Ausgabe 
13.10.1925
 
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Fa.llstrei.fen. Aus jeder Wolle, in der mit genügender Heftig­keit Kondensation erfolgt, muh der gebildete Niederschlag, Wasser­tropfen oder Eiskristalle, infolge der Schwere abwärts sinken und aus der Wolle herausfallen.

In den meisten Fällen wird 'dieser Niederschlag, sobald er aus der Wollenbasis in trockenere Luftschichten fällt, wieder ver­dunsten. Dies ist aber nicht immer der Fall. Bei starker Konden­sation fällt der Niederschlag als langer^ weißer Streifen oder Schleier herab, um entweder die Erde zu erreichen oder erst in tieferen Schichten zu verdunsten. Diese aus fallendem Niederschlag gebildeten Schleier nennt man Fallstreifen. Sie spielen für das Aussehen der Wollenformen eine große Rolle und auf diese Fallstreifen ist ein großer Teil der auffallendsten merkwürdigsten Wollenformen zurückzuführen. In den tieferen Schichten der Atmosphäre kann man die.Fallstreisen leicht bei Gewitterwolken und Aprilböen beobachten, wenn der herausfallende Niederschlag einen Schleier vor der Wolle bildet. Entstehen aber die Fall­streifen aus Wolken in großer Höhe, so sind sie als solche nicht rHne weiteres zu erkennen itnb bilden zusammen mit der Wolke, aus der sie entstehen, mannigfaltige Formen. Besonders für die höchsten Wollen in 8 bis 1V Kilometer Höhe, die Eirruswolken, spielen diese Fallstreifen eine bedeutende Rolle. Es lassen sich fast ausnahmslos alle die langgezogenen, streifenförmigen For­men der Cirren ihrer Entstehung nach auf Niederschlagsfall- streifen zurückführen. Gelangt der Fallstreisen beim Herabsinken in Luftschichten mit anderer Dewegungsrichtung und Geschwindig­keit, so müssen, da sich die einzelnen Teile des Streifens ver­schiedenartig bewegen, alle möglichen Kombinationen von Wol­lenformen zustande kommen können. Auf diese Weise läßt sich unschwer ein Teil der seltsamen Formen der Eirruswolken er­klären.

Herbststimmung.

Von Aenne Hopfner.

In bunter Pracht sah ich den Wald sich schmücken, um Hecken, über Büschen liegt ein goldner Kranz, und überall, wohin die Augen blicken, da flammt es auf im letzten Farbenglanz.

Wie Purpurtönuirg fließt es von den Bäuinen, an Häusern, Mauern wilder Reben Wein, auf Wiesenflächen Herbstzeitlose träumen, wie bald wird auch ihr Traum zu Ende sein.

Und alles flieht dem letzten Ziel entgegen, die Bäche rauschen stärker durch das Tal, ein wundervolles Glüh'n auf allen Wegen treibt stille Wünsche noch ein letztesmal.

Noch einmal spannt die Sehnsucht ihre Flügel, kreist ziellos durch der Hoffnung weites Land, sinkt dann erschöpft auf einen Blumenhügel, wellt mit den Blumen, die der Herbst gesandt.

Die Richterin.

Bon E o n r a d F e r d i n a n d M e y e r.

Erstes Kapitel.

Precor sanctos apostolos Petrum et Paulum! psalmodierten die Mönche aus Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines römischen Märztages die ziemlich schad­haften Stufen der auf das Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des höchsten Amtes dec Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin, beizuwohnen.

Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammen­gewählte Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem gün­stigen Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu enllommen. Die vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höf­linge schlenderten mit gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten Stapfen, die Begrüßung der um­stehenden Menge mit einem kurzen Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte.

Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze Karl mit Alcuin bei dein ehernen Reiterbilde stille- stand.Ich kann es nicht lassen, sagte er zu dem gelehrten Haupte,den Reiter zm betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet! Diese Züge müssen ähnlich sein.

Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach:Es ist nicht Constantin. Das hab' ich längst heraus. Doch ist es gut, daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme geschmolzen. Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem großen Kaiser ins Ohr:Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel.Wirklich?" lächelte Karl.

Sie gingen der Pforte von Ara Coli zu, durch welche sie verschwanden, der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen Menschen in Mischer Tracht nicht beachtete, der unfern stand und durch die ehrfürchtigsten Grüße fein« Aufmerksamkeit zu erregen suchte.

Halt, Herren, rief einer der inzwischen bei dem Reiter­bilds angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände dern neben ihm Wandelnden,jetzt da alles treibt und schwillt" Erd- und Lenzgeruch kam aus nähen Gärten will ich meinen Becher und was mir sonst lieb ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am wenigsten den einer Toten­messe. Ich habe hier herum eine Schenke entdeckt mit dem stei­nernen Zeichen einer säugenden Wölfin. Das hat mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und verschwinden dann in die Tabernen."

Wer ist's? fragte einer.

Gin griechischer Kaiser

Den setzen wir ab

Wie er die Beine spreizt!

Reitet der Kerl in die Schwemme?

Holla, Stallknecht!" -

Nettes Tier! -

Wülste wie ein Mastschwein!

So ging es Schlag auf Schlag uird ein frecher Witz über­blitzte den andern. Das antike Rotz wurde gründlich und un­barmherzig kritisiert. _ ,

Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule anzuknüpfen. Aber die Höflings achteten seiner nicht. Da faßte er sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks, wer ihr angehören darf I

äleber eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rot­bart und sprach gelassen:Wir schwänzen sie meistenteils" Dann kehrte sich der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch und fragte den Räter mit einem spöttischen Gesicht:Welcher Eltern rühmst du dich Knabe?

Dieser gab vergnügten Bescheid.Ich bin der Neffe des Bischofs Felix in Cur und mit feinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt. t

Räter," sprach der Lange ernsthaft,du bist an den Quell der Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahr­haftes Zeugnis ab und bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs.

Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und morttgen Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: Concepit in iniquitatibus me mater mea!

Hörst du, und der Höfling deutete nach der Kirche,die dort wissen es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.

Der kluge Bischofsneffe hütete sich, in Zorn zu geraten. Mtt einem flüchtigen Erröten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er:Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge dis aus eurer Schule aufsteigende Sonne der Bildung mtt frommem Jubel begrüßt, hat mir den Auftrag gegeben, für seine jung gebliebene Lernbegierde einige Haupsschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das unvergleichliche Büchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu erwerben. Nun wird erzählt, dieser groß« und gute Lehrer habe jeden von euch mit einem kostbaren Exemplar ausgerüstet, und ich meine nur, einer dieser Herren hätte vielleicht Lust, einen Handel zu schließen.

Du sprichst wahr und weise, Bischosssohn," parodierte ihn der Höfling,und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mchote es geschehen, daß wir Zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges Würfelspielchen machten.

In unchristliche Hände! diese göttliche Weisheit! wehklagte der Räter.

»Weisheit! spottete der Rotbart,ich versichere dir: lauter dummes Zeug. Äebrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner! Er krümmte den langen Rücken wie ein ver­bogener Schulmeister, zog die Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit Lust rmd Liebe auf das gottlose Spiel einging.

Jüngling, predigte der falsche Alcuin,du hast einen guten Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der Mensch?

Ein Licht zwischen sechs Wänden, antwortete der Knabe andächtig.

Welche Wände?"

Das Links, das Rechts, dos Vorn, das Mchtvorn, das Oben, das Unten. Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden, als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen belohnte die Faxe.

Die wachsende Lustigkeit der Polastschule begann denDischofs- neffen zu ängstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein kühner Krieger, dem an der rechten Veite des stämmigen Wuchses ein seltsam gewundenes Hifthorn hing.