201
«mSgewanvert. Gr hat seine Kinder gerufen und gerufen, aber Niemand ist gekommen.
Das ist sehr ärgerlich für ihn gewesen und di« Tiere, dis den guten Herrn Fro begleiteten, haben alle verstohlen über den armseligen Eifer des Stichlings gelächelt. Der Kuckuck hat sogar ins Taschentuch geschnaubt, so drollig ist ihm der Stichling mit seinem Fischhaufen vorgekommen, als er seine Kinder nicht finden konnte.
Aber der Stichling ist ein tüchtiger junger Bursch und sucht sich selbst zu helfen. Er wußte ja auch, daß er di« Seinen nicht beisammen behielt und als Herr Fro weiter wanderte, hat er sich gerade den Kuckuck mit den guten Ratschlägen zur Seite gerufen, And er hat ihm auf den Kopf zugesagt, daß er ein Rest wie andere Tiere haben müsse, einerlei woher, und ob der Kuckuck ihm seines nicht verkaufen wolle.
Oh nein, hat der Kuckuck verblüfft geantwortet, so schlimm ginge es ihm denn doch noch nicht.
Ob er ihm das Rest nicht wenigstens eine Weile leihen könne, seine Brut wäre ja schon flügge. Der Kuckuck hat wieder mit dein Kopf geschüttelt und so recht von oben herab ins Fischwasser gelächelt. ,
Was er denn dafür haben wolle, hat der Stichling gedrängt.
Da wurde der Kuckuck hellhöriger, ihm fiel auf einmal ein, daß er gerade keinen Groschen in der Tasche hatte, und daß er ja eigentlich gut einige Tage ohne Rest auskommen könnte. 3d) will es' dir sirr einen Taler versetzen, hat er gesagt, eigentlich noch in halbem Spaß.
„Abgemacht", hat der Stichling gesagt und gleich ein blankes Goldstück aufs Äser gefchülpt. Da hat der Kuckuck ja sein Rest zu Wasser bringen müssen. Aber er hat's noch recht gnädig und mit viel guten Ratschlägen getan.
Das Lob des Herrn Fro und das gute Geld in der Tasche haben dem Herrn Kuckuck so gut gefallen, er ist mit der Wacholderdrossel, die einen vorzüglichen Schnaps braut und nrit dem Gimpel und Grünspecht, die auch ihr Lob von Herrn Fro gekriegt hatten, feiernd von Krug zu Krug gezogen. Und weil er gerade blanke Tasche hatte und sich, doch nicht lumpen lassen wollte, hat er den Pfandtaler angebrochen. Gr hat gemeint, er könne morgen leicht wieder genug einnehmen. Der Kuckuck ist ja Wahrsager von Beruf und das war schon damals kein schlechtes Geschäft.
Es ist auch wirklich ein vergnügter Tag wie selten geworden. Der halbe Wald hat hergegeben, was nur herzugeben war. Hagemann und Kuhlenkröger haben die Rachbarn hereingebeten, haben auch selbst gern eine Einladung angenommen und der Kuckuck hat allen voran geprahlt und mit den Münzen in der Tasche geklimpert.
Zum Schluß, als es schon dämmerig wurde, find die Herren und Fräulein ja so vergnügt geworden, daß sie nicht mehr ein noch aus wußten. Da haben sie sich noch einen schlechten Spaß erlaubt. tz
Der Kuckuck hat nämlich damals die Fähigkeit gehabt, Tieren im6 Menschen wahrzusagen, wie lange es noch, bis zum Tode oder bis zur Hochzeit dauern würde. Aufs Jahr genau hat er's den jungen Mädchen sagen können, die ihn darum fragten und allen jungen Tieren auch und er hat gut daran verdient.
Wie ihn nun an jedem Abend eine arme ledige Elster sah und ihr Sprüchlein aufsagte: „Kuckuck segg, walang schalt duurn, mutt ik vp een Lc asten lurrn?" Da Hat der Kuckuck vor Ber- Än nur imm • weiter geredet „Kluklukkukukklaklukkukuk!" zigmal hat er gerufen, obschon er es doch besser wußte. Die arme Elster hat sich vor Gram in den tiefsten Wald verkrochen und die bezechte Gesellschaft hat Träum gelacht.
