Ziele des Mahatma Gandhi ut — den ersten Artikel der Verfassung aus! Aber noch mehr: Ein Jahr später überträgt der Kongreh seine Machtbefugnisse aus Gandhi und erteilt ihm Vollmacht, seinen Nachfolger zu ernennen. Der Mahatma ist jetzt der ungekrönte Herrscher Indiens!
Der weitere Verlaus der Bewegung führt zu Aufständen des Pöbels und blutigem Eingreifen der Regierung. Gandhi verwirft Liefe Anwendung der Gewalt, Loch ohne gelegentliche Anruhen verhindern zu können. Am 9. Februar 1922 hat er bereits das Land zur gewaltlosen Revolution aufgefvrdert und dem Vizekönig ein Altimatum gestellt:. — da kommt es zu einem blutigen Zusammenstoß in Chauri Ehaüra: die englischen Polizisten werden in ihrem Gebäude verbrannt. Gandhi nimmt seine Aufforderung zur gewaltlosen Revolution (Steuerverweigerung usw.) zurück, legt eine öffentliche Deichte ab und will für das Blut büßen, das andere vergossen haben .... In seiner Bewegung kam es zu Spaltungen, durch das Land ging das Gerücht von seiner bevorstehenden Verhaftung.
Seine Gefangennahme schildert uns Romain Rolland in folgenden schonen Worten: „Nachdem alles vorbereitet war, begab sich Gandhi nach dem Ashram von Sabarmati bei Ahmedabad, dem Ort, der ihm vor allem teuer war, um dort inmitten seiner lieben Schüler gefaßt der Ankunft derer entgegenzusehen, die ihn verhaften sollten. Er sehnte sich nach der Gefangenschaft. Am Abend des 10. März, kurz nach den» Gebet, erschienen die Polizisten. Der Ashram war von ihrer Ankunft benachrichtigt worden. Der Mahatma gab sich in ihre Hände."
Mas nun folgte, ist kurz gesagt. Im „Großen Prozeß" hatte der Mahatma keinen Verteidiger, und er selber beantragte, in allen Punkten der Anklage auf schuldig zu erkennen. Gr wollte büßen für die Gewalt, die andere getan hatten gegen seinen Willen. „Es bleibt Ihnen, dem Richter, nur die Wahl, entweder auf Ihr Amt zu verzichten, oder mir die schwerste Strafe aufzuerlegen." Das Urteil lautete auf sechs Jahre Gefängnis. Der Mahatma und Indien nahmen es in Ruhe hin. Das Martyrium des Meisters gab der Bewegung neue Kraft. Leiden, das große Gesetz, nahmen sie auf sich, Verzicht auf Gewalt wurde ihr Evangelium, dessen Kraft mehr und mehr das englische Weltreich erschütterte und erschüttert.
Ein leuchtendes Beispiel der Tat für ihre Ueberzeugung gaben die Malis 1922 im Martyrium von Guru-Ka-Bagh. Auch sie hatten das Gelübde abgelegt, keine Gewalt anzuwenden, und wollten zum Heiligtum von Guru-Ka-Bagh. Die britische Polizei war vor dem Heiligtums aufgestellt, mit eisenbeschlagenen Ruten bewaffnet. Ein Freund Tagores berichtet den Vorgang: „Die Akalis, in schwarzem Turban, der mit einem Zweigleiir weißer Blüten geschmückt ist, gehen auf die Polizisten zu und bleiben ungefähr einen Meter vor ihnen stehen. Schweigend, unbeweglich und betend. Die Polizisten schlagen mit ihren langen Stöcken heftig drein. Die Shiks stürzen nieder, erheben sich wieder, wenn sie noch können, sangen wieder an zu betest, werden wieder geschlagen, auch mit Füßen getreten, bis zur Bewußtlosigkeit. Man vernimmt keinen Schrei, beobachtet keinen herausfordernden Blick. Sie beten schweigend mit einem Ausdruck der Verehrung und des Schmerzes." „Ein neuer Heroismus erwacht am Leiden, hat sich auf dieser Erde erhoben. Ein neuer Kampf des Geistes
Gandhis Behandlung im englischen Gefängnis war schlecht. Es fehlte nicht viel daran, daß er im Gefängnis gestorben wäre. Am 12. Januar 1924 mußte er sich einer Operation unterziehen. Am 4. Februar sah sich die englische Regierung gezwungen, ihn freizulassen. — Bisher hatte Indien religiös nicht geeint werden können: am 18. Januar 1924 betete das ganze Dreibund er k- millionenvolk für die Geiiesung seines Mahatma. Politik und Religion. Hindu und Mohammedaner einten sich in der Verehrung Gandhis und in seinem Evangelium des Verzichtes aus Gewalt (Non-Diolenz) ....
