Gießener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (925 Dienstag, -en (5. Oktober Nummer 82

Herbst.

Bon Stefan Georg«.

Komm in den totgesagten park und schaue Der schimmer ferner, lächelnder gestade, Der reinen o>olken unverhofftes blau Erhellt die weiher und die bunten Pfade.

Dort nimm das tiefe gelb, das weiche grau Bon birken und von buchs; der wind ist lau, Die späten rosen welkten noch nicht ganz, Erlese küss« sie und flicht den kra-nz.

Vergiß auch diese letzten astern nicht. Den purpur um die ranken wilder reden And auch was übrig blieb vom grünen leben Verschwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Die Naturgeschichte der Wolken.

Von Privatdozent Dr. W. Pepp ler.

Schon seit den frühesten Zeiten der Menschheitskultur snrd die Wolken ein Gegenstand aufmerksamer Beobachtung gewesen, da sie das beste sichtbare Zeichen und Vorzeichen der Witterungs­veränderungen sind. Schon in der Jahrtausende zurückliegenden chinesischen Literatur und später in den Schriften der Griechen, Römer undAÄraber findet sich eine Fülle guter Wolkenbeobach­tungen. Aber diese primitiven Wolkenbeobachtungen waren recht phantastischer Art, denn es fehlte ihnen jede naturwissenschaft­liche Grundlage. Daher brachte diese erste Periode der Wolken­forschung, die man bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts rechnen kann, nur eine Anhäufung ziemlich kritikloser Beobachtungstat­sachen, die nicht geeignet war, über die physikalische Natur der Wolken Licht zu verbreiten.

Ein bedeutender wissenschaftlicher Fortschritt war es, als es gelang, die verschiedenen Wolkenformen in ein wissenschaftlich­wohlbegründetes System zu bringen und in die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen nach bestimmten Grundzügen Ordnung zu bringen. Dies gelang am Anfang des vorigen Jahrhunderts dem Engländer Howard; er schuf die erste Klassifikation der Wollen, in der er die Vielgestaltigkeit der Formen auf wenige Grundthpen zurückführte. Eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges, die sich int Laufe der weiteren Forschung ausgezeichnet bewährt hat. Howard unterschied drei Wolkenformen, nämlich: 1. die Schichtwolke, den Stratus, 2. die Haufenwolke, den Cu­mulus, und 3. die Federwolke, den Cirrus.

Die erste Form, der Stratus, ist eine homogene, ziemlich formlose Schichtwolke. Sie bildet sich am häufigsten im Winter, wo sie als grauer Wolkenschleier in mäßiger Höhe über dem Boden oft tagelang den Himmel bedeckt.

Oft kann man die Entstehung dieser Schichtwolken gut be­obachten, wenn eine gleichförmige, dem Boden auflagernde Rebel- fchicht sich am Morgen hebt. In diesem Falle sind Schichtwolke und Rebel offenbar dasselbe. Sehr schön ist die Erscheinung in Gebirgstälern zu beobachten, wenn am Vormittag mit steigender Sonne das die Täler erfüllende Rebelmeer zerreißt und die einzelnen Rebelfetzen mit den erwärmten Lustmassen die Tal­hänge emporsteigen. Aber auch in der freien Atmosphäre können sich diese Stratusschichten selbständig bilden.

Die zweite Hauptform, die Haufen- oder Cumuluswolke, bildet gewöhnlich massige, dicke Formen vom Aussehen einer auf einer Fläche aufsitzenden Kuppel mit balkenartigen Aus­wüchsen und Ansätzen. Die Basis der Wolke ist meist scharf begrenzt. Int reflektierten und durchscheinenden Licht der Sonn« bildet der Cumulus eine große Mannigfaltigkeit der Farben und der Lichtkontraste. Typisch für diese Form find die bekannten Svmmerwolken, die oft in langen Reihen und Bänken angeordnet sind und aus einer bei 500 bis 1000 Meter Höhe liegenden Fläche sich entwickeln, oft nur zu einigen hundert Metern Hohe, oft zur Höhe von gewaltigen Gebirgen.

Die dritte Grundform, die Federwolke oder der Cirrus, zeigt die größte Mannigfaltigkeit der Formern Bald tritt sie in Form feiner, faseriger Büschel auf, bald in Streifen in netz- oder -federartiger Anordnung. Schließen sich diese Cirren zu einer geschlossenen Wolkendecke zusammen, so überziehen sie als dünner, weißlicher Molkenschleier den Himmel und man nennt diese Form den Cirrostrakus. Erscheint die Federwolke in Ballen oder Flocken angeordnet, dann bildet sie die bekannten Schäfchenwolken. Die spätere Wolkenklassifikation hat dabei eine sehr große Zahl von Formen unterschiedeit, ist damit aber zu wett gegangen,

zumal sich herausgestellt hat, daß sich viele Formen auf recht einfache Weise auf die Grundform zurückführen lassen.

