Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang 1925 Samstag, den |3. Juni Nummer 47

Aus einer Burg.

Von Josef von Eichendorfs.

Eingeschlafen auf der Lauer oben ist der alte Ritter: drüben gehen Regenschauer, und der Wind rauscht durch das Gitter.

Eingewachsen Bart und Haare und versteinert Brust und Krause, . sitzt er viele hundert Jahve oben in der stillen Klause.

Eine Hochzeit fährt da unten auf dem Rhein im Sonnenscheine. Musikanten spielen munter, und die schöne Braut, die weinet.

Draußen ist es still und friedlich, alle sind ins Tal gezogen, Waldesvögel einsam singen in den leeren Fensterbogen.

Florian Geyer.

Zur 400. Wiederkehr seines Todestages, 9. Juni 1925.

Bon Hans Otto Becker.

Linker den verschiedenartigen Charakteren, die im großen Bauernkrieg des Jahres 1525 auftveten, ist zweifellos die bei weitem sympathischste und zugleich bedeutendste Florian Geyer von Gehersberg, Herr zu Giebelstadt. In der furchtbaren Wirrnis revolutionärer und schwärmerischer Gedanken verfolgt er ein klares, festumrissenes Ziel und in all dem Morden und Rauben der ent­fesselten Massen hält er sein Ideal hoch und heilig, um schließ­lich für feine Lleberzeugung zu sterben.

Die wirtschaftlichen itnö sozialen Gründe, die zum Bauern­krieg führten, sind genügend bekannt: auch religiöse Motive haben eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Da wir heute die Beteiligung eines Ritters an der Bauernbewegung schildern, seien die staats politischen Llrsachen angeführt, die einen Teil des deutschen Adels bei der großen Auseinandersetzung auf die Seite des Bauernstandes trieben und ihm gegen seine eigenen Standesgenossen das Schwert in die Hand drückten.

Das Heilige Römische Reich war schon im 16. Jahrhundert, wenn es auch noch volle dreihundert Jahre weiterleben sollte, altersschwach geworden: der Kaiser war ohnmächtig, abhängig von seinen Wählern, den Kurfürsten. Die Fürsten des Reiches lagen unter sich oder mit den Rittern oder den Städten, und Ditterbünde und Städtebünde wieder unter sich in ewigen Fehden, die die Kraft der Ration aufzehrton und ihre Widerstandskraft nach außen, gegen Franzosen, Polen und Türken, lähmten und das Volk verarmen ließen. Wer vom Adel nicht genug zum Leben hatte, der lag als Stegreifvriter auf der Straße und warf den Städten die reichen Kaufleute nieder.

Die schweren Schäden, unter denen das deutsche Volk litt, erkannte Florian Geyer mit scharfem Blick, und er stellte ein politisches Programm auf, wie ihnen abzuhelfen sei. Sein Ziel war: ein mächtiges deutsches Reich, unter einem starken Kaiser: Beseitigung der weltlichen und geistlichen Fürsten, Loslösung Deutschlands von der römischen Kurie: Llnterdrückung aller Wucherer, der kleinen sowohl wie der großen, der Wilser und Fugger: Befreiung von dem fremden römischen Recht, dein Justinianischen Gesetz. Geyer wollte also, daß der Kaiser, nicht mehr beengt und beschränkt von der Fürstengewalt, über das Reich herrsche; die Fürsten sollten alle, gegen billige Ent­schädigung, abgetan werden. Das deutsche Volk sollte frei werden von geistlicher Herrschaft, frei von römischem Einfluß. Kein päpstlicher Legat und Kardinal sollte mehr im Deutschen Reiche etwas zu sagen haben, nicht länger mehr sollte das Geld der armen Leute für Ablaß nach Rom wandern. Jeder im ganzen Volk sollte frei sein und dem andern gleich, kein Stand sollte über dem andern herrschen oder ihn quälen und drücken. Rur einen Stand sollte es geben: die Freien, wie es vor alters war, als die germanischen Stämme nur aus Gemeinfveien bestanden. Dieses politische, soziale und religiöse Programm Geyers ist von bewundernswerter Größe: es will das soziale Kaisertum, es willDemokratie und Kaisertum". Wäre es gelungen, dieses Ideal zu verwirklichen, einen freien, starken deutschen Einheitsstaat eines Glaubens zu schaffen wie anders wäre der Lauf der deutschen Geschichte gewesen! All das unsägliche Elend der

Glaubens- und Raubkriege und der dynastischen Streitigkeiten wäre uns erspart geblieben. Jedoch das Ideal war zu schön, zu groß, um Wirklichkeit zu werden: die Verhältnisse waren eben stärker. Aber der Geyer zog für sein Ideal in den Kampf, als der Bauernkrieg losbrach, er verließ seine Burg Giebelstadt und trat auf die Seite des aufständischen armen Volkes. Er war nicht der einzige vom Adel, der mit dem gemeinen Wann ging; freiwillig wie er, trat der Graf Georg von Wertheim zu den Bauern, mehr oder weniger gezwungen die Grafen von Hohen» loh, Götz von Berlichingen. Anfang April 1525 stieß Florian Geher zu dem Bauernheeve, das im Kloster Schönthal im Jagst- gründe sich sammelte und sich den Namen desHellen christlichen Haufens Odenwalds und Reckartals" beilegte. Geyer kam nicht allein; er führte den Bauern seineSchwarze Schar" zu, einen Haufen altgedienter Landsknechte und Bauernburschen, die sich für ihren Hauptmann wie die Teufel schlugen und durch ihre Kriegstüchtigkeit und Disziplin ganz wesentlich vor den ungeübten, rohen, zügellosen Bauernhaufen auszeichneten.

