er den Verkehr zwischen dem linken und dein rechten 'Naheufer, besonders zwischen Niederhausen und den Orten Vingert, und Hallgarten, die jenseits auf der Hochebene lagen. Der Fährmann war vom Hunsrück gebürtig, genau wußte nremand, tot>» her er stammte: denn er war ein wortkarger Mann. Weib und Kinder halte er nie gehabt, in seiner Jugend sollte er das Schmiedehandwerk gelernt haben und einige Zeit auf der Wanderschaft gewesen fein. -Unweit des Flusses, an einem Zimmerplatze, lag' das Fährmannshaus. Es war eigentlich eine klerne Hütte, die außer dem Hausgang nur einen Raum hatte. Nikolaus Sachs machte dort Siebe oder er stellte Desen her. Dte Rerser, die er dazu brauchte, schnitt er sich in dem jenseits des Flusses gelegenen Walde, und es dauerte, wenn er beim Reiserschnetden war, oft lange, bis er auf den Ruf der Leute, die überfahren wollten, erschien. Namentlich war er nachts oft derschwunden und kam dann bei Tagesgrauen mit einem großen Bündtt (Reifer heim. Die Gemeinde Niederhausen gab ihm jährlich einen geringen Lohn, dafür mußte er die Ortseinwohnerunentgeltlich übersetzen. Wenn Fremde kamen, so bezahlte ieder einen Heinen Betrag. Kam eine Jagdgesellschaft, die im Trvm-> bachtale oder auf dem Lemberg jagen wollte, so fiel die Entlohnung meist reichlich aus. Mitunter kamen Herren aus Kreuznach oder Svbernheim, die überfuhren, auch sie bezahllen den schweigsamen Fährmann gut. Einer der beiden Nachen lag in der (Reget abseits, um in Notfällen Verwendung zu finden, mit dem anderen fuhr der Mcrmr über. Mit der Stange stieß er auf den Boden und bewegte fein Fahrzeug weiter.
Ein Einnehmer von der Saline Theodorshalle hatte die Fischerei bei Niederhausen gepachtet. Da dieser Beamte nicht immer abkommen konnte, so ließ er häufig den Fährmann den Fischfang ausüben. Das war diesem die liebste Beschäftigung. Stundenlang konnte er fischend am Ufer stehen, und wenn sich in feinem Netze Hechte, Darben oder Aale fanden, so ließ er ein vergnügtes Knurren vernehmen.
Ein seltsamer Mann war der Nikolaus Sachs, er hatte kaum mit einem Menschen Umgang. Niemals sah man ihn in einem Wirtshause, selbst in der Kirche wurde er nicht gesehen. Wenn er nicht seinen Nachen über den Fluß lenkte oder Fische fing, saß er in seinem Häuschen und band Besen, die ihm die Einwohner der benachbarten Orte abkauften. Die Kinder hatten vor dem Manne Angst, auch viele Erwachsene gingen ihm aus dem Wege und wären nachts unter keinen Umständen mit ihm über die Nahe gefahren. Allerhand unbestimmte Gerüchte waren über ihn im Schwange. Hm das Jahr 1800 sollte er mit den (Räubern, die damals eine große Landplage waren, namentlich mit dem Schinderhannes, unter einer Decke gesteckt und sollte die (Räuber manchmal des Nachts mitsamt ihrer Deute über den Fluß geschafft haben, so daß sie den Sicherheitsorganen entgingen. Niemals aber konnte man ihm das geringste nachweisen.
