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sarusvertoeigerung begannt mit derselben Taktik, tote tote sie im Ruhrkampf als „Passiven Widerstand" kennen lernten, und geht bis zur Steuerverweigerung, aber alles ohne Anwendung von Gewalt. Es ist der einfache Gedanke: Menn die llntcrtaner, eine Regierung nicht wollen und streiken, so kann die Regierung, nicht bestehen. — And Swadeshi ist die wirtschaftliche Selbständigkeit und Anabhängigkeit. Ausländische Maren sollen mcht ein» geführt und dafür alles Rvtwendige im eigenen Lande hevgeftelit werden. Im Materiellen wie im Geistigen soll ein Land aus eigener Kraft unabhängig sein Schicksal gestalten, soll auf stch selbst gestellt sein: jede Kultur soll ihren M-g gehen. „Jeder Mensch ist wie ein Bach. Jedes Volk ist tote ein Nutz. Sre> müssen ihrem eigenen Lauf folgen, rein und ohne Trübung . . . co gut wie wir der Zeit zu dienen haben, in der war gebcretv sind, müssen wir, und müssen wir es unter allen Amständen, dem Heimatlande dienen ... Die Befreiung unserer Seele must mit Hilfe unserer eigenen Religion und unserer eigenen Kultur, gesucht werden." „Swadeshi ist eine Botschaft an die Welt.' -- Gandhi hat in Indien das Spinnrad wieder eingeführt; es Ware unrecht, ihn deshalb einen Utopisten mittelalterlicher Phantasten zu nennen. Denn „Hunger ist Beweggrund, der Indien an das Spinnrad treibt." Der Erfolg hat Gandhi recht gegeben: die inneren Einnahmen der englischen Regierung sind um 75 OOO 000 Dollar kleiner geworden, und durch den Boykott der englischen Gewebe hatte England in einem Jahr einen Verlust von 20 000 000 Dollar!
Rach dem Gesagten ist die Bedeutung der Gandhi-Bewegung nicht zu unterschätzen, und selbst ein „Manchester Guardian" kann nicht umhin, das offen und ehrlich auszusprechen. — Ohne ihn strafen zu können, hat England von Gandhi die Kampfansage vernommen: „Wie könnten wir uns zu einem Kompromiß herbeilassen, solange der britische Löwe uns mit feinen blutigen Pranken bedroht? Dieses britische Weltreich, das sich gründet auf organisierte Ausbeutung von körperlich schwächeren Rassen der Erde und auf die ununterbrochene Zurschaustellung brutaler Kraft, kann nicht bestehen bleiben, wenn ein gerechter Gott die Welt regiert ... Es ist höchste Zeit, dein britischer! Volke beizubringen, dah der Kampf, der im Jahre 1920 angetan gen, ein Kampf um den endgültigen Sieg ist, dauere er nun einen Monat oder viele Monate, ein Jahr oder viele Jahre. Ich hoffe und bete, Gott möge Indien die nötige Demut und Kraft verleihen non-violent (ohne Gewalt) zu bleiben bis zum Ende. LlnterWeisung unter die beleidigenden Herausforderungen, die nun bei jeder Gelegenheit he'gekabelt werden, ist heute ganz und gar unmöglich." — Dabei ist nicht zu übersehen, dah England es in Gandhi mit einem klugen und durch jahrzehntelange Arbeit geübten Politiker zu tun hat, bei dem sich Klugheit und Reinheit zu gewaltiger Stärke paaren' Gandhi ist auch nicht der Führer eines aufgehetzten Pöbels. Denn er ist so sehr gegen die Masse wie es sein Vorgänger in der Politik, Tilak, für sie war. „Will Indien zur Gewalt greifen, so sei es wenigstens zur disziplinierten Gewalt, zum Krieg! Alles, nur nicht den Pöbel!" Richt eine gedankenlose Masse führt Gandhi zum Kanrpf gegen England, sondern ein geeintes Volk. Und nicht nur England, sondern das gesamte Europa sollte statt auf kleinliche Zwistigkeiten ein wenig mehr auf die Ereignisse in Asien achten. Die Völker Asiens sind in Bewegung. Das Abenteuer des Barons von Angern-Sternberg, die Entwicklung Ruhlands, Kemal Pascha, Tschangtsvlin, Gandhi und das Erwachen des Islam sind Beweise dafür und vielleicht Vorzeichen für bevorstehende Ereignisse. — —
Wer sich eingehender mit Gandhis Wirken und Erfolg beschäftigen will, der lese Romain Rollands Buch „Mahatma Gandhi" (Rotapfelverlag), dem auch die hier angeführten Zitate von Worten Gandhis entommen sind und welches Romain Rolland gewidmet hat „dem Land der Herrlichkeit und der Knechtschaft, der vergänglichen Reiche und der ewigen Gedanken, dem Volk, das den Zeiten Trotz bietet, deni wiedererstandenen Indien zum Jahrestag der Verurteilung seines Messias 18. März 1922".