Dann hat noch ein kleines Mädchen am Wege gewartet und ihn gefragt:
„Kuckuck in’n Hewen,
Wolang Warr ik letoen?“
Da hat der alte Schelm sich breitbeinig htngestellt und hat hundertundfünfzigmal Kuckuck gerufen, was doch gewiß nicht wahr war. find all die bösm Trinkgenossen habm gehüpft vor Der- gnügen und sich auf die Knie geschlagen vor Schadenfreude über das angeführte arme Mädchen. Die hat da mit neunzig Jahren bitterlich zu weinm angefangen und immer schlimmer, je älter sie wurde. Es war aber ein so liebes, kleines Ding, daß es jedermann hätte dauern müssm, nur die alten Trinkgesellen haben kein Mitleid gehabt.
Run hat es sich aber zugetragen, daß der gute Fro auf dem Heimweg gerade in der Rähe vorbeigekommen ist. Er hat das weinende Mädchen getroffen und hat sich von ihr den Schabernack erzählm laffen. Da wurde er sehr erzürnt und hat einen Absegm über dm Kuckuck ausgesprochen. Denn wer ein Amt hat, soll es pflegen und verdient es nicht, wenn er sich einen! Sausscherz daraus macht.
Der Kuckuck hat ja nicht gemerkt, daß ihm die schöne Gabe genommen war, er hat gerade mit der Wacholderdrossel einen Hoppop getanzt, bis er mitten im Drehen dm Herrn Fro bei dem Heinen weinenden Mädchen erblickte Da hat es ihm vor Schreck im Halse gewürgt, er hat keinen Kuckuck lang mehr herumgetanzt. nein, er hat ein jämmerliches Gewissm bekommm und sich wie ein Dieb ins dickste Dickicht gezogen. And er hat das Rest beim Stichling und den Spaß beim Grünspecht laffen müssen. In dm tiefften Wald ist er gegangen, bis der Sommer zu Ende war.
Es ist dann auch so gekommm, daß der Kuckuck sich den Pfandtaler nicht mehr hat wieder berittenen können, der Absegm des Herrn Fro war unter dm Leuten wohl bekannt ge- wordm. Er ist mehr und mehr verarmt und ist heute ein rechter Habenichts. Äiemand glaubt mehr an sein Kuckuck und niemand zahlt ihm einen Groschen für fein Wahrsagen.
Das ist die andere Geschichte vom Kuckuck, der nicht Haus noch Hof hat und fe'.ne Eier in jedermanns Rest liegen lassen muß, wo seine Frau sie gerade unterbringt.
Der kleine Stichling, das wißt ihr alle, hat das Rest seitdem gut gehalten. Gr ist ein großer Kämpfer geworden, kein Fisch wagt sich in die Rähe, wo sein Volk die Kindlein hegt. And es ist schließlich ja auch nur gerecht, daß die alten Lumpe Hab und Rest verlieren und daß di« Wackeren es ehrlich erwerben und zu halten wissen.
MZder aus Finnland.
Don Dr. Wilhelm Jäger.
Mir wurde Ende Juni der Auftrag zuteil, die Begleitung einer zwanzigköpfigm Kinderschar nach Finnland zu übernehmen. Die Kinder sind unter Vermittlung der Deutsch-finnischen Vereinigung in Berlin von finnländischen Familim eingeladen, ein Ausdruck noch der Dankbarkeit für die deutsche militärische Hilfe im Frühjahr 1918, durch die Finnland von bolschewistischen Mord- und Räuberbandm befreit wurde. Die meisten Kinder sind schon mehrere Male in der gleichen Familie den Sommer über gewesen und erzählen mit strahlenden Augen von dm Wundem dieses seltsamen Landes. Auf dem mit alten Reiseannehmlich- feiten ausgestatteten Dampfer „Rügen" füllten wir von Stettin ab und landeten zwei Tage fpäter wohlbehalten in Helsingfovs, wo Damen eines dmtsch-finnischm Komitees die Verteilung der Kinder übernahmm. Meine Aufgabe war bis zur Rückfahrt nach etwa acht Wochen erledigt, und ich trat meine Entdeckungsfahrt an, von der einige Bilder hier gegeben seien.