Merkwürdigerweise hatte der Fährmann mit dem jungen Michel Klee eine Art von Freundschaft unterhalten. Wenn der junge Mann am Sonntagnachmittag nichts zu tun hatte, so ging er an die Nahe. Das Wasser hatte es ihm angetan, er sah gern in die vorüberwallende Flut, beobachtete den Fluß in seiner wechselnden Färbung. Gern verkroch er sich in das Schilf und sah zu, wie das Wasser gegen einzelne Steine strömte, so baß sich kleine Strudel bildeten. Wenn der Fährmann seine Netze auslegte, so fuhr Michel mit dem Aachen über. Viel zu hören bekam er allerdings nicht von dem menschenscheuen Manne, wenn er aber einen Sonntag ausgeblieben wftr, so fragte ihn dieser das nächstem al: „Wo bist du am Sonntag geblieben ?“
So verstand es sich fast von selbst, daß die beiden auch jetzt, nachdem der Jüngling ein gute« Teil von Europa gesehen hatte, sich oft zusammenfandett. Solange die Tage noch gut waren, ging Michel Sonntags an die Nahe. Diese ist ein rechtes Gebirgswaster. Dom Hunsrück und vom pfälzischen Derglande strömen ihr die Bäche zu, der Hahnenbach. der Fischbach, der Glan und weiter unterhalb der Allenz, 6er Ellerbach, der Guldenbach, die Appel. Im Sommer wallt der Fluß in grau-grüner Färbung einher. Wunderbar ist es da namentlich am Abend im Nahetal, wenn das Svnnengold auf dem Wasser liegt. Es ist dann ein schönes Wandern das Ufer entlang. Oben die grünen Wälder, etwas tiefer die grünen, schön gepflegten Weinberge, in der Talsohle die Aecker, neben der Landstraße, die sich vielfach windet, der Fluß, an dessen Ufern Schilf und Blumen stehen, das ist ein Bild, daS sich jedem Beschauer tief in die Seele prägt. Aber der Fluß, der so friedlich und sanft oorübergteitet, ändert fein Wesen, wenn ein Gewitterregen im Gebirge niedergegangen ist. Da wird die grau-grüne Flut auf einmal gelb, und rasch gleiten die Wellen einher. Tritt im Frühjahr die Schneeschmelze ein, rauschen die Bäche von den Bergen und den Wäldern hernieder, fo schwillt die Nahe inner
halb weniger Stunden gewaltig an, und der Fluß wird zum Strome, der über die Ufer geht, die Landstraße überschwemmt und in die Dörfer und Städte einftrömt. In alten Chroniken ist mancherlei zu lesen, wie die Nahe über ihre ilfer getreten ist und den Menschen Llnheil gebracht hat.
Im Winter 1813/14 war die Nahe zweimal gu gefroren, oft ging sie mit Treibeis, da stockte naturgemäß' der Fährmanns dienst. Dann war Nikolaus Sachs oft tagelang abwesend, niemand wußte, wohin er gegangen war. War das Eis verschwunden, so kam er wieder zum Vorschein. Michel Klee half in dieser Zeit beim Dreschen, nachmittags wurden, so weit es die Witterung erlaubte, Arbeiten im Felde verrichtet. Bäume wurden ausgeputzt, oder es wurde Dung gefahren. Abends saß der Knecht im Wohnzimmer. Die Knechte, die Peter Wenzel seither gehabt hatte, hatten das gar nicht gewünscht. Wer von ihnen einen Schatz im Dorfe hatte, ging abends zu diesem oder stand, werm das Mädchen gleichfalls diente, wartend am Hvf- tore und holte sich kalte Füße. Zumeist fanden sich die Dienstboten im Hause einer Witwe oder eines alten, armen Ehepaares ein, wo ein Kartenspiel gemacht, Branntwein getrunken und die Ziehharmonika gespielt wurde. Michel hatte keinen Anhang im Dorfe, und seine Herrschaft gestattete ihm gern den Aufenthalt im Wohnzimmer. Der große Winnweiler Ofen brannte, immer neue Scheiter wurden aufgelegt. Menzel rauchte die kurze Pfeife, seine Frau und seine Tochter spannen. Manchmal kamen auch Nachbarn in das Haus. Jeden Abend stieg der Hausherr hinunter in den Keller und holte einen großen Krug Wein. Michel muhte immerfort von fernen Kriegserlebnissen erzählen. Der Bauer war in seinem Leben nicht weiter als bis nach Kreuznach gekommen, den Ahein hatte er niemals gesehen, um so mehr interessierte er sich für fremde Gegenden und fremde Menschen. Namentlich hörte er gern, wie es in Spanien gegangen war. Wenn der frühere Korporal etwas besonders Interessantes erzählt hatte, fo hieß es oft wie bei Kindern: „Michel, erzähle das noch einmal I"
Nicht nur Peter Wenzel lauschte aufmerksam diesen Berichten, sondern auch seine Tochter Christine. Mehr als einmal stand ihr Spinnrad still, wenn Michel von seinen Erlebnissen in Spanien erzählte. Ihr Herz war beklommen, wenn er von den liefenrfällen der spanischen Banden auf die dahinmarsch ieren - den Truppen, von dem Haß der Landeseinwohner berichtete, die den Franzosen vergiftete Speisen vorgesetzt hatten. Christine atmete auf, wenn von dem glücklichen Ausgang eines gefährlichen Unternehmens oder von der Errettung aus großer Gefahr die Rede war. Die Augen des Mädchens glänzten, wenn der junge Mann, den der Vater so sehr lobte, abends in das Zimmer trat. Christine war nun 22 Jahre alt, sie hatte seither ein sehr stilles Geben geführt, war kaum zu irgendeiner Veranstaltung gekommen, ihre männlichen Altersgenossen standen im Felde, und die Kirchweihen hatte man in den Kriegsjahren 1812 und 1813 nicht gefeiert.
