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Eitel war die Priirzessin nicht, smrst hätte fie Herr« nx>61 kaum in einer Toilette empfangen, die. weil eigentlich unmöglich, höchstens orientalisch genannt werden formte. Oder tarnest ihr die Gelehrten schon sehr onkelhaft vor? Sie trug einen gelb- fei&enen Schlafrock, dessen Schleppe auf den Smyrnaer Teppich fiel, eine fafrangefärbte Binde um die Stirn, zwei Zitronenscheiben an den Schläfen, darüber eine batistene Nachthaube. So streckte sie unbefangen von der Kouchette aus die Hand 3 um Kusse hin und scherzte: „Mache ich auch Ähre Frauen nicht eifersüchtig, wenn ich Sie so empfange?" Immerhin können Sie ihnen verraten, tote man sich jung erhält."
„O bitte", säuselte Feuerbach mit keckem Augenaufschlag, „in Löbichau ist man überhaupt nicht verheiratet."
Sie drohte lächelnd mit dem Finger. Da er gehört, daß matt an Gespräch mit Hochgeborenen immer rückwärts zu gehen habe, so retirierte er seinem Sessel zu, ohne zu bemerken, daß Mar» heineke schon darauf saß und sich schlagrührend über die kokettierenden Rückenbewegungen des Kollegen ärgerte. Flugs schob die Gräfin einen zweiten Sessel hin und der Zwischenfall war verhindert. Man ging zur Hauptfrage über und Wilhelmine, von entzückten Seufzern der Baronin unterbrochen, berichtete den Zeugen, sie sei gewillt, die Verlobung ihrer Pflegetochter rechts» kräftig zu machen. „Sie wünschen also ein juristisches Instrument darüber?" unterbrach sie Feuerbach und sah sich »ach Timte und Feder um.
„ihn Gottes willen, lassen wir die 3affa.*unientel Als ob eS sich um Vivisektion handelte. Nein, mein lieber Präsident, so weit sind w.r nicht. Eben setzte ich der Baronin auseinander, daß wir vom Schachbrett erst Figuren zu entfernen haben, fallen König und Königin sich finden."
„Ehe beide schachmatt werden", ergänzte die Gräfin boshaft.
„Da ist vor allem Jean Paul, der Turm. Am meinem Detter, dem Grafen Modem, haben wir einen sehr unnützen Läufer und meine kleine Dora dürste der Springer fein.“
„ilnö der Dauer, gikst's nicht einen unnützen Bauern auch?" flötete die Steinberg.
„Ich meine doch," stichelte die Gräfin mit einem lauernde« Blick auf Wilhelmine, die aber lebhaft protestierte: „Dinzer doch nicht? Der ist ungefährlich, bitte sich seinetwegen nicht zu alte- rieten. Er macht gern den Hof, nun ja. Aber ernstlich kann er nicht in Frage kommen. Ein Doktor, der seinen Adel verleugnet, ich bitte S'e! Kurz, er bleibt aus dem Spiel."
Ein klein wenig Aufregung glaubte die Chassepot doch per» auszuhören und meinte mit pikanter Naivität: „Der also nicht? 3a, was sollen bann die anderen, was wollen st«?"
„Weiß ich's", klagte Wilhelmine erregt, „sie intrigieren aus Lust an Intrige. Ich bin außer mir. Sie sollen mir helfen, meine Damen und Herren. Zehn Augen sehen genauer als zwei."
„Zwölf", verbesserte die Baronin indigniert, aber liebenswürdig wandte die Prinzessin ein: „Die Augen Baron Ottos zählen doch wohl nicht, er verlor st« eben an meine Nita. Wir müssen für ihn beobachten, fein beobachten, das Größte wie das Kleinste.' Haben Sie nichts bemerkt, meine Herren?" Nach ! einigem bedeutenden Siirngekräusel brachte Feuerbach vor, daß ! Jean Paul gestern dreimal vom Braten genommen, und Mar« ! heineke wußte bestimmt, daß Prinzeß Dora beim Tanz dem Grafen aus den Fuß getreten fei.
