Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (925 Samstag, den (2. Dezember - Nummer 99
Die weihe Ruh'.
Don Anna Fabrr-Dierhake.
Schn«« liegt — und Nacht — und Weitz« Ruh1 Deckt meines Sommers Herrlichkeit In meinen: Gart« -u.
Die Blumen, die einst b-mrt und rot — So anmutreich und sütz von Duft — Sind kalt und starr und tot.
Gesträuch und Baum trägt schwere Last, And Wirch Mehlt leit mit jebem Hcmch Ein Stäubchen troa dem Glast.
Für heimlich Plätschern tauschte eist Der Brunnen... kalt« Schweigsamst. Still steht er, friert... und lauscht. Da fällt vom Haus ein Lichtstrahl leis And trägt von fei'gern Klang ein Lied Aufs Herz von Schnee und Eis...
Ein Schluchzen bebet weich und breit: Es hat bei diesem Laut
Das ganze Frühlingsparadies die Weiße Ruh' geschaut.
Aus dsr seltsamen Geschichte der Christrose.
Don Dr. Robert Zander.
(Rachdruck verboten.)
Lichtüberfluteter Weihnachtsbaum, Rosen aus der Riviera. Zweige von Eucalyptus und den als Mimosa verkauften südländischen Akazien, künstlich herangequälter Flieder und anderes mehr — deutsche Weihnacht I
Draußen aber in Gärten und Parks blüht einsam im Schnee, von wenigen nur gefarmt, die deutsche Weihnachtsblume! Zuweilen sieht man sie in den Blumsnhandlungen und auf dem Weihnachtsmarkt ausstehen, aber unfere Poesie reicht noch nicht so weit, sie als schönste Begleiterin des Weihnachtsbaumes zu feiern. And ist doch solange schon als Christblume beton rat, „t-arumb, daß sein Blum, die ganz gryen ist, uff den Christnacht sich usfthubt vnd Mit et, welches ich auch selb ivargenommen vnd gesehen, mag für ein gespot haben wer da will".
Ist es schon etwas Seltenes und Wunderbares, daß sich mitten im Schnee ein Blümlein auftut, so werden wir des 6tounenS- kein Ende finden, wenn wir einmal aus der seltsamen Geschichte der Christrose hören. Zwar hat die Blume mit der Rose genau so wenig gemeinsam wie die Tuberose, jene Lilie, unter deren Namen jeder zuerst geneigt ist, sich eine Rosenart vorzustellen. Aber sie hat immerhin entfernt etwas Aehnlichkeit mit der Rose des Volksliedes, der Heckenrose, und darum mag dieser neue Name bestehen bleiben und möge ihr zu Ansehen und und §u einem schönen Sinnbild verhelfen.
Der älteste Name, unter dem dies bescheidene Blümlein be« tonnt ist in den Schriften der Alten, ist „Melampurspurz". Metompus gilt als der älteste Seher, der Heillunst trieb. Don ihm erzählte die Ueberliefenmg, wie sie uns z. D. Deck in seinem „Gart der Giesuntheit" vom Jahre 1521 gibt: „Es ist em maran gewesten der hieß Melamprrs / der het döchter/di« waren nit shnnig / also daß sie behaft waren mit der kramkheit MARJA / das ist die tobed sucht / die machet er mit dieser wurtzel gefurat“ — Die Wirkung der Wurzel besticht nämlich im Verdrängen (— ellein *) der Nahrung (—bora) und die Pflanze wurde nun als purgierertdes Mittel unter dem Namen Glleborus oder Helle- borus zum Aniversalmittel gegen fast sämtliche inneren Krankheiten, besonders auch gegen Geistesstörungen und Fallsucht, sowie aller übrigen Leiden, für dis die bösen Geister ebenfalls ihrer» Sih in den Gingeweiden hatten, gebraucht. Horaz empfiehlt sie sogar gegen Geiz in seinen Satiren II 3.82.
Bekanntlich ist uns das Wissen der Alten durch di« Araber überliefert worden. Die umfassendste Zusammenstellung über naturkundliche Darstellungen finden wir bei Avicerrna (979 bis 1037). Aus seinem Werk haben die alten Kräuterbuchschreiber des Mittelalters die unglaublichsten Berich« geschöpft und der Nachwelt überliefert. So heißt es bei Fischart, jenem größten deutschen Satiriker, der um das Jahr 1350 geboren wurde, und den wir von der Schule her durch sein „Glückhasst Schiff von Zürich
Die Ableitung aus griechischen Wörtern wird verschied« gegeben.
