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Bräutigam und seiner Gesellschaft ins Gesicht schleudert; lachend macht sich der ganze Haufe auf die Flucht, unö jetzt erst tritt die wahre Braut mit den schönsten Kleidern geschmückt. Heraus, reicht ihrem Geliebten die Hand und lätzt ihn mit der ganzen Hochzeitsgesellschaft eintreten; man setzt sich zu Tische, und dann geht der Zug nach der Kirche."
Das find rauhe Sitten! Deshalb sei dem Leser zum Schluffe etwas feinere Kost vorgesetzt. Ritter» und Schäferspiele!
Das Schloß der alten Stadt Tarascon (an der Rhone) — di« Legende von Tarascon wurde vor einiger Zeit in diesem Matte gebracht — nennt man gewöhnlich im Lande das Schloß des Königs Renatus, „entweder weil dieser Fürst die Stadt mehr mit feiner Gegenwart beehrt Hat als sein Vorgänger und Erbauer desselben, Ludwig II., oder weil der Rame des guten Königs Renatus (bon Roi Rens) die Ramen aller seiner Vorgänger und Rachfolger in den Herzen der Provenzalen gänzlich verdunkelte. Gr beschäftigte sich hier mit Festen, mit Versen und Galanterie (!)." Mylius bringt die Erzählung über ein Tournier, das dieser Fürst im Jahre 1449 abhielt:
„Alle Ritter, die Teil am Tourniere nehmen wollten, erschienen in den Schranken auf prächtigen Pferden, ganz bewaffnet, mit dem Küraß und dem Helme, der mit purpurroten Strautz- federn geschmückt war; aber sie waren auch zugleich als Schäfer gekleidet und führten den Schäferstab, die Sackpfeife, eine Flöte, ein Vrotkörbchen, ein Wafserfäßchen usw. bei sich. Die Preise wurden von einer vornehmen Dame ausgeteilt, die auch im Schäferkleide auf einem mit Goldstosf bedeckten Pferde mit einem kcrrmostnroten Stirnblechs erschien, das zwei zu Fuß gehende Jünglinge fi'chrten; eine Herde Schafe ging ihr voran; sie trug ein Kleid von grauem Damaste, das mit Pelz gefüttert und am Rande besetzt war, einen kleinen mit Blumen bedeckten Hut und einen mit Silber verzierten Schäferstab; auf der einen Seite hatte sie ein silbernes Wasserfäßchen am Gürtel hängen, auf der anderen ein Brotkörbchen. Sie hatte ihren Platz während des Tourniers in einer Laube, die von Daumzweigen geflochten und mit Blumen geziert war und an einem Ende des Tournier Platzes neben einem Baume stand, an dem die zwei Hirten-Ritter, die das Tournier hielten, ihre Schilde aufhingen. Der Preis, den die Sieger von ihr erhielten, war ein Kutz von ihr imt> ein an einem goldenen Zweig befestigter Blumenstrauß. — Außer der Laubhütte der Schäferin war auf dem Tournierplatze noch ein Gerüst für den König Renatus, die Königin und ihr Gefolge und ein anderes für die Kampfrichter erbaut."
Wir sehen hier mit dem eigentlichen Ritterspiel verbunden das Schäfer spiel; die gebildeten Gesellschaftsklassen waren auch damals schon empfänglich für „das Idyllische", die ästhetischen Reize der volkstümlichen Kultur, so wie man in unseren Tagen in den gebildeten Ständen das Volkslied liebt und pflegt.
Wohin treibt der Mensch?
Von Hans Offenbach*).