Der Charakter Mahatma Gandhis spricht deutlich aus seinem Lebensgang. — Es soll jetzt die Darstellung seiner Verkündigung folgen, der Inhalt seines Evangeliums. Dabei muß man sich stets die entscheidende Tatsache vergegenwärtigen, daß Politik und Religion bei Gandhi eine feste Einheit bilden, dass sein Evangelium ebensosehr religiös wie politisch ist. Das Eigentliche, ihm Wesentliche ist zwar das Religiöse, das seiner Persönlichkeit die Kraft und seiner Bewegung die Wucht verleih«. Doch stellt er — als Inder! -- dieses Religiöse so sehr ins Bereich der Tatsachen, daß es zur Politik wird, wie auch andererseits alles Praktische und Wirtschaftliche von der Heiligkeit des Religiösen erfüllt und belebt wird. Cst tritt als Politiker« auf, sein Erfolg ist der größte politische Indiens, und das Volk verehrt ihn als Gott. „Wenn ich an der Politik teilzunehmen scheine, geschieht es nur, weil sie uns heute alle umfängt wie Windungen einer Schlange, aus denen wir uns trotz aller Anstrengungen nicht befreien können. Gerade deshalb aber möchch ich gegen die Schlange ankämpfen .... und Habe deshalb bei mir und meinen Freunden versucht, Politik mit Religion zu verbinden."
Unwillkürlich drängt sich einem der Vergleich mit Christus auf. Wie ähnlich die Lage, in der sie beide lebten: Jesus im unterdrückten Judäa unter der Herrschaft des imperium Rv- manum, Gandhi in Indien, das unter der Herrschaft des britischen Weltreiches seufzt. Wie ähnlich der Prozeß! Dort das verständnislose Mitleid des Pilatus, hier das ebenso verständnislose Entgegenkommen des englischen Richters. In Indien, werden die verzweifelten Erhebungsversuche ebenfo blutig niedergeschlagen, wie es die Aufstände der unterdrückter- Juden durch die Römer wurden. Es ließen sich noch mehr Beispiele! für die Aehnlichkeit der äußeren Lage anführen. Wie ähnlich ist aber auch die innere Haltung! „Liebet eure Feinde!" hören wir hier und „Verzichtet auf die Gewalt" dort. Wie Jesus für die verachteten Samariter, so tritt Gandhi für die „Unberührbaren", die verachtete Klasse der Paria ein: „L eber möchte ich in Stücke zerrissen werden, als die unterdrückten Klassen, verstoßen." Wie berührt sich dieser Sah mit der Seligpreisung der Armen! — Gandhi ist ein Freund der Kinder; er adoptierte ein kleines Mädchen aus dieser verstoßenen Klasse. „Alles, was lebt, ist dein Rächster". Diese Worte Gandhis hätten ebensogut von Jesus gesprochen fein können, aus dessen Geish auch die Worte gesprochen sind: „Es ist gegen den Geist des Hinduismus, daß ein Mensch sich selber eine höhere Stellung; anmatze oder anderen eine niedrigere anweise. Mir sind alle geboren, um der Schöpfung Gottes' zu dienen." — Letzten Endes klafft aber zwischen dem Urchristentum und Gandhi der große Gegensatz: Jenes lebte nur fürs Gottesreich und dachte nicht an soziale Hilfe für die unterdrückten Völker oder Klassen, Gandhi aber stellt sich in die Politik und in das Reich der Tatsachen.