Der Kops Polens.
Bon Alfred Döblin.
(Rachdruck verboten.)
Der Kops Polens: Warschau. Die junge Republik — man hört es in der Hauptstadt und Provinz — zentralisiert intensiv, zieht die peripheren Kräfte an. Die Stadt, in der' stch diese Kräfte sammeln, liegt mit etwa einer Million Menschen am linken Ufer der Weichsel. Der Fluh zieht schwärzlichgrau ein breites flaches Wasser unter 6en drei Brücken der Stadt durch, Sandinseln ragen über seine Oberfläche. Die südliche Brücke ist gesprengt. Auf der Allee des 3. Mai setzt dieses herrliche gemauerte Bauwerk an, schiebt sich mit breiter Fahrbahntafek gegen den Strom vor, steigt mit vier massiven Pfeilern ins Wasser und bezwingt es nicht. Die mittleren Pfeiler ohne Bögen, klaffend leer. Die Stadt hat aber im ganzen den Fluh nur berührt. Die Schönheit eines großen flutenden Wassers hat sie nicht in sich ausgenommen, die breiten Äser mit Sand, Gras und Mrschwer? liegen lassen, Jetzt erinnert man sich, regulier, legt
Gärten an. Jenseits des Wassers — der Wisla, Weichsel — rauchen Schlote von Praga, heben sich Kirchturmspitzen; aber das ist nicht mehr Marschau, ist völlig Vorstadt. In die westliche Ebene hat sich die Stadt hineinentwickelt, gegenüber Praga, gegenüber der eisernen Drücke, die von Straßenbahnen, Wagen und Menschen rollt und dröhnt, ist die Keimzelle Warschaus. Don dort, aus der Gegend des Schlosses, des alten Marktes, hat sich die wachsende Menschensiedlung nach Süden gedehnt, die „Krakauer Vorstadt" ausgestreckt, bis zur „Reuen Welt" und dem Lustschloh Lasienka verlängert, ist nach Westen vorgerückt.
Mas sind die Merkmale dieser gröhten Menschensiedlung; Polens, wie zeichne ich ihr Gesicht? Das ist eine alte, vornehme Stadt mit Palais, Patrizierhäusern, langsam und intensiv verfallen; eine sinnlose Russenwirtschaft hat mit Aebermalung, Verbauung die Zerstörung beschleunigt und über ein Jahrhundert die schützende Initiative der Polen unterdrückt, öo ist barbarisch verdorben das alte, delikate Schloh, hat im Innern und Aeu- Hern Tünche annehmen müssen; seine Gemälde und anderes hat man weggeschleppt. Ich sah, wie nun in den Kellerräumen seine riesigen Dibliothekssäle freigelegt werden: ein Stab polnischer Kunstsachverständiger arbeitet hier in dem Schutt und anderswo, fast archäologisch mit Spaten und Hacken. Sie^ arbeiten in eigener Sache. Sie fühlen: so tief hat man die Freiheit und die Natur ihres Volkes vergraben, aber siehe da: der Goliath, der vergewaltigende Zarismus ist tot; es gibt Kräfte — o Seligkeit —, gegen die keine Tünche und Mauerwerk ankann, und die aufstehen, zehnmal verborgen, aufstehen. Der Verfall einer alten vornehmen Welt läht sich vom Schloh über den alten Markt in alle auslaufenden Strahen und in entfernte verfolgen. Da sind schrecklich bröcklige Fronten, zerbrochene Fenster, dunste Flure. Geht man hinein, sieht man die Tür, die einen stutzig macht; ein Balkon ist da mit schönem schmiedeeisernen Gitter, Proletarierlumpen hängen darüber.