„Das ist schon etwas", rief Wilhelmine lachend, „wir können nicht pedantisch genug fein. Wer zum Beispiel wüßte, warum Jean Paul gestern dreimal mit seinem Pudel unsere Mäntel im Vorzimmer untersuchte..." — „Sehr verdächtig", urteilte die Chassepot und fixierte die Prinzessin. „Wichtig wäre es auch zu erfahren,- warum Ponto, der niemandem ein Leid tut, gestern dem Doktor die Zähne wies."
„Er wird ihm einen Knochen vovsnthalten haben", bemerkte die Prinzessin nervös, „jetzt aber darf ich meine Kammerfrau nicht länger warten lassen'! Also, Sie kennen Ihre Pflicht. Baronin, Sie haben mein Wort. Auf Wiedersehen, meine Herren."
In der Bibliothek schärfte die Gräfin trotzdem den am beten noch ein, vor allem Rita nie mit einer der verdächtigen Personen allein zu lassen, auch mit dem Doktor nicht, fügte sie mit einem Blick zur Tür hinzu. Wenn auch die Prinzessin nichts davon wissen wolle, als — Gegengewicht fei er immerhin zu verwerten.
Wilhelmine war mißmutig ans Fenster getreten. Sie hatte die Sitzung gesprengt, weil ihre Bundesgenossen ihr eigentlich unglaublich albern vorgekommen waren. Sie empfand eS bitter, daß sie di« Jugend gegen sich hatte. Warum aber beftanb sie dann auf dieser Verlobung? Sie wollte eben ihr Spielzeug für sich haben. Dinzer war der erste Wann, der nicht sogleich über ihrem Anblick vergaß, daß eS jenseits der Altenburger Hügel noch Sonn« und Sterne gab. Das reizte sie. Rita stand ihr im Wege, sie mußte versorgt, glücklich gemacht werden. Wilhelmine kannte ste als eine durchaus selbständig« Natur. Warum also sollte sie mit dem Baron unglücklich sein? Nur scheel »um Strich das übrige wich sich finden. Und doch warnte Ihre bessere Natur. Was regte sie sonst ft> auf? Richtig, Ponto hatte noch Dinzer geschnappt. DaS war verdächtig.
torttt sinnend auf und liahl sich durch eine Spalte und ip«e!« tn ihrem blonden Haar, als machte er sich luftia über N»
"«h ihrem Belieben vermieten wollte. 3a, wenn er hätte erzählen können!
Wm der Muschelgrotte nämlich kam er h«. Hier W1* Dinzer wieder die Lektüre aufgenommen, neben ihm faß Rita und schaute nachdenklich in des Teiches Wellenringe. Der lauschige ^dckel war tote geschaffen zum Sinnen und Minnen. Iasmdt Md Faulbaum deckten den Rücken, vor ihnen lag der Teich mit [einen Buchten, von Silberweiden und Buchen beschattet. A,.ch die zwei Schwäne darauf störten nicht.
Dinzer war beim dritten Daode des Wtan a»t gelangt, 6et der Liebesszene zwischen Albano und Lian«. Mil etwas verschleierter Stimme las er: „So lang ein Weib liebt, liebt es t* einem fort, der Mann hat dazwischen zu tun. — Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart, ihre Wendungen waren immer wie die Sonnenblume langsam, jede Empfindung lebte lange tn ihrer Brust." ®r schaute über daS Buch hinweg, er war gewohnt, von Fragen unterbrochen zu werden.
.Ein Mann hat dazwischen zu tun“, wiederholte sie iw wundert. „Was denn, Herr Doktor?"
Als besänne er sich zu rechter Zeit, schlug er sich an die Stirn und griff in feine Tasche: „Sie mahnen mich durch 3ean Paul an Jean Paul, Baronesse. Hier die Locke. Er gab sie mir, als ich an feinem Zimmer vorüberging."
»Mfo doch", triumphierte sie und griff hastig danach „Warum aber kam er nicht selbst?"
. Aufrichtig gesagt, er sah mir etwas nach schlechtem Sa- Wissen aus. Soll ich weiter lesen?"
