Unsere Märchenerzähler.
Bon Dr. Fritz Adolf Hünich.
SMe im Kinde der in Ahnungen uitd halbem Dewußsein sich Ddspielende Kindheitszustand der Menschheit eine Wiederholung erfährt, so reichen die Wurzeln des Märchens bis tief hinab zu den »rauen Verzweigungen von Mythos, Aberglauben, Traum Imd Phantasie, aus denen sich die Verwandtschaft der Stoffe so vieler volkstümlicher äleberlieserungen ableitet. An den Märchen der Völler, wie an ihren Liedern und Sagen, haben viele Jahr» hunderte und zahllose Unbekannte gedichtet, ehe und noch nachdem sie niedergeschrieben und veröffentlicht wurden; eine ausgedehnte wissenschaftliche Forschung bemüht sich, ihre Entstehung zu ergründen und den Wegen und Arten ihrer Ausbreitung zu folgen. Ss ist hier nicht die Aufgabe und bedürfte der Ersahrun» gen eines auch in den Tiefen der Völler Asiens und Europas bewanderten Forschers, die mannigfaltigen, nach den Landesgewohnheiten wechselnden Formen der mündlichen Weitergabe des Märchens darzustellen; aber unsere Betrachtung muh wenigstens des Heeres von Erzählern und Erzählerinnen im Morgen- und Abendland, auch wenn ihre Aamen nirgends ausgezeichnet sind, geiientat, weil sie, aus Neigung oder Beruf zu fabulieren, das Märchen lebendig erhielten, bevor es aus seinem Reichtum Motive an die Kunstdichtung abgab oder in kunstvoller Zusammenfassung zu groben Sammlungen selbst Literatur wurde. ‘Sen Märchen der östlichen Fabelländer Indien, Persien, Arabien und Aegypten öffneten die Kreuzzüge den Weg zu breiterem Einsluh nach dem Westen, wo sie Wurzel schlugen oder mit ansässigen zu neuen Bildungen verschmolzen. Während für den Orient, um nur einige Beispiele zu nennen, Sammlungen von Märchen im indischen »Pantschatantra", in Somadevas .Kath» — Sarit — Sagara" und in den arabischen .Erzählungen aus Tausendundeiner Rächt" von den ersten Jahrhunderten n. Ehr. an bis ins vierzehnte in der Handschrift vvr- liegen, ist das erste europäische Märchenbuch, der »Pentamer o n e" von Givvan Battista Bastle, im 17.Jahrhundert entstanden. 1637 veröffentlicht, ist er mit feinen fünfzig ohne gelehrte Absicht unmittelbar dem Dollsmunde abgelauschten neapolitanischen Märchen zugleich auf annähernd zwei Jahrhunderte hinaus das beste und reichhaltigste Quellenwerk der Art. 1697 erschienen die „Contes de ma mere l’oye" von Charles Perrault, acht zum Teil der Amme seines Sohnes nacherzählte, zum Teil erfundene Märchen, aus denen die Fassungen der uns so einheimisch anmutenden Geschichten vom Dornröschen, Rotkäppchen, Blaubart, Däumerling und Gestiefelten Kater stammen. Seit 1704 überschüttete und befruchtete An» toine Gallands Uebertragung der »Tausendundeinen Rächt" ins Französische die gesamte Dichtung des 13. Jahrhunderts mit der orientalischen Pracht und Fülle der Wunder und Seltsam- feiten dieses Werkes. Während Wieland sich von den aus Frankreich nach Deutschland hereinflutenden Contes des F6es zu zierlichen und reizvollen Berserzählumgen anregen Hefe, sammelte der Weimarische Ghmnasialprofessor Johann Karl August MufäuS aus ChronUen, Volksbüchern und mündlicher Ueberkieserung durch alte Frauen, Soldaten und Bauern Märchen- und sagenhafte Stoffe, um durch ihre Wiedererzählung aus der Vorliebe seiner Zeit für »Feeereyen" Ruhen zu ziehen. Schon daraus, daß es ihm nicht um die Märchen selbst, sondern um ihre novellistische Verwertung zu tun war, ersehen wir, dafe er ein Kind des rationalistischen Zeitalters war, in dessen Ohr die Stimme der Ratur infolge fallchen Vorurteils verstellt erklang, so dafe Ehristian Felix Weiße die abgeschmackten Lieder, die er Cie Amme seines