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Mnrakkerfiürke, die die letzte, schwerste Folge zu ziehen nicht scheÄe Wie anders erscheint ihm gegenüber Götz von Derlichin- aen, der stets auf seinen Vorteil bedachte Realist, der in der Geschichte eine so ganz andere Rolle ^spielt hat als die M>eal- gestalt Goethes; wie anders erscheinen die fanatischen Schreckens- urLnner aus dem Bauernstand, wie anders endlich der phantastische Schwärmer Thomas Münzer! Was der Geher wollte WM das Ideal des deutschen Gedankens und, da er dafür starb, wollen wir ihn heute noch ehren.
MasfiKerbriefe an den Verleger.
In den Briefen an den berühmten Verleger Johann Friedrich Cotta, die soeben, von Maria Fehling herausgegeben und eingeleitet, im Verlage der Cotta- schen Buchhandlung, Stuttgart und Berlin, erschienen sind, spiegelt sich das Zeitalter Goethes Rapv- leons. Zu den großen zeitgeschichtlichen Ereignissen stand Cotta persönlich und geschäftliche in so vielfachen Beziehungen, daß die an ihn gerichteten Briefe, wie kaum eine andere Sammlung, eine Anschauung von jener Epoche vermitteln. Von den veröffentlichten Briefen sind nur die Goethes, Schillers, Kleists und Hölderlins bereits gedruckt. Das gesamte übrige Material ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bisher unbekannt. Wir veröffentlichen im nachstehenden Briefe Wielands, A. W. Schlegels und Johann Heinrich Vossens, die markante Proben aus dem Werke bieten, das sich zu einer wohlabgestimmten Galerie individueller Einzelporträts zusammenfügt. (337)
Ein Brief Wielands.
Weimar (Februar 1807).
Weit entfernt, mein sehr geschätzter Herr und Freund, den Antrag (der Mitarbeit am Morgenblatt), den Sie mir am 28. November des abgewichenen Jahres taten, anders zu nehmen als er von Ihnen gemeint ist, erkenne ich mich Ihnen vielmehr sehr verbunden dafür und hoffe, mein guter Genius werde, um der 73 Jahre willen, die an mir gezehrt haben, nicht so ganz untreu an mir werden, daß ich Ihnen nicht zuweilen einen kleinen Beitrag, wenigstens zum Zeichen meines guten Willens, sollte übersenden können.
Ich würde Ihnen nicht so spät geantwortet haben, wenn ich nicht die ersten Morgenblätter hätte abwarten wollen. Ich habe nun deren sieben gelesen und bin so sehr mit der ganzen Heptas und allen Früchten, Blumen, Blüten und Läubchen, die sie liefert, zufrieden, daß ichs mir zur Ehre schätzen würde, meine heitersten Stunden zu deren Vermehrung zu widmen, wenn ich nicht in eine große (für meine Jahre fast zu große) Arbeit, nämlich eine Äeberfetzung der sämtlichen Briefe Ciceros, versunken wäre, wozu ich mach acht Tage nach dem mrseligen 14. Oktober (der Schlacht bei Jena) entschlossen habe, um mich aus der Gegenwart zweitausend Jahre zurück in die ewige Roma zu flüchten und mich mit den Geistern der großen Menschen, die den Fall derselben teils bewirken, teils vergebens zu verhindern suchten, zu unterhalten, wie wohl ich mit diesen großen Menschen im Leben ebensowenig hätte verwickelt sein mögen als mit den Heroen unserer Zeit. Denn auch diese werden erst in zweitausend Jahren sehr gute Gesellschaft sein.
Erhalten Sie mir inzwischen Ihre Freundschaft und nehmen die Versicherung der ausnehmenden Hochachtung wohlwollend auf, womit ich lebenslänglich beharren werde.
Ihr ergebenster Diener Wieland.
Ein Brief A. W. Schlegels.
Berlin, 31. März 1801.