I kennen, „Helleborische Niestwurtz reinigt alle verruckung, ver- schnupfung, alteration und verkehrt disposition". Da begegnet uns der Name Nieswurz,, der bis auf den heutigen Tag als I grundlegender Name für Helleborusarten in den Lehrbüchern bei behalten ist. Er gründet sich auf die niesenerregende Eigenschaft der Wurzel, die vermutlich durch jene Angewohnheit entdeckt wurde, die auch heute noch di« Chemiker und Kräuterkundigen kennzeichnet, daß di« erste Prüfung eines Medikamentes mit der Nase vorgenommen wird. Solche Erkenntnis verschaffte der Wurzel auch den Gebrauch als Schnupfpulver, das — wie wir noch 200 Jahr« später bei Dalentinus (1719) lesen - von Hslmoat allein aus dieser Wurzel, vermischt mit Jucker hergestellt wird. Der hauptsächlichste Gebrauch als „bestes Purgantz" aber greift fast schlimmer um sich als das berüchtigte Aderlässen und nicht feiten mit weit traurigerem Erfolg, denn .hier war die Arznei, die Patienten starben". Nicht genug dam t, nach dem Rezept der Alten die melancholischen Säfte aus dem Körper zu treiben, Fallsucht und viertägiges Fieber zu heilen, man gab die Wurzel in Wein oder Linsenbrei, als Pulver, Balsam, Pflaster ufto. gegen Ohrensausen, Grimmen, Podagra, Wassersucht, Schwindel Krampf, Grind, 'Räude, Flechte, Fisteln, Faulfleisch gegen Schlaganfall, wie gegen innere Vergiftungen, man empfahl si« zum Austreiben böser Geister, zur Verlängerung des Lebens; Frauen bringe fie „ihre Blum und Zeit" und eigne sich zum Töten von Läusen, wie zum Wolf- und FuchSfang. — Welche Nervenkraft bei Anwendung dieses drastischen Mittels vorausgesetzt wurde, mögen die Worte von Camerarius (1603) zeigen, der in seinem »Äreuterbuch" schreibt: „Die kriegßleut brauchen auch Christwurtz zu der Pesttlentzischeu Drüsen mit großem heyl / wer es leiden tonn / bann wo die drüse ist / ein spannen darvon / ziehen vn zerren ft« die Haut mit einer Zangen aufs / stoßen ein glühend Pfrimen dardurch/darnach nemen sie christwurtz/mit frischer butter bestrichen / stoßen in das Loch an Statt deß Pfrimen / soll das Gift gewaltig anßzichen. Ist die Drüse unter der Achseln / thut man gemeldete Wirckung an dem Arm. Scheust sie aber in der Schoß auss / macht man das Loch oben am dicken Schenkel."
Gs ist nicht ganz einfach sich heule durch al! die alten Berichte hinduvchzufinden, denn den aufgeführten Heilweisen entsprechend begegne» wir in den verschiedenen Gegenden den verschiedensten Bezeichnungen und Schreibweisen. Dazu gesellt sich als weitere Schwierigkeit die häufige Verwechselung mit anderen Pflanzen und die gewollte Fälschung, test» in der Heimat des Kräutersammlers nicht genügend Material wächst Den Namen Nieswurz lesen wir in zirka 15 verschiedenen Schreibweisen entstellt bis nifeurt, nysekrnd usw. Wo das Sonnenwendfest dem Christfest noch nicht gewichen ist, lesen wir den Namen Wende» Wurz, nach der Blütezeit. Der starken Wirkung der Medikament« entbrechen Namen wie Starkwurz, Feuerwurz, Frauenwurz. — Nach den Standorten finden wir Bezeichnungen wie Hainwurz, Steirische Nieswurz, Böhmische Ehristwurz usw. Aus Verwechselungen mit verwandten Arten gehen die Namen hervor: Laus» kraut. Wollskroaut, Bärenllau, Därenfuß, Grönländische Küchenschellen Wurz, Himmellvurz, Hammerwurz. Hnnsche, Hiinerwurz, Hundskraut, Lebwurz, Sterwurz, Suturwurz, Suturbmrde (futür — schwarz), daraus das in englischen Zeitungen v-el genamrt® Wort Setterwort.
Diese Auswahl aus der Füll« der Namen, sowie die Bev- wechsclungen der Arten unter sich intb mit der Stumpf Wurz, der Trollblume, den; Adonisröschen und dem Christophskraut mögen zeigen, welch steinige Pfade zur Erkenntnis führen und möchten gerade in der heutigen Zeit mahnen an die Hochschätzung deutscher Geistesarbeit, die es häufig allein fertig brachte, solch mühsame Wege zu gehen, um langsam die tief Angewurzelten abergläubischen Dorstellungen zu zerstören.
Die kritische Sichtung, die erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt«, brachte uns unter anderem die Einführung der Christrose afö Gartenpflanze (durch Ebermaier 1794) und führte zur Erckermtnis, daß andere Purgiermittel weniger gefährlich und sicherer in der Wirkung sind.
Zum Schluß sei noch einer ost verbreiteten Ansicht gedacht über die Entstehung des Weihnachtsliedes „SS ist ein Ros' entsprungen". aus Grund dieses zur „halben Nacht" blühenden „Röslein". Dies dürste nach Julius Sahr (Das deutsche Volkslied, Göschen, Bd. 132 S. 58) nicht au treffen, den« er legt dem Lied den Tert JesaiaS 11,1 in der Äebersetzung von Walasser 1568 zugrunde.


