292

herumlegen, haben anderen Charakter als &te norwegischem, sind Ürmer an Gigantischem, aber grandios gerade in ihrer herben, unberührten Dürftigkeit. Auf den größeren Inseln wohnt hier und da eine Fischerfamilie. Ein Stück bebautes und grünendes Land erfreut das Auge zwischen den kahlen und nackten Fels­wänden. Das Weidevieh lebt monatelang ost auf einer benach­barten kleinen Insel, zu der die Frauen bei Wind und Wetter zum Melken hinüberrudern müssen, und wird erst im spaten Herbst wieder eingehott. Die Häuser sind wie überall aus Holz und meist in einem außerordentlich freundlichen und belebenden Braunrot gehalten, das man im ganzen Land fast an ledem dieses so vereinzelt stehenden hüttenartigen Häuser wiederfrndet, bas man aber nie überdrüssig wird, weil es wie aus dem Land- schaftscharakter heraus geboren ist, und das übereinstimmt mit der Eisenvxydfarbe, mit der die an vielen Plätzen liegenden stark eisenhaltigen Steinblöcke überzogen sind. Die meisten Inseln sind kleiner, bewaldet, unbewohnt. Aus jeder Felsspalte heraus wachsen Kiefern und Birken. Oft ragen nur gewölbte, abgeschlif­fene Granitkuppen aus dem Wasser, wie riesenhafte liegende versteinerte Llrwaldtiere. Beim Hindurchfahren mit einem den kleinen fimrischen Dampfer durch die SHSrenlandschaft ist es oft, als ob man durch große Festlandseen mit tiefen Duchten fahrt, so dicht und nah liegen die vielen Inseln manchmal beieinander, und nur selten hat man einen Ausblick nach dem freien Meere zu. Eine ganz unendliche Abgeschiedenheit, Buhe und Klarheit liegt Mischen diesen meist wild zerklüfteten Wald- und FMeninseln, und die Wasser spiegeln in seligem Blau die ganze Fülle und Weite des Himmels wieder. Es gibt dem kaum etwas Der- gleickbares an stiller Harmonie und Erhabenhest. 3e mehr man sich Helsingfors nähert, desto beseelter werden di« Inseln. Jänner öfter legt man an, einmal links, einmal rechts, wo jemand zu- vder absteigen will. (Jede auch nur leidlich situierte Familie in Finnland besitzt ihr Landhaus auf einer einsamen Schären- ins«! oder an einem versteckten Inlands««, um dort, meist in den bescheidensten Verhältnissen lebend, froh und ungebunden die ganzen schul- und universitätsfreien drei Sommermonate zu verbringen.) Lauter freundliche, gebräunt« Gesichter, Helle Klei­der. dort ein fröhliches Winken, hier ein paar Badende, doch bleibt der Charakter weltenferner Einsamkeit ungestört davon bestehen. Etwas anderes aber ist es, einige Zeit wirklich zu leben auf einer dieser Inseln, als nur so vom Dampfer herunter genießend, an allem vorbeizuflirten. Es braucht viel Kraft, den Menschen zu behaupten gegen die erdrückende Wucht dieser bleiernen Monotonie, die man erst ganz empfindet, wenn man mal an einem Punkte festsitzt, von dem es für Wochen kein Bor und Zurück mehr gibt. Das Helle Grau der Dachte und der morgendlichen Bebel, das aus sich dann das Blau d^ Himmels und der Wasserflächen und das Dunkelgrün der Walder gebiert, zieht den Menschen unwiderstehlich in den Dann seiner erhabenen Dürftigkeit. .Und es dauert lange, bis man die Sprache dieses menschenleeren und gottnahen Landschaftsgebildes so versteht, daß man sich willig in die hier waltende Gesetzlichkeit einzufugen, und daß man die Farben und den Gang des Lichtes im Innern mitschwingen zu lassen vermag. Lieber einem Kreischen der Möven, wie Bob in?ort ist der Mensch allein mit DLind mid Wasser und mst dieser unaussprechlichen Wildheit. Dur in der Ferne sieht man hier und da einen weißen Dampfer ruhig und friedlich seine Straße ziehen. Diel« Blumen gibts, in jeder Felsspalte, denn die Vegetation ist in diese wenigen warmen Monate zusammengedrängt. Lind wenn die abendlichen Schatten der Nachthelligkeit weichen, dann stehen die benach­barten Waldinseln dunkel und massiv, wie Stationen auf einem Prozess ionswege in die hellspiegelnden bewegungslosen Wasser vorragend, jede für sich ein heiliger Hain. Lieber den Daum­wipfeln liegt dann für Stunden jenes matte und glutgesättigte rotgelbe Licht der nordischen Nächte, Segen und Ruhe aus- gießend auf die lauten Werke des Tages, und in feierlicher Andachtsstille verharrt alle Kreatur. Ganz spät erst gehen lang­sam die Sterne auf.