Kindes hatte singen hören, durch bessere ersetzen zu müssen glaubte. Wenngleich die »Volksmärchen der Deutschen" (1782 bis 1787) in dem ironischen Tone eines Geistes verfahr sind, der für die Schönheit ihrer ursprüngllchen Gestalt verschlossen blieb, ist Musäus doch, nach Abstrich aller schulmeisterlichen Schnörkel und Seitenbemerkungen, einer unserer großen Märchenerzähler. Die Reaktion gegen die einseitige Herrschaft des Gehirns, die zur Verödung unserer Literatur geführt haben würde, und die Einsetzung des Herzens zur Urtriebkraft der poetischen Produktion schuf mit der unbestimmten Vorstellung von den Begriffen Volk und Natur eine neue Bewertung alles dessen, was daraus hervorzugehen schien. Was 1778 bis 1779 in diesem Geiste Herder und 1806 bis 1808 Arnim und Brentano für das Volkslied taten, erfüllten an dem hier behandelten Stoffe 1812 bis 1814 die Brüder Grimm mit ihren »Kinder» und Hausmärchen". Richt Ludwig Tiecks launische, oft bizarre, gewollt sprunghaft phantastische Märchen, auch nicht die des B'al improvisierenden und darum nicht selten die Einheitlichkeit
•x Erfindungen zerstörenden Clemens Brentano, so llch ste sonst sein mögen, sind der bleibende Ertrag aus der Liebe der Romantik für das Märchen: dieser Ruhm sollte den schlichten, nie sich weit von der Ueberlieserung entfernenden Erzählungen jener beiden edelen Deutschen Vorbehalten fein. Um die Größe ihres Vermächtnisses zu ermessen, mufe man sich ver- aegenwärtigen, dafe ohne diese Tat eines der köstlichsten Güter oeS Dolles vielleicht für immer zu einem nur von gelehrten Kreisen gewürdigten Dasein verurteilt gewesen wäre. Auch die rein schriftstellerische Leistung dieser Racherzählungen, worin besonders Wilhelm (Stimm, der seit dem zweiten Bande die Herausgabe der Sammlung leitete, Meister war, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Richt vergessen wollen wir jene Fran Viehmännin, eine Bäuerin aus dem Dorfe Rieder»
zwehre» bei Kassel, deren die Brüder Grimm in der Vorrede dankbar gedenken, weil sie ihnen die meisten und schönsten Märchen des zweiten Bandes erzählt hat.
Ungeheuer ist die Nachfolge, die das Werk der Brüder Grimm gefunden hat. Wenn wir daraus einzig Ludwig Dech» stein und sein »Deutsches Märchenbuch" herausgreifen, so geschieht daS deshalb, weil es. nicht zuletzt wegen der liebenswü» digen Bilder, mit denen Ludwig Richtet es wie das seines Dor- aängetS Musäus geschmückt hat, noch heute eine unbestrittene Volkstümlichkeit genießt.
Erst im 19. Jahrhundert entfaltet sich in Deutschland das Kunstmärchen zu voller Blüte. In einem gewissen Zusammenhang mit der Romantik, aber hauptsächlich aus orientalischen Motiven gespeist sind die Märchen von Wilhelm Hauff, von denen man mit Recht gesagt hat, ste zählten zum Reizendsten, was in dieser Gattung jemals geleistet worden ist. Wenn wir unter Uebergehung anderer deutscher Namen in diesem Nahmen den Dänen HanS Christian Andersen nennen, so sind wir dazu berechtigt, nicht nur weil er schon bei Lebzeiten gleichsam Bürgerrecht in Deutschland genoß, sondern auch weil den Weltruhm seiner Märchen (Eventyr, fortalte for Born) und seines »DillekPog «den Dilleder" kein neuerer deutscher Märchendichter zu übertreffen vermocht hat. »Gebt mir Märchen und Ritter» geschichten", sagte Schiller drei Tage vor seinem Tode, »da liegt doch der Stoff zu allem Schönen und ©roßen". Darum wollen wir den Leser mit der Beherzigung entlassen, den Geist sich zu erhalten, der sich zuweilen über die Schwere der Gegenwart zu erheben vermag, um dem Ruf der Phantasie in das Wunderland ihrer Träume und Märchen zu folgen.
