Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger

Jahrgang (925

Samstag, -en ($. Zebruar

Nummer (3

Gashel.

Von David Friedrich Strauß, Wer weih zu leben? Wer zu leiden weiß. Wer zu genießen? Der zu Meiden weiß. Wer ist der Reiche? Der sich beim Ertrag des eig'nen Fleißes zu bescheiden weiß. Wer lenkt die Herzen? Der den herben Ernst stets in ein beit'res Wort zu kleiden weiß. Wer ist der Weise? Der das falsche Geld vom echten schnell zu unterscheiden weiß.

Änd wer der Fromme? Der von Menschen wohl, doch nichts von Christen oder Heiden wÄß-

Dom schönen Frohmut.

Von Reinhold Braun.

Laßt vor allem Frau Einfalt herein: die weiß am besten fröhlich zu fein! Sie schenkt uns das rechte Freudemachen und das rechte und echte, das goldene Lachen!

2a, so ist's: Wer Sinn für echten Humor hat, der weiß auch uni die Schönheit und die tiefen Wonnen der Einfalt des Her­zens. Sinn für Humor ist das Zeichen innerer Gesundheit.

Die alte Medizin nannte die Grundsäfte unseres LebenS: Humores. Wo diese Säfte richtig gemischt waren, redete man von derSukrasie, der Gesundheit. Daran ist etwas Wahres. Humores: Lebenssäfte! Ohne sie ein Leben an sich unmöglich! Sie sind bestimmend für den Aufbau des Körpers, für den Lebensrhhthmus, für die Kraft zur Tat! Dies kann man auch schlechthin ayf das seelische Gebiet übertragen in bezug auf den Humor! Er ist auch bestimmend für den seelischen Aufbau, den innersten Rhythmus und die Schaffensfreude! ®in humorloses Leben wird immer etwas Müdes, etwas Schwungloses an sich tragen, etwas Gezwungenes wird jedem Tun anhaften!--

Wer Sinn für Humor hat. der hat auch Simr für das helle, blanke Leben, für Geist und Herz, für Liebe und Güte! Schier Humor und wahre Menschenliebe gehören unbedingt zusammen! Humor ist der feine, herzliche Versöhner von Menschen und den Gegensätzen, wie sie das Dasein nun einmal mit sich bringt. Er erkennt, daß es wohl so sein muß! Dirr ferne, liebe Humor nn Sinne eines Wilhelni Raabe oder Jean Paul und all de» Meister deutschen Frohmutes - ist ein Lebenswecker, ein Ver- lebendiger, auch insofern, als er töten kann! Rietzsche sagt- Richt durch Zorn, durch Lachen tötet man. Dieses Lachen tötet wie die Sonne alle bösen Keime, schafft den reinen Grund, daß das Gute und Helle und die Liebe sich entfalten können. Das Lachen des echten Frohmutes ist das Leuchten des sieghaften Herzens, ist Sieg an sich- es entwaffnet den Unmut und macht lerne Bosyerten unwirksam. Der Mensch des echten Humors wird immer der Aeberlegene sein. Richts kann ihn selbst in der schwierigsten Lage überrumpeln oder aus der Fassung brin­gen. Seme Lebenskunst ist gut gegründet! Ja. der wirklich Frob- mütige lst der vertiefte Mensch,- er wird Weltanschauung haben innerstes Gesicht. Man wird finden, daß Menschen, die inner­lich in hundert Weltanschauungen hin und her torkeln, ganz humorlose Gesellen sind, und ferner gibt es solche, die aus lauter Weltanschauungssucht so blasiert sind, daß sie schon aus Dlasiert- heit nicht für Humor übrig haben können. Die Verwässertes haben keinen Humor!

. 3?SJ.Jann levner sagen, daß der wahre Humor, der ja auch der göttliche genannt wird, ein Stück Frommheit bedeutet. Der Alles-Leugner, der ewig vom Göttlichen Anberührte, findet kein Verhältnis zum Humor. Schon deswegen nicht, weil er unend- «ch lern lenem wunderbar kindlichen Sinne lebt, der stets dem Frohmutigen mnewohnt. Dieses immer mehr in den Kindersinn eingehen, bedeutet Vertiefung de« Humors, ein Feiner- und Lichterweröen, schließlich eine Anüberwindbarkeit. Denn der göttlich Frvhmütige ist der Mutige, der Lebenstapfere, der stille Held, die stille Heldin!--

Humor-Haben ist nichts Fertiges, ist immer ein Wachsen, ein schönes beselrgeiides Reifen, ein immer Menschlicher-werden!

And wenn wir auf das Ganze schauen, so können wir sagen - Mn echtes, starkes, deutsches VE ist ohne Sinn für Humor gar

nicht zu denken! Sein Herzensfrvhmut ist eine Blüte feiner Kultur! Ist diese Blüte ganz voll Sonne, dann blüht auch seine Kultur!