Peter Wenzel war jetzt ein Mann von 54 Jahren und körperlich etwas schwerfällig. Deshalb war es ihm erwünscht, daß er alle Arbeiten in Feld. Stall und Scheuer feinem Knechte übertaffen konnte und diesen nicht zu beaufsichtigen brauchte. Der Keller war mit neuem Weine gefüllt, ist doch die Gemarkung Niederhausen zu zwei Dritteln mit Reben bepflanzt, und der Wein, der dort erzeugt wird, nimmt es mit den besten Sorten! der KreuznaHer Gemarkung, mit dem Hasenrecher. dem Kauzen- berget, dem Hinkelsteiner auf. Michel erledigte alte Arbeiten im Kelter. Während der Gärung des neuen Weines füllte er alten Wein ab und hielt alles bereit, weit der Weinhändler! Eckhardt aus Dingen fein Kommen in Aussicht gestellt hatte. Die beiden Pferde hielt er in guter Pflege. Wenn er mit ihnen nach der Aorheimer Mühte fuhr und über die wohlgenährten braunen Tiere die Peitsche knallen lieh, fo faßen alt und jung nach ihm, und man fagte: „Der Peter Wenzel hat aber einen tüchtigen Knecht. Dabei war er auch den Frauen, die zum Haufe gehörten, stets hilfsbereit. Wenn Frau Wenzel einen Korb mit Kartoffeln au8 dem Keller hotte, so sprang er herbei und trug den Korb in die Küche. War Michel im Hofe, fo duldete er nicht, daß Christine Wasser pumpte und den gefüllten Eimer wegtrug. Nie hatte das ein Knecht getan, im Gegenteil. die früheren Knechte hatten gesagt, das sei keine Arbeit für Mannsleute. Im Dorfe sagte man sich: „Man sieht doch, daß der Michel beim Militär etwas gelernt hat, der ist fein Kloben, tote es sonst die Knechte find."
Zwischen der Herrfchast und dem Knechte bildete sich auf diese Weise ein Verhältnis heraus, das vertraulich war. Peter Wenzel nahm den Knecht am Sonntagnachmittage mit in das Wirtshaus. Michel faß still und bescheiden unter den Bauern, er fah dem Kartenspiel zu, ohne selbst eine Karte anzurühren. Von Wind und Wetter wurde da zwischendurch gesprochen, von guten und schlechten Erntejähren, von Krieg und Frieden, vorn Schinderhannes und feinen Taten. Zeigte die große Standuhr 5 ülhr, fo stand Michel auf und fagte zu feinem Dienstherrn: „Herr, es ist Zeit, daß ich zu den Gäulen gehe."
(Fortsetzung folgt.)
SLriftleitung: Dr. Frirdr. Wilh. Lanar. — Druck und Berlaa der Brübl'schen Llniv.-Vuch- und Steindruckerei, R, Gange, Gießen


