Ausgabe 
13.1.1925
 
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Eichener Kmilienblötter

Unterhaltungrbeilage zum Sietzener Anzeiger

Jahrgang <925

Dienstag, -en (5. Januar

Nummer <

Winter.

Von Franz Lüdtke.

Schneefahnen Wehn

Leis im vergrauenden Wintertag, Füße gehn

Lautlos weich wie auf Teppichbelag

Weibbeflaggt

Träumt in den Abend Haus an Haus.

Stiller im Takt

Schreitet das Leben die Straben aus.

Mitteln ein. Sfr hat seinen Kampf gegen England aufgenvm« men, aber in einer Art, wie die Welt ihn bisher nicht kannte. Die Inder verweigern die öffentlichen Leistungen, nachdem fie (1906) einander den Eid der passiven Resistenz gdeiftet haben. Die zweite Waffe ist die Nichtanwendung von Gewalt. Gandhi tut, als ob es Engländer nicht gäbe und verweigert -ede Beteiligung am öffentlichen Leben (Ron-Partizipation), andererserts setzt er sich nicht zur Wehr (Ron-Resistenz). son­dern zu Tausenden lassen sich die Gandhisten in SefängnissÄ kerkern, ohne Klage, mit froher Zuversicht! Gandhi kelbst wirtz drermal emgekerkert,- einmal wird er sogar für tot liegen ge­lassen.

twar gegen solche Waffen machtlos, die Asn- Resistei^-Dewegung Gandhis aber wuchs und griff nach Indien uaer Dabel darf man einen Zug in Gandhis Haltung nicht uoersehen, der uns ebenso inkonsequent wie edel anmuten must: So oft Südafrika oder England in Gefahr ist. gibt er die nur und bietet sogar seine Hilfe an: Gegen öw Duren (1899) bildet er eine indische Sanitätstruppe, die sich durch ^avserkett im Feuer auszeichnet. Als in Sobamris- burg die Pest ausbricht (1904). errichtet er ein Spital. 1914 badet er in England eine Sanitätstruppe, 1918 noch befür­wortet .Mrnbhl an England ein Hilfskontingent von 985000 Soldaten. Er glaubte noch an die Einsicht und das Derstandnrs Englands; dieses hatte alles versprochen. Als °<t ber Krieg für England siegreich beendet war, da hielt e8 $ncr:t gibt Gandhi sein Vertrauen zu England

aus., Rl-.t fernem ganzen Glauben und feiner ganzen Kraft ruft SLfe K«mpf gegen England auf, zu einem

Kampf ohne Gewalt. Aoer zu einem Kampf, der als erster das englische Imperium erschüttern sollte.

Am 23. März 1919 begründet Gandhi seine Bewsgmra x Satyagraha-Bewegung (Sathagraha bedeutet Festhalten an der Wahrheit). Sre wird eingelettet durch Einstellen der Arbeit. Fa.ten unk Gebet (Hartal). Ganz Indien ist geeint in der Person des Mahatmai Die Engländer werden nervös. Gandhi wird verhaftet. Da brechen in Amritsar .Unruhen aus. es kommt zu dem denkwürdigen Tag von Iallianwala Baah (ein Platz Amritsars), dem Tag der Taufe für die neue jungindische Bewegung: Als eine friedliche Menge auf dem Platz der- sammelt ist, laßt General Dyer solange mit ORaschinengewebren auf sie schießen, bis alle Munition verbraucht ist. Sechshundert ^oke bedecken den Platz und noch mehr Verwundete, Das Leiden, Indiens grohes Gesetz, hat Begonnen.

®anbM Worte auf diese Rachricht lauten sicher und sieges- gewry:Wir müssen bereit sein, ruhigen Gemütes der Hin- metzelung nicht nur von Tausend, sondern von vielen Tausenden unschuldiger Männer und Frauen entgegenzusehen, ehe Indien rm Rate der Rationen Stimme erlangt und eine Stellung in der Welt, die von keinem andern Volk übertroffen werden kann. Das möge uns eher ermutigen als abfchrecken und uns vahni bringen, im Tod durch den Strang etwas alltägliches zu erblicken. ^>ch glaube fest daran, daß Indien eine Mission für dre Welt übertragen worben ist!" England belohnt dia Bmttater von Amritsar, Indien aber ist eine Einheit geworden: ENN in Amritsar bluteten Hindu und Mohammedaner, Arme und Reiche. Zum erstenmal in der Geschichte schlie^n sich dis 80 000 000 Mohammedaner der nationalen Bewegung an.