„Weltverachtung, lieber Rüdiger, entspringt immer einer kranken Stelle in uns selbst. Wir muffen mißtrauisch werben, wenn uns Wege keine Freude mehr machen, die wir sonst gerne aufsuchten, und nachdenklich, wenn uirs nicht mehr lohnend erscheint, was wir sonst erstrebten. Natürlich ist es gut, wenn wir höhere Wege suchen lernten, aber dann verachten wir nicht alle anderen. And das mit der Herde... Diese Bescheidenheit ist Heuchelei. Wer erst derbe Kost von feinerer unterscheiden lernte, wer erst ausprobierte, wieviel besser es sich im Auto fährt, als kn der elektrischen Bahn, der lügt, wenn er sagt, es ginge auch anders. Es geht natürlich, aber nicht ebensogut. Irgendwo ist unser Leben zu Ende, und weil wir das wissen, geht es uns unwillkürlich darum, vor der Abreise noch möglichst viel Schönes von der Gegend zu erfahren. Da wir die Fähigkeit haben, das zu erreichen, unser Leben zu steigern, so sollen, ja müssen wir es auch tun. Alles auf Erden wächst so hoch, als es kann. Man soll sich nie Begnügen, Rüdiger, ich wollte und will immer das Höchste in meinem Leben und im Hauptteil desselben, in meinem Geschäft. Trotzdem bleibe ich noch tief genug drunten, denn die ganz großen Möglichkeiten habe ich nun mal nicht; oft aber ist es schon eine Freude, etwas gewollt zu haben."
„Die Menschen werden geboren und wissen es nicht; die Menschen warten sich aus der Jugend am Strick der Hoffnung ins Alter, und was ihr Glück war, wann und wo es ihnen begegnete, sie wissen es nicht. Die Menschen sehnen sich nach etwas, sie erreichen es — und wissen es nicht. Die Menschen schauen rückwärts und vorwärts ihres Wegs. Wohin trat und tritt ihr Fuß? Sie wissen es nicht. Die Menschen rufen nach Liebe, und
*) Hans Offenbach hat sein reiches, seelisches Wissen in feinem neuesten Prosawerke „Wanderer im A n gewußt e n" meisterhaft zu gestalten vermocht. Bereits nachstehender kurzer Auszug gibt uns ein scharfes Bild von der Tiefe und von der mühelosen Bewältigung seelischer Probleme in klar verständlicher Form. Das Werk stellt den nächsten Band der VII. Jahresreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin, dar. , _______
he wissen die Antwort nicht. Ihr Streben zur Gröhe wird ihnen zum Fluche, sie wissen es nicht. Die Mensch«, sterben, wie sie geboren werden, und wissen es nicht. Die Menschen rufen nach Erlösung und finden sie nur in eigner, sonnenlichter Güte, aber sie wissen es nicht."
Der Schatz.
Von Eduard M ö r i k e.
(Fortsetzung.)
Der Rebel ließ mich wenig unterscheiden, doch schien die Höhe da hinab beträchtlich, und, was mir nicht das lieblichste Gefühl erregte, den, sanften Rauschen eines Wassers nach mußte die Sichel ganz unmittelbar am Fuß des Felsens, der das Schlößchen trug, vorüberziehn. Sei's drum! ich riegelte getrost die Türe und zog mich aus. Mich niederlegen und schlafen war eins. Es regnete die halbe Nacht, ich merkte nichts davon; mir träumte lebhaft von dem schönen Mädchen.
Am anderen Morgen, durch und durch gestärkt, fand ich die Sonne schon hoch am Himmel über dem engen Sicheltale stehen, welches, reichlich mit Laubwald geschmückt, die Aussicht hier zunächst sehr stille und reizend beschränkt, alsdann, mit einer kurzen Beugung um das Schloß, sich in das offene, flache Land verläuft.
Ein Glockengeläute von unten, aus dem gutsherrschaftlichen Dorf an der Seite des Berges, erinnerte mich, es sei Sonntag. Mein Herz bewegte sich dabei, ich weih nicht wie. Doch war jetzt keine Zeit, um solchen Rührungen lang nachzuhängen; auf alles Denken aber und Grübeln über meine Lage tat ich sofort grundsätzlich ein sür allemal Verzicht; nur, als ich mir den beispiellosen Spuk des gestrigen Abends zurückrief, geriet ich auf die Mutmaßung, ich könnte wohl ein bißchen befchnapst gewesen fein, denn meine Branntweinflasche fand sich beinah« leer.