älnser gemeinschaftlicher Freund Fichte trägt mir auf, Ihnen zu melden, daß das hiesige Oberkonsistorium, da man ohne sein Vorwissen demselben seine Flugschrift Friedrich Nicolais Leben und sonderbare Meinungen zur Zensur vorgelegt, diese verweigert habe. Dieser unerwartete und seltsame Vorfall hat ihm die weitere Beschäftigung mit dieser Sache gänzlich verleidet und er wollte seine Hand von der Schrift ablegen und sie zurückziehen. Ich habe^ daher die Herausgabe übernommen, meinen Namen auf den Titel gesetzt, eine Vorrede dazu geschrieben und das Manuskript, das mir Fichte zu jedem beliebigen Gebrauch überlassen hatte, nach Jena geschickt. Dort bin idji als Professor zensurfrei und habe Auftrag erteilt, den Druck in einer Auflage von 1000 Exemplaren schleunigst zu besorgen, womöglich bei Frommann, daniit diese Broschüre, die durch die verweigerte Zensur natürlich in hiesigen Landen doppeltes Aufsehen machen wird, noch auf die Messe gebracht werden kann. Wir haben vorausgesetzt, daß dieser Vorfall in Ansehung dessen, was Sie über den Verlag mit Fichte verabredet, keine Aenderung machen würde; nur will Fichte vor dem Publikum durchaus nicht den Schein haben, jetzt noch einigen Teil an der Erscheinung der Schrift zu nehmen; eine Maßregel, die Sie bei einer vollständigen Kenntnis von der Lage der Sache gewiß richtig finden würden...
Für das Poetische Taschentuch haben Tieck und ich fleißig gearbeitet und gesammelt und wir haben schon einen beträchtlichen Teil des Manuskripts beisammen.
Da Schiller diesmal keinen Mufsnalmanach geben wird, so ist dieser Name gewissermaßen erledigt, und wir überlassen es Ihrer Entscheidung, ob Sie glauben, daß der Titel Poetisches Taschentuch oder Musenalmanach mehr Gunst beim Publikum haben wird... A. W. Schkegel.
Ein Brief von I. H. Voß.
Heidelberg, 16. März 1808.
... Die Bukoliker, denen ich gern ihr völliges Recht antun möchte, beschäftigen mich jetzt sehr angenehm. Ich finde doch, daß die Arbeit von 1795/96 durch die Nacharbeit von 1808 noch beträchtlich gewinnt. Nächstens sende ich noch eine Probe fürs Morgenblatt. Und sobald ich dazu kommen kann, schreibe ich auch meine kritischen Briefe über Goethes Gedichte ins reine für das immer kräftiger sich hebende Morgenblatt. Auch mein Sohn sendet nächstens eine Probe seines Aefchtzletschen Prometheus, womit ich zufrieden bin.
Was urteilen Sie von Herrn Zimmers Unternehmungen? Mir scheinen sie unsinnig oder gar — romantisch! Der junge Mann, der so besonnen anfing, ist von Görres, Brentano und ähnlichen Gesellen betäubt und scheint seinem Verderben entgegenzuschwindeln. Seine Zeitung allein könnte wohl einen stärkeren Verleger überwältigen: So gehaltreich ist sie an Sinkkraft. Mich haben die Romantiker, unter welchen ein verruchter Rotkopf steckt, mit Künsten zurückgedrängt, als ich durch itm» stände mich bewogen fand, sogar den Zudringlichen zu machen. Der fettige Fuchs, der die Treulosigkeit an mir und Eichstädt verleumderisch ausübte! Ich ziehe mich jetzt in mein behagliches Haus zusammen und lebe, wie mir gebührt, einsiedlerisch...
Voß.
Hochzettsbräuche. — Schäferspiele.
Von Otto Schröder-Gießen.
