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-ah die Tochter eines fürstlichen Archivrates sich mit dem Sohne eines Zuchthausverwalters — diese Stellung beneidet« Grabbes Vater in Detmold — verbinde. Mit dem Korb, den er nicht erwartet hatte, gebärdete sich der junge Dichter tote toll. Die Poesie war das Ventil, das ihm Erleichterung in seinem Liebesharin verschaffte.
Dreimal wiederholte Grabbe seinen Heiratsantrag, dreimal erhält er eine abschlägige Antwort. Da zieht er vor den Augen des entsetzten Mädchens eine geladene Pistole hervor und droht, sich auf der Stelle zu erschießen, wenn sie ihm nicht ihr Jawort gebe. Henriette stürzt fort in das Vachbarhaus und erzählt dort unter Zittern und Zähneklappern, Grabbe tue sich ein Leid an. Gleich darauf erscheint der Selbstmord-- Kandidat wohlgemut auf der Straße, hält einen voruberfahren- den Wagen an, steigt ein und rollt laut lachend unter allerlei., Grimassen von danneir. Damit fand dieser Liebeshandel vorerst wenigstens sein tragikomisches Ende. —
Während Grabbe nun bei der Rum- und Weinflasche Zerstreuung suchte, näherte sich die Sonne seines literarischen Ruhmes ihrem Zeitith, „Don Juan und Faust", „Die Hohenstaufen und die „Hundert Sage" hatten berechtigtes Aufsehen erregt. Gin Titane toten erstanden, der den Helden des Tages, den Houwald. Vaupach und Clauren den Todesstoß versetzte. Grabbes wilde Opposition riß die Gemüter aus ihrer Lethargie «»vor. seine Dramen waren die Sturmvögel, die nach der pvltttschen Restaurativnsepoche in der Literatur dem Geiste der neuen Zeit vorauszogen.
Die braven Detmolder, die über den verrückten Poeten so oft ihre Witze gerissen hatten, begannen nun mit einer Art ehrfürchtiger Scheu zu ihm emporzusehen und taten sich nicht wenig darauf zu Gute, den Berühmten Mann in ihrer Mitte zu wtssen. Unter dem Einfluß der öffentlichen Meinung. die sich zu Grabbes Gunsten gewandt, warf mit einem Male Henriette Klvstermeter, die stolze Honoratiorentochter, die Angel nach ihm aus. Die alten Bedenken der Mesalliance waren überwunden, nach dem Tove ihrer Eltern glaubte sie eines männlichen Schutzes zu bedürfen, und die Aussicht, als Frau eines berühmten Dichters vor der Detmolder Gesellschaft zu paradieren, ließ ihr den einst Verschmähten jetzt doppelt begehrenswert erscheinen Der junge Freiligrath, als dessen Gönnerin sie sich aufspielte. hatte thr feine erften Gedichte anvertraut. Diese schickte sie mit einem verbindlichen Briefe an Grabbe und bat ihn als vielvennogeitdeN Schriftsteller, die Drucklegung der Poesien zu vermitteln., Grabbe war gutmütig oder charakterlos genug, die alten Beziehungen wieder anzubrüpfen und im März 1833 führte er Henriette Klostermeier an den Traualtar.
Kaum war der junge Bund geschlossen, als das Alnbeif losbrach. Grabbes Frau war im Elternbause stets verherrlicht, ja als ein Wunder von Schönheit und Gelehrsamkeit gepriesen worden. Infolge dieser falschen Erziehungsmethode mit einer großen Portion Selbstüberschätzung Behaftet, ließ sie gleich nach der Hochzeit Bei ihrem Manne durchblicken, daß sie fortan als Mittelpunkt der neuen Häuslichkeit zu gelten habe. Solch unverständiges Gebahren forderte Grabbes Zorn heraus, und da feiner der Ehegatten zu Kompromissen geneigt war, gestaltete sich ihr Zusammenleben zu einer Äette von Mißverständnissen, Verstimmungen und offenen Streitigkeiten. D-e Liebe hatte Grabbe blind gemacht, die Ehe gab ihm das Gesicht wieder. Bei all seinen Reizbarkeit. Launenhaftigkeit und Grastativn war er lenksam und gefügig wie ein Kind, wenn ihm wahre Herzensgüte begegnete. Deine Frau besaß leider von dieser Eigenschaft, die ihn beglückt und wahrscheinlich von seinen Rarrheiten bekehrt hätte, keine Spur. Ihre Selbstsucht ging so weit, daß sie auf die Werke ihres Mannes nur insofern Wert legte, als ihr, der gefeierten Frau, darüber Komplimente gemacht wurden. Das eheliche Zerwürfnis nahm einen immer häßlicheren Charakter an. Frau Grabbe klagte ihren Freundinnen, ihr Mann habe von ihrem Geburtstag nicht die geringste Votiz gennomen, sie besuchte die Gräber ihrer Eltern und vergoß dort bittere Tränen. Grabbe ging seine eigenen Wege und hielt, tote er als Junggeselle getan, bei Bier und Rum mit seinen Freunden lärmend« Zechgelage ab.