Ich eilte, sauber angezogen, zu meinem Wirt hinunter, der mir mit Heiterkeit ankündigte, es sei nur noch ein Stündchen bis Mittag; sie hätten mich nicht wecken wollen, weil sie dächten, ich habe nicht besonders zu pressieren und würbe vielleicht ein paar Tage bei ihnen auSrüfjen. Nach einigem, wiewohl nur scheinbaren Bedenken und auf wiederholtes Zureden nahm ich diese unerwartete Gastfreundschaft an und blieb geruhig in meinen Pantoffeln. „Zwar werden wir Euch leider über Tisch für diesmal nicht Gesellschaft leisten," sagte der Schlotzvogt; „der Schulmeister im Dorf läßt heute taufen, da sind wir zu Gevatter gebeten und müssen gleich fort: Josephe aber, meine Nichte, wird Euch nichts abgehen lassen." Ich war alles zufrieden.
Das Ehepaar hatte sich in Staat Begeben, und außen wartete ein Fuhrwerk. Sie baten nochmals um Entschuldigung, mit dem Versprechen, vor Abend wieder da zu fein.
Ich befand mich allein in der Stube und mit Josephen, die drautzen am Herde beschäfttgt fein mochte, allein int ganzen Schlosse. Die Nähe dieses Mädchens, zu dem ich von der ersten Stunde an ein stilles, unerklärliches Verttauen hegte, obgleich wir bis jetzt kaum ein Wort miteinander gewechselt, beunruhigte mich ganz sonderbar. Es zog und zupfte mich immer, sie in der Küche aufzusuchen, allein wenn ich eben dran war, schien mir von allen den bei Handwerksburschen üblichen galanten Redensarten nicht eine gut genug. Auf einmal kam sie selbst herein, band sich die Küchenschürze ab, stellte sich dann mit einigem Erröten mir gerade gegenüber und sprach, nachdem sie ihre offenen braunen Augen ein ganzes Weilchen auf mit ruhen lassen: „Also Ihr kennt mich wirklich gar nicht mehr?"
Da ich betroffen schwieg und nun mit halben Worten zu erkennen gab, daß ich auf eine frühere Bekanntschaft mit einem so scharmanten Frauenzimmer im Augenblick mich nicht besinnen könne, verbarg sie sehr geschickt ihre Deschäntung und Empfindlichkeit hinter ein flüchtiges Lachen und tat, als hätte sie den puren Scherz mit mir getrieben. „Rein! Nein!" riet ich, sie eifrig bei der Hand nehmend, „dahinter steckt etwas — Ihr seid betreten, Ihr seid gekränkt! Am's Himmels willen, beste, schönste Jungfer! helft mir ein klein wenig darauf — wenn, wo, wie hätten wir uns denn gesehen? es wird mir gleich beifallen!" In der Tat, ihr Gesicht wollte mir nun bereits ganz außerordentlich bekannt vorkommen, nur wußte ich es nirgend hin zu tun. Ich bat sie wiederholt um einen kleinen Fingerzeig.
„Seid erst so gut,“ versetzte sie, „und nennt mir Euren Namen!" Da ich bestürzt ein wenig zauderte und eben eine ausweichende Antwort geben wollte, brach sie kurz ab, wie wenn sie ihre Frage selbst bereute: „Der Braten verbrennt mir! verzeiht, ich muß gehen."
In kurzem kam sie wieder, schob ohne Geräusch einen Tisch in die Mitte der Stube und fing sodann, indem sie ihn sehr ruhig deckte, als wäre nichts geschehen, vom Wetter an. Als ich mich auf dergleichen nicht einlieh, sondern mich nachdenkend unverdrießlich zeigte, nahm sie zuletzt, um dieser lächerlichen Spannung zu begegnen, das Wort: „Hört, tut mir doch den einzigen Gefallen, denkt nicht mehr an die einfältige Posse. Ich habe mich in der Person geirrt, und das ist alles! Noch einmal, ich bitte, denkt nicht mehr daran." — Dagegen war nun freilich schicklicherweise nichts weiter zu sagen, obgleich ich ihren Worten nur halb traute, . ■■ ■>