Sie große Sportbegeisterung.

Jeder Sportinteressierte kennt sicher Nurmi, den großen finnischen Läufer, der mit Lorbeeren überhäuft aus Frankreich und Amerika in feine finnische Heimat zurückkehren konnte. Sehr offen hört man allenthalben davon sprechen, daß durch Nurmis Leistungen das Interesse der Welt für Finnland ge­weckt worden ist und daß das Zustandekommen einer größeren finnischen Dollaranleihe in Amerika nicht zuletzt ihm zu ver­danken ist. In dem Leitartikel einer größeren Zeitung schreibt ein finnischer Finanzmann, sich in die Psyche der Welt ver­setzend:Was ist mit Finnland? Was kann Finnland leisten? Finnland hat gezeigt, daß es laufen kann." Man plant, Nurmi ein Denkmal zu errichten, dem finsteren Manne, dem kein amerikanischer Reporter auch nur ein Wort abzupressen verstand, man hat ihn zumRitter der weihen Rose" gemacht, und der Präsident der finnischen Republik hat ihn und seine Mutter zu Tisch geladen. Ein Llebermaß von Zeit und Interesse widmet das junge Finnland der körperlichen Ausbildung und dem sportlichen Training. Allenthalben begegnet man diesen Menschen, die wie eine Lokomotive schnaufend und dampfend, mit Heraushängender Zunge die Gegend durchrasen. Aber ist

Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag

eS ein Wunder, daß der Sport fo hoch im Kurse steht, wenn sich Dollarmillionen-Anleihen damit verdienen lassen?

Am Jmatra-Wasserfall.

Im Südosten des Landes, wo die höher gelegenen Wasser großer, bis weit nach dem Norden zusammenhängender Seen nach dem Meere hin abfliehen, bietet sich dem Besucher ein gewaltiges Naturschauspiel. Es ist kein senkrechtes Fallen des Wassers, sondern ein wildes Hindurchbrausen durch ein schmales, mehrere hundert Meter langes, stark abfallendes Felsenbett, ein Dahinrafen riesiger Wassermassen über tiefe Schlünde, auf deren Grund« Höllenfeuer zu sein scheinen, welche die sich darüber Hinwälzenden, olivfarbenen, fchaumdurchfetzten Sturzwasser zu wilden Gischtkämmen und -flammen dauernd emporbrodeln lassen. Kein Bild vermag die ungeheuer dynamische Bewegtheit fest­zuhalten, wo kein Bruchteil einer Sekunde dem folgenden gleicht. Das hellere Rauschen der in triumphierendem Schneeweiß hoch sich in die Lust schleudernden und zum Teil zerstäubenden, un­bändig aufschäumenden Gischtmassen wird begleitet von einem tiefdunkeln, drohendunh eilvollen Grollen, wie wenn kantig« Stein- kolosse über einen hohlen Grund hinrollten. Schön ist es, auf der hoch über die aufgeregte Tiefe hinwogführenden Drücke zu stehen: An den Seiten zwischen FelSeinschnitten bergen sich ängst­lich irrend und verstört kleine Wasser, sammeln sich, werfen sich mit ohnmächtiger Wut gegen die mit heimtückisch dunklen Augen gierig hinrasende Mitte, um wieder unbarmherzig in die leiden­schaftlich weiterstürmende Bewegung hineingerissen zu werden. Eine fast unwiderstehlich suggestiv saugende Kraft übt dies gigantische Schauspiel auf den Menschen aus und tatsächllch erliegen auch jedes Jahr viele dieser lockenden Gefahr und stürzen sich von der Drücke aus hinunter. (Allen Menschen aber mit Selbstmordabsichten sei verkündet, daß di« Bedingungen zur Tat meistens fehlt es ja nur an den heroischen Llmständen fo günstig hier liegen, wie nur möglich, doch sollen sie sich beeilen, denn man gräbt den Wassern schon ein künstliches Bett zur Gewinnung elektrischer . Kraft, und beabsichtigt, den Wasserfall nur noch Sonntags für die Touristenin Betrieb zu setzen".) Diele Stunden, bis in die Nächte, kann man sitzen an den Llfern und wird nicht müde, hineinzuschauen in das brausende, schäu­mende, sich auftürmende und wieder dahinjagende Element des wilden Wassers. Der Mensch wird so klein hier und er kann nur in ehrfürchtiger Beklommenheit fid) neigen vor der Majestät der Naturgewalt.Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst."

