Ausgabe 
12.5.1925
 
Einzelbild herunterladen

in Rudolf Steiner, der eigentlich sein ganzes Leben hindurch an den verschiedensten Stellen im Lehrberufe gestanden hat, einen der größten Anreger auf dem Gebiet der Pädagogik.

Wenn es mir am Schlüsse dieser Ausführungen, die das Lebensiverk dieser so vielseitigen Persönlichkeit in wenigen Strichen andeuten sollte, von einem persönlichen Erlebnis zu sprechen vergönnt ist, so möchte i-d) kurz schildern, wie Rudolf Steiner im Kreise derer, die das Glück hatten, mit ihm zu ver­kehren, wirkte.

Rudolf Steiner war in des Wortes umfassendster Be­deutung ein Mensch. Das menschlich Große lebte in ihm in einer wunderbaren Harmonie. Aus seinen Augen strahlte reinste Güte. Seine Hände konnten so sanft sich auf Kinderlocken legen, so sah man ihn oft in der Waldorfschule umjubelt von den Kindern, die ihn liebten.

Am Rednerpult war in ihm alles beherrschte Kraft. Da irahlten seine Augen eindringlichen Ernst, seine Hände formten n plastischer Gebärde das im Wort Gemeinte. Wenn er sprach, chien die Lieberzeugung- von dem, was er sagte, ihn fester auf der Erde stehen zu lassen. Lind doch sprach er vom Geistigen, vom Lleberstnnlichen. Wer ihm geistig folgte, erkannte bald, datz die Geistesreichen, von denen er sprach, Wirklichkeiten waren. Was er anregte, floß auch immer gleich in die Hand. Seine Gedanken waren immer ausführbar. Daß nicht immer ausge­führt wurde, was er anregte, lag an uns andern. Trotzdem er Lausende von- Vorträgen hielt, war er insofern schweigsam, als er niemals redete, was nicht Aussicht hatte, praktisch aus­gewirkt zu werden. Er war ein Mann, der voll im Leben stand, und der auch andere so ins Leben zu stellen wußte. Alle Mystelei haßte er. Ihm war das Geistige eine Wirklichkeit, ge­schaffen, um das Leben zu durchdringen. Diese-innere Ein­stellung machte feine Gegenwart so erfrischend. Wenn irgendwo eine Komplikation des Lebens auftauchte, war die Lösung im Anzuge, wenn er die Sache angriff. Trotz seiner geradezu er­staunlichen Vielseitigkeit war er in fast allem, was er begann, Spezialist. Das offenbarte sich z. B., wenn er in den Lehrer­konferenzen der Waldorfschule mit den Vertretern der einzelnen Lehrgebiete sprach Er wußte über höhere Mathematik so gut Bescheid, wie z. B. über Zoologie oder das Malen. Er war ein umfassender Geist. Wer ihn in Vorträgen hörte, konnte ihn be­wundern. Wer das Glück seines persönlichen Umganges genoß, mußte ihn lieben. Sein Tod erfüllt diejenigen, die ihn lieben, mit Schmerz. Aber über die Flammen des Schmerzes weht ein Luftzug des Lebensmutes, den er uns hinterlieh. Wer sein Schüler war, weih, dah er ihm danken muh, indem er weiterführt, was Steiner begann. Arbeitend in seinem Sinne fühlt man sich belebt von seiner auch über den Tod wirkenden geistigen Gegenwart.

Das halte Herz.

Don Wilhelm Hauff.

(Fortsetzung.)

Der Sturm hatte sich während der Erzählung des Alten gelegt,- die Mädchen zündeten schüchtern die Lampen an und gingen weg; die Männer aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die Ofenbank und wünschten ihm gute Rächt.

Kohlenmunkpeter hatte noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser Rächt; bald glaubte er, der finstere riesige Hol­länder-Michel reihe die Stubenfenster auf und reiche mit seinem ungeheuer langen Arm einen Deutel voll Goldstücke herein, die er untereinanderschüttelte, datz es hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, freundliche Glasmännlein auf einer ungeheuren, grünen Flasche int Zimmer umherreiten, und er meinte das heisere Lachen wieder zu hören wie im Tannen­bühl; dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr:

In Holland gibt's Gold!

Könnt's haben, wenn Ihr wollt, Um geringen Sold, Gold, Gold!"

Dann hörte er wieder in sein rechtes Ohr das Liedchen vom Schatzhauser im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüsterte:Dummer Kohlenpeter, dummer Peter Munk, kannst kein Sprüchlein reimen auf stehen, und bist doch am Sonntag geborenSchlag zwölf Uhr. Reime, bummer Peter, reime!"

Er ächzte, er stöhnte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu finden; aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hatte, war seine Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot erwachte, kam ihm doch sein Traum sonder­bar vor; er setzte sich mit verschränkten Armen hinter den Tisch und dachte über die Einflüsterungen nach, die ihm noch immer im Ohr lagen:Reime, dummer Kohlenmunkpeter, reime," sprach er zu sich und pochte mit dem Finger an seine Stirne; aber es wollte kein Reim hervorkommen. Als er noch so dasaß, trübe vor sich hinschaute und an den Reim auf stehen dachte, da zogen drei Burschen an dem Hause vorbei in den Wald, und einer sang im Dorübergehen:

Am Berge tat ich stehen Und schaute in das Tal, Da hab ich sie gesehen Zum allerletztenmal."