Grabbes Frau*).

Don Alfred Bock.

Aeber Grabbes Eheleben sind die Men noch nicht geschlossen. Der Historiker Eduard Duller, der den Dichter desDon Juan und Faust 1834 in Frankfurt kennen lernte, und nach dessen Tode 0836) eine dürftige biographische Skizze veröffentlichte, mißt Grabbes charakterischem Temperament die Schuld an seiner Ehe- Misere bei. Karl Ziegler, der nach seinen Aufzeichnungen Zeuge v«r Skandale in Grabbes Haufe war, macht die Frau des uw glücklichen Poeten dafür verantwortlich. Offenbar liegt die Wahr­heit in der Mitte. Grabbe war bizarr, exzentrisch und krankhaft gereizt, seine Frau überspannt, unduldsam und leicht verletzt. Kein Wunder, daß zwei so geartete Menschen die goldene Regel des EhelebensDulde und erdulde nicht respektierten, son­dern aufs schlimmste aneinanLergerieten. Jmmermann sagt, ®ra&» &e£ Heirat sei eine große Torheit gewesen,- die größte, die er &e» geyen tonnte, war. daß er, einmal demEhegefängnis entronnen, freiwillig dahin zurückkehrte.

Grabbes Frau (geb. 1796) war die Tochter des Archivrates Klostermerer in Detmold. Ihr Vater hatte sie als einziges Hät- schelkmd zu einer Art Blaustrumpf erzogen. Er lieh sie an feinen ar$tbalif<f>en Beschäftigungen teilnehmen: sie war mit dem lippi- scheu Archiv durchaus vertraut und kannte die Schrift ihres Va- t?rs.Wo Hermann den Varus schlug, auswendig. Schon als Backfisch schwärmte sie für Literaten, und, zur Jungfrau heran- gewachsen, schlug sie mehrere vorteilhafte Partien aus, weil sie der Aeberzeugung war, nur an der Seite eines Dichters glücklich werden zu können. Grabbe, der in der nüchternen kleinen Resi- Anzstadt das literarische Milieu schmerzlich vermißte, sand im Hause des Archivrats für seine Arbeiten Teilnahme und Veo- standnis. Als er der Tochter seineHohenstaufen" schickte, schrieb thm diese:Goethe schmückte zu Weimar vor einem Jahve den Sarg des Pius Alexander Wolff mit einer Blumenleier,- wenn ©te sterben, schmücke ich denselben mit einer ähnlichen, umwinde fte aber noch mit einem weißen Atlasband, auf welches mit großen goldenen Buchstaben HorazenS Worte geschrieben: Ron omnis moriar! Die Hoffnung, in nicht gewöhnlicher Amgebung mich einst rühmen zu dürfen, aus der eigenen Hand deS Dichter« derHohenstaufen sein Werk empfangen zu haben, beglückt mich letzt schon, und nach diesem Geständnis wollen Sie die Größe meiner Dankbarkeit schätzen. Henriette Klostermeier besaß große körperliche Vorzüge, ein schönes Auge, üppigen Wuchs, sie ver­stand das Herrschsüchtige und Anweibliche in ihrem Charakter klug zu verbergen und bei Gelegenheit in zärtlichen Schmeichel­tönen zu flüstern. Grabbe war hingerissen und nach seiner Ge­mütsart sofort rasend verliebt. Damals schrieb er , Don Juan und Faust. Faust, der um Donna Annas Liebesgunst wirbt, redet die Sprache seiner eigenen Verzückung:

Mein teures Mädchen, fürchte nicht, ich weiß, Was Liebe ist, weiß, daß sie eigentlich Aus Kleinigkeiten, Augenzucken, Spiel Mit weißen Händen, Wohlgefallen an Erträglich schöner, nett geschniegelter Gestalt, aus dunklem Trieb der Sinn' entsteht, Weiß auch, daß man mit Zuckerwörtchen, mit Schlechten Soietten, süßen Blicken, halb Verstohl'nem Angriff die Geliebte Heimsucht, Ich weiß, daß alles daS ein Tand nur ist. Doch dieser Tand wirkt auf mich wie ein Süntot#. Gefallen in die Pulvermin' der Festung Richt zarte Blicke, urgeborne Kraft, Glut bis zum Firmament erregt er mir Mit ihr trotz' ich Gott, Satan und mir selbst.

Este kokette Henriette ließ sich den feurigen Liebhaber

I. en- Als dieser jedoch als ernsthafter Freier auftrat, toee8 Ne M hochmütig ab. Dabei kam die ganze Philistrvsität der Krahwinklerin zum Vorschein, denn sie hielt es für unstatthaft,

b« Verfassers aus Hess«,Litervr- ylstorifchen Studien.