Karl Ziegler erwähnt aus dem Jahre 1834 eines Austritts in Grabbes Hause, der dafür spricht, daß seine Schrullen in temporäre Verrücktheit ausarteten. Der Dichter besaß eine Eule und ein paar Enten, die er seinen Freunden mit großem Stolze vvrstellte. Ziegler besuchte ihn eines Tages. Grabbe erscheint im rotgeftreiften Nachthemd, begibt sich in die Küche und nimmt von dem Fleisch, das für den Mittaastisch zubereitet werden sollte, ein mächtiges Stück. Darauf führte er den Freund in den Hof. wo die Eule in einem Dauer saß, holte sie heraus und sagte: „Sieh' mal, was der Satan für Augen macht, gerade wie meine Frau. Eie soll zu fressen haben. Komm, süßes Kind!" Bei diesen Worten stopfte er der Eule unbarmherzig den Havven Fleito in den Hals. Als das arme Sier vergebliche Schluck- Versuche machte, drückte er heftig nach und tanzte vor Vergnügen. „Sieh, was der Teufel die Augen verdreht, aber ich kann ihn nicht zwingen!" Run trug er eine Ente herbei, stellte sie neben die Eule, sprach eine Kopulationsformel und verlangte von der Gnie. sie sollte „Ja" sagen. Dann schlug er imbarmherzig auf
sie los, sperrte sie mitsamt der Eule in den Bauer und sagte zu Ziegler: „Geh geschwind zum Pastor, er soll hier eine Kopulation vornehmen. Es ist eine Sünde und Schande, eine solche Ehe!"
Es ist psychologisch erklärlich, daß Grabbes Frau nach ihrer ganzen Veranlagung von den immer häufiger wiederkehrenden Tollheiten ihres Mannes geradezu angesteckt wurde und ihm allmählich darin nichts nachgab. Eine Quelle beständiger Zwistigkeiten bildete die Gütergemeinschaft, die die Ehegatten bei ihrer Verheiratung vertragsmäßig abgeschlossen hatten. Grabbes Frau drang darauf, daß der Vertrag wieder aufgehoben werde, weil sie befürchtete, ihr Mann werde bei seinem Hang zur Verichtoen- dung ihr Vermögen durchbringen. Grabbe widersetzte sich euer- , gisch und nun begann ein förmlicher Kampf, die eingebrachten! Vermögensstücke vor einander in Sicherheit zu bringen. Das ging soweit, daß Frau Grabbe sich eines Abends ihrem Manne, der siebernd zu Bett lag, zutraulich näherte, ihm gewandt wie eine Diebin von Profession einen Siegelring vom Finger zog und unter Hohngelächter davonlief.