Gandhi halt zu feiner Religion und seinem Vaterland so sehr, wie es nur ein frommer Hindu und überzeugter Nationalist tun kann. „Ich bin durch und durch Reformer. Aber mein Eifer geht nie so weit, irgendeine der wesentlichen Lehren des Hinduismus zu verwerfen." Darüber hinaus aber erhebt sich sein Universalismus: „Meine Religion kennt feine Landesgrenzen." „Ich glaube nicht, daß allein die Veden göttlich feien. Ich halte dafür, daß so gut wie die Veden auch die Bibel, der Koran und die Zend Avesta göttlich inspiriert sind. Der Hinduismus ist keine ausschliehende Religion. Er gewährt Raum für biß Verehrung aller Propheten, der Erde.... Er überläßt es jedem, Gott nach feinem eigenen Glauben oder Dharma anzubeten und lebt deshalb in Frieden mit ollen Religionen." „Ich glaube fest daran, daß Indien eine Misston für die Welt übertragen worden ist ... . Wenn der Glaube in mir lebendig ist, wird er selbst meine Liebe zum Vaterland übertreffen."
So erhebt sich Gandhis Evangelium des Verzichtes auf Gewalt zu einer Aufforderung an alle Völker, nicht nur an das indische. — Die englische Tyrannei und der Meltkrieg sind dem Mahatma ein Beweis dafür, wie weit Europa davon noch entfernt ist. „Der letzte Krieg hat deutlicher als sonst die satanische Natur der Zivilisation erwiesen, von der sich Europa heute beherrschen läßt. Jedes Sittengesetz ist von den Siegern! im Namen der Gerechtigkeit gebrochen worden. Keine Lüge war zu schlecht, um angewendet zu werden. Europa ist heute nut' dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an. Die Zivilisation des Abendlandes gilt es zu überwinden." Doch ist er sich seines Sieges gewiß in der lieber!» zeugung, daß mutiger Verzicht auf Gewalt am Ende alle Gewalt überwinden muh.
Wie soll nun der Verzicht auf Gewalt angewandt werden? Ist es ein müdes, feiges Versagen? — Nie und nimmer. Verzicht auf Gewalt muß mehr sein als Gewalt, nicht weniger. Der Feigling nimmt alles hin, der Tapfere setzt gegen Gewalt wieder Gewalt, der wahre und fromme Mensch aber verzichtet auf Gewalt in heroischem Mut, entschlossen zu Leiden und Sieg. Wer sich zu diesem Letzten nicht entschließen kann, der wende lieber Gewalt an, als daß er zum Feigling werde! „Es wär« mir lieber, Indien befreite sich durch Gewalt, als daß es Sklave bliebe, angekettet an die Gewalt der Beherrscher. Wo nur die Wahl bliebe zwischen Feigheit und Gewalt, würde ich zur Gewalt raten. Tausendmal lieber würde ich Gewalt an- wenden, als eine ganze Rasse der Gefahr der Verknechtung aussehen. Ich würde lieber sehen, daß Indien zu den Waffen griffe, um seine Ehre zu verteidigen, als daß es ein seiger und hilfloser Zeuge seiner eigenen Entehrung würde und bbebe. Diese Worte zeigen deutlich, mit welchem Mut, mit welchem Heroismus und mit welcher Aktivität Gandhis Verzicht auf Gewalt verbunden ist. Aus dem Beispiel der Akali spricht derselbe Mut zum Martyrium wie von den Kreuzen der.Christen in den ersten Jahrhunderten. Aber diese Inder opfern sich nichr für ein jenseitiges Gottesreich sondern für Stoaraj ^ome Rule), für ein selbständiges freies Indien. „Mein Reich ist Andien, könnte Gandhi sagen. Das trennt ihn scharf Chnftus. Wer auch et richtet feine Verkündigung an die Weit. Ur ist Nationalist, aber für die Welk. r
Gandhis Satyagrapha-Bewegung verwirklicht feine Ideale hauptsächlich durch zwei Mittel: Gehorsamsverweigerung l^so- bienz) gegen die englischen Gesetze und Swadeshi. —1 Die Deydr