Florian Geher nahm am 16. April, am Ostermorgen, teil cm der Eroberung Weinsbergs. Seine wackeren Schwarzen brachen die alte Hohenstaufenfeste, die sagenberühmte Weibertreu. Aber der Geher hatte kein Teil an der bestialischen Ermordung des gefangenen Grafen Helfenstein und seiner Ritter, die Jäcklein Rohrbach durch die Spieße jagen lieh. Gegen den Willen und ohne Wissen Gehers geschah die Tat, und im Zorn und Abscheu verließ der edle Herr den hellen Haufen, dessen Geschick damit besiegelt war, weil er ohne einen kriegsgeübten, tüchtigen Führer war. _

Der Geyer zog nun durch das Mainzer Oberstift nach Würz­burg, wo er sich mit dem fränkischen Heere der Bauern ver­einigte, das die bischöfliche Feste, den Frauenberg, belagerte. Der Frauenberg wurde vom Domprobst Markgraf Friedrich von Brandenburg tapfer verteidigt. Die Bürgerschaft Würzburgs unter ihrem Bürgermeister, dem berühmten Bildhauer Tilmann Riemenschneider, machte mit den Bauern gemeinsame Sache, weil sie wieder eine freie Reichsstadt haben wollte. Auch der Helle Haufe", der sich nach Florian Gehers Wegzug Herrn Götz von Berlichingen zum Führer gewählt hatte, kam von Amor­bach nach Würzburg und brachte das vortreffliche Geschütz des Grafen Georg von Wertheim mit zur Beschießung der bischöflichen Residenz. Die Dauern sandten der Besatzung die 12 Artikel in die Feste; die wollte sie annehmen und in die christliche Brüderschaft eintreten. Der Markgraf verhandelte auch darüber, aber er verstand es geschickt, die Bauern zu entzweien. Er versuchte durch Anbieten von Geld die Odenwälder und Franken zu trennen und als in der Bürgerschaft bekannt wurde, daß die Bauern gegen Geldzahlung abziehen wollten, erhoben die Würzburger heftige Vorwürfe gegen ihre Verbündeten.

Es war eine verlorene Sache, für die der idealgesinnt« Geher das Schwert gezogen. Er verbot den Sturm auf den Frauenberg, weil es ihm noch aussichtslos erschien, aber Götz von Berlichingen, der mit ihm. ohnedies schlecht stand, stritt mit ihm darüber, daß die Feste gebrochen werden solle. Der Geher wandte sich nach Rothenburg, um die Stadt um Lleberlassung ihres Geschützes zu ersuchen. Aber während er dort weilte, unter­nahm das Dauernheer einen Sturm auf den Frauenberg, der mit schweren Verlusten abgeschlagen wurde. Als Geher nach Würzburg zurückkehrte, fand er nur noch die Trümmer seiner tapferen Schwarzen Schar. Lind nun nahte drohend das Ver­hängnis- das Heer des Schwäbischen Bundes rückte zum Ent­satz der bischöflichen Feste heran. Die Dauern gaben im Gefühl ihrer Schwäche nach den verlustreichen ©türmen die Belagerung des Frauenbergs, dessen Lage schon sehr kritisch war, auf, und zogen ab. m

Die Odenwälder und Franken wurden von Georg von Wald­burg Truchseß in den Schlachten von Königshofen und Sulzdorf vernichtet. Florian Geyer nahm an der Schlacht von Sulzdorf teil und zog sich in guter Ordnung mit dem Rest seiner Schwarzen zu dem Schlößchen Ingolstadt zurück. Dort griff ihn am 9. Juni der Truchseß an. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrten sich die Geherschen, sie schlugen den Angriff der Ritter und Knechte des Schwäbischen Bundes zurück. Aber dessen Arkeleh zerschoß die schon ruinösen Mauern des Schlößchens und ein Angriff Georg von Frundsbergs brachte das Ende die ganze ocytoatjyt Schar mit ihrem Hauptmann ward erschlagen. Florcan Geyer fiel für sein Ideal: sein eigner Schwager, Wilhelm von Grum- bach, verriet ihn aber. r

Wohl war Geyer ein Revolutconar. aber ein Wann von idealer Gesinnung, glühender Liebe für sein deutsches Volk und