Die Stadt hat Reihen von alten, oft verwahrlosten, steinen und mittleren Häusern. Daneben moderns Gebäudereihen, einzeln, in Gruppen, sechs- bis achtstöckig. Manchs Gegenden, um den Rapoleonsplatz, an der Hauptpost, nach der „Reuen Welt" zu erscheinen im Zusammenhang modern. Dann wieder stehen neben berühmten versunkenen, hinfälligen Steingrohmütterchen die einzelnen wuchtigen Jchthyosauren von heute und morgen. Sv das imposante einzige Bauwerk, das der Zarismus hinterlassen hat, ein Gefängnis, ein Eckhaus; gegenüber ein modernes, breit- frontiges Geschäftshaus; beide aber in einer engen Seitenstrahe, und bei ihnen das feine, alte Haus, über dessen Fenstern in Medaillons polnische Könige ihre verblichenen Gesichter zeigen.
Aehnlich die Mischung der Menschen. Die polnische, genauer Warschauer Eleganz und Lebewelt. Eine lebenslustige, ja genuhsüchtige Menschenmasse bewegt sich auf den Strahen, in den Musikrestaurants, den Theatern. Diese Lebensfreude ist viel intensiver, breiter als die deutsche, ist ganz slawisch. Im Augenblick hält die Verarmung unter der Stabilisierringskrise zurück: aber auch jetzt sieht man, was man vor sich hat. Wie sorgfältig sie tafeln. Kommt man von Deutschland in ein gutes Warschauer Restaurant — da find neben vielen anderen das am Kvpernikusdenkmal, die in den großen Hotels, in der neuen „Oasa" —, so wird man ehrfürchtig: eine Mahlzeit wird zelebriert. Liebevoll kocht man, bereitet Saucen, komponiert die Zuspeisen. Schnäpse und Kaffee gehören durchaus dazu. Sehr lang dauert für die höhere Warschauer Welt der Tag. Als ich fragte, wann ich in einem Lokal die Leute beim Tanz antreffen könnte, wurde mir gesagt: um 3 Ahr nachts. And stellte fest, es stimmt. Zwischen 3 und 4 Ahr mittags itzt man, abends von 9 oder 10 Ahr ab. Dann sind die auherlich meist nicht sehr geschmackvollen großen und steinen Restaurants voll schöner Musik; die Dvrtragskunst der polnischen Musiker ist ungewöhnlich groß; ich habe in beliebigen Lokalen oft mein Essen stehen gelassen, um ihnen zuzuhören. In Warschau, überhaupt im alten Kongrehpolen, vertreten die Restaurants die österreichischen und deutschen Kaffeehäuser.
Eine steine Beobachtung: elegant und aufmerksam kleidet sich hier die Frau. Die Herren gehen durchweg lässig herum, sogar die jungen, die im deutschen ©fcbtet schon ihren besonderem Schick entwickelt haben.
Reben den lebengentehenden Menschen und, ihren Heinen Lokalen, ganz dicht neben diesen Läden mit den fabelhaften Bonbon-Märkten mit Bunten, groben Bauern und Arbeitern, die weiche Luchmützen tragen. Obst-, Fleisch-, Trödelmärkte in riesiger Ausdehnung. In der „Reuen Welt" schlendre ich. Geht vor mir ein Bauer mit Schaftstiefeln und langem, rotchn Schal, trägt zwei lebende Hühner im Arm; biegt in einen Torweg aus der sehr lebendigen Grotzstadtgasse ein und — rm Augenblick bin ich auf dem Dorf. Tief hinein zwischen die Häuser zieht sich ein Mar«, voller Bauern in Kopftüchern. Händlern und Händlerinnen, erweitert sich hinken platzartig; zuletzt sind da feste Holzbuden mit Kleidungsstücken, bunte Jacken, Tücher, Felle hängen an Stangen. And das Gewaltigste: die Märkte an der Chlodnastrahe, am Carcarlivlatz und am „Eisernen Tor", dicht hinter dem zentralen „Sächsischen Park". Warenhäuser westlicher Art haben sich in der Stadt nicht entwickeln können. Dieses Gewimmel, besonders Sonnabends nach 2 Ahr, nach der Entlohnung der Arbeiter— von schreienden Händlern;