Schon 1827 war Grabbe das Amt eines fürstlichen Auditeurs übertragen worden. Mancherlei Nachlässigkeiten, die er sich im Dienst zuschulden kommen ließ, hatten seinen Vorgesetzter zu Rügen Anlaß gegeben. Als Grabbe darüber höchst aufgebracht seinen Abschied forderte, wurde dieser ihm ohne weiteres be» willigt. Seine Frau war wütend, daß er sein sicheres, wenn auch kleines Einkommen gleichmütig preis gegeben hatte, er selbst aber behauptete, daß er um seiner dichterischen Tätigkeit willen der vollsten Unabhängigkeit bedürfe. Nun spielten sich fast jeden Tag zwischen den Ehegatten die schlimmsten Szenen ab, die gegenseitige Erbitterung kannte keine Grenzen mehr, und am 4. Oktober 1834 reifte Grabbe, ohne von seiner Frau Abschied genommen zu haben, nach Frankfurt ab. Hier wollte er von feinem Verleger Kettembril, dem Besitzer der Hermannfchen Duchhand- Iimg, mit Geldmitteln unterstützt, fein Drama „Hannibal in Ruhe vollenden. Wie nicht anders zu erwarten, erregten feine Eriravaganzen in der Frankfurter Gesellschaft das unliebsamste Aufsehen. Seiner Frau schrieb er: „Ich erwarte einen Brief von Dir. Schwatze nur nicht mit Deinen sogenannten Freundinnen, sei treu und gut. Ich sage: mein Leben Hingt Dir alsdann entgegen." .. .
Der „Hannibal" ruckte nur langsam vorwärts, weil der Rheinwein im „Schwan" die stärkste Anziehungskraft auf Grabbe ausübte. Bald kam es mit Kettembeil zum Bruch Bald darauf ließ Grabbe an Jmmermann in Düsseldorf einen verzweifelten Dries abgehen. „Ich bin verloren," beteuerte er, „wenn Sie mir nicht zu helfen suchen." Jmmermann hatte eben die Leitung des Düsseldorfer Theaters übernommen und versprach sich von Grabbes dramatischer Mitarbeiterschaft reichen Gewinn. Gr antwortete sofort, bot dem Dichter ein Asyl, und dieser hielt acht Sage später in Düsseldorf seinen Einzug.
Von Jmmermann ermuntert, führte Grabbe sein 1823 in Berlin begonnenes dramatisches Märchen „Aschenbrödel" in Düsseldorf zu Ende. Die «rite Szene stellt sich als Reminiszenz der Gheerlebnisse In Detmold bar. Wir greifen eine markante Stelle heraus:
Andreas: Greift in Euer Hauswesen!
Baron: Eber in die Hölle. Da regiert doch nur der Teufel und kein Weib. Gott war sehr gnädig, als er uns einen Teufel und keine Seufetln schenkte.
Andreas: Ein schwaches Weib —
Baron: Schwäche? Dahinter sitzt just die Stärke. Kennst du Schmollen. Tränen, Zeter, Beharren im Eigensinn nur um des Eigensinns willen. Trug und Luq aus Instinkt, so kennst du etwas von einer Ehefrau, so kennst du das Land, wo zwar keine Zitronen, wohl aber zornige Wangen glühen, wo zwar die Myrthe nicht still steht, aber der Sturm ihr Laub verweht.
Andreas: Gnädiger Herr, wie verliebt wart Ihr in die Braut ... Baron: Ja, Dräute und Sodomsäpfel — ach, ach, wie schön, wie nett, v Herz, ach Schmer»! Aber hat erst der Pfaff gelogen: „Gr soll dein Herr fein." da kehrt es sich um, und der Pantoffel erhebt sich, ein Reichsschckd! Freund, zehnmal muß man geliebt haben, um endlich einmal vernünftig lieben zu können, aber das Heiraten lernst du nicht aus und versuchtest du's Millionen Mal."
Jmmermanns menschliche und künstlerische Erscheinung übte auf Grabbe den wohltätigsten Einfluß aus. Die unmittelbare Berührung mit dem Theater gab ihm eine Fälle neuer Ideen ein, rege Schaffenlust hob feine Kräfte, und der Mißklang, der fein Leben durchdrang, schien sich in Harmonie aufzulöfen. Da überfiel ihm ein vorwurfsvoller Bries feiner Frau, er solle die Gütergemeinschaft endlich aufheben; und zugleich trat ihm die Galle wieder in's Blut.
Grabbe schloß sich nun zu seinem Schaden einem genialen, verbummelten, jungen Musiker, Norbert Durgmülker, an. Mit sich und der Welt zerfallen, suchte BurgmMer im Trunk Vergessenheit, und Grabbe leistete ihm in verwandter Seelenstimmung willig Gefolgschaft. Jmmermann sah mit Betrübnis seinen Schützling Stufe um Stufe sinken und zog seine Hand von ihm zurück. Durgmüller starb plötzlich rmd nun geschah das Liner-


