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er kam glücklich jenseits an. und die Stange zersplitterte in der Luft wie an einer unsichtbaren Mauer, und ein langes Stück fiel zu Peter herüber.
. Triumphierend hob er er auf, um es dem groben Holländer- Wichel zuzuwerfen; aber in diesem Augenblick fühlte er das Stück Holz in seiner Hand sich bewegen, und zu seinem Entsetzen sah er, daß es eine ungeheure Schlange sei, was. er in der Hand hielt, die sich schon mit geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm hinaufbäumte. Er lieh sie los: aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm gewickelt und kam mit schwankendem Kopfe seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit dem Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer- Michel, der dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und raste, als die Schlange von einem Gewaltigern entführt ward.
Erschöpft und zitternd setzte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde steiler, die Gegend wilder, und bald, befand er sich an der ungeheuren Tanne. Er machte wieder wie gestern seine Verbeugungen gegen das unsichtbare Glasmännlein und Hub dann an:
„Schatzhauser int grünen Tannenwald, Bist schon viel hundert Jahre alt; Dein ist all Land, wo Tannen stehn, Läßt dich nur Sonntagskindern sehn."
„Hast's zwar nicht ganz getroffen; aber weil du es bist, Kohlenmunkpeter, so soll es so hingehn," sprach eine zarte, feine Stimme neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter einer schönen Tanne saß ein kleines, altes Männlein in schwarzem Wams und roten Strümpfen und den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines, freundliches Gesichtchen und ein Bärtchen so zart wie aus Spinnweben; er rauchte, was sonderbar an- zusehei! war, aus einer Pfeife von blauem Glas, und als Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch Kleider, Schuhe und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber es war geschmeidig, als ob es noch heiß wäre; denn es schmiegte sich wie ein Tuch nach jeder Bewegung des Männleins.
„Du hast dem Flegel begegnet, dem Holländer-Michel?" sagte der Kleine, indem er ■ zwischen jedem Worte sonderbar hüstelte. „Er hat dich recht ängstigen wollen, aber seinen Kunst- Prügel habe ich ihm abgejagt, den soll er nimmer wiederkriegen."
„Ja, Herr Schatzhauser," erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung, „es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auerhahn gewesen, der die Schlange totgebissen? Da bedanke ich mich schönstens. — Ich lomijte aber, um mich Rats zu erholen bei Euch; es geht mir gar schlecht und hinderlich; ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und da ich noch jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Besseres aus mir werden; und' wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht haben — wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig, die haben Geld wie Heu."
.Peter," sagte der Kleine sehr ernst und
blies den Rauch
aus seiner Pfeife weit hinweg, „Peter, sag mir nichts von diesen! Was haben sie davon, wenn die hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und dann nachher desto unglücklicher sind? Du muht dein Handwerk nicht verachten; dein Vater und Großvater waren Ehrenleute und haben es auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum Müßiggang ist, was dich zu mir führt."
Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. „Rein," sagte er, „Müßiggang, weiß ich wohl, Herr Schatzhauser un Tannenwald, Müßiggang ist aller Laster Anfang; aber das könnet Ihr mir nicht Übelnehmen, wenn mir ein anderer Stand besser gefällt als der meinige. Ein Kohlenbrenner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die Glasleute und Flözer und Ahrmacher und alle sind angesehener."
„Hochmut kommt oft vor dem Fall,'' erwiderte der kl->ine Herr vom Tannenwald etwas freundlicher. „Ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr Menschen! Selten ist einer mit dem Stand Sang zufrieden, in. dem er geboren und erzogen ist, und was gilt's, wenn du ein Glasmann wärest, möchtest du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde dir des Försters Dienst oder des Amtmanns Wohnung an? Aber es sei! Wenn du versprichst, brav zu arbeiten, so will ich dir zu etwas Besserem verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das sich zu mir zu finden weiß, drei Wünsche zu gewähren. Die ersten zwei sinn frei, den dritten kann ich verweigern, wenn er toruyt ist. So wünsche dir also jetzt etwas, aber —■ Peter etwas Gutes und Nützliches!"
„Heisa! Ihr seid ein treffliches Glasmännlein, und mit Decht nennt man Euch Schatzhauser; denn bei Euch sind die Schatze zu Hause. Nu - und also darf ich wünschen, wonach ' mein Herz begehrt, so will ich denn fürs erste, daß ich noch besser tanzen könne als der Tanzbodenkönig und immer so viel Geld m der Tasche habe als der dicke Ezechiel."
„Du Tor!" erwiderte der Kleine'zürnend. „Welch ein erbärmlicher Wunsch ist dies, gut tanzen zu können und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du dich nicht, dummer Peter, dich selbst so um dein Glück zu betrügen? Was nützt es dir und deiner armen Mutter, wenn du tanzen kannst? Was nützt dir dein
I Geld, das nach deinem Wunsch nur für das Wirtshaus ist und wie das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die ganze Woche nichts und darbst wie zuvor. Noch einen Wunsch gebe ich dir frei; aber sieh dich vor, daß du vernünftiger wünschest!"