Menschen und Verhältnisse.

Die Finnen sind ein mongolischer Dolksstamm. Ganz aus­geprägt mongolische Gesichtszüge aber mit schiefstehenden Augen findet man fast nur noch auf dem Lande; in den Städten, vor allem an der Küste, hat der schwedische Einschlag stark ver­wischend gewirkt. Finnland-Schweden und Finnen, deren Sprachen volle Gleich!berechtigung haben, liegen in einem sich stets zuspitzenden Kampfe miteinander. Der Jntelligenzschicht gehörten bis vor noch ganz wenigen Jahrzehnten so gut wie ausschließlich nur schwedisch sprechende Finnländer an. Heute ist das Bild schon wesentlich anders und wird sich in wenigen Jahren zu Gunsten der Finnen noch sehr viel weiter verschieben. Auch die schwedische Spräche wird immer stärker zurückgedrängt durch das in den letzten Jahren seit der Defteiung von dein russischen Joche mit aller Kraft erwachte und gelegentlich stark übersteigerte Selbstbewußtsein des finnischen Volkes. Dies« Zurückdrängung der schwedischen Sprache mit dem Ziele der Auf­hebung ihrer staatlichen Gleichberechtigung ist sicher vom finni­schen Nationalitätsgesichtspunkt aus begrüßenswert, läßt aber andererseits manche Schwierigkeit der kulturellen Situation offen­bar werden. Denn während die schwedische Sprache bislang fo» Magen eine Drücke bildete zu den europäischen Geistesgütern hin, so wird jetzt eine gewisse kulturelle Isolierung mehr und mehr fühlbar werden, da die finnische Sprache ohne jegliche Anleh­nung an germanische oder romanische Sprachstämme ist und nur gelernt werden kann von Menschen, für Bi« es absolut unumgänglich ist, noch dazu, da sie nur von noch nicht 3y2. Mil­lionen Menschen gesprochen wird. Nicht bleibt deshalb das fin­nische Volk von Kinos, Büchern auf Courths-Mahler-Niveau und ähnlichen neuzeitlichen Errungenschaften verschont, aber viele Bücher von hohem Kulturwert z. B. werden dem gewöhnlichen finnischen Leser einfach deshalb nicht zugänglich sein, weil es ost nicht lohnt, sie in finnischer Liebersetzung zu drucken des zu Keinen Marktes wegen. Dabei ist die eigene geistige Produktivi­tät naturgemäß noch sehr gering. Wir haben es mit einem durch­aus jungen Volke zu tun, unverbraucht und vorwärtsdrängend, wo das Schwergewicht nicht auf dem Gewordenen, sondern aus dem Werdenden liegt. Lind daS macht es gerade so wertvoll, eimnal zu leben unter diesen Menschen mst ihren durchweg wohl­gebauten, stolz aufgerichteten Körpern und mit ihren Hellen klaren Augen. Gänzlich unraffiniert, den Blick aufs Nüchtern« und Prakfische gerichtet, ohne Hang zu Grübelei, sind die Men­schen aufgeschlossen und entgegenkommend. Beonders wohltuend aber ist es, di« große Sympathie zu spüren, die man dem deutschen Volk« gegenüber in Finnland allerorts hegt, und unzählig viele Deutsche wissen dankbar zu erzählen von der übergroßen Hilfs- bereitschaft und Gastfreundschaft, die ihnen in den letzten Jahren drüben zuteil geworden ist.

Vrühl'fchen Llniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.