Pansch.
Ein« Geschichte aus der Biedermeierzeit.
Von Carl Worms.
(Fortsetzung.)
Die bedenNiche Wetterecke schien auch die übrige Gesellschaft zur Elle gespornt zu haben, nur Rita hatte sich unter dem Bor« wände einer Toiletteasrage nicht angeschlossen. Jetzt trat sie allein ben Rückweg an, ganz allein, mit tief verwundetem Herzen. Was Jean Paul aus zarter Rücksicht getan, sie nahm es für eine Kränkung und immer mehr löste sich da etwas in ihr, das sie bisher für unzerreißbar gehalten. Sie hatte das Bedürfnis, sich an jemand zu halten, als hätte sie nicht die Kraft, weiter zu gehen. Aber an wen? Die Pflegemutter war so sonderbar gewesen. Dora hätte sie wohl kaum verstanden, Binzer... 3 a, der war freundlich zu ihr. Sie war ihm dankbar für die genußreichen Morgenstunden. Er hatte ihr eben noch in der Laube gebeichtet, daß auch er recht einsam dastehe, dafe Wissen, Bücher und Gesang eine gewisse Leere nicht ausfüllen könnten. Aber dann hatte er ste etwas gefragt, etwas sehr Beleidigendes, wie ste meinte, und sie hatte ihm den Rücken gekehrt.
Da rauschte es im Haselbusch Bescheiden trat Binzer heraus und bat, sie begleiten zu dürfen. Sie nickte stumm. Es freute sie doch daß er nicht mit den andern gegangen war.
»Sie haben mir noch nicht geantwortet", begann er leise.
»Worauf I" Der schroffe Ton schüchterte ihn nicht ein, sondern ruhig sprach et weiter: »Auf meine Frage."
Schmerzlich fast mitleidig sah sie ihn an und rief mit unterdrücktem Zorn: »Fragen Sie auch jetzt noch?"
»Jetzt dringender als vorhin."
»Jetzt, nachdem Sie Zeuge meiner Schande waren? Ich danke Ihnen für den edlen Freimut, womtt Sie sich erklärten. Aber Offeicheit gegen Offenheit. Was wollen Sie noch von einem Herzen, das Ihnen wie ein ausgebrannter Krater erscheinen mufe?" Nein, er sollte ihre leidenschaftlichen Tränen nicht sehen. Sie bückte sich zu den Vergißmeinnicht am Grabenrande. Er war stehen geblieben, schaute lächelnd auf sie herab und sagte leise und innig: »Mädchen, Mädchen, ahnst du denn gar nicht, wie reich du bist. Wie du Perlen edelster Weiblichkeit fortwirfst, als toären es Kieselsteine? Sie sehen mich erstaunt an, Fräulein Rita. Ja, von mit dürfen Sie solche vulkanische Gefühlseruptionen nicht erwarten. Ich reite nun einmal nicht mehr auf Wolkenrossen. Hier müssen Sie schon mit der zweiten Jugend vorlieb nehmen, ein Schelm gibt nicht, als er hat. Wie alt waren Sie, als Sie diesen Jean Paul zum erstenmal in die Finger bekamen?"
»Zwölf Jahre. Aber warum fragen Sie?'
»Also einer zwölfjährigen Laune wollen Sie Ihre Jugend opfern? MU dem Kampanertal fing'S an, nicht? Dann folgte HesPeruS, Titan und so weiter? Man sollte diesen Herrn Jean Paul eigentlich gerichtlich belangen. Es ist nicht zu sagen, wieviel Frühlinge er verwüstet. Mißverstehen Sie mich nicht. Das gilt nur von diesem unsichtbaren Jean Paul, sozusagen dem Jean Paul in der Luft, bet wie der wilde Jäger durch allerliebste Mädchenköpfe braust. Der echte, rechte Jean Paul ist unschuldig daran. Einen redlicheren Wann hat die Sonne nie beschienen» wenn er auch etwas unvorsichtig mit Kuß und Locke umzugehen pflegt."
Sie sah ihn zweifelnd, fast furchtsam an: »Herr Doktor, das ist nicht edel. Sie spotten meiner.“
»Um akleS in der Welt nicht. Ich achte sogar siebzehnjährige Träumereien, solange sie noch mitten m der Poesie stecken." ,