Daß alle kulturellen Fortschritte der Neuzeit nicht vermocht haben, alte Sitten und Gebräuche hinwegzufegen, ist eine Freude für jeden, der sich mit der Erforschung der deutschen Volksseele befaßt, der liebevoll in ihre Tiefen zu dringen sucht. Dor allem der deutsche Bauer, so fortschrittlich er auch sonst gesinnt fern mag, hängt zäh am Althergebrachten. Wer Sonntags durch ein Dorf wandert, wird selten die jungen Mädchen und Burschen einen Gassenhauer oder eine abgedroschene Operettenmelodie singen hören, wohl aber unsere lieben alten Volkslieder. Das Dorf ist ja die Heimstätte des Volkslieds; dort hat z. B. Erk zusammen mit seinem gelehrten Bruder die reichste Deute gemacht. Spinnstube, Hochzeitsbräuche, Brautwerbung, alles hat — wenigstens in vielen Gegenden — sich bis in die jüngste Zeit erhalten.
So dürfte es auch die freundlichen Leser nicht langweilen, wenn ich von solchen Bräuchen aus alter Zeit erzähle, wie sie Pfarrer Mhlius in feinem vor mehr als 100 Jahren herausgegebenen Werk „Malerische Fuhreise durch das südliche Frankreich und Oberitalien" beschrieben hat. Er berichtet über Hochzeitsbräuche aus dem Tale von Susa, zunächst aus dem Dorfe Mathie: '
„Ist die Trauungsfeierlichkeit vorüber, so begleiten Eltern und Hochzeitsgäste die jungen Eheleute bis zum Hause des neuen Ehemannes... Ist endlich der hochzeitliche Zug an der Haustüre des neuen Ehemannes angekommen, so bleibt die Braut und ihr Gefolge vor der Türe stehen. Der junge Ehemann geht nun hinein, den Vater zu rufen, der im Hause ist, und sagt zu ihm im Patois des Landes: Pare, pare, sie vos cernten qui vou meno tma nora a meison? (Mein Vater, mein Vater, seid Ihr's zufrieden, daß ich Euch eine Schwiegertochter ins Haus bringe?) Nun kommt der Vater herbei und antwortet: Den, ben bosta quel sie brave! (Ja, ja, wenn sie nur brav ist!) Der Sohn erwidert: B vos la meno con honor et respect. (Ich bringe sie Euch in Ehren und Respekt.) Der Vater ergrsift hierauf die Hand seiner Schwiegertochter und umarmt sie; diese gibt ihm ein Schnupftuch und begleitet ihn ins Haus."
In Gravitzres herrscht ein Brauch, von dem auch in deutschen volkskundlichen Berichten Analogien zu finden sind („Die falsche Braut"):
„Es ist in reichen Dauernfamilien Sitte, daß, wenn der Bräutigam seine Braut abholen will, um sie in die Kirche zur Trauung zu führen, eine Verwandte derselben sich in eine alte, zerlumpte Frau mit einer Kunkel an der Seite verkleidet und Koch- und Schaumlöffel am Gürtel hängen hat. In diesem Aufzuge stellt sie sich neben die Türe des Hauses, worin die Braut und ihre Eltern wohnen. Der Bräutigam tritt zur Alten hin und fragt nach seiner Braut; die Alte antwortet, daß sie es selbst sei. Nicht gar zu höflich erwidert er ihr: B vos vohe Pas, O sie tro Bruttal (Ich mag Euch nicht, Ihr seid mir zu häßlich!) Die 2I[te will nicht weichen und ihn nicht in das Haus lassen, das sie für das ihrige ausgibt. Nun kommt's auf 'beiden Seiten zu . tüchtigem Schimpfen. Hierauf läßt die Alte ein kleines Mädchen aus dem Hause treten und sagt zum Bräutigam: E toi cella? (Ist es diese?) Dieser antwortet: Nou e Pas cella l'e trop jouven. (Das ist sie nicht; sie ist zu jung.) Nun entsteht ein neuer Streit zwischen ihm und der Alten, welche endlich! einen 6 Kochlöffel aus dem Gürtel reiht, ihn mit Reis anfüllt, der neben ihr mit Wasser in einem Topfe kocht, und denselben dem