Als England seine bisherige Politik fortfetzt, da verkündet Gandhi am 28. Juli 1920 die Ron-Kooperation d. h. Verzicht auf Titel und Ehrenämter, Streik der Rechtsanwälte. Boykott der Schulen, Ron-Partizipation, Eintritt für Swadefhi (Wirt- schaftliche Selbständigkeit). Englische Stoffe werden nicht mehr gekauft, dafür wird in ganz Indien daS Spinnrad wieder ein- geftihrt. Im August 1921 brennen Englands kostbarste Stoffe in Bombay in den Flammen des Scheiterhaufens! Im Vor- jähre hatte Gandhi bereits die Rational-Aniversität in Ahme­dabad eröffnet, die Rivalin von Tagores Santiniketan,

Es ist verständlich, das; Gandhi und Tagore Gegensätze find, aber Gandhi ist mehr als nur bas Gegenteil von Tagore, irtz ihm verkörpert sich Indien, er ist Indien. Gandhi ist für fei« Land soviel mehr als Tagore, wie Dostojewsfl eS für Ruh­la nd mehr ist als Tolstoi.

Wie sehr Gandhis Sathagrap Ha-Bewegung nicht nur 8a# religiöse Bewußtsein des Volkes traf, sondern wie sehr ffr auch den politischen Wünschen des Landes entsprach, zeigte fitf im Dezember 1920: Der Allindische RationalkongrÄ nahm dH

Mahatma Gandhi und sein Evangelium.

Von Walther Heering.

Wer ist Gandhi? Er ist der Mahatma (die große Seele), der wahre Herrscher Indiens: dessen Rame und Geist in den Herzen des Dreihundertmillivnenvolkes lebendig ist, der weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus eine neue religiöse Ethik verkündet, zu deren werbendem Vertreter sich im Abend­land kein Geringerer berufen fühlt, als Romain Rolland. In Mahatma Gandhi ersteht Indiens uralter Geist in neuer reli­giöser Kraft.

Er ist abendländischem Denken sonderbar verwandt, beein­flußt von einem der frühesten und vom letzten späten Propheten der Armut: Bon dem demütigen flmbrer Franziskus von Assisi und vom modernen Russen Tolstoi. Herrscher und Büßer Stärke und Stille, Mut und Milde, Kraft und Verzicht Maren sich m diesem Spätgebvrenen unter den Großen des indischen Geistes zu wundersamer mächtiger Harmonie. Hindu und Mo­hammedaner, Politik und Religion sind keine Gegensätze mehr sondern finden sich unter der gebietenden Güte des Mahatma Zur Einheit eines erwachenden Jung-Jndien zusammen.

Sein Volk verehrt ihn als die Fleischwerdung Gottes. Er aber lehnt diese Verehrung bescheiden und entschieden ab:Ich erhebe mcht Anspruch auf 'übermenschliche Kräfte. Ich will keme. Ich bin vom selben vergänglichen Fleisch wie das schwäch­liche meiner Mitwesen und bin deshalb ebensosehr dem Irrtum unterworfen wie irgendeines." Seine Heimat welche Zeit und Politik nicht kannte, deren Religion in entartetem Aus­klang erstarrt war diese Heimat faßte er zu heiligem poli­tischem Wollen zusammen, und über dem Lande der Ruhe und Gottesbetrachtung mahnte seine Stimme. zu tätig-r Liebe dis dre Herzen von einem Fünftel der Menschen ergriff, die unferen Erdball bewohnen. Diese Stimme weckte sein Volk; es erwachte und das englische Imperium begann zu schwanken. Angesichts seiner Erfolge mutet es um so bescheidener an, wenn er sagt- .,2ch erhebe nur den einen Anspruch, ein bescheidener Diener Indiens und der Menschheit zu fein. Ich vertrete keine neue Wahrheiten. Ich bestrebe mich lediglich, der Wahrheit zu folg-m und sie zu Vertreten, wie ich sie erkenne. And erhebe allerdings den Anspruch, ein Licht zu werfen auf viele alte Wahrheiten.

I.

, Zuerst feien einige Tatsachen aus Gandhis Lebensweg und semem Leidensgang gesagt. Er ist der Mahatma, die große Seele. Indiens: und Leiden ist sein und feiner Heimat großes Gesetz, das er ihr verkündete.

868 in P orbanbar geboren, stammt er aus einem vor- "Ewnen Geschlecht. Großvater und Vater waren Premierminister fei ^Eern zeichneten sich durch besondere Frömmig- tett aus. Wahrend ferner Schulzeit quälten ihn Zweifel so sehr,

Tr IT Atheisten wurde. Rach indischem Brauch

T wit 8 Jahren verlobt zwölfjährig ^nem siebzehnten Lebensjahre be- Ahmedabad, zwei Jahre später die -fefe wo er 1888 eintraf. Rach dreijährigem trfe Snbien zurück und ließ sich in lfeer- Da er feinen Beruf aber empfand, gab er ihn bald auf und widmete ^Agabe, d,e seine innere Stimme von ihm verlangte: fe ^:den für Indiens Freiheit 1893 bis 1914

*£0 m Südafrika, erst seit 1914 in seiner öie Inder zu zu geeintem Widerstand gegen ihre Bedrücker und tritt für sie mit feinen