Einen wesentlichen Fortschritt der Kenntnis der Wolken uitd ihrer Entstehung hat die neuere aerologifche Forschung gebracht. Die seit ca. 30 Jahren in fast allen Kulturländern regelmäßig ausgeführten Aufstiege von Freiballons, Pilotballons, Fessel­ballons, Drachen und Registrierballons haben vor allen Dingen eine wichtige Tatsache ergeben, di« den Schlüssel liefert zum Verständnis der Wolkenformen. Das ist di« Erkenntnis, daß die Erdatmosphäre in Schichten aufgebaut ist. Früher glaubt« man, die Temperatur nehm« mit zunehmender Erhebung in der Atmosphäre in einem ziemlich konstanten Verhältnis ab und man rechnet« sogar aus, in welcher Höhe der absolute Nullpunkt erreicht sein müßte. Aber die aerologische Forschung hat gezeigt, daß fast immer wärmere mit kälteren Schichten im Luftmeer übereina nderg elagert sind. Diese Schichten stehen in enger Be­ziehung zum Auftreten der Wollen. Der normale Aufbau der Atmosphäre ist nach den neuesten Ergebnissen der Forschung ungefähr folgender:

Die unterste Schicht erstreckt sich vom Erdboden bis ca. 400 Meter Höhe. Dieser Raum ist, abgesehen von der Nebelbildung, int allgemeinen frei von Wolken. Im Ballon erscheint er im allgemeinen als Dunstschicht, als eine dünne, optisch getrübte Schicht, die oft nach oben scharf begrenzt ist. Die Trübung ist überwiegend durch den irdischen Staub und Rauch verursacht. Der Gehalt an Luftplankton, wie man die trübende Ursache tteuerdings nennt, beträgt ca. vier bis acht Millionen Teilchen pro Liter Luft vom freien Lande, ist aber in Jndustriegegenden und großen Städten noch erheblich größer. Oberhalb dieser Dunstschicht wird die Luft viel reiner, der Gehalt an Luftplankton beträgt nur ein bis zwei Millionen Teilchen pro Liter. Bei ca. 500 Meter Höhe beginnt die erste Wolkerizone, in der sich die Bildung der tiefen Stratus und Regenwolke vollzieht, diese Schicht reicht bis ca. 1500 Meter Höhe.

Nach den langjährigen Messungen der Wolkenhöhen des aeronautischen Observatoriums Lindenberg bei Berlin ergeben sich folgende mittlere Wolkenhöhen, die ungefähr für das nord­deutsche Flachland gültig sind. Die mittlere Höhe beträgt danach über Norddeutschland für die Regenwolken (Nimbtts) 580 Meter, für die tiefen Schichtwolken sStratus) 470 Meter, für die Haufen- wolkeit (Cumulus) 1420 Meter. Es hat sich ferner ergeben, daß über Süddeutschland (Bodensee) dieselben Wolkenetagen ca. 600 bis 700 Meter höher liegen. Der Unterschied ist im wesentlichen ein allgemein-geographischer, da fast alle Wolkenschichten, wenn man von höheren zu niederen Breiten schreitet, in ein höheres Niveau rücken. Bei solchen Wolkenschichten, aus denen Nieder­schlag fällt, finden sich diese normalen Schichten meist nicht und die regnende Wolkenschicht hat meist eine vertikale Mächtigkeit von mehreren Kilometern, dann reichen die Wolken mindestens bis vier, oft bis acht Kilometer Höhe. Aber das Stadium der Niederschlagsbildung ist der Ausnahmefall, denn aus den meisten Wolken, die wir täglich am Himmel sehen, fällt kein Niederschlag.

Bei ca. 3000 Meter beginnt eine neue Wolkenetage, die Zone der mittelhohen Wolken, deren typische Formen der Alto-Stratus und der Alto-Cumulus sind. Es find dies meist relativ dünne Wokenschichten, di« infolge der hier bereits herrschenden tiefem Temperatur aus Eiskristallen oder aus unterkühlten Wasser­tropfen bestehen. Nach neueren Messuitgen siegelt die Wolken bei rund 3000 Meter über Norddeutschland, bei 7000 Meter über dem Bodensee. Die Dicke dieser Wolkenschichten beträgt meist nur 200 bis 300 Meter. Darüber beginnt ein wolkenarmer, relasiv trockener Luftraum, in dessen unterem Teil häufig wär­mere Luftschichten eingelagert sind. Er reicht bis ca. 7000 Meter. Hier beginnt die letzte, interessanteste Wolkenetage, die Zone d« Federwolken oder Cirren. Diese Wolken, die di« größte Viel» gestaltigkeit der Form bilden, sind es, die recht eigentlich daS Bild unseres Wolkenhimmels beleben.

Der Basivnfahver oder Flieger, der sich in ihnen bewegt, hat meist gar nicht den Eindruck, in einer Wolke zu sein, deren Dasein sich nur durch feine, in der Sonne glitzernde Eiskristalle verrät. In diesen Kristallwolken treten die bekannten schönen optischen Erscheinungen der farbigen Sonnenringe und Höfe auf.

Mit den Fcderwolken oder Cirren sind die Kondensations­vorgänge der Atmosphäre im wesentlichen beendet und man kann daher die Höhe von 10 bis 11 Kilometer als obere Grenz? der Wolkenbildung ansehen. Hier beginnt di« von Richard Ah mann entdeckt« obere Atmosphäre, in der die Temperatur mit zunehmender Höhe sich nicht mehr wesentlich ändert und bei ca. 55 Grad über Mitteleuropa bleibt. Dies« äußere Lufthülle