„Einen Augenblick', bat sie mit gesenktem Köpfchen und streichelte di« Locke auf ihrer flachen Hand. „Wer hat nun recht? Haben Sie mir nichts abzubitten, Doktor?"
„Ich wieso?"
Erstaunt betrachtete sie ihn, dann verzog fit etwas spöttisch den Mund. Sr gefiel ihr heute im blauen Wertherfrack und gelber Weste besonders gut. Aber, was ist das? Am erst«, Knopf seines RockeS hängt auch eine Locke wie die Jean PaulS, nur mit rotem, statt mit zartblauem Bande geknüpft.
„Auch Sie", stottert sie. „Woher haben Sie diese Locke?"
„Locke? Ja so, den Haarbüschel meinen Ste? Ich bin ein leidenschaftlicher Verehrer von Rassehunden, älnb da Ponto einen so seidenweichen rötlichen Behang hat. war ich so frei, trotz fernes Sträubens ..."
Heftig erregt greift sie nach des Pudels Locke und hält beide prüfend aneinander. Dann tritt ste aus der Grotte und schleudert beide mit einer Gebärde des Abscheus in den Teich Regungslos bleibt sie stehen, er beobachtet sie gespannt. Nun fliegt es tote Sonnenschein über seine feinen Züge: „Die Arznei ist bitter“, sagt er schonend, ohne dem gertngften Anflug von Spott, „Sie entschuldigen, daß ich so dreist war, Hundehaare von Dichterlocksn zu unterscheide. Es war dieselbe Schattierung, und da ich auch sonst rotes Haar gern habe, so sah ich sie mir etwas mikroskopisch an. Jean Paul brauchte ein etwas starkes Mittel, so beiläufig will ich's dem alten Herrn zu versteh«, geben, zumal er mir es zweimal sagte, die Locke sei von ihm. Aber ehrlich, Fräulein Rita, ehrlich meinten wir es beide mit Ihnen. Urteilen Sie selbst. Waren sanfter« Mittel nicht schon erschöpft?"
Noch immer regt sie sich nicht. Dinzer greift nach dem Buche und liest halblaut: „Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die überraschende Gegenwart, ihr» Wendungen waren wie die der Sonnenblume langsam." Da fliegt eS wie ein Zittern durch ihren Körper, sie wendet sich ihm mit zuckender Bewegung zu, sieht ihn voll und groß an und ergreift feine Hände: „Ich danke Ihnen", ruft ste mit unterdrückter Leidenschaft. „Es ist Ihnen gelungen. Sie hatten recht. Es Ist ein Plitterschied zwischen Dichter und Gedicht. Wenn Sie Nachsicht üben wollen, so setzen wir auch unsere bestimmten Stunden fort. ®3 lernt sich besser von Menschen als von Büchern. Sind Sie mit dieser Erklärung zufrieden T
Er lacht sie glücllich an und läßt ihre Hände noch lange nicht los: „Fräulein Rita“, jubelt er, „Per Mensch ist nie zufrieden mit dem, was er hat. So möchte auch ich diese Händchen gar nicht mehr loSlassen und diesen kleinen Starrkopf immerfort ansehen. Ss ist. um närrisch zu werden. Wer hat uns bisher getrennt? Jean Paul. Wer hat unS zufammengefiihrt? Jean Paul."
„Nicht diesen Namen, Herr Doktor!"
„Dann verbitte ich mir auch bei Doktor", scherzt er übermütig und hält sie fest trotz ihres Sträubens. „Er flog mit den Locken ins Wasser. Ich gebe Ihnen Termin. In acht Tagen ist Erntefest, bis dahin werden Die sich auf meinen Taufnamen besonnen haben und ihn mir direkt unter dem Erntekranz inS Ohr flüstern. WaS ich dann tun werde, weiß ich schon, sag's aber nicht Ihnen, sondern Jean Paul"
Errötend hat st« sich endlich von ihm befreit und eilt fort, alS fliehe ste vor sich selbst. l Fortsetzung folgt)
Schrittleitung: Dr Stiebt. Wich. Lange. — Druck und Derlag Oer Brühi'fchen älniv.Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»