151 -

Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört zu haben, sprang den drei Burschen nach und packte den Sänger hastig und unsanft beim Arm.Halt, Freund," rief er,was habt ihr da auf stehen gereimt? Tut mir die Liebe und sprecht, was ihr gesungen!"

Was ficht's dich an, Bursche?" entgegnete der Schwarz­wälder.Ich kann fingen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder

Rein, sagen sollst du, was du gesungen hast!" schrie Peter beinahe außer sich und packte ihn noch fester an; die zwei anderen aber, als sie dies sahen, zögerten nicht lange, sondern fielen mit derben Fäusten über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das Gewand des dritten ließ und erschöpft in die Knie sank.Jetzt hast du dein Teil," sprachen sie lachend, und merk dir, toller Bursche, dah du Leute, wie wir sind, nimmer anfällst auf offenem Wege."

Ach, ich will mir es gewißlich merken!" erwiderte Kohlen­peter seufzend.Aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget deutlich, was jener gesungen!"

Da lachten sie aufs neue und spotteten ihn aus; aber der das Lied gesungen, sagte es ihm vor, und lachend und singend zogen sie weiter.

Also sehen," sprach der arme Geschlagene, indem er sich mühsam aufrichtete,sehen auf stehen jetzt. Glasmännlein, wollen wir wieder ein Wort zusammen sprechen." Er ging in die Hütte, holte seinen Hut und den langen Stock, nahm Abschied von den Bewohnern der Hütte und trat seinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langsam und sinnend seine Straße, denn er muhte ja einen Vers ersinnen; endlich, als er schon tn dem Bereich des Tannenbühls ging, und die Tannen höher und dichter wurden, hatte er auch seinen Vers gesunden und machte vor Freuden einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesen­großer Mann in Flözerkleidung und eine Stange so lang wie ein Mastbaum in der Hand hinter den Tannen hervor. Peter! Munk sank beinahe in die Knie, atS er jenen langsamen Schrittes neben sich wandeln sah; denn er dachte: Das ist der Holländer- Michel und kein anderer. Roch immer schwieg die furchtbare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furchtsam nach ihm hin. Er war wohl einen Kopf größer als der längste Mann, den Peter je gesehen; sein Gesicht war nicht mehr jung, dock) auch nicht alt, aber voll Furchen und Falten; er trug ein WamS von Leinwand, und die ungeheuren Stiesel, Über die Lederbeinkleider heraufgezogen, waren Peter aus der Sage wohlbekannt.

Peter Munk, was tust du im Tannenbühl?" fragte der Waldkönig endlich mit tiefer, dröhnender Stimme. ,

Guten Morgen, LandSmann," antwortete Peter, indem er sich unerschrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte.Ich will durch den Tannenbühl nach Haus zurück."

Peter Munk," erwiderte jener und warf einen stechenden, furchtbaren Blick nach ihm hinüber,dein Weg geht nicht durch diesen Hain."

Run, so gerade just nicht," sagte jener,aber es macht heute warm, da dachte ich, es wird hier kühler sein."

Lüge nicht, du Kohlenpeter!" rief Holländer-Michel mit donnernder Stimme,oder ich schlag dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich hab dich nicht betteln sehen bei dem Kleinen?" setzte er sanft hinzu.Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut ist eS, datz du das Sprüchlein nicht wutztest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. Peter, du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein munterer, schöner Bursche, der in der Welt toaS anfangen könnte, und sollst Kohlen Brennen! Wenn andere große Taler und Dukaten aus dem Aermel schütteln, kannst du kaum ein paar Sechser auf wenden; 's ist ein ärmlich Leben."

Wahr ist's, und recht habt Ihr, ein elendes Leben."

Ra, mir soll's nicht darauf ankommen," fuhr der schreckliche Michel fort,hab schon manchem braven Kerl aus der Rot ge­holfen, und du wärest nicht der erste. Sag einmal, wie viel hundert Taler brauchst du fürs erste?"

Bei diesen Worten schüttelte er das Geld in seiner un­geheuren Tasche untereinander, und es klang wieder wie diese Rächt im Traum. Aber Peters Herz zuckte ängstlich und schmerz­haft Bei diesen Worten, es wurde ihm kalt und warm, und der Holländer-Michel sah nicht aus, wie wenn er auS Mitleid Geld wegschenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. ES fielen ihm die geheimnisvollen Worte des alten ManneS über die reichen Menschen ein, und von unerklärlicher Angst und Bangigkeit gejagt, rief er:Schön Dank. Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaffen haben, und ich kenn Euch schon," und lief, was er laufen konnte. Aber der Waldgeist schritt mit un­geheuren Schritten neben ihm her und murmelte dumpf und drohend:Wirst's noch bereuen, Peter, auf deiner Stirne steht'S geschrieben, in deinen Augen iftS zu lesen, du entgehst mir nicht. Lauf nicht so schnell, höre nur noch ein vernünftiges Wort, dort ist schon meine Grenze!" Aber als Peter dieS hörte und unweit vor sich einen kleinen Graben sah, Beeilte er sich nur noch mehr, über die Grenze zu kommen, so datz Michel am Ende schneller laufen muhte und unter Flüchen und Drohungen ihn verfolgte. Der junge Mann setzte mit einem verzweifelten Sprung über den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit seiner Stange ausholte und sie auf ihn niederschmettern lassen wollte;