Aus der Eisenbahn.
Die finnischen Eisenbahnen werden großmteils noch mit Holz geheizt. Ein Rachtschnellzug sollte mich nach der Westküste des Londes bringen. Rach deutschen Derhältnissm hätte man etwa fünf Stunden Fahrzeit ansehen können, aber der Zug gelangte erst nach 14 Stunden an seinem Bestimmungsort an! Anterwegs bleibt der „Schnellzug" nämlich mitten in berAacht auf einmal sechs Stunden stehen, und alles, einschließlich das Zugpersonal, legt sich schlafen. (Der Schlaf ist eine in Sbw land überhaupt sehr geheiligte und zeitlich recht ausgedehnt« Einrichtung.) Die Schlafwagenbarte 3. Klasse kostet nur etwa 2,50 deutsche Mark, eine also — noch dazu nicht schlechte — billige Aebernachtungsgelegenheit, tote überhaupt die Eifen^hn- fahrpreise nur etwa 40 Prozent der Preise für die gleiche Kilo- meterzahl in Deutschland betragen, während die Kosten für dm Lebensunterhalt ungefähr Wohl 75 Prozent Betragen von Öen, was man in Deutschland in der gleichen Zeit bei gleichen Ansprüchen verausgaben würde. Erkundigt man sich nun nach dem Grunde für diese eigentümliche Wartezeit, so erfährt man, daß ein Anschlußzug abgewartet werden muß. Da aber nacy Ankunft des Anschluhzuges noch! eine beträchtliche Zeit bis zur Weiterfahrt vergeht, so drängt es den deutschen Forschergeist, auch hierfür den" tieferen Grund zu erfahren. Die Frage wird mit leite erstauntem Achselzucken damit bsantwortet, man tarne doch sonst zu früh (!) an der Endstation an, es feien dann iioch kerne Chaisen und Autos am Bahnhof! Wenn man als öwrlisieiter Mitteleuropäer daran gewöhnt ist, daß sich Me Kutschen und Autos nach der Ankunft der Züge richten und Nicht die Eisenbahnverwaltung in so dezenter Weis« bei AuMllung ihrer Fahrpläne den Morgenschlaf der Kutscher und Chauffeure berucksMigsi muß man sich doch freuen, daß es noch solche fröhlichen Sang« gibt auf der Welt. - Auch der „Schnellzug halt cm fast je&em (Bretterhduschen, das einen fog. Bahnhof darstelu und oft mitten auf freiem Felde steht, ohne daß man auch nur ein Haus in der Amgebung gewahrt. Auf jeder etwas größeren Station wird etwas'länger Halt gemacht, die Zuginsassen strömen inben Wartesaal, wo belegte Brote, Teller mit dampfenden Kartoffeln und Fleisch oder Fisch frische und saure Milch in ieöer Menge Bereit fielen. Rach etwa 20 Minuten kündet ein Beamter E einer großen Glockenschelle an, daß es sich empfiehlt, allmählich an die Wetterfahrt zu denken und nach, mehrmaligem lauten Pfeifen der Lokomotive setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Rach zwei bis drei weiteren Stunden wiederholt sich das gleiche Spiel. — Kleine Mädchen, barsutz, mit blonden Zöpfen, passen an den kleineren Nationen den Zug des Tages ab, um ihre Walderdbeeren abzufetzen, die sie in niedlichen Schälchen aus Birkenrinde an den Wagentüren den Reisenden entgegen ft retten, die Dringlichkeit des Angebots durch lautes Durcheinander- schreien der Preise dartuend, bis alle, mit ihren Münzen in der Hand spielend, sich wieder still befriedigt einige Meter entfernt vom Zuge auf stellen, in glotzender Bewunderung die Menschen nrit so vielem Geld betrachtend.
In den Schären.
Schären sind Klippeninseln. Die finnischen Schären, die sich um die Süd- und Südwestküste des Landes in oft breitem Gürtel