Peter kratzte sich hinter den Ohren und sprach nach einigem Zögern: „Nun, so wünsche ich mir die schönste und reichste Glashütte im ganzen Schwarzwald mit allem Zugehör und Geld, sie zu leiten."
„Sonst nichts?" fragte der Kleine mit besorglicher Miene. „Peter, sonst nichts?"
„Nun — Ihr könnet noch ein Pferd dazutun und ein Wägelchen —"
„O, du dummer Kohlenmunkpeter!" rief der Kleine und warf seine gläserne Pfeife im Anmut an eine dicke Tanne, daß sie in hundert Stücke sprang. „Pferde? Wägelchen? Verstand, sag ich dir, Verstand, gesunden Menschenverstand und Einsicht hättest du wünschen sollen, aber nicht ein Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so traurig! Wir wollen sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der zweite Wunsch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt auch ihren Mann und Meister; nur hättest du Einsicht und Verstand dazu mitnehmen können, Wagen und Pferde wären bann wohl von selbst gekommen."
„Aber, Herr Schatzhauser," erwiderte Peter, „ich habe ja noch einen Wunsch Übrig. Da könnte ich ja Verstand wünschen, wenn er mir so nötig ist, wie Ihr meinet."
„Nichts da! Du wirst noch in manche Verlegenheit kommen, wo du froh sein wirst, wenn du noch einen Wunsch frei hast, cklnd nun mache dich auf den Weg nach Hause! Hier sind," sprach der kleine Tannengeist, indem er ein kleines Deutelein aus der Tasche zog, „hier sind zweitausend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern, denn dann müßte ich dich an die höchste Tanne aufhängen! So hab ich's gehalten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber ist der alte Winkfritz gestorben, der die große Glashütte gehabt hat im Anterwald. Dorthin gehe morgen frühe und mach ein Gebot auf das Gewerbe, wie es recht ist! Halt dich Wohl, sei fleißig, und ich will dich zuweilen besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du dir doch keinen Verstand erbeten. Aber das sag ich dir ernstlich: Dein erster. Wunsch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshauslausen, Peter! 's hat noch bei keinem lange gut getan."- Das Männlein hatte, während er dies sprach, eine neue Pfeife vom schönsten Beinglas hervorgezogen, sie mit gedörrten Tannenzapfen gestopft und in Ben kleinen, zahnlosen Mund gesteckt. Dann zog es xin ungeheures Brennglas hervor, trat in die Sonne und zündete seine Pfeife an. Als es damit fertig war, bot es dem Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer schneller und verschwand endlich in einer Rauchwolke, die nach echtem, holländischem Tabak roch, und langsam sich kräuselnd, in den Tannenwipfeln verschwebte. .■ '■ '»■
Als Peter nach Haus kam, fand er seine Mutt'erAehr in Sorgen um ihn; denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum Soldaten ausgehoben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und erzählte ihr, wie er im Walde einen guten Freund getroffen, der ihm Geld vorgeschosfen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlenbrennen anzusangen. Obgleich seine Mutter schon seit dreißig Jahren in der Köhlerhütte ivohnte und an den Anblick berußter Leute gewöhnt war, wie jede Müllerin an das Mehlgesicht ihres Mannes, so war sie doch eitel genug, sobald ihr Peter ein glänzenderes Los zeigte, ihren früheren Stand zu verachten und sprach: „Ja, als Mutter eines Mannes, der eine- Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete und Bete und setze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo rechte Leute sitzen." Ihr Sohn aber wurde , mit den Erben der Glashütte bald handelseinig. Er behielt die Arbeiter, die er vorfand, bei sich und ließ nun Sag und Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Hand- we.r^ Wohl. Er pflegte gemächlich in die Glashütte hinabzu- uelgen, ging dort mit vornehmen Schritten, die Hände in c)is Taschen gesteckt, hin und her, guckte dahin, duckte dorthin, sprach dies und jenes, worüber seine Arbeiter oft nicht wenig lachten, und seine größte Freude war, das Glas blasen zu sehen, und oft machte er sich selbst an die Arbeit und formte aus der noch' Weichen Masse die sonderbarsten Figuren. Bald aber war ihm ote Arbeit entleibet, und er kam zuerst nur noch eine Stunde beo Tages in bie Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur einmal, und seine Gesellen machten, was sie wollten. Das alles kam aber nur vom Wirtshauslaufen. Den Sonntag, nachdem er vom Tannenbühl zurückgekommen war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf dein Tanzboden sprang, war der -^anzbodenkönig, und der dicke Ezechiel saß auch schon hinter der Maßkanne unb knochelte um Kronentaler. Da fuhr Peter schnell ty die Tasche, zu sehen, ob ihm das Glasmännlein Wort ge- halten, und seine Tasche strotzte von Silber und Gold. Auch in feinen Demen zuckte und drückte es, wie wenn sie tanzen und bringen wollten, und als der erste Tanz zu Ende war, stellte er ftai mit seiner Tänzerin oben an. neben den Tanzbodenkönig.
, lFortsetzung folgt.)
Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der BrÜhl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießet


